Gängelband
ehemals Gehhilfe für Kleinkinder
From Wikipedia, the free encyclopedia
Ein Gängelband (auch Leitband[1], Führband, Laufzaum, in Sachsen Kinderzaum, in Wien Weisband[2], französisch: lisière[3]) war bis ca. 1800 eine gebräuchliche Laufhilfe für Kleinkinder. Gängelbänder wurden schon seit dem Spätmittelalter, vor allem aber im 18. Jahrhundert bei Kindern bis zum Alter von sechs Jahren in den höheren Gesellschaftsschichten verwendet, insbesondere an den Höfen des Adels.[4] An Mädchenkleidern blieben solche Leitbänder in dekorativer Form weit über das Kleinkindalter hinaus.


Form und Funktion
Ein Führ-, Leit- oder Gängelband bestand aus Stoffstreifen oder Kordeln, die an der Rückseite von Kinderkleidern befestigt waren, um die Kinder beim Laufen zu stützen.[3] Man legte dem Kind einfach ein Band unter die Achseln, wenn es gehen lernte,[5] oder zog ihm eine geschirrartige Haltevorrichtung an.
Die Bänder waren aus Leinwand oder Gurtbändern, die an einem breiten Gurt befestigt oder an einem Schnürleib angenäht waren.[6] Andere Modelle waren Schnürbrüste aus feinem „türkischem Leder“ mit ledernen Laufbändern, die an den Schultern befestigt wurden.[6]
Auch an den Fäschen (Fäschbänder) – wie Pestalozzi die Bänder in Schweizerdeutsch bezeichnete, in welche manche Kleinkinder eingewickelt waren – befestigte Führbänder dienten dazu, das Kleinkind bei seinen Gehversuchen zu halten.[7]
Bekleidungsgeschichtlich entwickelten sich die Gängelbänder aus Zierärmeln (falsche Ärmel), wie sie im 15. Jahrhundert in Mode waren.[8] Die um das Jahr 1600 auch für die Kinder üblich gewordene anliegende taillierte spanische Mode verbreiterte die Schulterpartie durch eine Art von Flügeln in Form dekorativer Stoffrollen an den Achseln, manchmal waren die Kleidchen ärmellos und Hemdärmel sahen unter den Flügeln hervor; am Rücken hingen unter den Stoffrollen breite lange Stoffbänder.[9]
Die Mode brachte es mit sich, dass die ehemaligen langen, schlauchartigen Ärmel von unten an bis zur Achsel aufgeschnitten wurden, so dass ihr ärmelartiger Charakter vollkommen verloren ging und nur hängende Streifen übrigblieben.[8] Der obere Ansatz der Ärmel umgab nicht mehr die ganze Rundung des Armloches, sondern sie traten in ihrer rudimentären Form am Ende des 16. Jahrhunderts kaum noch ihren Ursprung als Ärmel verratend – an der hinteren Schulterseite unter dem Achselwulst als Streifen hervor.[8]
Der Historiker Philippe Ariès erklärte diese Überbleibsel der mittelalterlichen Hängeärmel zu typischen Zeichen der Kindheit, sie seien eine funktionslose Rückbildung der falschen Ärmel aus vergangenen Moden, die auf keinen Fall als Gängelbänder benutzt worden seien.[9] Ariès zufolge seien Gängelbänder vielmehr gesondert als gewundene Schnur angebracht worden - dem widersprechen jedoch die Ausführungen von Phillis Emily Cunnington (1887 – 1974) / Anne Buck (1910 – 2005), die diese leading strings ausdrücklich in ihrer Funktion als Haltevorrichtung beim Laufenlernen des Kindes bezeugen.[9] Beweis, dass die Stoffstreifen nicht nur dekorativ waren, liefert die Abbildung einer englischen Königin von Anfang der 1600er, die für ihren kleinen Sohn eben diese Ärmelreste als Gängelband benutzt.[9]
Helene Dihle zufolge benutzte man erstmals Ende des 16. Jahrhunderts diese hinten herabhängenden, aus den Armlöchern oder den Achselnähten hervortretenden Streifen bei kleinen Kindern als Gängelbänder.[8] Unter den Porträts und Bildern des 17. Jahrhunderts ist bemerkbar, dass sich diese Streifen nicht mehr nur am Anzug kleiner Kinder finden, sondern dass auch größere Kinder, ja sogar Erwachsene sie tragen.[8] Aus den Streifen entwickelten sich im 18. Jahrhundert die Flügel des Flügelkleids.[8]
Waren die Kinder diesem Alter entwachsen, dienten Gängelbänder als Hilfsmittel, um die Kinder in der Nähe zu halten („Gängeln“), damit sie sich nicht von der Aufsichtsperson entfernten. Kinder wurden bis ins 18. Jahrhundert generell als kleine Erwachsene angesehen. Mit Erreichen des siebten Lebensjahres, wenn sie das Sprechen vollends erlernt hatten, galten sie dann als vollwertige Erwachsene, trugen Erwachsenenkleidung und mussten sich entsprechend verhalten.

Während Jungen ab ihrem fünften Lebensjahr Hose, Rock und Weste identisch mit der Mode der erwachsenen Männer trugen, wurden die Leitbänder von Mädchen weiterhin als Kennzeichen des Mädchenalters getragen.[10][11] Wenn sie auf Porträts nicht zu sehen sind, waren sie dennoch meist vorhanden, da es üblich war, sie hinter dem Rücken zusammenzuknoten, sobald sie nicht mehr benötigt wurden.[10] Bis Mitte des 18. Jahrhunderts waren Leitbänder an den Kitteln der Kleinkinder beider Geschlechter zu finden, in den letzten Jahrzehnten dieser Mode aber nur noch als Dekoration an den Kleidern der Mädchen, als Zeichen, dass man Mädchen für führungs- und schutzbedürftiger als Jungen erachtete.[12]

Dekorative Leitbänder am Rückenteil der Mädchenkleidung waren sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten von Amerika charakteristisch, teils zeichneten sie sich durch Stickereien aus.[12]
Doch bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts änderte sich mit der aufkommenden Aufklärung diese Einstellung. Jean-Jacques Rousseau schrieb 1762 in seinem Erziehungsroman Émile ou De l’éducation („Emile oder über die Erziehung“), der in ganz Europa ein Riesenerfolg wurde, es gebe nichts „Lächerlicheres als den Gang von Leuten, die als kleine Kinder zu lange am Gängelband geführt“ worden seien.[13] Auf Anregung Rousseaus und John Lockes wurde das „geschlechtsneutrale“ Alter der Kinder auf 5–6 Jahre hinaufgesetzt, die Kindermode wurde locker[12] (keine Korsetts mehr unter den Kitteln der Kleinkinder[11]), eher feminin wie davor schon die Säuglingskleidung. Erst danach trugen sie geschlechtsspezifische Erwachsenenkleidung.[12]
Kant benutzte „Gängelwagen“ und „Leitband“ als Metapher für unselbständiges Denken: „Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotism und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen; sondern neue Vorurteile werden, ebensowohl als die alten, zum Leitbande des Gedankenlosen großen Haufens dienen.“[14]
Sprachgebrauch und Bedeutung
Das Verb gängeln wurde schon von Martin Luther verwendet. Der Begriff „Gängelband“ wird 1716 erstmals lexikalisch erwähnt. Im heutigen – wie bereits im früheren – Sprachgebrauch werden die Redewendungen „jemanden gängeln“, „am Gängelband führen“ bzw. „am Gängelband hängen“ in der Regel in einem negativen Zusammenhang verwendet, im Sinne von Einschränkung der Handlungsfreiheit, bis hin zur völligen Abhängigkeit und Bevormundung. In seinem von Kurt Feltz getextetem Lied Wunderbares Mädchen aus dem Jahre 1958 singt Peter Alexander die Zeilen ... hast mich schon am Fädchen, hast mich schon am Gängelband. Die deutsche Stiftung Liberales Netzwerk verleiht jährlich ein „Gängelband“ als Anti-Auszeichnung, „mit dem ein (gesellschafts-)politischer Entscheidungsträger ausgezeichnet wird, der in besonderem Maße sein Eigeninteresse über das Gemeinwohl gestellt hat“.
Beispiele
- Elizabeth Stuart hält ihren Sohn am Gängelband, sie selbst trägt an der Rückenpartie ihres Kleides ebenfalls welche (ca. 1615)
- Catharina Hooft mit ihrer Amme (Frans Hals, 1619–1620)
- Zwillinge, Aelbert Cuyp (1620-1691) zugeschriebenes Werk
- James Francis Edward Stuart als Kleinkind mit Leitbändern am Korsett (um 1690)
- Dekorative, geknotete Leitbänder am Rückenteil des Kleides der Prinzessin Maria von Großbritannien, Irland und Hannover (1776–1857) (rechts oben)
Leitbänder an Kinderkleidern aus reichem Haus sind auf den Bildern „Die Kinder des Malers“ von Cornelis de Vos und „Die Amme mit dem Kinde“ (Catharina Hooft mit ihrer Amme) von Franz Hals erkennbar.[8][4] Im Nordischen Museum zu Stockholm wird ein Flügelkleid aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gezeigt, die herabhängenden Streifen „sehr reich und geschmackvoll in Übereinstimmung mit dem übrigen Ausputz des Kleides bestickt“[8], das Besondere ist, das sowohl von den Schultern zwei Bänder herabhängen, als auch eine Art Zügel.[15] Die im Alter von 33 Wochen von Aelbert Jacobsz. Cuyp porträtierten Zwillinge haben lange gesäumte Bänder an ihren Kleidchen, die sehr gut als Gängelband zu verstehen sind.[9]
Siehe auch
- Einem Kind das Laufen beibringen, Gemälde von Pieter de Hooch (1629–1684)
- Geschichte der Kinderkleidung
- Lauflernhilfe
- Flügelkleid
- Kinderschutzgurt
Literatur
- Gängelband. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 4: Forschel–Gefolgsmann – (IV, 1. Abteilung, Teil 1). S. Hirzel, Leipzig 1878, Sp. 1243 (woerterbuchnetz.de).
- Max von Boehn: Die Mode. Eine Kulturgeschichte vom Barock bis zum Jugendstil. München 1976.
- Ingeborg Weber-Kellermann: Der Kinder neue Kleider. Zwei Jahrhunderte deutsche Kindermoden in ihrer sozialen Zeichensetzung. Frankfurt 1985.
- Ruth Bleckwenn: Gesellschaftliche Funktionen bürgerlicher Kinderkleidung in Deutschland zwischen 1770 und 1900. Inaugural-Dissertation, Münster 1989.
- Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Herder-Verlag, Freiburg, ISBN 3-451-05400-0.
- Bach-Archiv (Hrsg.): Kleine Erwachsene. Kindheit zur Bachzeit. Ausstellungskatalog, Leipzig, 2004.
- Kinder am Gängelband. In: Schlösser Baden-Württemberg. Rubrik LeseStoff, Heft 4/2005, Staatsanzeiger Verlag, Stuttgart.
Weblinks
- Bild eines Kleinkind-Kleides (1660-1670), auf dessen Rückseite sowohl zwei bodenlange Stoffstreifen ab den Schultern als auch ein Gängelband ähnlich einer Kordel angebracht sind.
- Mutter mit Kind am Gängelband, Tafelporzellan der Manufaktur Ludwigsburg, um 1750. Sammlung Ludwig im Alten Rathaus von Bamberg.
- „Heinrich Heine am Gängelband der Rahel von Varnhagen“, Karikatur von Michael Mathias Prechtl, 1969, für den Film Heinrich Heine, der unbequeme Dichter von Heinz Dieckmann. Hier unhistorisch überzeichnend in Form einer Hundeleine mit Halsband dargestellt.
- Gängelband des Jahres 2005 der Stiftung Liberales Netzwerk