Georg Melchior von Ludolf

deutscher Rechtswissenschaftler und Assessor am Reichskammergericht zu Wetzlar From Wikipedia, the free encyclopedia

Georg Melchior Ludolf, ab 1712 von Ludolf (* 2. März 1667 in Erfurt; † 1. Februar 1740 in Wetzlar; auch Ludolph), war ein deutscher Jurist und Assessor (Richter) am Reichskammergericht in Wetzlar von 1711 bis zu seinem Tod.

Georg Melchior von Ludolf

Familie

Die Eltern von Georg Melchior Ludolf waren Georg Heinrich Ludolf (1619?–1669), zuletzt kurmainzer Regierungsrat und Mitglied des Rates der Stadt Erfurt, und Martha Benigna, geborene Schmid(t) († 1681). Auch sie stammte aus einer lutherischen Erfurter Ratsherrenfamilie.[1] Heinrich Wilhelm Ludolf war ein Halbbruder von Georg Melchior Ludolf.[2]

Georg Melchior Ludolf heiratete 1694 Sophia Dorothea Faligken (Faulicke) (1668–1740?). Bis zu ihrer Heirat war sie Kammerjungfrau von Herzogin Sophie Charlotte von Sachsen-Eisenach, geborener Prinzessin von Württemberg.[3] Aus der Ehe gingen vier Töchter hervor[4], darunter Wilhelmina Henrietta (1696–1724), Mitglied des Damenstifts Verden. Ihre Eltern setzen ihr ein Epitaph im Wetzlarer Dom.[5]

Ausbildung

Zunächst erhielt Georg Melchior Ludolf Privatunterricht. Eine erste Immatrikulation an der Universität Erfurt erfolgte bereits 1672 – Georg Melchior Ludolf war gerade 5 Jahre alt! 1681/82 studierte er dort Rechtswissenschaft, was er bis 1685 an der Universität Jena fortsetzte. Dort war einer seiner Lehrer Nikolaus Christoph Freiherr von Lyncker, der sein interesse am Staatsrecht weckte.[6] Er verließ die Universität ohne formalen Abschluss, was im 18. Jahrhundert durchaus üblich war. Seine Promotion erfolgte erst im Zuge des Zulassungsverfahrens als Assessor am Reichskammergericht 1710 durch die Universität Jena.[7]

Wirken

Anfänge und Eisenach

Nach Ende seines Studiums 1685 ging Georg Melchior Ludolf als Sekretär mit seinem Oheim, dem herzoglich sächsisch-eisenachischen obersten Geheimen Rat Johann Jacob Schmidt, nach Wien. Nach dessen Rückkehr nach Eisenach blieb er ohne Dienstverhältnis zunächst bis 1688 in dessen Haus. 1688 bis 1691 war er Sekretär eines römisch-katholisch gewordenen Herzogs von Holstein, mit dem er wieder nach Wien und weiter bis Niš reiste, wo unter Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden im Rahmen der Türkenkriege eine Schlacht stattfand. Ab 1690 nahm er die Interessen seines Dienstherren am Kaiserhof wahr. 1691 wechselte er in den Dienst des Herzogs Johann Wilhelm Sachsen-Eisenach, der damals als Militär und Regimentsinhaber in den Diensten der Vereinigten Niederlande stand. 1692 wechselte er erneut, diesmal in die Dienste des älteren Bruders seines bisherigen Dienstherren, des regierenden Herzogs Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach. Für ihn war er sowohl Geheimer Sekretär in der Regierungskanzlei als auch Kabinettsekretär. 1697 wechselte er als Hof- und Regierungsrat wieder in die Dienste Johann Wilhelms von Sachsen-Eisenach. Der wiederum beerbte seinen verstorbenen Bruder im Folgejahr. Georg Melchior Ludolf wurde nun Hof- und Regierungsrat in Eisenach, war mehrfach mit Gesandtschaften beauftragt und rückte im Hofrat bis auf den zweiten Platz nach dem Präsidenten auf, den er oft vertrat.[8] Weiter unterrichtete er einen ausgewählten Kreis von Söhnen aus der Eisenacher Oberschicht in Philosophie und Rechtswissenschaft.[9]

Reichskammergericht

1710 verstarb Joachim Andreas von Bernstorff (1629–1710), der seit 1664 die Assessorenstelle innehatte, deren Besetzung der Obersächsische Reichskreis vorschlug. Der Obersächsische Reichskreis konnte theoretisch die Besetzung von vier Assessorenstellen vorschlagen. Da allerdings das Reichskammergericht notorisch unterfinanziert war, reichten die Mittel immer nur zur Besoldung eines seitens des Obersächsischen Reichskreises Vorgeschlagenen aus. Innerhalb des Obersächsischen Reichskreises entfiel das Vorschlagsrecht turnusgemäß auf Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach. Allerdings hatte Kurbrandenburg – das unstrittig am Vorschlagsrecht des Obersächsischen Kreises beteiligt war – zu einem früheren Zeitpunkt auf die Präsentation eines Kandidaten verzichtet und erklärte nun, das nachholen zu wollen. So präsentierte Sachsen Eisenach Georg Melchior Ludolf, Brandenburg aber Friedrich Wilhelm Posadowsky. Das Reichskammergericht ließ beide für die Prüfung zu, hielt beide auch für geeignet. Da der Vorschlag für Georg Melchior Ludolf zuerst beim Gericht eingegangen war, entschied es sich, diesen in das Richterkollegium aufzunehmen.[10] Am 15. Juli 1711 leistete er seinen Amtseid.[11] Auch in Wetzlar erteilte Georg Melchior Ludolf weiterhin Unterricht in den Rechtswissenschaften, nun auch Praktikanten am Reichskammergericht.

1719 bildete Georg Melchior Ludolf zusammen mit seinem Kollegen Philipp Friedrich Dresanus eine Delegation des Reichskammergerichts an den Immerwährenden Reichstag, um eine Reform der Finanzierung des Gerichts zu erreichen. Letztendlich waren sie erfolgreich: Die im Westfälischen Frieden festgesetzte – aber wegen Unterfinanzierung nie erreichte – Zahl von 50 Assessoeren wurde auf 25 reduziert, die Gehälter der Richter dafür im Gegenzug verdoppelt und der Kammerzieler um das 3,5-fache erhöht.[12]

1722 wechselte Georg Melchior Ludolf auf die kurpfälzische Assesorenstelle im Reichskammergericht. Hintergrund war auf seiner Seite, dass dies eine im Protokoll ranghöhere Assessorenstelle war – der Rang der Assessorenstellen richtete sich nach dem Rang der Präsentierenden Fürsten in der Rangordnung des Reiches. Der Pfälzer Kurfürst hatte ein Interesse daran, die von ihm zu besetzende Stelle schnell und reibungslos zu besetzen. Bei einem schon amtierenden Assessor entfiel das aufwändige Prüfungsverfahren und die der Finanznot des Gerichts geschuldete, manchmal recht langen Wartezeit, vor der Aufnahme eines Richters in das Gericht.[13] Die kurpfälzische Assessorenstelle hatte Georg Melchior Ludolf bis zu seinem Tod inne.

Ehrungen

Kaiser Karl VI. erhob Georg Melchior Ludolf am 4. Januar 1712 in Frankfurt am Main, mit dem Prädikat „von“ in den Reichsritterstand.[14]

Literatur

Werke

De iure camerali commentatio systemica, Frankfurt am Main bei Johann Maximilian von Sande, 1719, Reichskammergerichtsmuseum Wetzlar

Georg Melchior Ludolf gehört im 18. Jahrhundert zusammen mit Johann Ulrich von Cramer und Johann Heinrich von Harpprecht zu den produktivsten Autoren unter den Assessoren des Reichskammergerichts.[15] Dabei behandelte er eine ganze Zahl von Themen, die das Reichskammergericht betrafen: Verfahren, Zuständigkeiten, Finanzierung, Personalverfassung und Urteilssammlungen. In der Regel schrieb er in Latein. Seine schriftstellerische Tätigkeit ging dabei auch manchmal zu Lasten seiner Tätigkeit als Richter. In Corpus juris cameralis, zuerst 1717 erschienen, dann in 2., veränderte Auflage 1724 erneut, stellte er alle seit 1495 verabschiedeten, das Reichskammergericht betreffenden Rechtsgrundlagen zusammen, die Kammergerichtsordnungen, Reichstagsabschiede, die Texte des Westfälischen Friedens, Visitationsabschiede und -memorialien und weiteres.[16]

Werke (Auswahl)
  • Der Expedite Referendarius, oder: Anleitung, wie man Gerichtliche Acten mit Nutzen lesen, geschickt excerpiren, und verständig referiren soll. Denen neu angehenden Juris Practicis auch theils in Judiciis versirenden Personen zum Besten ans Licht gestellet. Frankfurt und Leipzig 1725; Neuauflagen: Wetzlar 1739, 1765.
  • Discurs von gegenwärtigem Reichs-Tag Zu Regenspurg. Bielcke, Jena 1696.
  • De introductione iuris primogeniturae tractatus Nomico politicus. Bielk, Jena 1703[Anm. 1], Neuauflage 1711.
  • Als Herausgeber und zusammen mit anderen Autoren: Electa Juris Publici. Worinnen Die Vornehmsten Staats-Affairen in Europa, Besonders in Teutsch-Land, aus bewährtesten Actis Publicis, mit Beyfügung der Schreiben, Memorialien, Conclusorum, Informationen, Responsorum, Kriegs- und Friedens-Sachen In Forma oder durch accuraten Extract recensiret werden. Officina Publica, 1709–1725.
  • Electa juris publici, Teil 1 1709 (weitere Auflagen: 1711, 1718), Teil 2, 1710.
  • De Jure foeminarum illustrium, Jena 1711 (Dissertation).
  • Dissertatio Inauguralis Juridica, De Jure Foeminarum Illvstrivm Inauguraldissertation vom 15. Juli 1710. Jena 1710.
  • Delineatio juris cameralis brevis et perspicua, 1711; als Commentatio systematica de jure camerali vermehrt 1719; durch Johann Jacob von Zwierlein erweitert 1741.
  • De jure foeminarum illustrium, tractatus nomicopoliticus ad jura Germaniae potissimum accommodatus, cum appendice documentorum, exemplorum et formularum quibus argumentum non leviter illustratur. Johann Felix Bielcke, Jena 1711.
  • Juris Cameralis Delineatio. Brevis & perspicua ex fontibus legum publicarum & recessus visitationis novissimae concinnata. Sand, Frankfurt am Main 1714.
  • Rerum in Augusto judicio camerali decisarum collectio nova. Continens Sententias Potiores Judicii Cameralis ab Anno M D LXXXVIII. usque ad Annum M D C LXXXVIII. ... Cum summa unicuique sententiæ præfixa nec non Indice duplici locupletissimo & Praefatione. Sande, Frankfurt am Main 1715.
  • Corpus juris cameralis, 1717. 2. Veränderte Auflage 1724.
  • De iure camerali commentatio systematica. Sande, Frankfurt am Main 1719; weitere Auflage: De iure camerali commentatio systematica ... Cui praeter auctaria XX accessere catalogus privilegiorum de non appellando plenior et historia cameralis iudicii. Sande, Frankfurt am Main 1730.
  • Catalogus privilegiorum S.R. Imperii electorum, principum et statuum: das ist: Kurtzer Begriff aller des Heil. Röm. Reichs Chur-Fürsten, Fürsten und Stände Privilegien de non appellando und was denenselben anhängig. Sand, Frankfurt am Main 1719.[Anm. 2]* Compendieuse Beschreibung Eines Reichs-Tags, Wie er Im Heil. Römischen Reich gehalten wird. Nebst einer accuraten Verzeichnis aller Stände des Reichs und ihrer Abgeordneten, die sich vom Anfang des noch währenden Reichs-Tags bis jetzo auf demselben legitimirt. Samt denen zehn Strophen schematis hodierni alternantium im Fürstlichen Collegio. So viel es erlaubt gewesen Aus denen Reichs-Tags-Actis gezogen, übrigens aber aus selbst eigener Erfahrung aufgezeichnet. Neue Buchhandlung, Halle 1720.
  • Schlendrianus, celebris practicorum magister. Köln 1720; deutschsprachige Ausgabe: Schlendrianus, der berühmte Lehrer derer Practicorum, in einem kurtzen Schediasmate denen in Gerichten neu-angehenden Practicis recommendirt. Köln 1721.
  • Historia sustentationis judicii supremi camerae imperialis, das ist: Gründlicher Unterricht von dem Unterhalt des kayserlichen und Reichs-Cammer-Gerichts, von dessen Aufrichtung durch Kaiser Maximilian I. bis auf Carl V. J. M. v. Sand, Frankfurt 1721.
  • De jure camerali commentatio systematica ex fontibus legum publicarum et recessus visitationis novissimae concinnata. Sand, Frankfurt am Main 1722.
  • Historia sustentationis judicii supremi camerae imperialis. Gründlicher Unterricht Von dem Unterhalt des Kayserl. und Reichs Cammer-Gerichts ... J. M. Sand, Frankfurt am Main 1722.
  • Variarum Observationum Forensium Liber. Winckler, Wetzlar 1730–1738.
  • Symphorema consultationum et decisionum forensium. Accessere symphoremata alia duo sententiarum augusti judicii cameralis recentiorum maximeque notabilium, et Miscellaneorum juris publici quae ad forensia negotia pertinent rariorum ... cum argumentis materiarum, indicibus et praefatione. Andreae & Hort, Frankfurt am Main 1731; weitere Auflage 1739.
  • Variae observationes forenses Teil I 1735, Teil II. 1732, Teil III. 1734.
  • Collectio quorundam statuorum provinciarum et urbium Germaniae. Winckler, Wetzlar 1734.
  • Symphorema consultationum et decisionum forensium etc. etc., Vol. I, 1731. Vol. II, 1734. Vol. III, 1739.
  • Modestini et Pomponii in Colloquiis familiaribus de statu Cameralis Judicii in Imperio Supremi ad Ordinat. Cam. Partis Primæ Titulos potiores Meditationes Acroamatic. Winckler, Wetzlar 1735.
  • Vitae viri perillustris G. M. de Ludolf etc ab ipso scripta. Edidit etc. Heumannus, Göttingen 1740.
  • De Iure Camerali Commentatio Systematica, Ex Fontibus Legum Publicarum Et Recessus Visitationis Novissimæ Concinnata, Cum Appendice Vario Utilissimo, Indice Locupletissimo Præfationibusque Necessariis. Accesserunt Præterea Auctaria XXI. Catalogus Privilegiorum De Non Appellando Plenior ... Nec Non Catalogus Personarum Collegii Ad Præsens Usque Tempus, Editio Novissima ... Nec Non Discursu Præliminari, Scriptores Iuris Cameralis, à B. Mauritio Et Deckherro Omissos, Sistente. Neuauflage. Winckler, Wetzlar 1741.
  • Auserlesene Anmerkungen ueber das Concept der Cammer-Gerichtsordnung. Gießen 1753.
  • Catalogus personarum Collegii Cameralis ab anno MDCLIV. usque ad mensem Decembris anni MDCCLXIV cum continuatione usque ad mensem Decembris anni MDCCLXIV. 2. Auflage. Sand, Frankfurt am Main 1765.
Auf Ludolf beruht
  • Christoph August Heumann (Hg.): Vita Georgii Melchioris De Ludolf, Archidicasterii Imperilais Camaerae Assessoris Autobiografie von Georg Melchior Ludolf.

Sekundärliteratur

Anmerkungen

  1. Erscheinungsjahr auch mit 1733 angegeben.
  2. Als Erscheinungsjahr wird auch 1722 angegeben.

Einzelnachweise

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