Gelbe Sorte
Fernsehfilm
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Gelbe Sorte ist ein deutscher Spielfilm von Robert Bramkamp, der 1987 auf den Tagen des unabhängigen Films Osnabrück uraufgeführt wurde und am 3. März 1987 in der Reihe Das kleine Fernsehspiel im ZDF erstmals im deutschen Fernsehen lief.
| Film | |
| Titel | Gelbe Sorte |
|---|---|
| Produktionsland | Deutschland |
| Originalsprache | Deutsch |
| Erscheinungsjahr | 1987 |
| Länge | 90 Minuten |
| Stab | |
| Regie | Robert Bramkamp |
| Drehbuch | Robert Bramkamp |
| Produktion | Robert Bramkamp Kirsten Ellerbrake Martin Hagemann |
| Musik | Eckart Maas |
| Kamera | Herbert Baumann |
| Schnitt | Robert Bramkamp Martin Hagemann |
| Besetzung | |
| |
Inhalt
Jungbauer Bernd, der den Hof seines kranken Vaters weiterführt, steckt in Schwierigkeiten. Nach einer ernüchternden Kalkulation steht fest: Der Betrieb kann sich höchstens noch drei Monate über Wasser halten. Denn je mehr er produziert, desto größer ist der Verlust. Da kommt Bernds Freund Henry auf eine geniale Idee, wie sich der Hof durch einen raffinierten Subventionsbetrug retten ließe: „Die Nicht-Produktion der Überschüsse darf sich von der Produktion des Bedarfs nicht erkennbar unterscheiden.“ Mit Hilfe einiger Marketing-Spezialisten und eines kooperationsbereiten Kühlhausunternehmers in Rotterdam baut Bernd ein wasserdichtes System auf: Der holländische Geschäftsmann kauft Schweinefleisch, das nur auf dem Papier existiert, lässt es „verschwinden“ und kassiert dafür EG-Subventionen – die er anschließend mit seinem vermeintlichen Lieferanten teilt.
Bernds Freundin, die eine Schauspielkarriere anstrebt, unterstützt ihren Freund: Mit der Reproduktion eines Monet-Gemäldes sucht sie die Landwirtschaftsberatung auf, um herauszufinden, wie hoch das darauf abgebildete Niedriggetreide ist. Von da an züchtet Bernd keine Schweine mehr, sondern (pseudo-)erforscht eine neue Sorte Futtergetreide.
Produktion und Veröffentlichung
Gelbe Sorte entstand als erster abendfüllender Spielfilm Robert Bramkamps in der Filmwerkstatt Münster, einer von damals fünf subventionierten Filmwerkstätten Nordrhein-Westfalens.[1]
Mit dem Thema Landwirtschaft war Bramkamp zuvor bereits durch die Mitarbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Münsterland in Berührung gekommen.[2] Die Filmhandlung nimmt jedoch einen dem Nährstand übergeordneten Aspekt in den Fokus: die EG-Subventionen und ihre Auswirkungen. Bramkamp selbst sagte 2024 in einem Interview gegenüber Georg Seeßlen: „Bei »Gelbe Sorte« wird in drei visuellen Dialekten erzählt: Agrarindustriefilm, B-Picture-Drama und chinesischer Agitprop“[3] – womit er auch auf im Film verwendete dokumentarische Aufnahmen aus der Zeit der chinesischen Kulturrevolution und pseudodokumentarische Spots für die Verbreitung amerikanischer Patentsilos anspielt. Entstanden ist daraus mehr als ein „Agrarkrimi“[2]: kein reiner Experimentalfilm, aber ein „Experiment“[1], beziehungsweise ein „experimenteller“ Film[4][5], eine „elegante Parabel für die Veranschaulichung bestimmter Paradoxien unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung“ – wie es die Westfälischen Nachrichten formulierten.[2]
Der ausschließlich mit Laiendarstellern besetzte Film[5] fand das Interesse des ZDF-Redakteurs Peter Nadermann, der ihn für die Reihe Das kleine Fernsehspiel mit 160 000 Mark finanzieren ließ.[2][6] Zur Senkung der Produktionskosten profitierte der Film zusätzlich von der weitgehenden technischen Autarkie der Filmwerkstatt Münster. Deren Gründer Wolfgang Braden hatte mit dem Kameramann Herbert Baumann einen Bezugsweg zur Filmfabrik Wolfen in der DDR aufgebaut. Dank des kostengünstigen 16-mm-Schwarz-Weiss-Negativfilms ORWO NP 55 konnten in zwei Drehsommern über 120 Rollen Filmmaterial belichtet werden. Dies war auch möglich, weil die Entwicklung und Belichtung der Positive mit von den Gründern selbstkonstruierten Maschinen erfolgte.[7]
Für eine Reihe späterer Filmproduzenten war das Filmprojekt der Einstieg in die Filmbranche: Für die beiden Germanistikstudenten Kirsten Ellerbrake (spätere Leiterin des Filmbüros NW) und Martin Hagemann (Zero Fiction), sowie Thomas Kufus (später Zero one film), bei Gelbe Sorte Aufnahmeleiter und Kameraassistent. Käte Ehrmann (später Produzentin u. a. von Die Unberührbare) ist als Fluglotsin zu sehen.[7]
Gelbe Sorte wurde auf den Tagen des unabhängigen Films Osnabrück 1987 uraufgeführt und am 3. März 1987 im ZDF erstausgestrahlt. Er befindet sich im Verleih der Arsenal Distribution und wurde 2009 mit anderen Filmen Bramkamps in einer DVD-Box herausgegeben.[8]
Rezeption
In der Frankfurter Rundschau hieß es nach der Fernsehausstrahlung: „…jede Sequenz prägte sich ein durch ihre Dichte und Stimmigkeit, was die menschlichen Beziehungen und die Atmosphäre betraf. Viel Originalität war im Spiel, viel Humor, eine ganz offensichtliche Liebe zum Münsterland und ein begründeter Haß auf eine Steuer- und Subventionspolitik, die Monokulturen schafft, landwirtschaftliche Überschüsse sinnlos vernichtet und Arbeitsethos in kriminelle Energie umwandeln kann. Hinsichtlich der Polemik, könnte hier der Dokumentarfilmer Peter Krieg Pate gestanden haben…“[9]
Eva-Maria Lenz meinte in der FAZ: „Mit bitterer Komik führt der Regisseur die europäische Subventionspraxis ad absurdum. [...] Inmitten mancherlei Niveauschwankungen ist die EG-Groteske der witzigste Teil der Collage. Solange de Regisseur bei verblüffenden Spielarten von Bauernfang und Bauernschläue bleibt, überzeugt er. Wenn er hingegen seine Verfremdungseffekte zum Weltbild ausweitet, verzettelt er sich.“[10]
Viele Rezensenten reflektierten über die einmontierten Sequenzen aus der Zeit der chinesischen Kulturrevolution. In den Westfälischen Nachrichten hieß es: „Da bekommt man vorgeführt, wie mit großem Pathos die tägliche Plackerei auf dem Acker zugleich direkt dem Wohl des ganzen Volkes zugute kam. Strahlende, leuchtende Augen vor den ersten Traktoren und Siegesmeldungen über Ernteschlachten. Getanzter Optimismus. Welch Gegenbild zu dem unverhohlenen Mißmut breiter Schichten in den hochentwickelten Industrienationen, wo jeder technische Fortschritt ein Doppelgesicht bekommen hat.“[2] „Das Thema Revolution zieht sich wie ein roter Faden durch den Film“, schrieb Anne Frederiksen in Die Zeit: „Es gibt nicht nur die rote, es gibt auch die ‚blaue Revolution‘, mit der die Einführung überaus funktionaler (kobaltfarbener) Silos amerikanischen Ursprungs gemeint ist. Und es gibt, auf einer weiteren Ebene, Hinweise auf eine dritte Revolution: die der Frauen. Bernds Freundin bereitet sich auf die Schauspielschule vor und deklamiert aus einem Stück, das vom Machtkampf handelt zwischen Mann und Frau: aus Kleists Penthesilea. Ein etwas rätselhaftes Kleines Fernsehspiel, interessant, apart fast, und vor allem außerhalb jeder Kategorie: Agrarpolitik als Filmexperiment.“[1]
Theo Matthies widmete sich 1993 in der Zeitschrift filmwärts der Liebesgeschichte zwischen den Hauptfiguren Bernd und Francis: „Sie wird hier nicht eindeutig aufgelöst, entspricht den ungelösten Problemen einer anderen Ebene des Films. [...] Dokumentarische Bilder von der Chinesischen Kulturrevolution, die aufgenommen werden in einer ‚Nacherzählung‘ mit den beiden Protagonisten. Was in der ‚wirklichen‘ Liebesgeschichte nicht gezeigt wird, findet hier eine aktionsreiche Ergänzung. Die Auseinandersetzung über die unterschiedlichen Ambitionen und Vorstellungen der Protagonisten, die in der Spielfilmhandlung nur in Ansätzen stattfindet, wird hier handfest ausgetragen. Alles gehört zusammen: Es kommt ja auch nicht eben selten vor, daß Konflikte zwischen Mann und Frau auf ‚Nebenschauplätzen‘ ausgetragen werden, die nichts mit der offensichtlichen Problematik zu tun haben.“[11] Die Stuttgarter Zeitung meinte: „Die Freundin des Helden probt den Ausstieg aus vertrauten Abhängigkeitsverhältnissen, scheitert jedoch an der Schwelle zur Schauspielschule. Als dominantes unterschwelliges Thema des Films erweist sich die Angst vor Veränderungen, die vornehmlich als Zerstörungen wahrgenommen werden. Insofern kann Gelbe Sorte durchaus als experimentelles Erstlingswerk gelten, das dem Zeitgeist Tribut zollt, ohne ihm zu huldigen.“[4]
Anlässlich der DVD-Veröffentlichung 2009 konnte Michael Girke Gelbe Sorte im Filmdienst bereits mit späteren Filmen Bramkamps in einen Zusammenhang setzen: „Die Montage mit den China-Bildern mag erweisen: Kühl analysierendes Vorgehen ist der heutigen Zeit angemessener als alles Kopieren Maos. Was wohlgemerkt keine wohlfeile Kritik linken Denkens ist. Bramkamp ist ein Gegner eines jeden Idealismus – schon gar eines Idealismus des Kinos. Weswegen seine Werke immer auch Gegenbilder sind, Auseinandersetzungen mit anderen Filmen und Bildern.“[12]
Annett Busch verortet Bramkamps Gelbe Sorte im Buchband Arnoldshainer Filmgespräche 27 im Jahr 2011 als singulär in der deutschen Kinolandschaft der späten 1980er Jahre. Sie sieht ihn als jemanden, der viel von Straub-Huillet gelernt hat, deren theoretische und politische Strenge jedoch „im Spagat durch Pop“ überführt, das heißt, die intellektuelle Tiefe des Straub’schen Kinos aufnimmt, sie aber durch popkulturelle Elemente – Musik, Ironie und subkulturelle Bezüge – aufbricht und neu vermittelt. Eine weitere Verbindungslinie zieht Busch „zu einem möglicherweise verwandten Paralleluniversum“ des (damals noch unbekannten) Romanschriftstellers Dietmar Dath. Der „sitzt zur selben Zeit in der Provinz weiter im Süden, in einem Dorf bei Freiburg, liest Marx und Science Fiction, hört und spielt Death Metal, schreibt für die Zeitschrift Heaven Sent und arbeitet an einem literarisch narrativen Verfahren, das ihm erlaubt, soziale Erfahrung, linke Politik und Theorie, Naturwissenschaft und Phantastik, Emotion und Ökonomie, Biopolitik und Buffy miteinander zu verschalten.“ Bramkamp und Dath ähnelten einander darin, so Busch, „den Komplexitätsgrad bis zum äußersten zu treiben, aber die populäre Form zu behalten.“[13]
Weblinks
- Gelbe Sorte bei IMDb
- Gelbe Sorte bei filmportal.de
- Gelbe Sorte – Trailer
