Gerd Bergmann
Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus
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Gerd Bergmann (* 3. November 1928 in Großrudestedt; † 14. November 2011) war ein deutscher Jurist, Eisenacher Heimatforscher, Autor und Mitglied der Widerstandsgruppe um Jochen Bock. Im Jahr 1992 war er Mitbegründer des Eisenacher Geschichtsvereins.[1][2]
Leben
Quellenlage
Die Quellen zu Bergmanns Leben sind vor allem seine eigenen Erinnerungsberichte und Lebensläufe. Des Weiteren schilderte er in einem Roman die Ereignisse im Jahr 1943. Quellen zu seinem Leben sind auch Zeitzeugenberichte, Prozessakten und Fotografien. Unter den fünf Gruppenmitgliedern um Jochen Bock weiß man über Bergmanns Leben am meisten.[3]
Herkunft und frühe Jahre
Gerd Bergmann war der ältere von zwei Söhnen des Textilkaufmanns bzw. gelernten Schneiders Albert Bergmann und Ida, geborener Knabe. Seit ihrer Kindheit wurden die zwei Brüder auf den Kaufmannsberuf vorbereitet.[4]
1934 bis 1942 ging Bergmann auf die Volksschule in Großrudestedt.[4] Im Jahr 1938 wurde er Mitglied des Deutschen Jungvolks, wurde später auch Teil der Hitlerjugend. Anfangs sei er „ruhig und zurückhaltend“[2] gewesen. Ostern 1942 begann er, an der Handelsschule in Erfurt zu studieren[2] und pendelte täglich zwischen seiner Heimatstadt und Erfurt.[4] Seine Leistungen waren laut der Stellungnahme seines Klassenlehrers Albrecht Schulz vor der Gestapo im September 1943 durchschnittlich, sein Betragen einwandfrei. Das von Schulz gezeichnete Bild des zurückhaltenden und unauffälligen Schülers könnte auch zu Bergmanns Entlastung gezeichnet worden sein und trug womöglich zu einem letztendlich milden Urteil bei.[5]
Kennenlernen mit Jochen Bock
Zur selben Zeit lernte er Jochen Bock kennen, den Gründer einer Widerstandsgruppe gegen Adolf Hitler. Nach Bergmanns autobiographischen Schilderungen freundete er sich mit Bock, Joachim Nerke und Karl Metzner an und vermutete, dass sie etwas vor ihm verheimlichen würden und erfuhr schließlich von den Flugblättern. Er versprach Geheimhaltung, bat aber um Bedenkzeit, weil sein Vater Offizier bei der Wehrmacht gewesen sei. Die Gestapo-Ermittlungen stellen das Geschehen umgekehrt dar: Bock sei auf Bergmann zugegangen.[6]
Laut Anklageschrift drohte Bergmann mehrmals Bock, der ihn zum Einstieg überreden wollte, bei der Gestapo zu verraten, auch einen Streit mit Bock kurz vor dem Eintritt in die Gruppe soll es gegeben haben. Bergmann sei außerdem ein Mitläufer gewesen. Das scheint aber ein verzerrtes Bild seitens der NS-Behörden zu sein: Seinen eigenen Aufzeichnungen zufolge war Bergmanns Entscheidung zum Beitritt in die Widerstandsgruppe gewissenhaft überlegt und schließlich mutig getroffen worden. In der vorherigen Vernehmung habe er außerdem angegeben, um weitere Mitglieder zum Eintritt in die Gruppe zu bewegen versucht zu haben.[7]
Seinem Empfinden nach war die Nazi-Ideologie verlogen und der Krieg längst verloren, dennoch hatten ihn zunächst Zweifel aufgrund des „Verrat[s] an meinem Volk“[8] und Angst vor Entdeckung der Aktion geplagt.[8]
Untersuchungshaft und Kriegsgefangenschaft
Am 16. September 1943 wurde Bergmann verhaftet, weil er Flugblätter abgeschrieben und um neue Mitglieder geworben haben soll. Neun Monate verbrachte er dann in Untersuchungshaft im Gefängnis an der Andreasstraße. Am 2. Juni 1944 wurde Bergmann von einem Richter Kessler zu 6 Monaten Jugendgefängnis verurteilt. Aufgrund seiner bereits abgesessenen Untersuchungshaft wurde er am gleichen Tag im Jahr 1944 entlassen. Bergmans Vater, der im Raum Fulda-Marburg stationiert war, hatte den Richter im Offiziers-Casino in Marburg vor der Abschlussverhandlung abgepasst und ein gutes Wort für seinen Sohn eingelegt. Darin sah Gerd Bergmann die Milde seines Urteils begründet.[1][2][9]
Für kurze Zeit arbeitete er als kaufmännischer Lehrling bei Messinger & Co in Erfurt, wurde dann noch im Jahr 1945 in die Wehrmacht eingezogen und geriet schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wobei er knapp drei Monate in Bad Kreuznach verbrachte.[2][10]
Politisches Engagement nach dem Krieg und akademische Laufbahn
Anschließend wurde er in seine Heimat entlassen und als Verfolgter des Naziregimes anerkannt. Seine Lehre nahm er wieder auf, beendete sie aber nicht.[10]
1945 schloss er sich der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, später der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).[2]
Während seines Abiturs, das er im Jahr 1948 abschloss, verfasste er im Jahr 1947 den Roman Freiheitskämpfer, der jedoch nicht veröffentlicht wurde.[2] Er studierte dann Jura und wurde Rechtsanwalt in Eisenach.[1] In den Jahren 1955 bis 1957 absolvierte er seine Promotion an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.[11]
Tätigkeit und Engagement als Heimatforscher
Neben seinem Beruf forschte Bergmann in der Heimatgeschichte Eisenachs und veröffentlichte hunderte Beiträge, darunter auch einige Monographien. Nach Angaben des Eisenacher Geschichtsvereins haben einige dieser Veröffentlichungen den Ruf, ein Standardwerk für spezielle Abteilungen der Geschichte Eisenachs zu sein.[1]
1984 gründete er in der Gesellschaft für Heimatgeschichte im Kulturbund der DDR die Arbeitsgemeinschaft Geschichte Eisenachs, die öffentliche Vorträge und Exkursionen an bestimmte Orte organisierte. Nachdem der Kulturbund der DDR nach der Wende aufgelöst worden war, gründete Bergmann im Jahr 1992 mit anderen den Eisenacher Geschichtsverein und hatte maßgeblichen Anteil an dessen Entwicklung.[1]
Im Jahr 1997 zog sich Bergmann aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand zurück, blieb mit dem Verein, dessen Vorsitzender er war, aber eng verbunden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er weiterhin als Anwalt gearbeitet. Er starb am 12. Oktober 2011.[1]
Publikationen (Auswahl)
- Der Jugendliche als Subjekt des Verbrechens. Jena 1955. (Dissertation)
- Die Entstehung der Stadt Eisenach. Kreiskomitee zur Erforschung d. Geschichte d. Örtl. Arbeiterbewegung (Verlag) 1979.
- Eisenacher Münzen. Kreiskomitee zur Erforschung d. Geschichte d. Örtl. Arbeiterbewegung (Verlag) 1982.
- Kommunalbewegung und innerstädtische Kämpfe im mittelalterlichen Eisenach. Kreiskomitee zur Erforschung d. Geschichte d. Örtl. Arbeiterbewegung (Verlag) 1987.
- Eisenacher Strassennamen. Eisenach-Information (Verlag) 1990.
- Straßen und Burgen um Eisenach. MFB Verlagsgesellschaft, Eisenach 1993.
- Ältere Geschichte Eisenachs – von den Anfängen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Eisenacher Geschichtsverein 1994.
- Schicksal der Eisenacher Juden. In: Beiträge zur Geschichte jüdischen Lebens in Thüringen. Jena 1996, S. 163–168.
- Eisenacher Eisenbahngeschichte. 150 Jahre Eisenbahn in Eisenach. Eisenacher Geschichtsverein 1997.
Literatur
- „Er war eigentlich ein ruhiger Schüler“ – Gerd Bergmann (1928–2011) in: Jochen Voit, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (bd. Hrsg.): Christiane Kuller, Annegret Schüle: Nieder mit Hitler! Der Widerstand der Erfurter Handelsschüler um Jochen Bock. Erfurt 2016. S. 99–110.
Weblinks
- Rainer Beichler, Reinhold Brunner, Eisenacher Geschichtsverein: Nachruf auf Dr. Gerd Bergmann auf eisenachonline.de. 13. Oktober 2011.
- Stiftung Ettersberg: Gerd Bergmann auf nieder-mit-hitler.de. Kurzbiografien.