Gabrielle Hecht

Historikerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Gabrielle Hecht (* 1965 in Puerto Rico) ist eine Historikerin, die auf dem Gebiet der Wissenschafts- und Technikforschung (STS) mit den Schwerpunkten Bergbaugeschichte, Umweltgerechtigkeit in Afrika sowie Kerntechnik arbeitet.

Akademische Ausbildung

Hecht erwarb 1986 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) einen Bachelor of Science in Physik und 1988 an der University of Pennsylvania in Philadelphia einen Master of Arts in Wissenschaftsgeschichte und -soziologie. 1992 promovierte sie dort in Wissenschaftsgeschichte und -soziologie.[1]

Akademische Laufbahn

Ab 1992 arbeitete Hecht an der Stanford University zunächst als Lehr- und Forschungsassistentin (Acting Assistant Professor), seit 1993 dann als Juniorprofessorin (Assistant Professor) im Fachbereich Geschichte sowie als Lehrbeauftragte in den Fachbereichen Französisch und Italienisch.[2]

1999 wechselte Hecht an die University of Michigan in Ann Arbor, zunächst als Juniorprofessorin (Associate Professor), dann seit 2011 als Professorin. In Michigan war sie Mitbegründerin des Science, Technology, and Society (STS)-Programms, dem sie von 2013 bis 2015 und von 2016 bis 2017 auch als Direktorin vorstand.[3] Von 2013 bis 2014 war sie stellvertretende Direktorin des African Studies Center der Universität und am Program Anthropology und Geschichte beteiligt.[4]

2017 kehrte Hecht als Professorin für Geschichte und Gastprofessorin für Anthropologie an die Stanford University zurück. Von 2017 bis 2024 hatte sie die Frank Stanton Foundation Professor für Nuklearsicherheit inne und war Senior Fellow am Freeman Spogli Institute for International Studies (FSI) der Universität. In Stanford gehörte sie außerdem dem Center for African Studies, dem Programm Science, Technology, and Society, dem Center for Global Ethnography, dem Urbanistik-Programm und dem Programm Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaft an.[5]

Seit 2024 ist Hecht Gastwissenschaftlerin (Research Associate) am Institute for Social and Economic Research der Witwatersrand-Universität in Johannesburg.[6] Hecht war im Verlauf ihrer Karriere als Gastwissenschaftlerin am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, an der Universität Oslo, an der Technische Universiteit Eindhoven, an der University of KwaZulu-Natal, an der Universität Melbourne und an der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm.[7]

Im Herbst 2025 wurde in französischen und deutschen Medien berichtet, dass Gabrielle Hecht aufgrund veränderter Forschungsbedingungen Stanford verlassen hat und im Rahmen des französischen Regierungsprogramms Safe Place for Science eine auf 3 Jahre befristete Professur an der Universität Aix-Marseille übernommen hat.[8]

Forschung

Hechts Forschung wurde vom National Science Foundation, dem National Endowment for the Humanities, dem American Council of Learned Societies sowie den nationalen Forschungsstiftungen Südafrikas und der Niederlande unterstützt.[9]

Kerntechnik und Technopolitik

In ihrer ersten Buchveröffentlichung The Radiance of France: Nuclear Power and National Identity after World War II (1998; sinngemäß Frankreichs Ausstrahlung: Kernenergie und nationale Identität nach dem 2. Weltkrieg) analysierte Hecht, in welcher Weise Frankreich seine Vorstellungen von Nuklearpolitik und Reaktorsicherheit in die Reaktortechnologie und die Reaktorsteuerung übertrug. Mit ihrem Konzept der "Technopolitik" (technopolitics) versuchte sie zu beschreiben, wie die Entwicklung und der Einsatz von Technologie strategisch zur Erzeugung, Gestaltung oder Durchsetzung politischer Ziele genutzt wurde. Die Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet und auch ins Französische übersetzt.

Nuklearität und afrikanisches Uran

In Being Nuclear: Africans and the Global Uranium Trade (2012) untersuchte Hecht die Situation Afrikas im Zusammenhang des globalen Nuklearwirtschaftssystems. Dabei prägte sie den Begriff der "Nuklearität" (nuclearity) für einen technisch-politischen Zustand, der nicht nur das Vorhandensein radioaktiven Materials, sondern auch die Gesamtheit der dazugehörigen Instrumente, Daten, technologischen Systeme, Infrastrukturen, nationalen Behörden, internationalen Organisationen, Experten und Medieninformationen umfasst. Hecht belegte, dass diese Nuklearität global ungleichmäßig verteilt ist und dass das Auswirkungen darauf hat, in welchem Umfang Arbeiter, Gesellschaften und Nationen angemessen Schutz, Regulierungen, Vergütungen und Anerkennung erhalten.[10] Hecht beschränkte dabei ihre Untersuchungen auf die Uranminen und Minenarbeiter in Gabun, Madagaskar, Niger, Namibia und Südafrika und dokumentierte, in welchem Ausmaß die globale Nuklearwirtschaft einerseits vom afrikanischen Uran abhängt, während sie andererseits zur gleichen Zeit afrikanischen Arbeitskräften und Gesellschaften die dazugehörigen Schutzmaßnahmen vorenthält. Being Nuclear wurde mehrfach ausgezeichnet und erschien 2016 in gekürzter Fassung auch in französischer Sprache.

Residual governance

In ihrem 2023 erschienenen Buch Residual Governance. How South Africa Foretells Planetary Futures (sinngemäß: Der Umgang mit den Rückständen. Was sich aus Südafrika zur Zukunft des Planeten vorhersagen lässt) untersuchte sie am Beispiel der Süd-Afrikanischen Provinz Gauteng die Auswirkungen von Gold- und Uran-Abbau auf Gesundheit der Bevölkerung und Umwelt.

Mit dem Buch stellte Hecht ihr Konzept der Residual governance vor, worunter sie eine Trias versteht aus:

  1. dem tatsächlichen Umgang mit Abfällen, Abraum und Bergematerial
  2. minimalistischer Darstellung der Abfallsituation mittels einer taktischen Mischung aus Vereinfachung, vorgetäuschter Unwissenheit und Verzögerung
  3. Behandlung von Menschen als Verschleißmaterial und von Orten als Brachland

Für Hecht ist Residual Governance sowohl ein Instrument eines modernen Rassenkapitalismus als auch ein Brandbeschleuniger des Anthropozäns. Das Buch dokumentiert, wie sich betroffene Gemeinschaften, Experten und Künstler angesichts aufgelassener Bergwerke, radioaktiver Abraumhalden und Umweltvergiftung für Infrastruktur- und Umweltgerechtigkeit einsetzen. Anstatt ihre Arbeit auf Firmen- und Regierungsarchive aufzubauen, stellte Hecht in den Mittelpunkt ihrer Arbeit die Sichtweisen von Wissenschaftlern, Leiter von Gemeinwesen, Aktivisten, Journalisten, Stadtplanern und Künstlern, die sich Residual Governance widersetzten.[11] Das Buch wurde ins Spanische übersetzt, eine Übersetzung ins Französische ist für 2026 angekündigt.

Neuere Forschung

Hechts jüngstes Forschungsprojekt Inside-Out Earth sollte die wachsenden Abfälle des Energiesystems an verschiedenen Orten untersuchen: Abidjan (Côte d'Ivoire), Mpumalanga (Süd-Afrika) und die Atacama-Wüste (Chile). Zusammen mit dem südafrikanischen Photographen und Künstler Potšišo Phasha wollte Hecht dabei erforschen, wie Residual Governance an diesen Orten vorgeht und wie die Menschen vor Ort mit und inmitten der entstehenden Abfälle leben. Essays aus diesem Projekt wurden vorab in den Zeitschriften Cultural Anthropology, Aeon und Somatosphere veröffentlicht. Zugesagte Fördermittel der National Science Foundation wurden zu Anfang 2025 mit der Begründung wieder abgesagt, dass das Vorhaben nicht mehr den Prioritäten der amerikanischen Regierung (Kabinett Trump II) entspreche.[12]

Preise und Auszeichnungen

Bücher und Aufsätze

The Radiance of France

Being Nuclear

Interscalar Vehicles for the African Anthropocene

Residual Governance

Gaststipendien (Fellowships)

Veröffentlichungen

Bücher

Artikel und Essays (Auswahl)

  • Africa and the Nuclear World: Labor, Occupational Health, and the Transnational Production of Uranium. In: Comparative Studies in Society and History 51/4 (October 2009), S. 896–926
  • "The Power of Nuclear Things. In: Technology and Culture 51 (January 2010), S. 1–30
  • (mit Paul N. Edwards): History and the Technopolitics of Identity: The Case of Apartheid South Africa. In: Journal of Southern African Studies 36:3 (September 2010), S. 619–639
  • The Work of Invisibility: Radiation Hazards and Occupational Health in South African Uranium Production. In: International Labor and Working Class History 81 (Spring 2012), S. 94–113
  • (mit Manu Goswami, Adeeb Khalid, Anna Krylova, Elizabeth F. Thompson, Jonathan R. Zatlin und Andrew Zimmerman): AHR Conversation: History after the End of History: Reconceptualizing the Twentieth Century. In: American Historical Review 121, no. 5 (December 2016), S. 1567–1607
  • (mit David Serlin): Confronting African Histories of Technology: A Conversation with Keith Breckenridge and Gabrielle Hecht. In: Radical History Review 127 (January 2017), S. 87–102
  • Interscalar Vehicles for the African Anthropocene: On Waste, Temporality, and Violence. In: Cultural Anthropology 33, no. 1 (2018), S. 109–141
  • La Terre à l’envers: résidus de l’anthropocène en Afrique. In: L’Afrique des sciences sociales: bas, débats, combats (Sonderband zum 40jährigen Bestehen von Politique africaine, n. 161-162 (2021/1-2), S. 385–402
  • Pas de nucléaire français sans uranium africain. In: P. Singaravélou, A. Asseraf, G. Blanc, Y. Kisukidi, M. Lamotte (Hg.): Colonisations. Notre Histoire, S. 101-102. Le Seuil, Paris 2023. ISBN 978-2021494150
  • (mit Cristóbal Bonelli, Damir Galaz-Mandakovic, Marina Weinberg und Valentina Figueroa): Cenizas del Antropoceno: Omisiones de carbón y estratigrafía tóxica en el puerto de Tocopilla. In: La Revista Colombiana de Antropología, Vol. 60, Núm. 3 (2024), S. 1–33

Herausgeberschaft

Einzelnachweise

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