Giorgio Perlasca
italienischer Faschist und Retter tausender Juden in Budapest (1910–1992)
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Giorgio Perlasca (* 31. Januar 1910 in Como, Italien; † 15. August 1992 in Padua, Italien) war ein italienischer Geschäftsmann. Obwohl er ursprünglich Faschist gewesen war, rettete er in den Jahren 1944/45 in Budapest 5.500 bis 8.300 Juden als getarnter spanischer Botschafter vor der Deportation.[1][2]

Faschistische Jugend
Perlasca wandte sich bereits als Schüler dem frühen Faschismus eines Gabriele D’Annunzio zu. Er wurde deshalb für ein Jahr von allen Schulen Italiens ausgeschlossen. Er meldete sich 1935 als Freiwilliger für den völkerrechtswidrigen Abessinienfeldzug und ging 1936 nach Spanien, um den Aufstand unter Franco gegen die spanische Republik zu unterstützen, wo er bis 1939 als Artillerist tätig war (der Spanische Bürgerkrieg wurde vom NS-Regime und von Mussolini unterstützt und endete im April 1939 mit dem Sieg Francos, der sich danach zum Diktator („Caudillo“) entwickelte).
Entfremdung
Zunehmend entfremdete sich Perlasca vom Faschismus mussolinischer Prägung. Er war mit den 1938 verkündeten italienischen Rassengesetzen nicht einverstanden. Auch fand er es unverständlich, dass Italien in ein Bündnis – die „Achse Berlin-Rom“ – mit dem nationalsozialistischen Deutschland getreten war, obwohl Italien Deutschland und Österreich-Ungarn noch im Ersten Weltkrieg als Feind in blutigen Schlachten bekämpft hatte.
In Budapest
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges war Giorgio Perlasca als Angestellter einer Triester Konservenfabrik mit dem Import von Rindern aus dem Balkan beauftragt. Zunächst war er in Jugoslawien, ab Ende 1942 in Ungarn tätig. Perlasca verbrachte in dem kosmopolitischen Budapest eine sehr vergnügliche Zeit und schloss viele Freundschaften.
Nach Bekanntgabe des Waffenstillstandes zwischen Italien und den alliierten Streitkräften am 8. September 1943 schlug sich Perlasca auf die Seite von Badoglio und des italienischen Königs, während der offizielle italienische Botschafter sich Mussolinis „Republik von Salò“ anschloss.
Im Staat der Pfeilkreuzler
Mit dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn im März 1944, in welchen Admiral Horthy, das ungarische Staatsoberhaupt, auf persönlichen Druck Hitlers hatte einwilligen müssen, war auch Perlascas Situation prekär geworden. Um sich einer drohenden Verhaftung zu entziehen, wandte er sich an die spanische Botschaft. In Anerkennung seiner Verdienste im spanischen Bürgerkrieg hatte er nämlich eine Bescheinigung erhalten: „Lieber Kamerad, in welchem Teil der Welt du dich auch befinden mögest, wende dich an Spanien“. Der spanische Botschafter Ángel Sanz Briz gewährte ihm deshalb Unterkunft in einer von Spanien angemieteten Villa mit extraterritorialem Status. Als er jedoch keine Möglichkeit sah, nach Süditalien – dem von den alliierten Streitkräften bereits zurückeroberten Gebiet – zu gelangen, stellte sich Perlasca den ungarischen Behörden und ließ sich mit Diplomatenstatus internieren. Die im Internierungslager Kékes verbrachte Zeit behielt er in angenehmer Erinnerung. Da er befürchtete, wie die von den Deutschen in Italien internierten italienischen Staatsangehörigen behandelt und nach Deutschland deportiert zu werden, begab er sich am 13. Oktober 1944 mit Genehmigung des ungarischen Innenministeriums nach Budapest und tauchte dort unter.
Ungarn hatte zwar schon 1938 antisemitische Gesetze erlassen, die jedoch bei weitem nicht mit der Entrechtung durch die deutschen Gesetze vergleichbar waren. Auch spätere, in Öffentlichkeit und Parlament durchaus umstrittene Verschlechterungen der rechtlichen Lage der jüdischen Bevölkerung, wobei der Begriff des Juden rassisch, nicht religiös verstanden wurde, hatten nicht verhindern können, dass Budapest bis zum Einmarsch der Deutschen März 1944 die letzte Kapitale Europas im Einflussbereich des Deutschen Reiches war, in der die Synagogen noch ungehindert aufgesucht werden konnten.
Im März 1944 marschierte das Sondereinsatzkommando Eichmann in einer Kolonne von 1,6 km Länge in Budapest ein. Dies war ein öffentlich gemeintes Signal, welches Schicksal die Juden erwarten sollte. Adolf Eichmann teilte das Land in Bezirke ein und ließ vom 14. Mai bis am 8. Juli 437.400 ungarische Juden hauptsächlich nach Auschwitz deportieren. Dort wurden sie unmittelbar selektiert und ungefähr 90 % von ihnen durch Vergasung ermordet. Am 7. Juli 1944 ordnete der ungarische Staatschef Admiral Horthy unter dem Druck des Auslandes, insbesondere aber auch, weil die russische Armee bereits an den Grenzen Ungarns stand, den Stopp der Vernichtungsaktion an. Danach blieben nur noch die 230.000 Juden Budapests übrig. Erst am 16. Januar 1945 konnten die sowjetischen Truppen Budapest befreien. Dank Einsatz mutiger Diplomaten der neutralen Staaten und weiteren Personen überlebten ungefähr 120.000 jüdische Bewohner der Stadt[3] den zu Ende gegangenen Terror der deutschen Besetzer und der ungarischen Pfeilkreuzler.[4]
Jorge Perlasca
Perlasca hatte bereits während seiner Tätigkeit in Belgrad die Deportation der dortigen Juden beobachten können. Ihre sichere Ermordung in den Vernichtungslagern war allgemein bekannt. Nach der von den Deutschen am 16. Oktober 1944 erzwungenen Abdankung Admiral Horthys und der Installierung des faschistischen Regimes der Pfeilkreuzler unter dem „Volksführer“ und Ministerpräsidenten Ferenc Szálasi begannen Eichmanns Untergebene auch in Budapest ihr Vernichtungswerk. Perlasca war überglücklich, als er vom spanischen Botschafter, der ihm gleichzeitig einen spanischen Pass aushändigte, mit der Versorgung der von Spanien geschützten Häuser betraut wurde. Giorgio Perlasca, der 1936 in Spanien ein perfektes Spanisch erlernt hatte, hieß fortan Jorge Perlasca.
Die spanische Botschaft hatte, wie auch Botschaften anderer neutraler Länder, insbesondere Schwedens, aber auch der Schweiz, Portugals und des Vatikans einer kleineren Anzahl von Juden so genannte Schutzpässe ausgestellt, mit der Begründung, es handele sich um Nachfahren der 1492 aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden, und, weil sie nicht anders vor Eichmanns Kommandos und den Pfeilkreuzlern zu schützen waren, in angemieteten Häusern untergebracht. Die Zahl der Schützlinge wuchs ständig.
Perlasca war zunehmend auf eigene Faust tätig, intervenierte persönlich bei Mitgliedern der ungarischen Regierung gegen rechtswidrige Übergriffe, suchte regelmäßig den Güterbahnhof auf, von dem täglich Juden in Viehwagons zur Vergasung abtransportiert wurden, und konnte so in Einzelfällen Juden noch vor dem Abtransport retten. Seine Hauptaufgabe war es jedoch, täglich die Häuser aufzusuchen, in denen die „spanischen Juden“ untergebracht waren und durch seine Präsenz als offizieller Abgesandter der Botschaft Übergriffe der SS-Kommandos und der ungarischen Behörden sowie der Pfeilkreuzler, die sich mit dem Nahen der Roten Armee zunehmend radikalisierten, zu verhindern.
Als spanischer Botschafter
Ende November 1944 war der spanische Botschafter Ángel Sanz Briz der Meinung, das Spiel mit den ungarischen Behörden, im Gegenzug zur vage in Aussicht gestellten Anerkennung des Regimes die Rettung vieler Juden zu tolerieren, nicht weiter fortsetzen zu können. Zu einer derartigen diplomatischen Anerkennung war er nämlich nicht befugt. Er bot Perlasca an, ihm in die Schweiz nachzufolgen.
Perlasca entschloss sich, wohl auch aus privaten Gründen, in Budapest zu bleiben. Am nächsten Tag inspizierte er wie gewohnt die unter spanischer Hoheit stehenden Häuser. Die ungarische Regierung hatte jedoch Kenntnis von der Abreise des spanischen Botschafters erlangt und dies als Abbruch der diplomatischen Beziehungen verstanden. Sie hatte sich deshalb entschlossen, die Häuser, in welchen tausende „spanischer“ Juden in drangvoller Enge untergebracht waren, zu räumen. Perlasca verhinderte dies, in dem er wahrheitswidrig behauptete, Ángel Sanz Briz habe ihn für die Zeit seiner Abwesenheit zum Stellvertretenden Botschafter ernannt. Diese Lüge fand bei den ungarischen Behörden Glauben, die ihn als Botschafter akkreditierten.
Die ungarische Regierung glaubte, über Perlasca in Verhandlungen mit den West-Alliierten treten zu können und bei ihnen gegen die kurz vor Budapest stehenden Russen Unterstützung zu finden. Außerdem hatten die auf ungarischer Seite handelnden maßgeblichen Personen die Hoffnung, im Falle des drohenden Zusammenbruchs, in dem ihnen geistesverwandten faschistischen Spanien Zuflucht finden zu können.
Dies ermöglichte ihm, wie auch den übrigen Botschaften der neutralen Länder, eine hektische, stets gefährdete Tätigkeit zugunsten der unter ihren Schutz gestellten Juden. Vom 1. Dezember 1944 bis zum 16. Januar 1945, als die Rote Armee auch in den Stadtteil Budapests einmarschierte, in dem sich die spanische Botschaft befand, gelang es Perlasca, als amtierender Botschafter unter häufigem Einsatz seines Lebens und mutigen Dazwischenschreitens 5.500 bis 8.300 Juden der sicheren Ermordung zu entreißen.[5] Insgesamt haben in den Botschaften der neutralen Länder, deren Dependancen und gemieteten Häusern 25.000 Juden bis 60.000 Juden überlebt. Aufgrund erschwerter Quellenlage unterscheiden sich die Zahlen erheblich.[6]
Nach dem Krieg und Ehrungen
Nach seiner Rückkehr aus Ungarn berichtete Perlasca durchaus von seinen Erlebnissen. Auch übersandte er der spanischen Regierung einen umfassenden Bericht, den diese, ohne allerdings die Verdienste Perlascas zu erwähnen, zur eigenen Rehabilitierung als Beschützer der Juden verwandte. Spanien war daran interessiert, sich in eine vorteilhafte Position gegenüber den USA zu bringen, um möglichst von derer Unterstützung profitieren zu können.[7]
In Italien schenkten weder der christdemokratische Politiker Alcide De Gasperi noch der Präsident der Liberalen Partei Pella Forti Perlascas Berichten Beachtung. Auch die regionale Zeitung interessierte sich hierfür nicht. Perlascas wirtschaftliche Lebensumstände waren in der Nachkriegszeit prekär.
Seine Taten fanden auf die Initiative geretteter Juden hin erst 1987 den Weg in die Öffentlichkeit. Danach wurden ihm unzählige Ehrungen zuteil, so die höchsten staatlichen Ehren von Schweden, Spanien und Ungarn.[8] 1989 durfte er als einer der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem einen Baum pflanzen. Im Jahr 1992, kurz vor seinem Tod, konnte er im teilweise dokumentarischen Film Perlasca von Nina Gladitz seine eigene Person darstellen.[9]
Motive
Auf die Frage, was ihn zu seinen Taten bewogen habe, hat Perlasca mitgeteilt, er habe es nicht ertragen, zusehen zu müssen, wie Kinder misshandelt und umgebracht wurden. Er sei zwar in Budapest nicht mehr Faschist gewesen, aber weder damals noch später Antifaschist geworden, weil er weiterhin den Kommunismus als Gefahr gesehen hatte.[10]
Literatur
- Nina Gladitz, Perez Lorenzo: Der Fall Giorgio Perlasca. In: Dachauer Hefte Nr. 7 (1991) S. 129–143 ISSN 0257-9472 (ZDF-Dokumentarfilm Perlasca von 1992).
- Enrico Deaglio: Die Banalität des Guten. Die Geschichte des Hochstaplers Giorgio Perlasca, der 5200 Juden das Leben rettete; 1993, ISBN 3-8218-1150-1.[11]
- Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer. ISBN 3-406-51029-9.
- Luca Cognolato, Silvia Del Francia: Giorgio Perlasca. Un Giusto tra le Nazioni. Illustrationen von Giovanni Scarduelli, Edizione a colori (Grandissimi), 2021, ISBN 978-8-84773-865-2.
Siehe auch
- Geschichte der Juden in Ungarn
- Dokumentationszentrum Holokauszt Emlékközpont in Budapest, engl. Holocaust Memorial Center (mit Hinweisen zu weiteren Forschungsstellen)
- Glashaus (Budapest)
- Operation Taufe
- Schuhe am Donauufer
Angehörige der
- Schweizerischen Botschaft: Harald Feller; Maximilian Jaeger; Carl Lutz
- katholischen Kirche, Apostolischer Nuntius des Heiligen Stuhls: Angelo Roncalli, Angelo Rotta, Gennaro Verolino
- Schwedischen Botschaft: Raoul Wallenberg, Károly Szabó
- IKRK-Delegation in Ungarn: Friedrich Born
- Deutschen Botschaft: Gerhart Feine
- Konsulate El Salvadors: José Arturo Castellanos Contreras, George Mandel-Mantello
Weblinks
- Literatur von und über Giorgio Perlasca im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Linda G. Kuzmack: Oral history interview with Giorgio Perlasca, Website collections.ushmm.org (5. September 1990, englisch).
- Umfassende Website. In: RAI. Archiviert vom am 20. Januar 2012; abgerufen am 11. März 2018 (italienisch).
- Perlasca, un eroe italiano bei IMDb (Italienischer Film von 2002).
- Dalbert Hallenstein: Obituary: Giorgio Perlasca, Website independent.co.uk (19. August 1992, englisch).
- Records relating to the investigation of Giorgio Perlasca by the United States Holocaust Memorial Council, Website portal.ehrli-project.eu (2002).
- Informationen zu Giorgio Perlasca, Website raoul-wallenberg.de.
- Martin Forberg: Für ihn war da kein Widerspruch. Wie der Italiener Giorgio Perlasca 1944 als Spanier in Ungarn Juden rettete. Ein Gespräch mit der Filmemacherin Nina Gladitz, Website taz.de (22. August 1992).