Funktionalismus (Design)

Gestaltungsauffassungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Im Design, insbesondere im Industriedesign und Möbeldesign sowie Industriedesign, bezeichnet Funktionalismus Gestaltungsauffassungen, nach denen Form, Material und Konstruktion eines Gebrauchsgegenstands aus dessen Verwendungszweck, technischer Funktionsweise und Herstellungsbedingungen abgeleitet werden. Ästhetische Gestaltung tritt dabei hinter Gebrauchstauglichkeit, Verständlichkeit und Produktionslogik zurück. Daher stammt der berühmte Ausspruch „Form follows function“ von Louis Sullivan, der der populären Auffassung entsprang, eine zeitgemäße Schönheit in Architektur und Design ergebe sich bereits aus deren Funktionalität.

Türknauf und Türklinke, entworfen von Ferdinand Kramer

Schönheit war im vorindustriellen Zeitalter eng mit Zweckzusammenhängen der Gesellschaft verwoben, z. B. mit sakralen, aber auch profanen Zwecken. Mit der industriellen Produktion emanzipierte sich die Kunst aus Zweckzusammenhängen, wie sich umgekehrt die Nützlichkeit von der Schönheit emanzipiert. Beim industriell gefertigten Gebrauchsgegenstand wird Schönheit damit zu einem bloßen „ästhetischen Überschuss“.[1] Darauf reagiert der gestalterische Funktionalismus, der die Ästhetik der Funktion gegen die illusionistische Dekoration sichtbar machen will, Der Funktionsbegriff war allerdings nach Andreas Dorschel von Anfang an mehrdeutig: „Funktion kann sowohl praktische Funktion bzw. Zweck als auch technische Funktionsweise bzw. Produktionsweise meinen“.[2] Die Anfänge des Funktionalismus in Design und Architektur reichen zu den ästhetischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts zurück (Lotze, Semper, Greenough), werden in Deutschland jedoch erst mit der Gründung des Deutschen Werkbundes im Jahr 1907 unter den Schlagworten Sachlichkeit und Zweckform in den Rang einer künstlerisch ernstzunehmenden Gestaltungsweise erhoben.

Im Bereich des Designs gewannen funktional begründete Gestaltungsauffassungen vor allem im Umfeld des Deutschen Werkbundes seit 1907 an Bedeutung. Ziel war es, industriell gefertigte Produkte gestalterisch zu verbessern, ohne deren Herstellbarkeit oder Gebrauchstauglichkeit zu beeinträchtigen. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem Gebrauchsgegenstände, Möbel und Haushaltswaren, weniger einzelne Bauwerke.[3][4]

Diese Ansätze wurden am Bauhaus weitergeführt und konkretisiert. In den Werkstätten für Metall, Möbel, Textil oder Typografie entstanden Entwürfe für Alltagsobjekte, die auf serielle Fertigung, Materialökonomie und eine klare Benutzbarkeit ausgerichtet waren. Architektur spielte zwar eine Rolle, war jedoch lange Zeit nicht der Schwerpunkt der Ausbildung.[5][6]

Zeitgenössisch verstanden sich diese Gestaltungsansätze in der Regel nicht als Teil eines „Funktionalismus“. Stattdessen sprach man von moderner, sachlicher oder zweckmäßiger Gestaltung. Die Bezeichnung Funktionalismus setzte sich erst später als kunst- und designhistorischer Sammelbegriff durch, um bestimmte Entwurfsargumente und formale Tendenzen der Moderne zusammenzufassen.[7][8]

In der späteren Rezeption wurde insbesondere die Formel form follows function häufig verallgemeinert und auch für sehr unterschiedliche Designauffassungen herangezogen. So wird häufig darauf hingewiesen, dass der Funktionsbegriff dadurch ungenau werde und teils als pauschale Legitimation formaler Entscheidungen diente.[9]

Frühe und international einflussreiche Beispiele für funktionalistisch geprägtes Design in Deutschland finden sich vor allem im Bereich der Gebrauchsgegenstände. Bereits die am Bauhaus entstanden Entwürfe für Gebrauchsgegenstände waren durch Reduktion auf das Notwendige und eine klare Orientierung am Gebrauch gekennzeichnet. Diese Gestaltungsauffassungen veränderten das Verständnis moderner Produktgestaltung nachhaltig.[10]

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden funktionalistische Designprinzipien insbesondere an der HfG Ulm weiterentwickelt. Gestalter wie Dieter Rams formulierten dort einen systematischen, auf Verständlichkeit, Langlebigkeit und Zurückhaltung zielenden Designansatz, der vor allem durch seine Arbeiten für Braun internationale Beachtung fand.[11][12]

Die von Bauhaus und Ulmer Schule entwickelte Formensprache wirkt bis in die Gegenwart fort. Zahlreiche Alltagsgegenstände greifen gestalterische Prinzipien früher funktionalistischer Entwürfe auf, teils nahezu unverändert. Der Einfluss von Dieter Rams auf zeitgenössisches Produktdesign ist vielfach dokumentiert; insbesondere wurde wiederholt auf Parallelen zwischen Braun-Entwürfen der 1950er und 1960er Jahre und Produkten des Unternehmens Apple hingewiesen, dessen Gestaltungsphilosophie sich ausdrücklich auf Rams bezieht.[14][15]

Kritik

Der Philosoph Albrecht Wellmer hat den Funktionalismus nicht nur als architektonisches Phänomen kritisiert, sondern als umfassendes kulturelles Gestaltungsprogramm der Moderne. Seine Einwände lassen sich auch auf Design, Möbel und industriell gefertigte Gebrauchsgegenstände beziehen. Wellmer zufolge habe der funktionalistische Anspruch dazu geführt, historisch gewachsene Ausdrucksformen und symbolische Bedeutungen zugunsten von Zweckmäßigkeit und Effizienz zurückzudrängen.

Zwar habe diese Haltung überladene Formen und dekorative Überformungen beseitigt, zugleich aber eine gewisse gestalterische Nüchternheit gefördert. Produkte und Möbel erschienen dadurch häufig vor allem als Träger von Funktionen, während andere Qualitäten – etwa Atmosphäre, Erinnerung oder kulturelle Bedeutung – in den Hintergrund traten. Die funktionalistische Gestaltung mache damit sichtbar, was ohnehin wirksam sei: die Dominanz ökonomischer und industrieller Produktionsbedingungen. Die Vorstellung der dem Funktionalismus huldigenden Architekten und Designer, den industriellen Fortschritt „mit den schwachen Kräften einer ästhetischen Aufklärung (zu) humanisieren und domestizieren“, sei immer schon naiv gewesen.[16]

Literatur

Einzelnachweise

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