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Garnisonkirche (Berlin)

nicht erhaltenes Kirchengebäude in Berlin From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Garnisonkirche (auch Alte Garnisonkirche genannt) in Berlin war eine evangelische Kirche für die Soldaten der dortigen Garnison in Berlin-Mitte. Die Ruine des im Zweiten Weltkrieg ausgebrannten Bauwerks wurde 1962 beseitigt.

Garnisonkirche Berlin um 1900
Zweite Garnisonkirche, um 1736

Der Sakralbau stand auf dem Areal des heutigen Litfaß-Platzes, der seinen Namen im Januar 2011 im Zusammenhang mit der Bebauung des Hackeschen Quartiers südlich des S-Bahnhofs Hackescher Markt erhielt. Der nordwestlich anschließende Garnisonkirchplatz entstand bereits im August 1999. Zu DDR-Zeiten befand sich auf den abgeräumten Flächen hinter dem damaligen S-Bahnhof Marx-Engels-Platz (seit 1992: Bahnhof Hackescher Markt) ein Sportplatz.

Kirchbauten

Erstes Kirchengebäude 1701 bis 1720

1701–1703 wurde die erste Garnisonkirche in Brandenburg unter König Friedrich I. durch den Baumeister Martin Grünberg gebaut. Die Explosion des Pulverturms am 12. August 1720 zerstörte sie.

Zweites Kirchengebäude 1720 bis 1962

Der zweite Kirchbau folgte 1720–1722 durch den Baumeister Johann Philipp Gerlach. Nun erhielt er keinen Turm mehr, nicht einmal einen Dachreiter. Diese schlichte Erscheinung entsprach dem calvinistischen Herrschaftsverständnis König Friedrich Wilhelms I. Die Kirche wurde in der Folgezeit mehrfach umgebaut und an die Bedürfnisse ihrer Nutzer und der jeweiligen Zeit angepasst, so 1863 von August Stüler. 1873 bettete man 555 Särge aus den Grabgewölben der Kirche um. Die Bergung und Öffnung der Särge hielt Adolph Menzel in einer Serie von Bleistiftzeichnungen mit Leichenporträts fest.

Querschnitt nach dem Umbau Stülers 1863
Wiederaufgebaute Garnisonkirche (rechts), 1910

Nach einer Neugestaltung des Inneren in den Jahren 1899–1900 brannte die Kirche am 13. April 1908 komplett aus. Ursache für die Brandkatastrophe war der defekte überhitzte Motor einer Orgel. Die Wiederherstellung der 2700 Menschen fassenden Kirche erfolgte bis August 1909.

Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gotteshaus bei dem alliierten Luftangriff vom 23. November 1943 nach einem Bombentreffer vollständig aus. Nach dem Krieg wurden die unzerstörten Grüfte mehrfach geplündert. Die Überreste der dort beigesetzten etwa 200 Personen wurden 1949 in 47 Särgen zusammengefasst und in ein Gemeinschaftsgrab auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf im Block Epiphanien, Feld 1a umgebettet. Die Kirchenruine, von der die Außenmauern bis zur Traufhöhe stehengeblieben waren, wurde 1962 abgerissen.

Erhalten ist das Predigerhaus (Frommel-Haus) in der Anna-Louisa-Karsch-Straße (damals: Neue Friedrichstraße) und der Alte Garnisonfriedhof.

Berühmtheit erlangte das in goldenen Buchstaben angebrachte Motto über dem Eingangsportal von 1720: Ein Adler mit NON SOLI CEDIT (lateinisch: Er weicht der Sonne nicht) – der preußische Adler weicht dem Machtanspruch des Sonnenkönigs (Ludwig XIV. von Frankreich) nicht.

Ausstattung

Glocken

Im Kirchengebäude befand sich unter anderem eine Glockenstube mit quadratischem Grundriss (Innenseitenlänge 4,30 m). Diese beherbergte ein zweistimmiges Geläut aus Gussstahl-Glocken, die im Bochumer Verein in den 1890er Jahren gegossen worden waren. Eine Inventarliste der Gießerei enthält folgende Angaben: das Ensemble aus Glocken mit Klöppel, Lager, Achsen und Läutehebel kostete in der Herstellung 2.525 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund 22.000 Euro).[1]

Weitere Informationen Größe, Schlag­ton ...
Glockenplan
GrößeSchlag­tonGewicht
(kg)
Unterer
Durch­messer
(mm)
Höhe
(mm)
Inschrift
größtee112413871225unbekannt
kleinsteg069911701040unbekannt
Schließen
Orgel der Garnisonkirche, 1737

Im Kirchenschiff

Eine Apsis mit hohen Bildfenstern, ein Hochaltar, eine Kanzel sowie eine monumentale Säulenreihe, die das Kreuzrippengewölbe des Hauptschiffes trug, zeichneten den Kirchenraum aus. In den Seitenschiffen befanden sich Logen, über denen Seitengalereien angeordnet waren.[2] Der erste Bau enthielt keine Orgel.

Orgeln

Der zweite Kirchbau erhielt 1724 bis 1726 eine Orgel des Orgelbauers Joachim Wagner. Sie besaß folgende Disposition:

Disposition 1726
I Seitenwerk CD–c3
Quintadena16′
Principal08′
Gedact08′
Salicional08′
Octava04′
Fugara04′
Quinta03′
Octav02′
Waldflöte02′
Sifflöt01′
Scharff V01 1⁄2′
Cimbel III01′
Trompet I–II08′
II Mittel-Clavier CD–c3
Bordun16′
Principal08′
Rohrflöt08′
Viol di gamb08′
Octava04′
Traversiere04′
Spitzfloet04′
Quinta03′
Octav02′
Cornett V (ab c1)
Scharff VI01 1⁄2′
Mixtur IV01′
Fagott16′
III Oberwerk CD–c3
Gedact8′
Quintadena8′
Principal4′
Rohrfloet4′
Nassat3′
Octav2′
Flageolet2′
Tertia1 3⁄5′
Quinta1 1⁄2′
Cimbel IV1′
Vox humana8′
Pedal CD–d1
Principal16′
Violon16′
Octava08′
Gemshorn08′
Quinta06′
Octav04′
Nachthorn04′
Quinta03′
Mixtur VIII02′
Posaun32′
Posaun16′
Trompet08′
Cleron04′

Eine zweite Orgel entstand 1892/93 durch Wilhelm Sauer. Mit 70 Registern auf drei Manualen war sie zum damaligen Zeitpunkt die größte Orgel Berlins und die zweitgrößte von Sauer bis dahin gebaute. Die Traktur war rein pneumatisch. Besonders hervorgehoben wurde die Crescendowalze, die frei einstellbar war: Am oberen Rande des Spieltisches befanden sich 70 den jeweiligen Registern entsprechende Registerknöpfe. Bei Betätigung der Crescendowalze konnten hierdurch gezielt Register abgestellt werden.[3] Die Orgel hatte folgende Disposition:[4]

Disposition 1892
I Manual C–f3
1.Prinzipal16′
2.Bordun16′
3.Prinzipal08′
4.Doppelflöte08′
5.Flûte harmonique08′
6.Viola di Gamba08′
7.Gedackt08′
8.Gemshorn08′
09.Quintatön08′
10.Octave04′
11.Rohrflöte04′
12.Spitzflöte04′
13.Rauschquinte02 2⁄2′
14.Septime und Terz02 2⁄7′ + 3 1⁄5′
15.Mixtur III02′
16.Scharf V02 2⁄3′
17.Cornett III–IV04′
18.Bombarde16′
19.Trompete08′
20.Clarine04′
II Manual C–f3
21.Salicional16′
22.Bordun16′
23.Prinzipal08′
24.Rohrflöte08′
25.Salicional08′
26.Traversflöte08′
27.Dulciana08′
28.Octave04′
29.Gemshorn04′
30.Flauto dolce04′
31.Piccolo02′
32.Rauschquinte02 2⁄3′
33.Mixtur III02′
34.Cornett IV04′
35.Fagott16′
36.Clarinette08′
III Schwellwerk C–f3
37.Geigenprinzipal16′
38.Liebl. Gedackt16′
39.Prinzipal08′
40.Spitzflöte08′
41.Liebl. Gedackt08′
42.Konzertflöte08′
43.Viola di Gamba08′
44.Aeoline08′
45.Voix céleste08′
46.Prästant04′
47.Traversflöte04′
48.Viola04′
49.Nasard02 2⁄3′
50.Flautino02′
51.Mixtur IV02′
52.Trompete08′
53.Oboe08′
Pedal C–d1
54.Contrabass32′
55.Prinzipal16′
56.Violon16′
57.Subbass16′
58.Liebl. Gedackt16′
59.Quintbass10 2⁄3′
60.Octavbass08′
61.Violoncello08′
62.Bassflöte08′
63.Dulciana08′
64.Quinte05 1⁄3′
65.Octave04′
66.Terz03 1⁄5′
67.Contraposaune32′
68.Posaune16′
69.Trompete08′
70.Clarine04′
  • Koppeln: II/I; III/I; III/II; I/P; II/P; III/P.
  • Spielhilfen: Mezzoforte; Forte; Tutti; Rohrwerke; Gamben Stimmen; Flöten Stimmen.

Die nach der Brandkatastrophe 1901 wiedererrichtete Orgel orientierte sich stark an der Disposition von 1892. Die neue Orgel war wie folgt disponiert:[5]

Disposition 1892
I Manual C–f3
1.Prinzipal16′
2.Bordun16′
4.Prinzipal08′
5.Doppelflöte08′
6.Viola di Gamba08′
7.Flûte harmonique08′
8.Gedackt08′
9.Gemshorn08′
10.Quintatön08′
12.Octave04′
13.Rohrflöte04′
14.Spitzflöte04′
16.Oktave02′
17.Rauschquinte02 2⁄2′
18.Mixtur III
19.Scharf V
20.Cornett III–IV04′
3.Bombarde16′
11.Trompete08′
15.Clarine04′
II Manual C–f3
21.Geigenprinzipal16′
22.Bordun16′
23.Prinzipal08′
24.Rohrflöte08′
25.Salicional08′
26.Traversflöte08′
27.Viola d’amour08′
30.Octave04′
31.Gemshorn04′
32.Flauto dolce04′
33.Piccolo02′
34.Rauschquinte02 2⁄3′
35.Mixtur III02′
36.Cornett IV04′
28.Tuba08′
29.Englischhorn08′
III Schwellwerk C–f3
37.Lieblich Gedackt16′
38.Prinzipal08′
39.Spitzflöte08′
40.Liebl. Gedackt08′
41.Konzertflöte08′
42.Schalmei08′
43.Aeoline08′
44.Himmelsstimme08′
45.Quintatön08′
47.Traversflöte04′
48.Viola04′
49.Prästant04′
50.Nasard02 2⁄3′
51.Flautino02′
52.Mixtur IV02′
46.Trompete08′
Pedal C–d1
54.Kontrabass32′
55.Prinzipal16′
56.Violon16′
57.Subbass16′
58.Lieblich Gedackt16′
60.Quintbass10 2⁄3′
61.Octavbass08′
62.Violoncello08′
63.Bassflöte08′
64.Dulciana08′
66.Quinte05 1⁄3′
67.Octave04′
69.Terz03 1⁄5′
70.Groß=Cymbale III
53.Kontraposaune32′
59.Posaune16′
65.Trompete08′
68.Clarine04′
  • Koppeln: II/I; III/I; III/II; I/P; II/P; III/P.
  • Spielhilfen: Mezzoforte, Forte und Fortissimo für je I., II. und III. Manual; Pianissimo, Piano, Mezzoforte, Forte und Fortissimo für das Pedal; Tutti; Rohrwerke; Rollschweller für das ganze Werk; Piano=Pedal mit Auslösung; Druckknopf für das musikalische Beiwerk.

Berliner Garnisonsprediger an der Alten Garnisonkirche

Überreste der Garnisonkirche

Adolph Menzel: Gruft unter der Garni­son­kirche in Berlin, 1873; Bleistift, 23,8 ×33,2 cm. Berlin, Kupferstichkabinett

Im Jahr 1998 fanden Tiefbauarbeiter Reste der nordöstlichen Ecke der Umfassungsmauer und Wände der Gruftanlage. Dann konnten Archäologen auch die Altarplatte der Kirche bergen, die in das Lapidarium des Garnisonfriedhofs gebracht wurde. Die Fundamentreste sind als Bodendenkmale festgelegt und wieder zugeschüttet worden.[10]

Weitere Berliner Garnisonkirchen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden für das stark vergrößerte Heer gebaut:

Siehe auch

Literatur

Kirchengebäude

  • Gisela Berg: Der Alte Berliner Garnisonfriedhof. Hrsg.: Förderverein Alter Berliner Garnisonfriedhof. Haude & Spener, Berlin 1995, ISBN 3-7759-0399-2.
  • Georg Goens: Geschichte der Königlichen Berlinischen Garnisonkirche. Mittler und Sohn, Berlin 1897, 116 Seiten, Digitalisat.
  • Barbara Kündiger, Dieter Weigert: Der Adler weicht der Sonne nicht – 300 Jahre Berliner Garnisonkirche. Quintessenz, Berlin 2004.

Orgel

  • Johann Friedrich Walther: Die, In der Königl. Garnison-Kirche zu Berlin, befindliche Neue Orgel, Wie selbige, Nach ihrer äussern und innern Beschaffenheit erbauet, Mit wenigem beschrieben, Und Nebst einer kurtzen Vorrede, Vom Gebrauch, Kunst und Vortreflichkeit der Orgeln, zum Druck übergeben. Möller, Berlin 1726. Digitalisat
  • Heinrich Reimann: Die neue Orgel in der Berliner Garnison=Kirche. In: Urania. Band 49, Nr. 8, 1892, S. 57 f.
Commons: Garnisonkirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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