Gaia-X

Europäische Initiative mit dem Ziel, einen De-facto-Standard zu schaffen, um föderierte und vertrauenswürdige Daten- und Infrastruktur-Ökosysteme zu ermöglichen. From Wikipedia, the free encyclopedia

Gaia-X ist ein 2019 vorgestelltes Projekt zum Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen Dateninfrastruktur für Europa, das von Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung aus Deutschland und Frankreich gemeinsam mit weiteren, vorwiegend europäischen Partnern getragen wird. Im Frühjahr 2025 wurden Zweifel laut, ob das Projektziel je erreicht werden könne.[1]

Logo von Gaia-X

Ziele und vorgeschlagene Lösung

Das beim Projektstart vorgetragene Ziel war die Gestaltung der nächsten Generation einer Dateninfrastruktur aus Europa. Das Projekt wurde mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung aus Deutschland und Frankreich gemeinsam mit weiteren, vorwiegend europäischen Partnern gestartet.[2][3][4] Im Rahmen des Projekts sollen gemeinsame Anforderungen an eine europäische Dateninfrastruktur entwickelt werden. Nach Angaben des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) seien dabei Offenheit, Transparenz und europäische Anschlussfähigkeit zentral für Gaia-X.

Ziel des angestrebten digitalen Ökosystem sei es, dass Unternehmen und Geschäftsmodelle aus Europa heraus wettbewerbsfähig sein können. Dabei sollen beispielsweisen Konkurrenzprodukte zu bereits existierenden Angeboten wie Hyperscalern geschaffen werden. Zudem sollen verschiedene Elemente über offene Schnittstellen und bestehenden Standards miteinander vernetzt werden, um Daten zu verknüpfen und eine Innovationsplattform zu schaffen.[5][6][7][8] Der Name des Projektes leitet sich von einer der ersten aus dem Chaos entstandenen griechischen Gottheit Gaia ab, die in der Mythologie als personifizierte Erde für die Gebärerin, quasi „Mutter Natur“, steht.[9]

Die Projektziele sollen laut eigener Projektaussage durch Vernetzung vorhandener zentraler und dezentraler Infrastrukturen zu einem System erreicht werden, die gemeinsam ein „digitales Ökosystem“ bilden. Merkmale dieses Ökosystems sind

Gaia-X soll laut Angaben des BMWE folgende Mehrwerte bieten:[13]

  • Es soll eine souveräne Entscheidung über datenbasierte Geschäftsmodelle ermöglicht werden.
  • Es soll innovative branchenübergreifende Kooperationen unterstützen, um den Wert von Daten zu aggregieren und zu steigern.
  • Faire und transparente Geschäftsmodelle sollen gefördert werden, indem Regeln und Standards für kooperative Ansätze, einschließlich der rechtskonformen Nutzung von Daten, bereitgestellt werden.
  • Gemeinsame Modelle und Regeln der Datenmonetarisierung sollen die Komplexität und die Kosten der Kommerzialisierung von Daten reduzieren.
  • Die branchenübergreifende Zusammenarbeit zur Schaffung föderaler, interoperabler Services soll ermöglicht werden.
  • Der Zugriff auf sichere, vertrauenswürdige und moderne IT-Infrastrukturen (Automatisierte Services und API-gesteuerte Infrastrukturen), welche die Produktivität in der Software-Entwicklung steigern, soll erleichtert werden.
  • Der Verlust von Unternehmensdaten soll durch Erkennung und Erhaltung von Schutzklassen und Regelungen zur Vertraulichkeit beim Austausch von Daten deutlich reduziert werden.

Der breiten Öffentlichkeit wurde das Projekt beim Digital-Gipfel 2019 in Dortmund vorgestellt.

Anwendungen

In Deutschland fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie seit 2021 diverse Projekte, die eine Anwendung auf Basis von Gaia-X entwickeln. Zu den Themen der geförderten Projekte gehören Anwendungen aus den Bereichen Mobilität, Luft- und Raumfahrt, Finanzwirtschaft, Gesundheitswesen, Bauwirtschaft, Maritime Wirtschaft, Bildung, Spracherkennung, Rechtspflege, Landwirtschaft, Energiewirtschaft und IT-Sicherheit.[14][15] Die ersten elf Vorhaben wurden im Februar 2022 bewilligt.[16][17] Eine für 2022 geplante zweite Tranche von Fördermitteln ist vorerst nicht vorgesehen.[18]

In Gaia-X sollen unter anderem Vorhaben zur Stärkung der europäischen Automobilindustrie realisiert werden. Dazu gehören herstellerübergreifende Anwendungsfälle, mit denen Technologien zum Autonomen Fahren als auch zur Reduzierung des CO2-Fußabdruckes der Automobilindustrie gefördert werden sollen, was mit Meilensteinen des europäischen Green Deals verbunden sein soll. Durch die Kommunikation von Fahrzeugen mit IoT-Verkehrselementen, wie Ampelanlagen oder Fracht, soll eine signifikante Verbesserung des Verkehrsflusses und der Verkehrssicherheit zu erwarten sein. Im Rahmen von Gaia-X ist die Entwicklung einer standardisierten Softwarearchitektur für Fahrzeuge und IoT-Komponenten zur Anbindung an Cloud-Dienste (AGEDA)[19] analog AUTOSAR geplant. Ein wesentlicher Anwendungsfall stellt dabei die ganzheitliche Betrachtung von Logistik in Europa dar, um Fahrzeuge effizienter auszulasten.[20]

Das auf die Automobilindustrie zugeschnittene Vorhaben Catena-X wurde bei der Vorstellung als „ambitioniertester“ Anwendungsfall von Gaia-X bezeichnet.[15] Der Wirtschaftswoche-Journalist Michael Kroker berichtete im August 2024, dass er seit dem Sommer 2021 vergeblich versucht habe, Einblicke in die praktischen Anwendungsfälle des Vorhabens zu erhalten.[21]

Mitglieder

Zu den Gründungsmitgliedern gehören auf der deutschen Seite Beckhoff Automation, BMW, Robert Bosch, DE-CIX, die Deutsche Telekom, German Edge Cloud, PlusServer, SAP und Siemens. Außerdem sind die Fraunhofer-Gesellschaft, die International Data Spaces Association und die europäische Cloudanbietervereinigung Cispe Mitgründer der Gaia-X-Entität. Auf französischer Seite sind Amadeus, Atos, Docaposte, EDF, IMT – Institut Mines-Télécom, Orange, Outscale, OVHcloud, Safran und Scaleway mit dabei. Zudem soll die Entwicklung der notwendigen Komponenten vorangetrieben werden.[22][23] Im März 2021 wurde die Mitgliedszahl um 212 sogenannte „Tag-1-Mitglieder“ erweitert, darunter zählten zu diesem Zeitpunkt zu den bekanntesten auch Palantir Technologies, Microsoft, Alibaba, Amazon und Google. Es sind aber auch viele mittelständische Unternehmen aus ganz Europa vertreten.[24]

Im November 2021 trat das französische Gründungsmitglied Scaleway aus dem Konsortium aus.[25] Im Februar 2025 erklärte der Nextcloud-Chef Frank Karlitschek den Austritt seines Unternehmens.[26] Auch der Branchenverband eco, der zentrale Projekte des Vorhabens geleitet hatte, hat das Konsortium verlassen.[27]

Umsetzung

Um die Gaia-X-Projektziele zu erreichen, wurde im Februar 2021 die Gaia-X Association in Form einer Internationalen Vereinigung ohne Gewinnerzielungsabsicht nach belgischem Recht mit Sitz in Brüssel gegründet.[28] Die Rechtsform soll die europäische und internationale Perspektive von Gaia-X unterstreichen. Erster Geschäftsführer der Gaia-X AISBL war der italienische IT-Manager Francesco Bonfiglio.[29] Im November 2023 trat der ehemalige CEO der FIWARE Foundation Ulrich Ahle dessen Nachfolge an.[30]

Ende 2023 waren nur wenige Spezifikationen verabschiedet, es gab eine erste Version der sogenannten Federation Services, diese umfassen Authentifizierungsdienste, Wallets für digitale Nachweise und Katalogdienste. Die Deutsche Telekom hat ein Clearinghaus angekündigt, welches die Identität von Diensteanbietern prüft. Im Umfeld von Gaia-X, aber unabhängig davon, hat sich erfolgreich das Projekt Sovereign Cloud Stack etabliert, welches einen Open-Source-Stack für Cloudinfrastruktur entwickelt hat, der schon eingesetzt wird.[31]

Rezeption

Während die Wirtschaft das Projekt breit unterstützt, wurden in den Medien und in der Fachöffentlichkeit die Erfolgsaussichten gemischt beurteilt.[32][33][34][35][36][37][38][39][40][41] Insbesondere die Miteinbeziehung außer-europäischer Cloudanbieter wie Google, Microsoft und Amazon, als auch die mit dem Projekt einhergehende Bürokratie stehen dabei im Mittelpunkt der Kritik.[42][43][44][45] Im Dezember 2020 überraschte das auf Big-Data-Analysen spezialisierte US-Unternehmen Palantir mit der bis dahin nicht bekannt gewordenen Information, dass es sich „von Tag Eins an“ dem europäischen Cloud-Projekt Gaia-X als Mitglied angeschlossen habe. Palantir, das vor rund 17 Jahren unter anderem mit Geld des CIA-Wagniskapitalarm In-Q-Tel startete, gilt als „Schlüsselfirma in der Überwachungsindustrie“. Sie ist Kritikern zufolge tief in den militärisch-digitalindustriellen Komplex der USA verstrickt. Ihr Geschäftsmodell heiße: Big Data für Big Brother.[46]

Seinen Austritt aus dem Gaia-X Projekt begründet der Scaleway CEO Yann Lechelle mit der Obstruktion der großen US IT-Konzerne. Sie würden jeden Fortschritt auf ein Hersteller-neutrales, portables Modell durch Verzögerung blockieren und sabotieren.[47] Frank Karlitschek erklärte anlässlich des Austritts von Nextcloud im Februar 2025, dass Gaia-X „tot“ und „vom ursprünglichen Ziel, eine europäische Cloudalternative zu den amerikanischen Hyperscalern [...] auf die Beine zu stellen, […] heute nicht mehr die Rede“ sei.[26] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb im Februar 2025, Gaia-X gelte als tot, es gebe zu viel Klein-Klein, zu viel Bürokratie und zu viele Einzelinteressen; an ihre Stelle sei das Edge-Computing-Projekt 8Ra getreten.[48]

Laut Andreas Weiss vom Branchenverband eco, der eine Projektmanagementrolle für mehrere Teile des Vorhabens innehatte, hätten „einzelne Akteure“ Gaia-X „in so eine schräge Lage gebracht“, dass der Verband aus dem Projekt ausgetreten sei. Ein Problem sei, dass die Zielsetzung des Projekts nicht klar definiert und die Koordination der 450 Beteiligten schwierig gewesen sei. Laut Weiss sei „viel Geld versenkt worden, das hat sich nicht ausgezahlt“. Die verantwortlichen Staaten seien sich in der Zielfrage uneinig gewesen, dies habe zu Konflikten in der Umsetzung geführt. Laut Karlitschek wurden im Projektverlauf die Ziele für Gaia-X umdefiniert, um am Ende trotz der Konflikte Erfolge vorweisen zu können.[27]

Quellen

Einzelnachweise

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