Grete Loew

rumäniendeutsche Krankenschwester und Baufirmenmitarbeiterin From Wikipedia, the free encyclopedia

Grete Loew (* 14. Oktober 1927 in Sibiu, Königreich Rumänien; † 2014 in Deutschland) war eine rumäniendeutsche Krankenschwester und Baufirmenmitarbeiterin, die 27 Monate in rumänischen Gefängnissen verbrachte.

Leben

Berufliche Tätigkeiten und Gedichte von Oskar Pastior

Grete Loew stammte aus einer deutschsprachigen Familie aus Reußmarkt in Siebenbürgen, die wahrscheinlich jüdisch war.[1] Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester in der Schwesternschule des Kinderschutzvereins in Hermannstadt. Diese wurde aber durch die neuen Behörden in Rumänien nach 1947 nicht anerkannt. Deshalb arbeitete sie seit 1949 als Fabrikschwester im medizinischen Dienst einer Eisenfabrik in Hermannstadt.[2] Seit 1951 war sie in einer oder mehreren Baufirmen im Büro tätig.

Dort war der junge Dichter Oskar Pastior ihr Kollege, zu dem sie ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Dieser bat sie im August 1955, Gedichte von sich aufzubewahren, die er in sowjetischen Lagern zwischen 1944 und 1949 geschrieben hatte, da er zum Studium nach Bukarest zog. Sie ließ diese Typoskripte bei einem Buchbinder zu einem Buch binden, versteckte es bei sich und las daraus mehrmals Freunden vor.[3] 1957 kam Oskar Pastior wieder zu ihr und bat sie, die Gedichte handschriftlich abzuschreiben, und mit einem fiktiven jüdischen Autorennamen zu versehen, damit es den Anschein habe, diese seien im KZ Buchenwald verfasst worden.

Repressionen und Verurteilung

Im Spätherbst 1958 wurde Grete Loew von einem ehemaligen Siebenbürger, der als österreichischer Reiseleiter in Hermannstadt war, kontaktiert, um ihr Informationen von ihrem Bruder zu übergeben.[4] Der bot ihr an, ihre Übersiedlung in die Bundesrepublik zu ihrer Mutter vorzubereiten, und mit ihr in verschlüsselten Briefkontakt mit Geheimcodes und Geheimtinte einzutreten. Der Geheimdienst Securitate, der von dieser Begegnung erfahren hatte, lud sie danach zu einer Vernehmung vor und bedrängte sie dort physisch so stark, dass sie eine Verpflichtungserklärung als Inoffizielle Mitarbeiterin unterschrieb, die über diese Kontakte berichten sollte.

Sie wandte sich daraufhin an ihre Freundin Roswitha Lang (geborene Reinerth) und fragte sie, wie sie dieses wieder rückgängig machen könne. Diese vermittelte sie an ihren Cousin Friedrich Cloos, der mehrere Jahre in einem sowjetischen Lager verbracht hatte. Dieser berichtete aber über die vertrauensvollen Gespräche, die die Frauen mit ihm führten, als IM ausführlich an die Securitate.[5] Er berichtete auch über die versteckten Briefe, von denen ihm Grete Loew im März 1959 erzählt hatte und von denen sie ihm mehrere vorlas, woraufhin diese bei einer geheimen Durchsuchung in ihrer Wohnung durch den Geheimdienst fotografiert wurden.

Im Juli 1959 wurde Grete Loew vor die Wahl gestellt, entweder als Inoffizielle Mitarbeiterin tätig zu werden oder verurteilt zu werden, worauf sie sich für zweites entschied. Am 8. August wurde sie verhaftet und am 30. September wegen der Verwahrung und Verbreitung feindlicher Gedichte in Klausenburg zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ein Berufungsantrag von ihr wurde abgelehnt.[6]

Oskar Pastior wurde dagegen nicht angeklagt, wie er selber erwartet hatte, da die zuständige Rechtsabteilung des Innenministeriums der Auffassung war, er habe seit 1955 nichts mehr zur Verbreitung dieser Gedichte unternommen und könne daher auf Grund einer Amnestie des Ministerrates für solche Fälle nicht mehr belangt werden.[7] Er war aber von 1961 bus 1968 als Inoffizieller Mitarbeiter der Securitate tätig, wenn auch nur in geringem Umfang.

Haft

Grete Loew wurde zunächst in das Gefängnis in Codlea (Zeiden) gebracht, wo sie in einer Zelle mit 20 weiteren Frauen saß, sie war zu dieser Zeit im dritten Monat schwanger. Im Frühjahr 1960 wurde sie zur Geburt ihres Sohnes in das Gefängnisspital Văcărești in Bukarest verlegt. Ihr Sohn wurde in ein Kinderheim nach Galați (Galatz) gebracht, wo ihn ihre Freundin Roswitha Lang bald finden konnte und zu sich nehmen durfte.

Grete Loew war danach für einige Wochen in einer Einzelzelle in Cluj (Klausenburg) untergebracht. Danach kam sie in das Frauengefängnis in Miercurea Ciuc (Szeklerburg), in dem vor allem politische Gefangene inhaftiert waren. Dort war Loew in einer Zelle zusammen mit sechs weiteren Frauen, darunter der Astrophysikerin Maria Luise Roth und der Übersetzerin Hermine Pilder-Klein.[8] Die Frauen litten unter schlechten äußeren Bedingungen mit zu wenigen Betten und durften nicht arbeiten. Grete Loew nähte mit einer Nadel, die sie aus einem Schuhnagel angefertigt hatte, und Fäden aus einer Bettdecke ein Muster des Brettspiels Mühle auf die Innenseite ihres Kittels. Diese wurde bei den unangekündigten Zellenkontrollen nicht gefunden, da die Gefangenen dabei stehen mussten.[9]

Versuche der Aufarbeitung

Im Oktober 1961 wurde Grete Loew nach einer Amnestie für Frauen mit Kindern unter drei Jahren vorzeitig entlassen und lebte danach wieder in Hermannstadt. Dort begegnete sie Oskar Pastior einmal auf der Straße, er wich ihr aber aus, als er sie sah, und wechselte die Straßenseite, weil es ihm unangenehm war.[10]

1964 siedelte Grete Loew in die Bundesrepublik Deutschland über. 1968 besuchte sie mit ihrer Freundin Roswitha Lang eine Dichterlesung von ihm in Stuttgart. Bei einem von den Frauen erzwungenen kurzen Gespräch wurden aber letztendlich nur Belanglosigkeiten ausgetauscht, da ihn diese Begegnung sehr verlegen machte. Danach gab es keine Kontakte mehr zwischen den beiden bis zu seinem Tod 2006.

Als 2010 seine kurzzeitige Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter für den Geheimdienst bekannt wurde, wurde die Aufmerksamkeit auch auf Grete Loew gerichtet, da sie am meisten unter seinen Aktivitäten gelitten hatte, wenn auch in einem anderen Zusammenhang und ohne sein Wollen und aktives Handeln (schuldlos schuldig).[11] Sie erklärte deshalb dazu, dass sie ihm ihre Haft nicht übelnehme, da er dafür kaum etwas könne, aber sehr enttäuscht sei, dass er danach jeden Kontakt zu ihr vermieden habe.[12]

Literatur

  • Stefan Sienerth: Bespitzelt und bedrängt – verhaftet und verstrickt. Rumäniendeutsche Schriftsteller und Geisteswissenschaftler im Blickfeld der Securitate. Timm, Berlin 2022. S. 33–56, 698 (Personenindex), und öfter
  • Konrad Klein: Eine Frau, die sich nicht brechen ließ. Grete Loew. In: Siebenbürgische Zeitung vom 11. Oktober 2010 (Digitalisat)

Einzelnachweise

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