Georgetown Set
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Der Begriff Georgetown Set bezeichnet einen informellen Zirkel einflussreicher US-Außenpolitiker, Geheimdienstler, Journalisten und Akademiker im Washington D.C. der Nachkriegszeit. Diese Gruppe von „Cold Warriors“ war in Georgetown (einem wohlhabenden Stadtteil Washingtons) beheimatet und traf sich regelmäßig zu gesellschaftlichen Abenden, die oft zu politischen Diskussionen führten. Entstanden in den späten 1940er Jahren, dominierte das Georgetown-Set etwa bis Mitte der 1970er Jahre den außenpolitischen Diskurs der USA im Kalten Krieg. Henry Kissinger beschrieb den Einfluss der Gruppe mit den folgenden Worten; „Die Hand, die den Georgetown Martini mixt, ist oft auch die Hand, die das Schicksal der westlichen Welt lenkt.“[1]
Geschichte
Von Gregg Herken wurde der Ursprung des Georgetown Set auf das Jahr 1926 datiert, als der spätere US-Außenminister Dean Acheson ein Haus in Georgetown erwarb. Noch in den 1930er Jahren galt die amerikanische Hauptstadt ein „politisches Dorf, dem eine eigene Intelligenzija fehlte“.[2] Dies änderte sich schließlich, als mehr außenpolitische Entscheidungsträger nach Georgetown zogen und sich gegenseitig vernetzten.[1]
Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich in Washington D.C. ein Kern von liberalen Antikommunisten, meist Angehörige der Ostküsten-Elite oder Akademiker, die in der Demokratischen Partei engagiert waren. Sie reagierten auf die Bedrohung durch die Sowjetunion (etwa nach dem Atombombentest 1949 und dem Sputnik-Schock 1957) mit einer harten außenpolitischen Haltung. Wie Kritiker bemerkten, waren die „Georgetowner“ typische liberal Democrats, die zu Hause progressive Ziele verfolgten, sich gegen innenpolitische Extremisten wandten und gleichzeitig einen kompromisslosen Kurs gegenüber der UdSSR unterstützten.[3] Sie lehnten jedoch den Antikommunismus der McCarthy-Ära ab, den sie als vulgär empfanden.[4]
Wesentlichen Anteil an der Netzwerkbildung hatten ehemalige Offiziere des Geheimdienstes OSS, die nach Kriegsende bei Gründung der CIA 1947 eine zentrale Rolle spielten. So rekrutierte der Außenpolitik-Stratege George Kennan 1948 den früheren OSS-Agenten Frank Wisner als ersten Leiter der CIA-Abteilung für verdeckte Operationen („Office of Policy Coordination“, OPC).[5] Andere Gründungsfiguren waren etwa der CIA-Hintergrundstratege Allen Dulles (später CIA-Direktor) und weitere ehemalige OSS-Mitarbeiter. Das Zusammenkommen dieser Kreise wurde von vielen als Teil einer „Salonpolitik“ betrachtet.[6]
Ab 1945 traf sich die Gruppe regelmäßig zu Sonntags-Dinnern und Empfängen in Georgetown. Über fast drei Jahrzehnte, von 1945 bis etwa 1974, kamen die einflussreichen Gastgeber und Gäste abends zusammen, um „die drängenden Fragen des Tages“ zu debattieren. In diesen Salons wurden außenpolitische Leitlinien diskutiert, oft bei Cocktails und Dinner. Dieser Brauch wurde mit dem Schlagwort „Salonisma“ umschrieben, weil hier informell Politik gemacht wurde. Wie Phil Graham, Herausgeber der Washington Post, es formulierte, waren die Abendessen „eine Form der Regierung per Einladung“.[7]
Das Georgetown-Set erreichte seine Blüte vor allem in den 1950er und 1960er Jahren. Zentrales Element waren die berühmten Sonntags-„Zoo-Partys“ im Haus des Kolumnisten Joseph Alsop (2720 Dumbarton Avenue). Zu den Gästen gehörten regelmäßig Senatoren, Botschafter, Richter, CIA-Offizielle und prominente Journalisten beider Parteien. Bei diesen Zusammenkünften spielte man z. B. Schach oder hörte Orchesterplatten, debattierte in alkoholgetränkten Nächten aber auch intensiv über die zentralen Herausforderungen des Kalten Krieges, von der Containment-Strategie gegenüber der Sowjetunion über McCarthyismus und Wettrüsten bis hin zu Schlagzeilen wie dem Raketenrückstand (Missile Gap) gegenüber der UdSSR und schließlich dem Vietnamkrieg.[7]
Mitglieder des Georgetown Set wie Dulles oder Wisner waren als Lobbygruppe entscheidend an der Gründung der CIA beteiligt und nahmen danach entscheidenden Einfluss auf ihre Führungsebene, wobei häufig Mitglieder des Georgetown Sets in die CIA rekrutiert wurden. Auf den Treffen in Georgetown wurde häufig über die sensibelsten CIA-Operationen des Kalten Krieges gesprochen, darunter auch über Regierungsumstürze im Ausland.[4] Die Gruppe spielte auch eine Schlüsselrolle in der Operation Mockingbird der CIA zur Beeinflussung der Medien. Mithilfe von Philip Graham (dem Kopf der Operation) konnte die CIA wichtige Pressehäuser infiltrieren und die Berichterstattung zu ihren Gunsten beeinflussen.[8]
Die Gruppe hatte einige Geheimnisse. So wurde Alsop ab 1957 vom KGB mit seiner Homosexualität erpresst und später versuchte auch FBI-Direktor J. Edgar Hoover erfolglos Alsop damit zu erpressen.[7] Obwohl er mit dem KGB in Kontakt stand, blieb Alsop jedoch ein Antikommunist.[4] Die in Georgetown gepflegten engen Kontakte spiegelten sich darin, dass US-Präsident John F. Kennedy mit dem Kreis verbandelt war: Er war häufiger Gast bei Joe Alsop (zum Beispiel an seinem Inaugurationsabend 1961) und befreundet mit Phil Graham. Das Netzwerk begleitete so den Verlauf von Ereignissen wie der Kubakrise, bei der Kennedy Botschafter Charles „Chip“ Bohlen unterrichtete, während die anwesenden Journalisten meist wohlwollend berichteten.[1]
Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre zerbrach das Gefüge zum Teil an inneren Widersprüchen. Der Vietnamkrieg spaltete die Gemeinschaft: Einige, etwa Alsop, blieben energische Kriegsbefürworter, was sie in der Öffentlichkeit diskreditierte. Tatsächlich endete 1974 im Zuge des Vietnam-Niedergangs auch Alsops Kolumne in der Herald Tribune und symbolisch die Ära des Georgetown Sets.[7] Zudem ereigneten sich persönliche Tragödien: Philip Graham beging 1963 Selbstmord und Frank Wisner 1965, Mary Pinchot Meyer (Ex-Ehefrau von CIA-Mann Cord Meyer) wurde 1964 ermordet, wobei ihr Tod mit Verschwörungstheorien zum Kennedy-Attentat in Verbindung gebracht wurde. Andere Mitglieder wie Stewart Alsop litten an schweren psychischen Problemen und starben in den 1970er Jahren.[7][4][2]
Bis Mitte der 1970er Jahre war das informelle Netzwerk faktisch aufgelöst; Kommentatoren stellten fest, dass Debatten in Washington seitdem weniger in privaten Salons als in parteigebundenen Think-Tanks stattfinden.[7]
Einfluss
Das Georgetown Set prägte sowohl die Struktur als auch die Ausrichtung der US-Außenpolitik im Kalten Krieg. Viele seiner Angehörigen waren Mitbegründer oder frühe Mitarbeiter der CIA und trugen eine konfrontative, antikommunistische Linie mit. Die Georgetown-Gruppe unterstützte hauptsächlich die Kandidaten der Demokratischen Partei wie Harry Truman (1948) und Adlai Stevenson (1952 und 1956). Ihr wurde auch Einfluss auf die Besetzung der Kennedy-Administration zugeschrieben, u. a. dass Lyndon B. Johnson Kennedys Vize wurde. Als „Hauptfeind“ des liberalen Georgetown Set fungierte die Gruppe um Senator Joseph McCarthy und FBI-Chef J. Edgar Hoover, der die vom Georgetown Set beeinflusste CIA als „Kommunisten-Sinkloch“ ansah und das OPC als „Wisners Bande von Spinnern“ bezeichnete. Er versuchte schließlich kompromittierende Informationen über die Mitglieder der Gruppe zu erlangen, wurde jedoch schließlich zum Opfer einer negativen Pressekampagne, welche vom Georgetown Set ausging.[8]
Auch in den Medien selbst hatte die Georgetown-Gruppe großen Einfluss. An der Spitze stand die Washington Post unter Philip und Katharine Graham. Nach Philip Grahams Tod 1963 übernahm Katharine das Blatt und blieb dem Netzwerk eng verbunden. Medienkritiker weisen darauf hin, dass die Post und die Alsops bis weit in die 1960er Jahre hinein die Regierungspolitik unterstützten, zum Beispiel die Eskalation in Vietnam, und so an Unabhängigkeit einbüßten. Gregg Herken etwa betont, dass diese „Vertrautheit“ mit Machtpolitik dazu führte, dass manche Leitmedien mehrere Kriegsfehler nicht kritisch begleiteten.[9] Neben den Zeitungen pflegte das Georgetown-Set Beziehungen zu Think-Tanks und Universitäten, vor allem im Raum Washington und an der Ostküste. Viele Mitglieder waren auch in Beratungsgremien aktiv (z. B. Council on Foreign Relations) oder hatten Lehraufträge. Insgesamt trugen sie so dazu bei, dass wissenschaftliche Institute und Medien in den USA eng mit der Politik verknüpft wurden.
Mitglieder
Das Georgetown-Set umfasste zahlreiche prominente Persönlichkeiten der US-Politik, Geheimdienste und Presse. Wichtige Mitglieder waren unter anderem:
- Dean Acheson (1893–1971), Politiker und US-Außenminister[8]
- Joseph Alsop (1906–1989), einflussreicher politischer Kolumnist. Er schrieb mit seinem Bruder Stewart die landesweit verbreitete Kolumne „Matter of Fact“[8]
- Stewart Alsop (1914–1974), jüngerer Bruder Josephs und Co-Autor der „Matter of Fact“-Kolumne[8]
- James Jesus Angleton (1917–1987), Geheimdienstoffizier, langjähriger Chef der Spionageabwehrabteilung der CIA[8]
- Tom Braden (1917–2009), Journalist und Geheimdienstagent, CNN-Moderator[8]
- Ben Bradlee (1921–2014), damaliger Chefredakteur der Washington Post. Er lebte als Nachbar der Alsops in Georgetown, war mit der Kennedy-Familie befreundet und blieb dem Kreis verbunden[9]
- Charles „Chip“ Bohlen (1904–1974), Karrierediplomat und mehrmaliger US-Botschafter in der Sowjetunion und in Frankreich[2]
- John Sherman Cooper (1901–1991), Politiker der Republikanischen Partei, US-Botschafter in der DDR und Mitglied der Warren-Kommission[8]
- Allen Welsh Dulles (1893–1969), Geheimdienstoffizier des OSS und später der CIA, Direktor der CIA (1953–1961), Mitglied der Warren-Kommission[6]
- Felix Frankfurter (1882–1965), Jurist und Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten[8]
- Philip L. Graham (1915–1963), Verleger der Washington Post (1946–1963)[8]
- Katharine (Kay) Graham (1917–2001), Verlegerin der Washington Post (1963–1979), übernahm nach Philip Grahams Tod die Führung des Verlags und war eng in die Salonrunden eingebunden[8]
- Averell Harriman (1891–1986), prominenter Demokrat, war Botschafter in der Sowjetunion, Handelsminister und Gouverneur des Staats New York
- Richard Helms (1913–2002), Geheimdienstfunktionär und Direktor der CIA (1966–1973)[8]
- George F. Kennan (1904–2005), Diplomat und Architekt der Containment-Doktrin[8]
- John F. Kennedy (1917–1963), Politiker und Präsident der Vereinigten Staaten (1961–1963)[6]
- Jacqueline Kennedy Onassis (1929–1994), Journalistin und First Lady der Vereinigten Staaten (1961–1963)[6]
- Henry A. Kissinger (1923–2023), Nationaler Sicherheitsberater und später Außenminister; obwohl er erst spät dazu stieß, wurde er dem Set zugerechnet (besonders in den 1960er Jahren)[6]
- Paul H. Nitze (1907–2004), Staatssekretär im Verteidigungsministerium und später Berater; ein wichtiger strategischer Denker im Kalten Krieg und gelegentlich Gast im Kreis[6]
- Cord Meyer (1920–2001), Marineoffizier und CIA-Agent, Leiter der Weltföderalisten
- Mary Pinchot Meyer (1920–1964), Malerin und mehrere Jahre die Geliebte von John F. Kennedy[4]
- John Jay McCloy (1895–1989), Jurist und Politiker, Präsident der Weltbank, Hochkommissar in Deutschland, Vorsitzender der Chase Manhattan Bank und Mitglied der Warren-Kommission[8]
- Walt Whitman Rostow (1916–2003), Ökonom, Wirtschaftshistoriker und Nationaler Sicherheitsberater unter Lyndon B. Johnson[8]
- Arthur M. Schlesinger Jr. (1917–2007), Historiker und Berater mehrerer Präsidenten (u. a. Kennedy)
- Frank G. Wisner (1909–1965), US-Geheimdienstoffizier (früher OSS) und erster Leiter des CIA-Geheimdienstbereichs OPC[4]
Literatur
- Gregg Herken: The Georgetown Set: Friends and Rivals in Cold War Washington. Knopf Doubleday Publishing Group, 2015, ISBN 978-0-307-45634-2 (englisch).