Fundstelle Rannersdorf

From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Fundstelle Rannersdorf ist das Areal südlich von Schwechat, auf dem im Zuge der Errichtung der S1, der Wiener Außenring Schnellstraße, vom Bundesdenkmalamt 2001 und 2002 eine großflächige Rettungsgrabung zur Dokumentation von archäologischen Befunden und der Bergung von Fundmaterial durchgeführt wurde. Es wurden Siedlungsreste und Gräber beginnend vom frühen Neolithikum bis in die späte Bronzezeit (5300–750 v. Chr.) gefunden und dokumentiert.

Luftbild der Großgrabung Rannersdorf 2001.

Geographische Lage

Das 70.000 m² umfassende Grabungsareal von Rannersdorf lag zwischen Schwechat und Zwölfaxing. Es war bereits vor der Bautätigkeit durch Feldbegehungen und Luftbildaufnahmen entdeckt worden.[1] Heute befindet sich darunter der Rannersdorfer Tunnel. In wenigen Monaten wurden unter der Leitung von Franz Sauer, Stanislaw Brzyski, Jaroslaw Czubak und Andrzej Karbinski 6.740 Befunde dokumentiert[2][3], die sich nach dem Abtrag der Humusschichte als dunkle Verfärbungen im hellen Löss bzw. Schotter abzeichneten.

Frühes Neolithikum

Grundriss des Hauses der Linearbandkeramischen Kultur.

Langhaus

Besonders gut zeichneten sich die Verfärbungen der Pfostenlöcher eines Hauses des frühen Neolithikums ab (5300–4900 v. Chr.), das sich im Nord-Osten des Grabungsareals befand.[4] Es ist eines von mindestens zehn Häusern, die der linearbandkeramischen Kultur zugeordnet werden. Der Grundriss umfasste 29 × 6 m. Die inneren Pfosten standen in Dreierreihen, um die Last des Dachstuhls zu tragen. Die Außenwände bestanden aus lehmverputztem Flechtwerk, die die äußeren Pfostenreihen ausfüllten. Das Haus war annähernd Nord-Süd ausgerichtet. Es gliederte sich in drei Bereiche: einen Nord-Ost-Teil, den mittleren Teil und den Süd-West-Teil (Typ 1 b nach Moddermann[5]). Der Nord-Ost-Teil war durch Wandgräben gekennzeichnet, die sich als geschlossene Linie im Befund abzeichneten. Im Süd-West-Teil waren die Dreierreihen doppelt verstärkt. Die drei Bereiche sollen unterschiedlichen Funktionen gedient haben: der Nord-Ost-Teil als Schlafraum, der mittlere als Wohn- und Arbeitsbereich und der Süd-West-Teil als Speicherboden. Außerhalb des Hauses verliefen den Wänden entlang unregelmäßige Gruben, aus denen der Lehm für den Verputz entnommen wurde und die zur Aufnahme des Wassers vom Dach dienten.[6] Das archäologische Fundmaterial, das in den Gruben gefunden wurde, umfasst Gefäßbruchstücke, Mahlsteine und Verputzreste. Aufgrund der Verzierung auf den Gefäßfragmenten wird der Fundkomplex in den späteren Abschnitt der Notenkopfkeramik datiert.[7] Dieser Hausgrundriss diente als Vorlage zur Rekonstruktion des neuen Langhauses im Urgeschichtsmuseum Asparn/Zaya, das im Zuge der Niederösterreichischen Landesausstellung 2013 von Wolfgang Lobisser (VIAS-Vienna Institute for Archaeological Science) errichtet wurde.

Bestattung

Unweit des Langhauses wurde die Bestattung eines Mannes entdeckt. Er lag in seitlicher Hockerlage in einer Siedlungsgrube. Im Kopfbereich wurden Gefäße gefunden, die zur Aufnahme der Speisebeigaben gedient hatten.[8] Die Form und Verzierung der Gefäße geben den Hinweis darauf, dass dieser Mann einer der Bewohner der Linearbandkeramischen Häuser war.

Kupferzeit

Grundriss des Hauses aus der Kupferzeit.

Häuser

Im Westen des Grabungsareales standen jüngere Häuser, deren Grundriss und Bauweise sich von der des Frühneolithikums erheblich abhob. Insgesamt sechs Hausgrundriss und zahlreiche Fundamentreste sind der beginnenden Kupferzeit (Epilengyel, Bisamberg-Oberpullendorf Gruppe) zuzuordnen (4000 v. Chr.). Die größten umfassten eine Grundfläche von 28 × 7,8 m. Erkennbar sind sie aufgrund von rechteckigen Fundamentgräben im Schotterkörper, die ursprünglich Holzschwellen bargen, auf denen das Haus stand. Die Trennwand ist ein Hinweis auf die Raumteilung innerhalb des Hauses. Die Längswände waren über die Querwände hinausgezogen, wodurch ein kleiner, überdachter Vorbereich – die so genannte Ante – entstand. Dementsprechend wird dieser Haustyp Antenhaus genannt. Derzeit sind in Ostösterreich 16 weitere Fundstellen mit analogen Hausgrundrissen nachgewiesen.[9]

Späte Bronzezeit

Die späte Bronzezeit ist durch ein besonders interessantes Fundspektrum repräsentiert. Neben Siedlungsspuren wurden ein Depot und ein Gräberfeld entdeckt.

Schmuck, Waffen und Werkzeuge aus Bronze aus dem urnenfelderzeitlichen Gräberfeld.

Gräberfeld

86 Urnen wurden in Gruben vorgefunden. In den Urnen befand sich Leichenbrand, darauf wurden zwei bis vier kleine Gefäße mit Speise- und Trankbeigaben und darüber der branddeformierte Bronzeschmuck des Verstorbenen gelegt. Bei einigen Gräbern konnte eine Abdeckung der Urne mit einer Schale oder einem Stein beobachtet werden. Gelegentlich wurden neben der Urne kleine Gefäße gefunden.[10] Die Urnenbestattung ist zu dieser Zeit die einzige bekannte Bestattungsform. Sie wurde weiträumig praktiziert. Der Bestattungsritus gibt der Kultur ihren Namen: Urnenfelderkultur. Das Gräberfeld lag am höchsten Punkt im Gelände und umschließt einen Bereich von 4.000 m². Aufgrund der geringen Eintiefung wurden viele Urnen durch die landwirtschaftliche Tätigkeit beschädigt.

Die in den Urnen vorgefundenen Leichenbrände wurde im Rahmen einer anthropologischen Untersuchung analysiert. Von etwa der Hälfte der Toten konnten das Geschlecht und das Sterbealter bestimmt werden. Dabei handelt es sich um 18 weibliche und 18 männliche Individuen. Auffallend ist bei der Altersstruktur, dass es kaum Tote vor dem subadulten Alter, also jünger als 18 Jahre, gibt.[11][12]

Das Gräberfeld zeichnet sich durch seine zahlreichen Bronzebeigaben in Form von Arm- und Halsreifen, Messern, einer Bronzetasse, Gürtelhaken usw. aus. Offensichtlich war es antiken sowie rezenten Grabräubern entgangen. Diese Gegenstände erlauben eine exakte Datierung in den Übergangshorizont von der älteren zur jüngeren Urnenfelderkultur. Charakteristisch ist die Gewandnadel Typ Fels am Wagram. Damit ist das Gräberfeld von Rannersdorf der erste und einzige bekannte Bestattungsplatz dieser Phase in Österreich.[13]

Grundriss eines urnenfelderzeitlichen Hauses.

Häuser

Die Häuser der späten Bronzezeit unterscheiden sich wesentlich von denen des vorangegangenen Neolithikums. Sie weisen eine um 90° versetzte Orientierung auf, die Außenwände sind durch dichtgesetzte, dünne Pfosten überliefert, das Dach wird von zwei bis vier starken Mittelpfosten im Gebäudeinneren getragen. 12 große, zweischiffige Haupthäuser umfassten je eine Länge von bis zu 25 m und eine Breite von 8,2 m. Zahlreiche kleine Häuser werden als Wirtschafts- und Speichergebäude bezeichnet. Die kleinsten waren quadratische Vier-Pfosten-Speicher. Sie wurden in der Zeit zwischen 1250 und 750 v. Chr. errichtet.[14] Ein Teil der Bewohner wurde im nahen Gräberfeld bestattet.

Depot

Metalldepot aus Rannersdorf.

Bei der in der Archäologie so nüchtern als „Depot“ bezeichneten Fundgattung, handelt es sich im engeren Sinn um einen Schatz. Wertgegenstände wurden einst versteckt, vergraben und bis zur Entdeckung nicht wieder gehoben. Das Depot von Rannersdorf verweilte so rund 3000 Jahre unter der Erde. Ein Großteil des 8,5 kg schweren Schatzes bestand aus Gusskuchen – das Produkt der Kupferschmelze und Ausgangsmaterial zur Herstellung von Bronzeschmuck, -waffen und -werkzeug. Weiter waren drei neue Lanzenspitzen, das Fragment einer Sichel, ein Rasiermesser, eine abgebrochene Beilklinge, eine Schmuckscheibe und hauchdünne mit Punkt-Buckel-Dekor verzierte Gürtelbleche enthalten. Alle diese Gegenstände befanden sich bei ihrer Auffindung in einem großen Tongefäß, das am Ende der Urnenfelderzeit versenkt wurde.[15][16]

Die durchgeführten Materialanalysen ergaben neben reinem Kupfer und reinem Eisen auch Antimon- und Zinnbronzen, die an bestimmte Formen gebunden sind: Gusskuchen sowie Sichel- und Beilfragment wurden aus Antimonbronze hergestellt, wobei bei diesen Fundstücken die Funktion als prämonetäres Zahlungsmittel zu überlegen ist. Alle übrigen Gebrauchsgegenstände bestehen aus Zinnbronze. Die einzige Ausnahme bildet die Phalere, die aus reinem Kupfer hergestellt wurde. Eine Besonderheit stellen in diesem Fundkomplex zwei kleine Stabbarren aus ›reinem‹ Eisen und einer Metallmischung aus Kupfer, Arsen und Nickel dar.

Unmittelbar neben dem vergrabenen Metalldepot befand sich ein Werkplatz, wo aufgrund der vorgefundenen Überreste – eine Feuerstelle, ein Ambossstein, ein Geröllhammer und Arbeitsstücke aus Bronze – angenommen werden kann, dass hier Bronzeartefakte durch Kaltschmieden bearbeitet wurden. Es handelt sich daher um einen temporären Werkplatz einer Metall bearbeitenden Person, die daneben ihre Rohstoffe in den Boden versenkt hatte.[17]

Literatur

  • Franz Sauer: Fundstelle Rannersdorf. Die archäologischen Grabungen auf der Trasse der S 1. Wien 2006.
  • Franz Sauer, Stanislaw Brzyski, Jaroslaw Czubak und Andrzej Karbinski: Rannersdorf, in: Fundberichte aus Österreich 40 (2001), S. 26ff.
  • Franz Sauer, Jaroslaw Czubak und Andrzej Karbinski: Rannersdorf, in: Fundberichte aus Österreich 41 (2002), S. 28ff.
  • Heinz Gruber: Ein neu entdeckte Brucherzhort der Urnenfelderkultur aus Schwechat-Rannersdorf, Niederösterreich. Ein erster Überblick, in: Fundberichte aus Österreich 42 (2003), S. 569–571.
  • Judith Schwarzäugl: Ein linearbandkeramischer Großbau in Schwechat, Flur Unteres Feld, in: Fundberichte aus Österreich 44 (2005), S. 117–142.
Commons: Fundstelle Unteres Feld, Rannersdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI