Hangarmusik

soziales Musik- und Integrationsprojekt in Berlin From Wikipedia, the free encyclopedia

Hangarmusik ist ein soziales Musik- und Integrationsprojekt in Berlin, das klassische Orchestermusik als Mittel zur kulturellen Teilhabe, sozialen Integration und musikalischen Bildung nutzt. Das Projekt wird von professionellen Musikern organisiert und geleitet. Es richtet sich vorrangig an Kinder und Jugendliche, insbesondere aus geflüchteten Familien, und bietet ihnen die Möglichkeit, ohne musikalische Vorkenntnisse klassische Instrumente zu erlernen und gemeinsam in einem Orchester zu musizieren. Dies geschieht unabhängig von der Herkunft, Sprache oder musikalischen Vorbildung der Teilnehmenden, wobei klassische Musik als verbindendes Medium dient.

Geschichte

Das Projekt entstand im Winter 2015/16, als im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin über 3000 Geflüchtete in Notunterkünften untergebracht wurden. In diesem Kontext gründeten die Musiker Leila Weber und Andreas Knapp Hangarmusik, indem sie wöchentliche Musikstunden für Kinder und Jugendliche organisierten, die dort lebten. Der Name Hangarmusik bezieht sich auf die ursprünglichen Aufführungs- und Probenorte, die Hangars des Flughafens.[1] Das Projekt arbeitet in Trägerschaft der als gemeinnützig anerkannten Seahorse GmbH und wird durch Spenden finanziert.[2]

In den ersten Jahren nutzte das Projekt verschiedene Räumlichkeiten innerhalb des Tempelhof-Geländes, darunter die Hangars 6 und 7 sowie die sogenannte „Zollgarage“. Mit der Eröffnung des Tempohome-Containerdorfs 2018 konnten weitere Proben in dieser neuen Unterkunftsstruktur stattfinden. Später zog Hangarmusik in das Camaro-Haus in Berlin, das seither als Hauptprobeort dient und in dem auch Werkstattkonzerte des Projekts stattfinden.[3][4]

Arbeitsweise und Programm

Die musikalische Arbeit von Hangarmusik basiert darauf, Kindern und Jugendlichen ohne musikalische Vorkenntnisse grundlegende Fertigkeiten an Streichinstrumenten (z. B. Geige, Bratsche, Cello) zu vermitteln und gemeinsam klassische Werke wie Sinfonien von Beethoven oder Mahler zu erarbeiten. Dabei steht das gemeinsame Musizieren, das Hören aufeinander und der Gruppenzusammenhalt im Vordergrund. Das Unterrichtsmodell kombiniert praktische Instrumentenerfahrung mit prozessbasiertem Lernen, etwa indem die Teilnehmenden zunächst rhythmisch und melodisch zu professionellen Begleitungen musizieren lernen.[5]

Ähnlich wie in anderen von El Sistema inspirierten Musikausbildungsprogrammen und dem Dresdner Projekt Musaik sehen die Initiatoren in Hangarmusik nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein soziales Projekt, das kulturelle Werte und Gemeinschaftsgefühl fördert. Hangarmusik ist Mitglied bei Sistema Europe, dem europaweiten Netzwerk der El-Sistema-Bewegung.[6] Besonders in Kontexten von Flucht und Migration dient hier die Musik als nicht-sprachliches Medium, um Integration und gegenseitiges Verständnis zu stärken.[7]

Nach eigenen Angaben komponierten die Musikerinnen und Musiker von Hangarmusik 2025 das Musikstück HM Opus 2. Es ist dem Künstler Anselm Kiefer gewidmet, der Mitglieder des Projekts im Mai 2024 in seinem Atelier empfangen hatte. Die Komposition wurde in den Emil Berliner Studios als erste professionelle Aufnahme von Hangarmusik produziert.[8]

Internationale Aktivitäten

Neben der Arbeit in Berlin organisiert Hangarmusik ähnliche Programme, bei denen die Initiatoren mit Musikschülern von Hangarmusik in Flüchtlingslagern im Ausland Workshops für geflüchtete junge Menschen durchführen. Beispielsweise fanden solche Workshops im Flüchtlingscamp Vial auf der griechischen Insel Chios oder in spanischen Camps auf Teneriffa statt.[9] Diese Aktivitäten setzen das Konzept des gemeinsamen Musizierens in prekären Lebensumständen fort.[7]

Anerkennung und Auszeichnungen

Im Jahr 2022 wurden die Gründer von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland „für ihre künstlerische Arbeit, ihr humanistisches Engagement und ihre Fähigkeit, Brücken zu bauen“ ausgezeichnet. Das Projekt erhielt den Förderpreis der Deutschen Nationalstiftung[10] und den Peter-Raue-Preis.[11] Im Januar 2023 repräsentierten von Hangarmusik ausgewählte junge Musiker die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der 60. Jahresfeier zum Élysée-Vertrag der Deutsch-Französischen Freundschaft. Sie spielten gemeinsam mit dem französischen Démos-Jugendorchester im Panthéon in Paris,[12] wobei dieses Konzert live auf Arte übertragen wurde.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI