Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Brasilien

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Die Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Brasilien wird von einer – im internationalen Vergleich – früh beginnenden liberalen Gesetzgebung zur Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben geprägt, der aber eine verhältnismäßig geringe gesellschaftliche Akzeptanz und eine hohe Zahl gewalttätiger Übergriffe gegenüberstehen.

Brasilien

Geschichte

Vorkoloniale Zeit

Es gibt viele Hinweise darauf, dass Homosexualität und weitere von der frühneuzeitlichen Hetero-Norm abweichende sexuelle Verhaltensweisen bei – zumindest Teilen – der indigenen Bevölkerung im Gebiet des späteren Brasilien gelebt wurden[1], ein von der portugiesischen Kolonialmacht als „Sodomie“ eingestuftes Verhalten. Es gibt Berichte sowohl über männliche als auch weibliche Homosexualität.[2] Entsprechende Berichte aus dem 16. Jahrhundert liegen für die Tupinambás und die Tupinaés vor.[3] Zu den Guaycurú gibt es Berichte über geschlechtlichen Rollentausch: Cudinas, kastrierte Männer, kleideten sich als Frauen und übten ausschließlich der Weiblichen Geschlechterrolle zugeordnete Aufgaben aus. Bei den Bororo zogen sich die jungen Männer in ein Männerhaus zurück, das Frauen nicht betreten durften, und übten dort auch gleichgeschlechtlichen Sex aus.[4] Für die Coerunas sind medizinische Praktiken bezeugt, die auch Analverkehr einschlossen.[5] Entsprechende Praktiken sind auch im Lehrer-Schüler-Verhältnis von Schamaneen bekannt.[6]

Kolonialzeit

Titelblatt der Ordenações Filipinas von 1603

Auch europäische Siedler begannen solche Praktiken zu leben.[7] Die Kolonialverwaltung und die römisch-katholische Kirche versuchten, dem entgegen zu wirken, Verordnungen gegen die Sodomie wurden erlassen, behördlich dagegen vorgegangen.[8] Ab 1603 galten die Ordenações Filipinas, eine umfassende Gesetzessammlung, die König Philipp II. (Spanien) / Philipp I. (Portugal) erlassen hatte. Die Ordenações Filipinas verboten jedwelche von der heterosexuellen Norm abweichende sexuelle Handlungen als „Sodomie“, ebenso das Tragen von Kleidung, die Geschlechterrollen in Frage stellte. Art. 13 des fünften Buches[Anm. 1] der Ordenações Filipinas bestimmte: Jede Person, welchen Standes sie auch sei, die die Sünde der Sodomie begeht, soll verbrannt und durch das Feuer zu Asche gemacht werden, sodass keinerlei Erinnerung an ihren Körper oder ihr Grab bestehen bleibt. Sämtliche Güter werden zugunsten der Krone eingezogen, auch wenn sie Nachkommen hinterlässt. Ebenso werden ihre Kinder und Enkel ehrlos, wie diejenigen, die das Verbrechen der Majestätsbeleidigung begehen.[9]

19. und 20. Jahrhundert

Mit der Lösung des Kaiserreichs Brasilien vom Königreich Portugal 1822 ging auch die rechtliche Verselbständigung einher. So erhielt Brasilien am 16. Dezember 1830 ein neues Strafgesetzbuch Código Criminal do Império do Brasil, das 1831 in Kraft trat. Es war für seine Zeit sehr fortschrittlich und richtete sich nach den Modellen des französischen Code pénal von 1810 und dem im Wesentlichen von Paul Johann Anselm von Feuerbach gestalteten Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern von 1813. Beide Gesetzbücher kennen eine Strafbarkeit homosexueller Handlungen nicht. Homosexuelle Handlungen sind in Brasilien somit seit 1831 straffrei, auch wenn kirchliche Moral und Vorurteile weiter in der Gesellschaft verankert waren.

Marta Suplicy (2024) brachte als Abgeordnete 1995 erstmals einen Gesetzentwurf ein, der gleichgeschlechtliche Verpartnerungen ermöglichen sollte.

1979 forderten Aktivistinnen und Aktivisten bei einem der ersten Treffen homosexueller Gruppen in Rio de Janeiro, den Schutz der sexuellen Orientierung in die Bundesverfassung aufzunehmen, organisierten Kampagnen, die die Forderung unterstützen, Homosexualität aus dem Katalog der Krankheiten zu streichen und organisierten landesweite Treffen homosexueller Gruppen. 1985 strich der Conselho Federal de Medicina (Bundesärzterat Brasiliens) Homosexualität aus dem Verzeichnis psychischer Störungen.[10]

Anlässlich der Beratungen zur brasilianischen Bundesverfassung von 1988 gab es auch den Antrag, den Begriff „sexuelle Orientierung“ in Artikel 3 Absatz IV aufzunehmen, der das Wohl aller Menschen ohne Diskriminierung gewährleisten sollte. Der Vorschlag wurde jedoch von der Mehrheit der Verfassungsgebenden Versammlung abgelehnt. Von den 559 Abgeordneten des Nationalkongresses stimmten 429 – also mehr als drei Viertel – dagegen.[11]

1995 brachte die Abgeordnete Marta Suplicy ein Gesetz im Kongress ein, das eine Verpartnerung auch gleichgeschlechtlicher Paare ermöglichen sollte. Das Vorhaben wurde im parlamentarischen Verfahren mehr als ein Jahrzehnt verschleppt.[12] Viele der darin vorgesehenen Rechte queere Menschen wurden in dieser Zeit aber durch höchstrichterliche Urteile gewährt. So entschied das Oberste Bundesgericht Brasiliens (Supremo Tribunal Federal) am 5. Mai 2011, dass gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als Familie anzuerkennen und als eheähnliche Lebensgemeinschaften zu behandeln seien.[13] Das Gericht überholte damit die parlamentarische Initiative von 171 Abgeordnete und Senatoren unter Führung des Sozialisten Jean Wyllys, dem ersten offen schwulen Parlamentarier des Landes, vom Frühjahr 2011 zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.[14] Infolge der Gerichtsentscheidung beantragten zahlreiche gleichgeschlechtliche Paare die Umwandlung ihrer eheähnlichen Lebensgemeinschaft in eine Ehe und der Oberste Gerichtshof (Superior Tribunal de Justiça) entschied im Verfahren eines gleichgeschlechtlichen Paars, das sie das Recht hatten, die Eheschließung unmittelbar zu beantragen – die Ehe zwischen Personen gleichen Geschlechts wurde zunehmend Realität. Dies führte zu unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen Bundesstaaten, was wiederum den Nationalen Justizrat (Conselho Nacional de Justiça) veranlasste, eine einheitliche Regelung zu schaffen. Er erließ mit einer Mehrheit von 14 zu 1 Stimmen am 14. Mai 2013 die Resolution Nr. 175 (veröffentlicht am 15. Mai 2013), die nun die Eheschließung zwischen Personen gleichen Geschlechts endgültig für rechtmäßig erklärte.[15][16]

Rechtliche Lage

Strafrecht

Homosexuelle Handlungen sind in Brasilien bereits seit 1831 kein Straftatbestand mehr.

Zivilrecht

2010 bewilligte der Oberste Gerichtshof die Adoption zweier Kinder durch ein lesbisches Paar, ein Präzedenzfall.[17]

Seit Januar 2011 erhalten auch Einzelpersonen und gleichgeschlechtliche Paare Zugang zur künstlichen Befruchtung.[18]

Antidiskriminierungsgesetze

Die Verfassung der Bundesstaaten Mato Grosso und Sergipe von 1989 verbieten Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Seit 2003 gilt dies auch in 73 Kommunalgesetzen, darunter auch in São Paulo und Rio de Janeiro, sowie in drei weiteren Bundesstaatsverfassungen. In Rio wurde dies im Mai 2000 durch ein Gesetz ergänzt, wonach zum Beispiel Hotels, Restaurants und Bars bei benachteiligender Behandlung homosexueller Gäste mit einer Geldstrafe von bis zu 7.000 US-Dollar bestraft und bis zu einem Monat geschlossen werden können.[19]

2004 wurde das Regierungsprogramm Brasil sem Homofobia („Brasilien ohne Homophobie“) ins Leben gerufen. Ziel war die ressortübergreifende Koordinierung staatlicher Maßnahmen gegen Homophobie. Vertreter der Verwaltung, Fachleute und Aktivisten wirkten daran mit.[20] Im Dezember 2010 beschloss die brasilianische Regierung, dass gleichgeschlechtliche Paare landesweit die gleiche Hinterbliebenenversorgung erhalten wie heterosexuelle Paare.[21]

Im Mai 2019 urteilte das oberste Gericht, dass Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen mit einer Haftstrafe von ein bis fünf Jahren bestraft werden kann.[22]

2024 traten Bestimmungen in Kraft, die Mobbing aufgrund der sexuellen Identität an Schulen verhindern sollen.[23]

Rechtliche Regelungen für Transpersonen

Seit 2018 legt die betroffene Person selbst fest, unter welchem Geschlecht sie amtlich geführt wird.[24]

Ehe und Partnerschaft

Supremo Tribunal Federal do Brasi. Das Gericht öffnete die Verpartnerung auch für gleichgeschlechtliche Paare.
Supremo Tribunal Federal do Brasi. Das Gericht öffnete die Verpartnerung auch für gleichgeschlechtliche Paare.
Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare in Südamerika
Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare in Südamerika

In Brasilien besteht neben einer Ehe nach Artikel 1.723 des brasilianischen Zivilgesetzbuches auch eine eheähnliche Lebensgemeinschaft. Bis 2011 konnte die Vorschrift nur auf heterosexuelle Verbindungen angewandt werden. Am 5. Mai 2011 entschied das Oberste Bundesgericht Brasiliens (Supremo Tribunal Federal), dass auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als eheähnliche Lebensgemeinschaften zu behandeln seien.[25]

Der Nationale Justizrat (Conselho Nacional de Justiça) erließ am 14. Mai 2013 seine Resolution Nr. 175 (veröffentlicht am 15. Mai 2013), die eine Eheschließung zwischen Personen gleichen Geschlechts für rechtmäßig erklärte.[26]

Soziale Lage

Allgemeingesellschaftlich

Während die rechtliche Situation in Brasilien für queere Menschen im internationalen Vergleich als besonders fortschrittlich gilt, ist die gesellschaftliche Toleranz sehr gering, was sich besonders in der hohen Anzahl gewalttätiger Übergriffe zeigt. Homophobie ist in Brasilien ein verbreitetes und anhaltendes Problem. In Brasilien werden immer wieder homophobe Vorfälle registriert, viele mit Gewalt verbunden. 169 Morde an queeren Menschen aufgrund ihrer Sexualität fanden 1999 statt. Laut einem Bericht von Amnesty International wurden 2002 126 Homosexuelle ermordet.

Die Gewalt gegen queere Menschen besteht auch weiter: Die Beobachtungsstelle der „Bahia Gay Group“ verzeichnete im Jahr 2024 291 gewaltsame Todesfälle queerer Menschen. Darüber hinaus registrierte der Nationale Verband der Transvestiten und Transsexuellen im selben Jahr mehr als 100 Morde mit Opfern aus diesem Personenkreis. Brasilien liegt damit weltweit an vorderster Stelle hinsichtlich der Gewalt gegen Homosexuelle, Transvestiten und Transsexuelle. Da die Zahlen der Morde einer Statistik der Grupo Gay da Bahia entnommen wurden, die wiederum lediglich auf der Sammlung von Presseberichten basiert, ist von einer weitaus höheren Gewaltrate auszugehen.[27]

Das Auswärtige Amt dagegen formuliert in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen zu Brasilien: „Es gibt keine Hinweise auf besondere Schwierigkeiten; die Akzeptanz [von LSBT-Personen] ist insbesondere in Großstädten gut ausgeprägt“.[28]

Auch unterhalb dieser Schwelle von Gewaltkriminalität gegen queere Menschen findet häufig Diskriminierung aufgrund sexueller Identität statt.

Queere Selbsthilfe-Organisationen

Queere Demonstration vor dem Nationalkongress in Brasilia

Widerstand gegen die Diskriminierung homosexueller Menschen ist seit den 1960er Jahren erkennbar und gewann insbesondere ab den 1970er Jahren an Bedeutung. Mit der Militärdiktatur in den 1960er- und 1970er-Jahren gewannen Studenten- und zivilgesellschaftliche Bewegungen an Bedeutung darunter auch homosexuelle wie Somos – Grupo de Afirmação Homossexual in São Paulo.[29] Sie wurde 1983 aufgelöst.

1995 wurde die Associação Brasileira de Gays, Lésbicas, Bissexuais, Travestis e Transexuais (ABGLT) als Dachverband gegründet. Sie entwickelte sich zum größten queeren Netzwerk mit rund 200 Mitgliedsorganisationen und gilt als das größte Netzwerk dieser Art in Lateinamerika.[30]

Religion und geschlechtliche Vielfalt

Widerstand gegen die Rechte queerer Menschen kommt vor allem von evangelikalen Kirchen.

Kultur

Beleuchtung des Nationalkongresses anlässlich des Pride
Parada do Orgulho GLBT de São Paulo, 2012

Pride

Pride-Paraden werden in zahlreichen Städten Brasiliens gefeiert, 2007 waren es rund 300. Die Parada do Orgulho GLBT de São Paulo ist die größte und fand erstmals am 28. Juni 1997 mit 2000 Teilnehmern statt[31] In den Folgejahren steigerten sich die Besucherzahlen zeitweise auf bis zu drei Millionen.[32]

Film und Fernsehen

1963 spielten Vida Alves und Georgia Gomide in der Serie TV de Vanguarda im Fernsehkanal Rede Tupi die Schulleiterinnen eines Internats für Mädchen und küssten sich am Ende der Geschichte. Es war der erste gleichgeschlechtliche Kuss in der Fernsehgeschichte Brasiliens. Erst 1990 zeigte der Sender Rede Manchete in der Miniserie Mãe de Santo erstmals in Brasilien einen Kuss zwischen zwei Männern. Das stieß jedoch auf breite Ablehnung in der Öffentlichkeit und der Autor musste das Paar beim Einsturz des Einkaufszentrums, in dem die Handlung spielte, ums Leben kommen lassen.

1968 brachte die Seifenoper As Professorinhas von RecordTV erstmals eine homosexuelle Protagonistin, Helena, auf den Bildschirm. Sie war eine der fünf Hauptfiguren der Handlung und lebte darin mit einer anderen Frau zusammen. Allerdings wurde das Privatleben keiner dieser Hauptfiguren gezeigt, weil die Serie nur ihren Berufsalltag zum Thema hatte.[33]

Ab den 1980er Jahren erschienen homosexuelle Figuren, häufig in Seifenopern, allerdings in Nebenrollen und stereotyper Darstellung.[34]

Literatur

Anmerkungen

  1. Das Fünfte Buch der Ordenações Filipinas enthält das Strafrecht.

Einzelnachweise

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