Gapping
Stilmittel der Dichtung
From Wikipedia, the free encyclopedia
Gapping (von englisch gap „Lücke“; auch: Lückenbildung) ist ein Begriff der Sprachwissenschaft, insbesondere der Syntax, und bezeichnet das Auslassen (Ellipse) eines Aktanten oder des Prädikats unter Koordinationsbedingungen (vgl. Parataxe). Der Begriff wurde ursprünglich 1970 von John Robert Ross im Rahmen der generativen Transformationsgrammatik geprägt, ist aber auch unter Funktionalisten gebräuchlich.
Terminologie
Um die Struktur von Gapping-Sätzen zu beschreiben, werden in der Linguistik folgende Fachbegriffe verwendet
- Gap (Lücke): Der ausgelassene Ausdruck im zweiten Satzteil (Konjunkt)
- Remnant (Überrest/Überbleibsel): Die Satzbestandteile, die nach der Auslassung im Satz verbleiben (z. B. Subjekt und Objekt)
- Antezedens: Der vollständige Ausdruck im ersten Satzteil, der als Referenz dient, um die Lücke mental zu rekonstruieren
- Korrelat: Das Gegenstück zum Remnant im ersten Satzteil. Remnant und Korrelat stehen meist in einem kontrastiven Zusammenhang
Anhand des Beispiels sollen die Ausdrücke verdeutlicht werden:
Carlo streichelt einen Hund und Maria
streichelteine Katze.
Der Satzteil Carlo streichelt einen Hund stellt das Konjunkt mit Korrelat dar, streichelt ist spezifisch das Antezedens. Im zweiten Satzteil stellt Maria streichelt eine Katze das Konjunkt mit Gap dar, spezifisch sind Maria und eine Katze jeweils Remnants, streichelt wird zum Gap.
Syntaktische Bedingungen und Beschränkungen
Damit Gapping als grammatisch korrekt empfunden wird, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein:
- Koordinationszwang: Gapping ist primär in koordinierten Sätzen zulässig (z. B. mit „und“ oder „aber“). In untergeordneten Nebensätzen (Subordination) führt Gapping meist zu Ungrammatikalität. Dies wird als Coordinate Structure Constraint (CSC) bezeichnet.[1]
- Across-the-Board-Bewegung (ATB): Die Tilgung muss symmetrisch erfolgen. Wenn ein Element aus einer Koordination elidiert wird, muss dies prinzipiell in allen betroffenen Satzteilen geschehen.[1]
- Identität: Es muss semantische Identität zwischen dem Antezedens und der Lücke bestehen. Im Deutschen müssen zudem Tempus und Modus übereinstimmen; Numerus und Person können hingegen voneinander abweichen.
- Major Constituent Condition (MCC): Teile einer Hauptkonstituente können nicht einzeln gelöscht werden, ohne dass der Satz ungrammatisch wird.[2]
Theoretische Erklärungsansätze
In der Forschung werden verschiedene Modelle zur Erklärung von Gapping diskutiert, die zumeist von einem Tilgungsansatz ausgehen:
- Forward Deletion: Ein rein syntaktischer Ansatz, bei dem identische Bestandteile in nachfolgenden Satzteilen gelöscht werden. Hierbei gilt die Head Condition, nach der eine Ellipse nicht von einem sichtbaren Kopf in ihrem Bereich dominiert werden darf.[3]
- Phonologische Tilgung: Dieser Ansatz verknüpft Syntax mit der Informationsstruktur. Er postuliert, dass Gapping durch die Akzentuierung gesteuert wird: Die Remnants tragen einen Fokus-Akzent (Pitch-Akzent), während die elidierten Informationen im ersten Teil de-akzentuiert sind.[2]
Beispiele
Im folgenden Beispiel wird das Subjekt ausgelassen:
- Hans liest sein Buch und (Hans) raucht eine Zigarre.
In diesem Beispiel wird das Prädikat ausgelassen:
- Hans liest sein Buch, Petra (liest) ihre Zeitschrift.
Siehe auch
Literatur
- John R. Ross: Gapping and the order of constituents. In: Manfred Bierwisch, Karl Erich Heidolph (Hrsg.): Progress in linguistics. Mouton, Den Haag u. a. 1970, S. 249–259 (Ianua linguarum 43, ISSN 0075-3114).
- Caroline Féry, Katharina Hartmann: The focus and prosodic structure of German Right Node Raising and Gapping1. The Linguistic Review 22, 2005, S. 67–114.
- Karin Harbusch, Gerard Kempen: Clausal coordinate ellipsis and its varieties in spoken German: A study with the TüBa-D/S treebank of the Verbmobil corpus. In: Eighth International Workshop on Treebanks and Linguistic Theories. EDUCatt, Milan 2009, S. 83–94 (mpg.de).
- Chris Wilder: Right Node Raising and the LCA. In: Proceedings of WCCFL. Cascadilla Press Somerville MA, 1999, Vol. 18, pp. 586–598.
- John Robert Ross: Constraints on variables in syntax. 1967.