Geograph von Ravenna

anonymer Autor einer frühmittelalterlichen Erdbeschreibung From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Geograph von Ravenna bezeichnet man den anonymen Verfasser einer frühmittelalterlichen Erdbeschreibung (Cosmographia), die heute überwiegend in das frühe 9. Jahrhundert datiert wird.

Als Entstehungsort des Werkes gilt allgemein Ravenna. Dafür spricht, dass der Verfasser die Stadt ungewöhnlich häufig erwähnt (1,17; 4,31; 4,36; 5,1; 14),[1] sie ausdrücklich als seine Heimat bezeichnet (4,31) und den Periplus der Mittelmeerküsten sowohl mit Ravenna beginnen als auch enden lässt (5,1; 14). Die zahlreichen theologischen Exkurse und Reflexionen, die insbesondere im ersten Buch hervortreten, werden gemeinhin als Hinweis darauf gewertet, dass der Autor dem Klerus angehörte (cf. 1,6–7; 14). In der Einleitung richtet er sein Werk an einen nicht näher bekannten Odo oder Odocarus (1,1,2; 13,4), der ihn zur Abfassung angeregt habe.[2]

Die Datierung der Cosmographia war lange umstritten. Während die ältere Forschung ihre Entstehung teilweise bereits gegen Ende des 7. Jahrhunderts ansetzte,[3] sprechen jüngere Untersuchungen, welche die Benützung fränkischer Quellen, darunter der bis zum Jahr 809 reichenden und 829 abgeschlossenen Reichsannalen, nachgewiesen haben, für eine Abfassung im frühen 9. Jahrhundert. Auch die Bemerkung, die Elbe bilde bereits seit längerer Zeit die Ostgrenze des Frankenreiches (1,11), setzt den Abschluss der Sachsenkriege Karls des Großen (772–804/5) voraus. Gegen eine Entstehung nach dem 9. Jahrhundert wird eingewendet, dass zwar die Normannen erwähnt werden (1,11; 4,13), mit den Sarazenen und Ungarn die prägenden Hauptgegner der abendländischen Christenheit im 10. Jahrhundert aber fehlen.[4]

Der Ravennate greift auf eine Vielzahl kaiserzeitlicher, spätantiker und frühmittelalterlicher Quellen zurück, von denen er jedoch nur einen Teil ausdrücklich nennt. Demgegenüber führt er zahlreiche Autoren an, die nur bei ihm überliefert sind und mindestens überwiegend als fiktiv gelten müssen. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass sich hinter den fiktiven Quellen Namen bekannte Autoren wie Plinius, Pomponius Mela, Orosius, Jordanes oder Isidor verbergen.[5] Darüber hinaus verarbeitete der Ravennat offenbar auch griechische und möglicherweise gotische Quellen.[6]

Die erste kritische Edition auf der Grundlage einer Kollation sämtlicher Handschriften veröffentlichten Moritz Pinder und Gustav Parthey 1860;[7] sie begründete die moderne wissenschaftliche Erforschung des Werkes.[8]

Anmerkungen

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