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Hans Daucher

deutscher Bildhauer und Medailleur (1486–1538) From Wikipedia, the free encyclopedia

Hans Daucher, auch Dauher (* 1486 in Ulm; † 1538 in Stuttgart), war ein in Augsburg tätiger Bildhauer, Steinschneider und Medailleur der aufkommenden Renaissance in Deutschland. Vor allem seine Kleinbildwerke und Steinreliefs zählen zu den reifsten Leistungen der Frührenaissance in Deutschland.

Hans Dauchers Vater war der Kistler (Schreinermeister) und Werkstattunternehmer Adolf Daucher (* um 1460 in Ulm, † um 1524 in Augsburg). Sein ältere Bruder war der Kunsttischler und Schreiner Adolf Daucher der Jüngere (* 1485 in Ulm; † 1558 in Schwäbisch Gmünd).

Leben und Wirken

Dauchers Haus am Hinteren Lech 2, heute ein Baudenkmal im Stadtviertel Lechviertel, östliches Ulrichsviertel

Hans Daucher lernte bei seinem Onkel Gregor Erhart (* um 1465 in Ulm; † 1540 in Augsburg) das Bildhauerhandwerk und arbeitete vermutlich schon als Geselle mit an den großen Retabelaufträgen seines Onkels und der Daucher-Werkstatt. Für eine in der älteren Literatur vermutete Gesellenwanderung nach Oberitalien und Venedig gibt es keine Belege. Am 14. Juni 1514 erkaufte Adolf Daucher d. Ä. für seinen Sohn Hans in Augsburg die Meistergerechtigkeit als Bildhauer.[1] Der junge Bildhauermeister gründete aber keine eigene Werkstatt, sondern trat als „Juniorpartner“ der erfolgreich agierenden väterlichen Werkstatt bei, die damit zunftrechtlich auch Bildhauerarbeiten ausführen konnte. Er heiratete Susanna Spitzmacher und wohnte mit seiner Familie bis 1523 im Haus seines Vaters außerhalb des „St.- Gallen-Thors“.[2] Später zog die Familie mit ihren zwei Kindern in das Eckhaus Hinterer Lech 2.

Es ist nicht bekannt, wie Hans Daucher als eigenständiger Meister und sein Vater die gemeinsame Werkstatt geführt haben. Vermutlich blieb der Vater der verantwortliche Werkstattleiter. Als einer der ersten „Kunstwerkproduzenten“ Süddeutschlands hatte Adolf Daucher bereits um 1514 / 1515 das Arbeitsprofil seiner Werkstatt den neuen Anforderungen der Renaissance angepasst und lieferte wunschgemäß Bildwerke und Raumausstattungen aus kostbaren Dekorationsgesteinen im modernen italienischen Stil.[3] Hans Daucher führte in der Regel die Bildhaueraufträge der Werkstatt aus. Darüber hinaus bediente er aber auch eigene Aufträge vornehmlich zu Kleinplastiken und versteuerte diese Einnahmen selbst.[4] Offenbar versah er nur diese Werke gelegentlich mit seinem Signum.

Zu den frühen bildhauerischen Arbeiten von Hans Daucher ist nur wenig bekannt. Sicher ist, dass er zwischen 1515 und 1517 mit der Daucher-Werkstatt an der Ausstattung der Augsburger Fuggerkapelle bei St. Anna beteiligt war[5]. Die Kapelle gilt als frühestes Gesamtkunstwerk im Stil der italienischen Renaissance in Deutschland. Sechs Putti-Figuren[6] und die 1517 vollendete Figurengruppe der Beweinung Christi auf dem Altar werden Hans Daucher zugeschrieben.[7] Sie begründeten den Ruf des Bildhauers als herausragenden Steinbildhauer und Steinschneiders in den modernen italienischen Formen. So beauftragte ihn 1517/18 der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise (1463 – 1525) mit repräsentativen Steinreliefs und Skulpturen für die Schlosskirche Wittenberg.[8] Auch der sächsische Herzog Georg entschied sich unter dem Eindruck der Augsburger Fuggerkapelle für die Beauftragung der Daucher-Werkstatt mit dem Hauptaltar für die St. Annenkirche in Annaberg/Erzgeb und weiteren Bildwerken.[9]

Zwischen 1518 und 1523 war Hans Daucher ein weit über Augsburg hinaus gefragter und vielbeschäftigter Bildhauer. Neben der maßgeblichen Beteiligung an den Aufträgen der sächsischen Fürsten und der Bearbeitung von Epitaphien schuf er für hochadlige Auftraggeber, insbesondere für Pfalzgraf Friedrich II. (1482 – 1556). Kleinkunstwerke, Porträts und Plaketten, die als Huldigungsgeschenke dienten.[10] Einige dieser feingliedrigen in Stein geschnittenen Kunstkammerstücken zählen zu den besten Leistungen der Frührenaissance nördlich der Alpen. Dabei erweist sich Hans Daucher als hervorragender Porträtist sowie als Meister der Improvisation und Kombination von Vorlagen und dessen technisch virtueller Umsetzung ins miniaturhafte Format der Steinplastik.[11] Sein Können als Porträtist prädestinierte ihn zudem als Stempelschneider und Medailleur, wobei er sich nach neueren Erkenntnissen offenbar auf die Herstellung der schriftlosen Medaillenmodelle mit den Bildnissen beschränkt zu haben scheint. Auftraggeber waren unter anderem das Kaiserhaus Habsburg und die Pfalzgrafen bei Rhein.[12]

Nach dem Tod seines Vaters führte Hans Daucher 1524 die Werkstatt infolge der reformationsbedingt schwierigen Auftragslage nur noch im begrenzten Umfang weiter. Der spektakuläre Augsburger Täuferprozess im Frühjahr 1528, bei dem Dauchers Ehefrau als eine der Hauptangeklagten verurteilt und aus der Stadt verbannt wurde, hatte für den Bildhauer familiär und beruflich dramatische Folgen.[13] Ohne eigenen Hausstand zur Versorgung seiner Mitarbeiter und Lehrknaben musste er seine Werkstatt aufgeben. Wahrscheinlich arbeitete er für einige Zeit noch als »Gast« bei dem Augsburger Bildhauermeister Jakob Murmann († 1547). Doch ohne eigene Werkstatt konnte er kaum neue Aufträge generieren. In den Steuerlisten der Stadt ist der rasante soziale und wohl auch physische Niedergang des Meisters nachvollziehbar. Verarmt und krank starb Hans Daucher 1537/38 mit etwa 50 Jahren in einem Siechenhaus in Stuttgart.[14]

Werke (Auswahl)

Skulpturen, Reliefs, Epitaphe

  • Augsburg, Klosterkirche St. Anna, Fuggerkapelle, Fronleichnamsgruppe auf dem Altar
  • Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Maximilianmuseum, sechs Putti (ursprünglich aus der Augsburger Fuggerkapelle, 1517
  • Agsburg, St. Moritzkirche, Herwart-Epitaph,( gemeinsam mit Adolf Daucher d. Ä.), um 1515/20
  • Wittenberg, Schlosskirche, zwei monumentale Fürstenstandbilder in ewiger Anbetung, Kalkstein 150 × 50 × 82 cm, um 1519/20
  • Mickhausen bei Augsburg, Pfarrkirche St. Wolfgang, Freyberg-Epitaph, Kalkstein 120 × 70 cm, um 1521
  • Annaberg-Buchholz, Stadtkirche St. Annen, Skulpturen und Reliefs des Hauptaltars (gemeinsam mit Adolf Daucher d. Ä. und Gregor Erhart), Verschiedene Kalksteine 1520–1522
  • Saverne, Pfarrkirche Notre Dame, Beweinung Christi zwischen Maria und Johannes, Kalkstein Relief: ca. 70 × 85 cm 1522
  • Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Maximilianmuseum, Epitaph für Melchior Funk, Kalkstein 76 × 49,5 cm, signiert, um 1522
  • Holzheim bei Dillingen, Pfarrkirche St. Martin, Adelmann-Epitaph (ursprünglich aus Augsburg), Kalkstein 142 × 86 cm, um 1520/23
  • London, Victoria & Albert Museum, Johannesfigur aus einer Kreuzigungsgruppe, Kalkstein Höhe: 81,3 cm, 1523/24

Kleinreliefs, Kunstkammerstücke

  • München Bayerisches Nationalmuseum, Porträt eines bärtigen Mannes und Porträt einer Frau mit Totenkopf, Kalkstein, ca. 25 × 16 cm, um 1510/20
  • Nürnberg Germanisches Nationalmuseum, Heilige Familie, Kalkstein 27,5 × 22 cm, um 1513/15
  • Wien, Kunsthistorisches Museum, Heilige Familie, 41,5 × 30,5 cm signiert und datiert 1518
  • Wien, Kunsthistorisches Museum, Verkündigung, Kalkstein 18 × 15 cm, signiert, um 1518
  • München Bayerisches Nationalmuseum, Geißelung Christi, Kalkstein 14,8 × 11,3 cm, um 1515/20[15]
  • Cleveland, Museum of Art, Christus am Ölberg, Kalkstein 14,8 × 11,3 cm, um 1515/20
  • Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Maximilianmuseum, Maria mit Kind, Kalkstein 41,8 × 31 cm, signiert und datiert 1520
  • New York, Metropolitan Museum of Art, Virtuum et viciorum adumbracio, Kalkstein 27,6 × 46,7 cm, signiert und datiert 1522
  • Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Kaiser Karl V. zu Pferd, Kalkstein, 20,1 × 13,6 cm, signiert und datiert 1522
  • Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Skulpturengalerie, Allegorischer Zweikampf Albrecht Dürers mit Apell, Kalkstein 23,8 × 16,8 cm signiert und datiert 1522[16]
  • Wien, Kunsthistorisches Museum, Urteil des Paris, Kalkstein 22,9 × 17,2 cm, signiert und datiert 1522
  • München, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Porträtmedaillons der Pfalzgrafen Philipp und Ottheinrich bei Rhein, Kalkstein, Durchmesser ca. 14 cm, signiert und datiert 1522
  • Wien, Kunsthistorisches Museum: Kaiser Maximilian I zu Pferd als heiliger Georg, Kalkstein 17,5 × 22 cm, signiert, um 1522
  • New York, Pierpont Morgan Libary, Kaiser Karl V. und sein Bruder König Ferdinand, Kalkstein 17,5 × 22 cm, datiert 1527

Werke als Medailleur (Auswahl)

  • Modell für eine Medaille auf Kaiser Maximilian I, Kalkstein 1520/30 Staatliche Münzsammlung München (SMM)
  • Medaille auf Philipp und Ottheinrich bei Rhein, um 1522, Staatliche Münzsammlung München
  • Medaille mit Philipp und Ottheinrich bei Rhein, um 1527, Staatliche Münzsammlung München
  • Medaille mit Ferdinand I und Anna von Böhmen, 1523, Wien Kunsthistorisches Museum[17]
  • Medaillenmodell für Ludwig II von Ungarn, 1526(?), Boston, Museum of Fine Arts
  • Medaille mit Ludwig II. von Ungarn und Stephan Schlick, 1526(?),Wien Kunsthistorisches Museum

Literatur (aktualisierte Auswahl)

  • Hannelore Müller: Die Künstlerfamilie Daucher. In: Lebensbilder aus dem bayerischen Schwaben, Band 6, (1958), S. 131–165.
  • Bruno Bushart: Die Fuggerkapelle bei St. Anna in Augsburg München 1994.
  • Manuel Teget-Welz: Hans Daucher und die Medaillenkunst. In: Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte, 61 (2011) S. 233 – 260.
  • Arndt Kiesewetter: Die Wittenberger Fürstenstandbilder in ewiger Anbetung – ein Werk der Augsburger Daucher-Werkstatt, in: Helten, Leonhard u. a. (Hg.): Das ernestinische Wittenberg: Residenz und Stadt, Wittenberg Forschungen, Bd. 5, Petersberg 2020, S. 221–234.
  • Arndt Kiesewetter: Der Hauptaltar in der St. Annenkirche zu Annaberg und die Augsburger Daucher-Werkstatt. Arbeitsheft 31 des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen, Dresden 2022, ISBN 978-3-95498-672-9.
  • Manuel Teget-Welz: Der Augsburger Bildhauer Gregor Erhart. Petersberg 2021, S. 105 – 110, ISBN 978-3-7319-0709-1.
  • Arndt Kiesewetter: Augsburger Bildhauerkunst der Frührenaissance aus der Daucher-Werkstatt in Mitteldeutschland. In: Christian Philipsen u. a. (Hg.): Frührenaissance in Mitteldeutschland – Macht Repräsentation Frömmigkeit. (Katalog zur Sonderausstellung in Halle 2025), Leipzig 2024, S. 228 – 237, ISBN 978-3-690-01000-9.

Einzelnachweise

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