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Genius malignus

philosophische Hypothese From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Genius malignus (lat. „böser Geist“) ist in der Philosophie René Descartes’ eine gedankliche Figur, um den Zweifel an der Wahrheitsfähigkeit menschlicher Erkenntnis durch die Vorstellung eines mächtigen, den menschlichen Geist in Gänze täuschenden Wesens auf seine äußerste Spitze hin zu radikalisieren. Insofern gehört sie zur Entstehungsgeschichte des neuzeitlichen Skeptizismus ebenso wie seiner Überwindungsversuche. Der Gedanke des Genius malignus wurzelt in der frühneuzeitlichen Dämonologie[1] sowie in der mystisch-aszetischen Literatur des 16. Jh. (Teresa von Ávila)[2], geht jedoch weit zurück bis in die neutestamentliche Vorstellung von einem teuflischen Wesen als dem "Vater aller Lügen" (Joh. 8,44). Er ist daher nicht nur ein erkenntniskritisches Konzept, sondern auch Ausdruck einer existenziellen Beunruhigung des Menschen über die Möglichkeit seiner totalen Verlorenheit in Manipulation und Illusion. Das verleiht dem Konzept eine innere Beziehung zu aktuellen technologischen wie politischen Dystopien (G. Orwell) zur Deutung totalitärer Propaganda (H. Arendt), aber auch zu Zeitdiagnosen an der Schwelle von Philosophie und Soziologie[3].

Descartes

Für Descartes selbst gehört die Denkfigur des Genius malignus in seinen Versuch einer Begründung der Metaphysik als erster Philosophie und damit als Grundlage von Wissenschaft überhaupt. In der ersten der Meditationes de prima philosophia (1641) entwickelt Descartes eine Stufenfolge von drei Argumenten, durch die sich der menschliche Geist schrittweise von sämtlichen unsicheren Meinungen befreien soll, um gerade so zu einem "ersten Fundament" (AT VII 17) unbezweifelbarer Gewissheit durchzudringen. Bei dieser purificatio mentis (Reinigung des Geistes) bildet die nicht auszuschließende Vorstellung, dass ein "böser", "höchst mächtiger" und "verschlagener" (AT VII 22) Geist den Menschen nicht nur bezüglich der sinnlich erfahrbaren Außenwelt (ihrer Beschaffenheit, ja sogar Existenz und ihrer raumzeitlichen Struktur), sondern auch der mathematischen Erkenntnisse täuschen könnte, die äußerste Infragestellung der Wahrheitsfähigkeit ("Vermögensskeptizismus") des Menschen: Der Genius malignus steht bei Descartes für die Möglichkeit, dass sich Menschen nicht nur (wie in der analogen Argumentation von Thomas von Aquin) bisweilen und über einiges, sondern immer und über alles täuschen können[4]. Er selbst ist nicht Gott, dessen Vollkommenheit als fons veritatis (Quelle der Wahrheit) zwar mit der imperfectio des Getäuschtwerdens (AT VII, 21) auf Seiten des Menschen, aber nicht mit der Möglichkeit seines eigenen betrügerischen Täuschens (deceptio) vereinbar ist (AT VII 42 f.) - ein Argument, das sich inhaltlich berührt mit der platonischen Dichterkritik[5]. Die Fähigkeit zu einer (universalen) Täuschung beweist nach der traditionsbildenden Argumentation bei Augustinus (De civ. dei XVIII, 18) nicht nur die Unvollkommenheit, sondern auch die geringere Macht (Summapotenz) des Genius malignus im Vergleich zur Omnipotenz Gottes, der, gerade weil er keine realen Veränderungen in der Schöpfung bewirken kann, sich darauf beschränken muss, bloße, d.h. ontologisch minderwertige „praestigiae" ("Blendwerke", "Gaukelbilder") bzw. sinnliche oder geistige Illusionen (illusio mentis) in der menschlichen Erkenntniskraft zu erzeugen. Ob und inwieweit damit die Zurechnungsfähigkeit von solcherart verführten Menschen für ihre Taten beeinträchtigt ist, war ein kontroverses Thema in den Diskussionen um die Hexenverfolgung, die Descartes gekannt haben dürfte und auf die er terminologisch wie argumentativ zurückgreift[6].

20. Jahrhundert

Jenseits der engeren Descartes-Philologie (Gueroult, Gouhier, Wilson, Gregory) und unabhängig von der Foucault–Derrida-Kontroverse zum Problem von Wahnsinn und Vernunft kommt es zur Wiederentdeckung des Genius malignus in der Philosophie des 20. Jahrhunderts durch das Gehirn-im-Tank-Argument (engl. „brain in a vat“), zunächst von David Malet Armstrong und John Jamieson Carswell Smart ohne skeptische Absicht formuliert, nach dem das Bewusstsein, die res cogitans, auch aus einem Gehirn bestehen könne, das sich die Wirklichkeit selbst vorspiegele. Das Gehirn-im-Tank-Argument wurde schließlich von Gilbert Harman zur These des generellen Skeptizismus geführt, nach der es nicht möglich ist zu entscheiden, ob Wissen (in seiner allgemeinen Form) überhaupt möglich sei.

Keith Lehrer wandelte das Denkmodell ab, indem er den Genius malignus durch „Googols“, böse Außerirdische, ersetzte.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Gehirn-im-Tank-Problem liefert Hilary Putnam. Dabei entwickelt er starke semantische Argumente gegen die meisten klassischen Varianten der Gehirn-im-Tank-Hypothese. Putnam zufolge kann man also wissen, dass man kein Gehirn in einem Tank ist.

Siehe auch

Literatur

  • Robert Spaemann: Genius malignus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 3. Schwabe, Basel 1974, S. 309–310.
  • Hilary Putnam: Repräsentation und Realität (Representation and reality). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-58090-6

Einzelnachweise

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