Freakbike
selbstgebautes oder stark umgebautes Fahrrad
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Ein Freakbike ist ein selbstgebautes oder stark umgebautes Fahrrad, das absichtlich ungewöhnlich, kreativ oder mit besonderen Funktionen gestaltet ist. Es gehört nicht zu einer industriell hergestellten Fahrradkategorie, sondern entsteht durch Eigenbau, meist in DIY-Werkstätten, Fahrradkollektiven oder durch Bastler, die alte Fahrradrahmen- und Teile, fahrradfremde Teile oder Kunstideen miteinander kombinieren.[1][2]

Der Ausdruck Freakbike leitet sich ab vom allgemeinen Sprachgebrauch des „Freaks“, eines Menschen, der sich besonders intensiv, außergewöhnlich oder exzentrisch mit etwas beschäftigt oder sich ausdrückt.
Merkmale und Typen







Es gibt keine feste Kategorisierung von Freakbikes. Sie zeichnen sich in der Regel durch folgende Eigenschaften aus:
Viele Freakbikes haben ungewöhnliche Rahmenformen, Lenkmechanismen oder Sitzpositionen. Tallbikes, also Fahrräder mit zwei oder mehr übereinander geschweißten Rahmen, werden dabei relativ häufig gebaut. Das unkonventionelles Design sorgt für Aufmerksamkeit, bei gleichzeitig noch weitgehender Alltagstauglichkeit.[3]
Als weiterer auffälliger Eigenbau ist das „Pennyfakething“. Es imitiert ein klassisches Hochrad und kommt dabei ohne den riesigen Vorderreifen aus, der schwer selbst herzustellen ist. Das Original, englisch Penny-farthing, wird dazu umbenannt in „...fakething“. Ein Fake = „gefälscht“ oder „unecht“.[4]
Freakbikes werden in der Regel aus gebrauchten Teilen mehrerer Fahrräder zusammengesetzt, geschweißt oder kreativ neu kombiniert. So lassen sich z. B. Swing-Bikes mit einem beweglichen Hinterbau herstellen, die das Fahren herausfordernder machen.[5]
Kombinationen mit anderen Fortbewegungsmitteln, z. B. Fahrräder mit Skateboard- oder Einrad-Elementen, werden manchmal auch als Mutationen (Mutant-Bikes) bezeichnet.[6]
Auch fahrradfremde Gegenstände werden in Freakbikes integriert oder bilden deren zentralen Bestandteile.[7]
Auch Fahrräder mit langer Vorderradgabel und tiefem Sitz[8] sowie Cruiser und Lowrider-Bikes, also stark tiefer gelegte Fahrräder, können ebenfalls zu den Freakbikes gezählt werden.[9]
Minifahrräder dienen Spaß- und Unterhaltungszwecken und können auch von Erwachsenen gefahren werden. Sie sind dafür robust gebaut und oft mit Hartgummireifen ausgestattet. Der Rekord des kleinsten Fahrrads der Welt wurde 2019 von Sergej Daschewski mit einem Minifahrrad aufgestellt, offiziell anerkannt vom Guinness Buch der Rekorde.[10] Den inoffiziellen Rekord hat 2024 der Youtuber Shane Wighton aufgestellt.[11]
Manche Freakbikes sind nicht mehr auf Alltagstauglichkeit bzw. Fahrbarkeit ausgelegt, sondern verfolgen durch Zweckentfremdung eher ästhetische oder performative Zwecke.[12]
Freakbikes sind in der Regel Unikate. Sie haben damit einen künstlerischen, individuellen Ausdruck, zu dem auch spezielle Lackierungen und Dekorationen beitragen.[13]
Nutzung und Einsatzgebiete
Die Nutzung unterscheidet sich typischerweise von handelsüblichen Fahrrädern. Freakbikes werden häufig bei Fahrradfahrten wie der Critical Mass,[14] bei Kunstaktionen oder Demonstrationen eingesetzt.
Auch auf Jahrmärkten und Volksfesten und im Zirkus[15] werden Freakbikes zur Belustigung und für Geschicklichkeitsübungen eingesetzt. Beispiele sind das Humoristische Velodrom auf der Oidn Wiesen im Rahmen des Oktoberfests in München[16] und der Zirkusartist Wesley Williams mit dem höchsten Einrad, einem Minifahrrad und anderen besonderen Fahrrädern.[17]

Auch für karitative Zwecke werden Freakbikes und die damit verbundene Aufmerksamkeit eingesetzt. Zum Beispiel durch das Sammeln von Spenden im Rahmen von Fahrten über lange Distanzen.[18]
Auch in Freizeitparks finden Freakbikes Anwendung: im belgischen Blankenberge im „lustigen Velodrom“ seit 1933[19][20], im Skyline Park (Allgäu) als „humoristisches Velodrom“[21] und in Osaka (Japan) im speziell für Fahrradthemen konzipierten Freizeitpark "Kansai Cycle Sports Center"[22].
Geschichte
Die ersten Freakbikes entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Im humoristischen Velodrom auf dem Münchner Oktoberfest konnten Gäste für einen kleinen Betrag Fahrräder mit speziellen Funktionen ausprobieren.
In den 1960er Jahren im Zuge der motorisierten Massenmobilisierung begannen Erwachsene, Autos und Motorräder zu tunen und zu individualisieren – Kinder und Jugendliche wollten dies nachahmen. Sie modifizierte diese zum Beispiel durch den Umbau zu Choppern. Daraus entstand unter anderem die kommerzielle Variante „Bonanzarad“.
In den 70ern wurden Recycling, Reparatur und Selbstbau populär, als Widerstand gegen Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Viele damals selbst konstruierten Fahrräder wiesen Freakbike-Merkmale auf, auch wenn sie als Zielsetzung eine verbesserte Praxistauglichkeit gegenüber Standardfahrrädern hatten. Ein Beispiel sind die heute kommerzialisierten Liegeräder.
Seit den 1980er Jahren wurden im Zuge des Verkehrswende-Aktivismus Fahrraddemonstrationen und andere Aktionsformen populär. Freakbikes werden dabei für erhöhte Aufmerksamkeit eingesetzt.[23]
Seit den 1990er Jahren haben Fahrrad-Hersteller immer mehr kommerzielle „Spezialräder“ auf den Markt gebracht. Die Notwendigkeit für Eigenbauten ging damit zurück und ungewöhnliche Fahrräder wurden alltäglicher.
Freakbikes wurden und werden auch kommerziell hergestellt. Zum Beispiel Tallbikes als Werbeträger im öffentlichen Raum oder für Artistik und Show (Beispiel Minibike).
Aus Fahrradkollektiven sind etablierte Fahrradwerkstätten und Fahrradhersteller hervorgegangen, in dem die im Eigenbau und der Selbsthilfe erprobten Konzepte kommerzialisiert wurden. Ein Beispiel ist der Carla Cargo-Schubanhänger.[24]
Soziale und kulturelle Bedeutung
Freakbikes sind nicht nur Ausdruck technischen Interesses, sondern haben auch eine soziale und kulturelle Komponente.[25]
Freakbikes werden vor allem in subkulturellen Szenen gepflegt, in denen das Fahrrad nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Ausdrucksmittel ist. Ähnlich wie im Punk kann mit Freakbikes ein provozierendes Auftreten, eine rebellische Haltung und nonkonformistisches Verhalten verbunden sein. Damit erfolgt außerdem eine Abgrenzung vom Establishment. Vor allem, wenn Freakbikes nur mit Übung und Geschick fahrbar sind, grenzen sich die Erbauer damit von Alltagsfahrradfahrern ab. Der DIY-Charakter ermöglicht außerdem ein höheres Maß an Freiheit und weitgehende Unabhängigkeit von kommerziellen Einflüssen.[26][27]
Freakbikes sind stark mit alternativen Szenen, Do-it-yourself-Szenen, Kunstprojekten oder selbstverwalteten Fahrradwerkstätten verbunden.[28][29] In einigen Städten haben sich sogar eigene Kollektive etabliert. Dort wird das Basteln solcher Räder als Kunstform und Ausdruck von Unabhängigkeit und Kreativität verstanden. Freakbikes dienen außerdem als Zeichen gegen Auto-Dominanz, für nachhaltige Mobilität oder zur Förderung alternativer Lebensstile.[30]
Es haben sich auch Veranstaltungen rund um Freakbikes etabliert. Dazu gehören z. B. die Cyclocamps, als ein Experimentierfeld rund ums Fahrrad, bei dem DIY Projekte realisiert werden und Menschen zusammenkommen, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen.[31][32] Auch das Fahrradfestival FRE!LAUF DIY Bike-Camp zählt zu den etablierten Veranstaltungen.[33][34]
Rechtliches
Die Benutzung des öffentlichen Verkehrsraums mit Freakbikes ist erlaubt, solange die Vorschriften für ein verkehrstaugliches Fahrrad nach den §§ 64a, 65 Abs. 1 und 67 der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) eingehalten werden.[35]