Fulton surface-to-air recovery system
militärisches System zur Aufnahme von Personen am Boden durch ein Flugzeug
From Wikipedia, the free encyclopedia
Das Fulton surface-to-air recovery system (STARS), auf Deutsch etwa: „Boden-Luft-Rettungssystem“, auch bekannt als „Skyhook“ („Himmelshaken“), war ein Bergungs-System, das von der Central Intelligence Agency, der United States Air Force und der United States Navy entwickelt und eingesetzt wurde. Es diente zur Aufnahme, beziehungsweise Bergung von Personen am Boden mithilfe von überfliegenden Flugzeugen ohne dabei landen zu müssen.

Das System besteht aus einem speziellen Overall und einem selbstaufblasenden Ballon mit angehängter Schleppleine. Die Bergungssets waren für Ein- und Zweimann-Einsätze ausgelegt. Die eingesetzten Bergeflugzeuge waren mit einer V-förmigen Fangvorrichtung am Bug ausgestattet. Das Fulton-System wurde zwischen 1965 und 1996 eingesetzt, bis die aufkommende Verfügbarkeit von Langstreckenhubschraubern und des Kipprotorflugzeugs V-22 Osprey den Einsatz des Systems zunehmend obsolet machten.
Vorgeschichte
Das von Robert Edison Fulton Jr. entwickelte System war die Weiterentwicklung eines ähnlichen Projekts, das im Zweiten Weltkrieg von amerikanischen und britischen Streitkräften zur Bergung von abgeschossenen Piloten und Soldaten, aber auch Lastenseglern nach Luftlandeoperationen eingesetzt wurde.[1] Bei dieser Methode wurde kein Ballon verwendet, sondern eine Leine, die zwischen zwei im Boden aufgestellten Pfählen zu beiden Seiten der zu bergenden Person gespannt war. Ein Flugzeug, üblicherweise eine C-47 Skytrain, zog einen Fanghaken hinter sich her, der sich in die Leine einhakte, an der das zu bergende Objekt befestigt war.
Die Entwicklung des Fulton-Systems
In den 1950er Jahren begannen die CIA und die Air Force mit ersten Experimenten zum hier beschriebenen Bergungssystem. Mithilfe eines Wetterballons, einer Nylonschnur und Gewichten von 4,5 bis 6,8 kg unternahm Fulton zahlreiche Bergungsversuche, um ein zuverlässiges Verfahren zu entwickeln.
Nachdem er schließlich Erfolg hatte, schickte Fulton die Ergebnisse an Admiral Luis de Florez, den Direktor der technischen Forschungsabteilung bei der CIA. Da de Florez der Ansicht war, dass das Programm am besten vom Militär betreut werden könne, stellte er den Kontakt zwischen Fulton und dem Office of Naval Research (ONR) her, wo Fulton einen Entwicklungsauftrag von der Abteilung für Luftprogramme des ONR erhielt.
In den folgenden Jahren optimierte Fulton die Komponenten für das Rettungssystem. Von seinem Stützpunkt in El Centro, Kalifornien, aus führte er zahlreiche Flüge über der Colorado-Wüste mit einer P-2V Neptune der US-Marine durch. Er erhöhte schrittweise das Gewicht der Bergelast, bis das Auffangseil zu reißen begann. Ein geflochtenes Nylonseil mit einer Prüffestigkeit von 1.800 kg (4.000 Pfund) löste das Problem. Eine große Herausforderung stellte die Konstruktion der Verriegelungsvorrichtung dar, die das aufgefangene Seil in der V-formigen Vorrichtung an der Schnauze des Flugzeugs fixierte. Fulton betrachtete die Lösung dieses Problems als den anspruchsvollsten Teil des gesamten Entwicklungsprozesses.
Weitere Tests wurden ab dem 1. August 1959 auf der Eglin Air Force Base in Florida mit einer CIA P2V-7U, durchgeführt, wie aus einem Dokument der Behörde hervorgeht.[2] Nach zahlreichen Experimenten mit Testinstrument-bestückten Dummys setzte Fulton die Versuche mit lebenden Schweinen fort, da deren Nervensystem dem des Menschen sehr ähnlich ist. Ein Schwein wurde vom Boden weggezogen und begann sich in der Luft bei etwa 200 km/h zu drehen. Es erreichte das Flugzeug unverletzt, aber desorientiert. Nachdem es sich erholt hatte, griff es die Besatzung an.[3] 1958 wurde das Fulton surface-to-air recovery system (STARS) fertiggestellt. Die am Boden benötigten Teile des Systems konnten in einem Packsack von einem Flugzeug abgeworfen werden. Dieser enthielt die notwendige Ausrüstung für eine Bergung, darunter das Gurtzeug für die Fracht oder eine Person, das an einer 150 Meter langen, hochfesten, geflochtenen Nylonleine und einem mit Helium zu befüllenden, luftschiffförmigen Ballon befestigt war.
Das System

Bestandteile
Die am Boden benötigten Teile des Systems konnten in einem Packsack von einem Flugzeug abgeworfen werden. Dieser enthielt die notwendige Ausrüstung für eine Bergung, darunter einen speziellen Overall (Harness Suit) an dem das Gurtzeug fest vernietet und vernäht war, das Gurtzeug für die Fracht, das an einer 150 Meter langen, hochfesten, geflochtenen Nylonleine und einem mit Helium zu befüllenden, luftschiffförmigen Ballon befestigt war.
Die Aufnahmeflugzeuge, anfangs modifizierte Lockheed P-2 und B-17 Flying Fortress, später wurden als Lufttransporter auch die C-130 Hercules und der MH-47-Chinook-Helikopter waren mit zwei 9 Meter langen, rohrförmigen Stahlhalterungen ausgestattet, die in einem Winkel von 70° von der Flugzeugnase abstanden. Das Flugzeug flog auf die Leine zu und zielte dabei auf eine helle Mylar-Markierung in 130 Metern Höhe. Rote Fähnchen an der Hebeleine weisen dem Piloten bei Tageslicht den Weg; bei Nacht werden Lichter an der Hebeleine verwendet.
Sobald die Leine zwischen den Halterungen an der Flugzeugnase eingeklemmt war, wurde der Ballon abgetrennt und ein federgesteuerter Mechanismus (Sky Anchor) sicherte die Leine am Flugzeug. Nach dem ersten Einfangen wurde die Leine von der Aufnahmemannschaft mit einem J-Haken gefangen, an einer motorisierten Winde befestigt und die Person (oder die Ladung) an Bord gezogen. Um zu verhindern, dass die Aufnahmeleine bei einem Fehlschlag in die Propeller des Flugzeugs geriet, waren Umlenkkabel von der Flugzeugnase zu den Flügelspitzen gespannt.
Später testete die United States Navy das Fulton-System an modifizierten, trägergestützten U-Boot-Jagdflugzeugen vom Typ Grumman S-2 Tracker zur Rettung auf See abgeschossener Piloten. Es ist nicht bekannt, ob eine mit dem Fulton-System ausgestattete S-2 jemals im Kampfeinsatz verwendet wurde.
Bedienungsanleitung für das Fulton-Boden-Luft-Bergungssystem. Herausgegeben von der CIA
Ablauf der Bergung
Das Flugzeug wirft den Behälter von der Größe einer großen Reisetasche ab, der einen kleinen, weißen, luftschiffähnlichen Ballon, eine kleine Heliumkartusche, ein 150 Meter langes Nylonseil, einen Overall (ähnlich dem eines Fallschirmspringers) mit Gurtzeug und einige nützliche Ausrüstungsgegenstände wie Signal-Taschenlampe und Messer enthält. Die zu evakuierende Person am Boden folgt den Instruktionen auf der beigelegten Anweisungskarte: zieht den Overall mit dem Gurtzeug an, befestigt diesen am Nylonseil und bläst den Ballon auf. Der Ballon steigt auf, bis das Seil seine maximale Länge erreicht hat. Der Ballon hat jedoch nicht genügend Auftrieb, um die Person vom Boden abzuheben. Ein Flugzeug kehrt zu einem festgelegten Zeitpunkt zurück.
Mit einer V-förmigen Fangvorrichtung (manchmal auch „Whiskers“ genannt) erfasst es die Ballonleine (auch „Liegeleine“ genannt), verhakt das Seil unterhalb des Ballons mit einer Sicherungsvorrichtung (einem sogenannten Himmelsanker), trennt dann den Ballon ab und zieht das Seil mittels einer Winde (Winsch) ins Flugzeug, bis sich die zu evakuierende Person an Bord befindet. Mit diesem System können ein oder zwei Personen evakuiert werden. Spannseile verliefen von der Flugzeugnase zu den Flügelspitzen, um das Seil abzuleiten, falls der Whiskers das Ballonseil verfehlte.[4]
Einsätze


Bereits ab 1952 hatte die CIA Paramilitärs der Special Activities Division im Geheimen an einem Vorgängermodell des Fulton-Systems für die Bergung von Personen ausgebildet. Die erste genehmigte Bergungsmission mit diesem "all American system" fand am 29. November 1952 in der Mandschurei statt.
Dafür wurden die CIA-Piloten Norman Schwartz und Robert Snoddy Ende 1952 in der Technik der Luftbergung geschult. Die CIA-Offiziere John T. Downey und Richard G. Fecteau, die in der Woche vom 24. November eilig in der Handhabung der Bodenkomponenten ausgebildet worden waren, sollten einen Kurier bergen, der Kontakt zu antikommunistischen Sympathisanten in der Region hatte. Die Mission scheiterte, als chinesische Streitkräfte das Flugzeug mit Handfeuerwaffen abschossen und die Überlebenden Downey und Fecteau gefangen nahmen. Angeblich nutzten auch die Briten das amerikanische System für die Bergung von Personal.[3]
Die erste erfolgreiche Bergung eines Menschen mithilfe von Fultons STARS-System fand am 12. August 1958 statt, als Stabsfeldwebel Levi W. Woods vom US Marine Corps an Bord einer P-2V Neptune „gewinscht“ wurde. Aufgrund der Geometrie des Fluggeräts war der Ruck für die gewinschte Person geringer als bei der Öffnung eines Fallschirms. Nach dem ersten Kontakt (als das Seil erfasst wurde), der von Woods als „ein Tritt in den Hintern“ beschrieben wurde,[5] stieg die zu bergende Person auf etwa 30 Meter (100 Fuß) auf und begann dann, sich hinter dem Flugzeug im Windschatten zu schlingern. Durch die Streckung von Armen und Beinen wurde ein Drehen während des Winchens verhindert. Die Bergung dauerte etwa sechs Minuten.
Im August 1960 flog Kapitän Edward A. Rodgers, Kommandant der Naval Air Development Unit, eine mit dem Skyhook-System ausgestattete P2V nach Point Barrow, Alaska, um Bergungstests durchzuführen. Mit Robert Edison Fulton Jr, dem Konstrukteur des Systems an Bord, der die Ausrüstung überwachte, holte die „Neptune“ Postfracht von der schwimmenden Eisinsel T-3 (auch bekannt als Fletcher’s Ice Island) ab, barg Artefakte, darunter Mastodon-Stoßzähne, von einem archäologischen Team in der Tundra und sicherte geologische Proben vom Peters Lake Camp. Der Höhepunkt der Tests war der Abwurf eines Rettungspakets durch die P2V in der Nähe des Eisbrechers USS Burton Island. Das Paket wurde von einem Beiboot geborgen, an Deck gebracht, der Ballon aufgeblasen und die Bergung durchgeführt.
Im Juli 1967 wurden zwei Angehörige des MACV-SOG während eines Einsatzes in Vietnam von einer Lockheed MC-130 mithilfe des Fulton-Skyhook-Systems gerettet.[6]
Der erste operative Einsatz des Fulton surface-to-air recovery system war das Projekt Coldfeet, eine Auskundschaftung der sowjetischen Eisdriftstation NP-8, die am 19. März 1962 aufgegeben worden war. Zwei US-Agenten sprangen am 28. Mai 1962 mit dem Fallschirm über der Station NP-8 ab. Nach 72 Stunden vor Ort wurden am 1. Juni 1962 die sowjetische Ausrüstung und die beiden Männer geborgen. Die Mission lieferte Informationen über die arktischen Forschungsaktivitäten der Sowjetunion, darunter Hinweise auf fortgeschrittene Forschung an akustischen Systemen zur Ortung von U-Booten unter dem Eis sowie auf Bemühungen zur Entwicklung von U-Boot-Abwehrtechniken für die Arktis.[3]
Weitere Entwicklung
Das Fulton-System wurde von 1965 bis 1996 auf verschiedenen Versionen der C-130 Hercules, darunter der MC-130 und HC-130, eingesetzt. Es wurde auch an der Fairchild C-123 montiert und eingesetzt.[7]
Trotz des offensichtlich hohen Risikos des Systems ereignete sich in 17 Jahren Einsatz nur ein tödlicher Unfall. Am 26. April 1982 wurde SFC Clifford Wilson Strickland während der Übung Flintlock 82 auf dem Luftwaffenstützpunkt Lahr in Deutschland von einer Lockheed MC-130 Combat Talon des 7. Special Operations Squadron mithilfe des Fulton-STARS-Bergungssystems aufgenommen, stürzte jedoch aufgrund einer defekten Buchse am oberen Ende des linken Jochbolzens in den Tod.
Die zunehmende Verfügbarkeit von Langstreckenhubschraubern wie dem Sikorsky MH-53 Pave Low, dem Sikorsky HH-60 Pave Hawk und dem Boeing-Vertol CH-47 sowie des Kipprotorflugzeugs V-22 Osprey, die alle über eine Luftbetankungskapazität verfügen, führte zu einem selteneren Einsatz dieses Systems. Im September 1996 stellte das Air Force Special Operations Command die Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit dieses Systems ein.
In der Fiktion
Das STAR-System wurde in abgewandelter Form in den Spielfilmen The Dark Knight, der Schlusssequenz von James Bond 007 – Feuerball, der Spielereihe Metal Gear, dem Shooter PUBG: Battlegrounds,[8] sowie in den Kampagnen der Ego-Shooter Battlefield 4, Call of Duty: Black Ops Cold War und Call of Duty: Modern Warfare III gezeigt.[9]
Weblinks
- greydynamics.com ausführlicher Artikel über das System (englisch)
- Back to the Past Filmreportage über die Entwicklung des „Fulton Skyhook“. Auf YouTube. (englisch)
- Special Forces History Übersichtliche Zusammenstellung von Informationen und weiterführenden Links. (englisch)
- May 3, 1966: Fulton Recovery System. In: Air Force Flight Test Center. Abgerufen am 28. Januar 2025.
- Fulton STAR. (PDF) In: Air Force Magazine. Abgerufen am 28. Januar 2025.
- James Skinner Collection - Fulton Skyhook System Live Recovery. In: Texas Archive. Abgerufen am 28. Januar 2025 (Video).