Frühe Konzentrationslager der Nationalsozialisten
Arbeits- und Vernichtungslager des NS-Regimes für Menschen
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Die frühen Konzentrationslager der Nationalsozialisten entstanden unmittelbar nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 und wurden spätestens 1934 wieder geschlossen. Sie unterschieden sich von den späteren Konzentrationslagern, wo die Gefangenen in eigens dafür aufgebauten Barackensiedlungen untergebracht waren. Eine genaue Zahl der frühen KZs ist nicht bekannt, weil sie meist relativ improvisiert entstanden. Während einige wissenschaftliche Quellen von über 100 frühen KZ sprechen, nennen andere 60 bis 100.[1] Sie befanden sich in bestehenden Gebäuden wie alten Schlossanlagen, Fabriken oder stillgelegten Klöstern. Sie hießen auch wilde Lager. Den Begriff prägte vermutlich der Gestapo-Gründer Rudolf Diels in seinem 1949 erschienenen Buch Lucifer ante portas. Zwischen Severing und Heydrich. Die meisten wurden von den örtlichen Regierungspräsidenten oder den Innenministern der Länder initiiert.

Bei den frühen Konzentrationslagern spielte das Moment der persönlichen Vergeltung eine zentrale Rolle. Die Straßenschlachten der letzten Monate der Weimarer Republik zwischen rechten und linken Gruppen waren vorbei und politisch zugunsten der SA entschieden. Die Polizei und SA-Mitglieder holten die verhassten Linken aus ihren Wohnungen und misshandelten sie in den schnell eingerichteten KZ. Neuankömmlinge waren bereits bei Ankunft verbalen und physischen Angriffen ausgesetzt. Viele der sogenannten „Schutzhäftlinge“ waren Mitglieder der KPD oder SPD, darunter auch Reichstagsangehörige. Die Folter gehörte zum Alltag. Die Wachmannschaften der frühen Konzentrationslager bestanden oft aus jungen Männern der SA. Viele Arbeitslose aus der Umgebung der Lager bewarben sich. Die späteren KZs wurden ausschließlich von der SS geführt.
Geschichte
Die von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 28. Februar 1933 erlassene Reichstagsbrandverordnung („zum Schutz von Volk und Staat“) ermöglichte eine willkürliche Festnahme von Kritikern des Nationalsozialismus, Kommunisten, SPD-Mitgliedern, Gewerkschaftsfunktionären und linken Intellektuellen. Die Razzien führten bereits bis Ende April 1933 zur Festnahme von 45.000 Menschen, für die der Haftraum in den Gefängnissen und Polizeistationen nicht annähernd mehr ausreichte. Die lokalen Behörden im Reich mussten rasch große Gebäude finden, in denen sie hunderte von „Schutzhäftlingen“ inhaftieren, bewachen, zur Zwangsarbeit verpflichten und quälen konnten. Solche Gebäude waren marode Schlossanlagen und Klöster (wie Sachsenburg und Brauweiler) oder ungenutzte Fabrikhallen (wie Dachau und Osthofen). Diese Gebäude standen in den Ortschaften; ihre neue Nutzung als Konzentrationslager war den Einwohnern bekannt. Die Lokalpresse berichtete. So entstanden insgesamt 59 frühe Konzentrationslager und eine niedrige Zahl vergleichbarer Einrichtungen.[2] Vielen fehlten Heizungen und sanitäre Anlagen. Die Gefangenen schliefen auf Stroh. Reichsinnenminister Wilhelm Frick sagte Anfang März 1933 zynisch:
„Wenn am 21. März der neue Reichstag zusammentritt, werden die Kommunisten durch dringende und nützlichere Arbeit verhindert sein, an der Sitzung teilzunehmen. Diese Herrschaften müssen wieder an fruchtbringende Arbeit gewöhnt werden. Dazu werden wir ihnen in Konzentrationslagern Gelegenheit geben.“[3]
Die Brutalität während der Haft war abhängig von der Persönlichkeit der Lagerleiter und des Wachpersonals. So ließ es sich der Leiter des Wachverbandes im KZ Lichtenburg, SS-Truppführer Edgar Entsberger, nicht nehmen, die Gefangenen in Dunkelhaft im Keller persönlich aufzusuchen, mit einer Taschenlampe anzuleuchten, ihnen zu befehlen, das Hemd auszuziehen und die Hose herunter zu lassen. Entsberger ließ die Gefangenen dann auspeitschen.[4] Eine Ausnahme bildete das KZ Brauweiler, wo der Leiter Ernst Gerhard Scheidgen noch von der Gesetzgebung der Weimarer Republik geprägt war, die es verbot, gegen Gefangene Gewalt anzuwenden.[5]
Die Gefangenen der frühen KZs waren vor allem Mitglieder von KPD, SPD und Gewerkschaften. Später kamen Sinti und Roma hinzu, politisch aktive Juden und so genannte „Arbeitsscheue“, „Asoziale“, „Trinker“ und „Bettler“.
Am 20. März 1933 wurde das KZ Dachau gegründet. Es unterschied sich von den anderen frühen KZs insofern, als es nicht von der SA, sondern von Heinrich Himmler gegründet wurde, dem Reichsführer SS, der damals kommissarischer Polizeipräsident von München war. Die Lagerleitung hatte seit Juni 1933 Theodor Eicke inne, der 1934 Inspekteur aller Konzentrationslager wurde und die in Dachau entwickelte Organisation mit genauen Bestimmungen über den Alltag im Lager reichsweit verbindlich machte.[6] Damit war die Phase der frühen Konzentrationslager vorbei. Die Lager wurden von der Reichsregierung geschlossen – manche mit einigen Wochen Aufschub, weil die Gemeinden auf die Zwangsarbeiter aus den KZs angewiesen waren. Ab 1935 unterstanden alle KZ der SS. Die Gefangenen trugen später eine standardisierte KZ-Häftlingskleidung. Das KZ Dachau war das einzige der frühen Konzentrationslager, das durchgehend bis 1945 genutzt wurde. Das KZ Esterwegen im Emsland wurde von 1936 bis 1945 als Strafgefangenenlager weitergenutzt.
Liste der frühen Konzentrationslager
- Ahrensbök (mit Holstendorf)
- Alt Daber
- Altenberg
- Ankenbuck
- Annaberg[7]
- Augustusburg
- Bad Sulza
- Bautzen (Kupferhammer)[8]
- Benninghausen
- Bergisch Gladbach (Stella-Werk)
- Bergkamen-Schönhausen
- Berlin:
- Columbia-Haus
- Friedrichstraße[9]
- Hedemannstraße[10]
- Köpenick Amtsgericht
- Maikowski-Haus[11]
- General-Pape-Straße
- Wasserturm Prenzlauer Berg
- Börgermoor
- Börnicke
- Brandenburg an der Havel
- Brauweiler
- Breitenau
- Bremerhaven-Langlütjen II
- Breslau-Dürrgoy (heute Tarnogaj)
- Chemnitz
- Colditz
- Dachau
- Dessau: Lokal Drechsler
- Dornburg
- Dresden: Mathildenstraße
- Erfurt (Feldstraße)
- Essen (Zeche Hercules)
- Esterwegen
- Eutin (Außenstellen in Neukirchen und Nüchel)
- Flöha[12]
- Frankfurt am Main: „Perlenfabrik“[13]
- Glückstadt
- Gotteszell[14]
- Hainewalde
- Hainichen[15]
- Hainewalde
- Hamburg: Fuhlsbüttel
- Hassenberg
- Havelberg
- Hennigsdorf: Meissnershof
- Heuberg
- Hohnstein
- Kislau
- Königsbrück
- Köln:
- Bonner Wall
- Klingelpütz
- Porz (Am Hochkreuz)[16]
- Königstein-Halbestadt[17]
- Kuhlen
- Leschwitz
- Leubsdorf[18]
- Lichtenburg
- Magdeburg: „Neue Welt“
- Mißler
- Moringen
- München: Stadelheim
- Neusustrum
- Neustadt an der Weinstraße: Kaserne Rheinpfalz
- Nohra
- Ochtumsand[19]
- Oelsnitz
- Oranienburg
- Oschatz[20]
- Osthofen
- Pappenheim Beethovenstraße
- Perleberg
- Plauen[21]
- Reichenbach[22]
- Roßlau
- Sachsenburg
- Senftenberg
- Sonnenburg (heute Slonsk)
- Stettin-Bredow (Vulkanwerft)
- Struppen[23]
- Trachenberge[24]
- Ulap
- Ulm: Oberer Kuhberg
- Vechta[25]
- Witten: Tränenkeller[26]
- Wittmoor
- Wuppertal Kemna
- Zschorlau
- Zwickau-Osterstein[27]
Drei Beispiele
Frühes KZ Oranienburg

Das KZ Oranienburg wurde am 21. März 1933 in einer ehemaligen Brauerei im Stadtzentrum eröffnet und am 14. Juli 1934 geschlossen. Die eingelieferten „Schutzhäftlinge“ kamen aus Berlin und dem Umland. In den 15 Monaten wurden etwa 3000 Menschen durch das Konzentrationslager geschleust, die höchste Belegung lag bei 1000. Die Wachmannschaft bestand im Sommer 1933 aus 170 SA-Hilfspolizisten. Auf Geheiß von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels[28] kamen am 8. August 1933 sechs „Rundfunkbarone“ ins KZ Oranienburg, darunter auch der SPD-Fraktionsvorsitzende im preußischen Landtag Ernst Heilmann. Heilmann durchlief vor und nach Oranienburg mehrere Konzentrationslager.[29] Es gab im KZ die „Bunker“, kleine Kellerräume, in denen die mit „Dunkelarrest“ bestraften Gefangenen nicht aufrecht stehen konnten und kaum Nahrung bekamen. Ein Häftling schrieb:
„Verhöre fast immer nach Haft ohne Licht und mit dem Gummiknüppel. [Bin] In ehemaligen Lagerhäusern [der] Brauerei. Alles feucht, verschimmelte Strohsäcke. Juden geht es bei weitem am schlechtesten, werden fast alle beim Transport verprügelt, Rabbiner leeren die Klosetts, dreckigste Arbeit, im Freien Übungen, bis Krampf eintritt.“[30]
16 Gefangene überlebten das KZ Oranienburg nicht. Am 10. Juli 1934 wurde im Zimmer des Kommandanten der Schriftsteller Erich Mühsam mit einer Giftspritze ermordet und anschließend sein Suizid durch Erhängen in der Toilette vorgetäuscht. Der Lagerarzt Carl Lazar aus Oranienburg fälschte in allen Totenscheinen die Todesursachen.
Im September 1933 wurde die Schließung des KZs angeordnet, weil die preußische Regierung ein einheitliches KZ-Modell einführen wollte. Wegen der engen Verflechtung der Stadt mit dem KZ-Leiter und den Zwangsarbeitern kam es nicht dazu. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Erst die Schwächung der SA nach dem Röhm-Putsch Ende Juni 1934 führte zur Entwaffnung der SA-Wachmannschaft im KZ durch eine Landespolizeigruppe. Am 4. Juli kam Theodor Eicke als neu ernannter KZ-Inspekteur in Oranienburg an und ordnete die Schließung des Lagers an. Die Gefangenen kamen in das von der SS kontrollierte KZ Lichtenburg. Zwei Jahre später ließen die Nationalsozialisten von Gefangenen das große KZ Sachsenhausen am Stadtrand von Oranienburg mit 68 Baracken bauen.
An das frühe KZ Oranienburg erinnern heute nur noch eine Gedenktafel und ein Gedenkstein.
Frühes KZ Kemna

Das Konzentrationslager Kemna befand sich in einer ehemaligen Putzwollfabrik am östlichen Stadtrand von Wuppertal. Über 2500 „Schutzhäftlinge“ waren bis zur Schließung in diesem KZ, maximal 1100 gleichzeitig. Fast jeden Abend wählten Wachleute Häftlinge aus, um sie bis zur Bewusstlosigkeit zu schlagen und dabei Salzheringe essen zu lassen, mit dem Effekt großen Dursts. Tagsüber ließ man Häftlinge lange im kalten Wasser der Wupper untertauchen. Im KZ Kemna gab es 25 Selbstmordversuche. Drei Gefangene starben an Folgen der Folter. In unmittelbarer Nähe des KZs befanden sich Spazierwege und eine Gaststätte. Deren Wirt sagte später aus, dass er die Fenster habe schließen müssen, damit die Gäste nicht das „Wimmern und Schreien“ der Häftlinge anhören mussten. Am 19. Januar 1934 wurde das Lager geschlossen. Die meisten der etwa 300 verbliebenen Häftlinge kamen in andere KZs; einige wurde mit der Auflage entlassen, mit niemandem über die Haftbedingungen zu sprechen.
Heute gibt es gegenüber dem Fabrikgelände ein Mahnmal.
Frühes KZ Neustadt
Am 10. März 1933 wurde in einer ehemaligen Kaserne in Neustadt an der Weinstraße (damals Neustadt an der Haardt) das KZ Neustadt eingerichtet. 450 Männer aus über 80 Gemeinden der Pfalz kamen hier in Haft. Die Neuankömmlinge im Lager wurden nach der Parteizugehörigkeit eingegliedert. Der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion Gustav Weil war bis zum 12. April 1933 im KZ Neustadt inhaftiert. Er gab sein politisches Mandat auf. Als Jude wurde er besonders schlecht behandelt. Die Gefangenen schliefen auf Stroh. Zwangsarbeiter bauten am Flugplatz in Lachen-Speyerdorf mit oder pflegten Hof und Garten der Gauleitung in der Maximilianstraße. Die Folter hieß in dem KZ Neustadt „Initiationsritus“. Sie traf vor allem Häftlinge, die mit einem Kommentar wie „bevorzugt zu behandeln“ versehen waren. Häftlinge wurden mit Ochsenziemern blutig geschlagen, verloren dabei Zähne, wurden Scheinexekutionen unterzogen und mussten nachts im Laufschritt einen Karren ziehen. Am 13. April 1933 wurde das KZ Neustadt geschlossen.
An dem Ort gibt es seit 2009 eine Gedenkstätte.
Literatur
- Agnes Ohm, Christoph Thonfeld, Sebastian Weitkamp, Nicola Wenge (Hrsg.): Durchsetzung der Diktatur: Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus. Wallstein Verlag 2026, ISBN 978-3-8353-6055-6
- Johannes Tuchel: Frühe Lager, in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 1, München 2005, ISBN 3 406 52961 5, S. 43–57.