Hans Hendrik
grönländischer Übersetzer, Jäger und Arktisforscher
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Hans Hendrik (grönländischer Name: Suersaq, getauft Hans Heinrich; * 2. Juni 1832 in Qeqertarsuatsiaat; † 11. August 1889 in Qeqertarsuaq) war ein grönländischer Arktisforscher. Er nahm als Jäger und Hundeschlittenführer an fünf US-amerikanischen und europäischen Polarexpeditionen teil. Seine 1878 veröffentlichten Memoiren sind die ersten eines Grönländers.

Leben
Herkunft und Jugend


Hans Hendrik stammte aus Qeqertarsuatsiaat und gehörte der Herrnhuter Brüdergemeine an, die im nahegelegenen Akunnaat die Missionsstation Lichtenfels betrieb. Sein Vater war Benjamin (1783–1850), der aus seiner ersten Ehe drei Söhne und vier Töchter hatte. Nach dem Tod der ersten Frau heiratete er die deutlich jüngere Ernestine (Pínersoĸ) (um 1800–1865), die aus der Missionsstation Lichtenau in Alluitsoq zugereist war. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter, die kurz nach der Geburt starb, und vier Söhne, von denen Hans Hendrik der älteste war. Sein Taufname war Hans Heinrich, allerdings trug er den heidnischen Namen Suersaĸ (nach neuer Rechtschreibung Suersaq). Benjamin war Helfer der Missionare, während Ernestine die Verantwortung für Beleuchtung der Kirche hatte. 1850 starb Benjamin und Hans Hendrik wurde als Jäger der Versorger der Familie.[1]
1853 kam der US-Amerikaner Elisha Kent Kane nach Grönland und suchte nach Grönländern, die ihn auf seine Zweite Grinnell-Expedition begleiten wollten. Er bot den Jägern an, ihre ohne Versorger zurückgelassenen Familien zu bezahlen, wenn sie ihn begleiten würden. Außer Hans Hendrik zeigte niemand Interesse und er ließ sich von Kane anheuern – zum Unmut seiner Mutter, die er nie wieder sehen sollte.[2.1]
Kanes Expedition
Im Juli 1853 fuhr er als Jäger auf der Advance nach Nordgrönland. Auf der Suche nach dem verschollenen John Franklin passierte die Expedition den Smithsund zwischen Grönland und der Ellesmere-Insel. Als einziger Inuk der Expedition war Hans Hendrik für Kane von enormem Wert. Er fand die Spuren zweier in Not geratener Expeditionsteilnehmer und führte die Suchmannschaft zu ihrem Zelt. Mit William Morton unternahm Hans Hendrik die am weitesten nach Norden führende Schlittenfahrt der Expedition bis zum Kap Constitution und entdeckte den Kennedy-Kanal. Dass sie dort offenes Wasser vorfanden, bestärkte Kane in seinem Glauben, dass es im Gebiet um den geographischen Nordpol ein eisfreies Meer gäbe. Als die Expeditionsteilnehmer während der zweiten Überwinterung zu verhungern drohten, gelang es Hans Hendrik, bei den Polareskimos in Etah Fleisch einzutauschen.
Anschließend blieb er in Etah und nahm die Inughuaq Merĸut (nach neuer Rechtschreibung Meqqut) zur Frau.[3] Sie bekamen eine Tochter, die etwa zum Jahreswechsel 1859/60 geboren wurde. Sie wurde wie ihre Großmutter Pínersoĸ[4] genannt.[5]
Hayes' Expedition
Als Isaac Israel Hayes, der auf Kanes Expedition Schiffsarzt auf der Advance gewesen war, 1860 seine eigene Expedition zur Auffindung des eisfreien Polarmeeres führte, hielt er Ausschau nach Hans Hendrik, von dem er wusste, dass er noch bei den Polareskimos lebte. Er fand ihn am Kap York und nahm ihn mit Frau und Kind an Bord. Die Expedition geriet bald in Schwierigkeiten, als das Schiff auf der Fahrt durch das Eis beschädigt wurde und schließlich in Port Foulkes im Smithsund einfror. Nachdem die Mehrzahl der Schlittenhunde an einer Seuche gestorben war, machte Hans Hendrik sich im Dezember mit dem Astronomen August Sonntag auf den Weg zur nächstgelegenen Inuit-Siedlung, um den Verlust zu ersetzen. Unterwegs brach Sonntag durch eine dünne Stelle im Meereis und erfror in der darauffolgenden Nacht in der verlassenen Inuit-Siedlung Sarfalik am Kap Alexander. Hans Hendrik erreichte aber, dass die Inughuit ihnen Hunde brachten, die Hayes für ausgedehnte Schlittenreisen nutzte.[2.2]
Auf der Heimreise wurde Hans Hendrik mit seiner Familie in Upernavik abgesetzt, wo er sich bei Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH) als Matrose anstellten ließ. In Upernavik bekam das Paar zuerst den Sohn Albertus Tobias Mathæus (1863–1866). Am 24. Juli 1864 wurde Merĸut auf den Namen Birgithe Judithe getauft. Die älteste Tochter Pínersoĸ wurde Augustina getauft. 1866 wurde der Sohn Albertus Tobias Mathæus Zachæus geboren und 1869 die Tochter Ester Sophie Elisabeth.[5]
Halls Expedition
Von 1871 bis 1873 nahm Hans Hendrik für ein Jahresgehalt von 300 US-Dollar[6] mit seiner Familie an der tragisch verlaufenden Polaris-Expedition Charles Francis Halls teil, der wie Kane und Hayes versuchte, den Nordpol durch den Smithsund zu erreichen. Nach der Überwinterung an der Küste von Hall-Land auf 81° 38′ nördlicher Breite wurde 1872 Hans Hendriks viertes Kind Charles Polaris geboren, das nach dem Expeditionsleiter und dem Schiff benannt wurde und der am weitesten nördlich geborene Mensch seiner Zeit war. Später wurde ein Teil der Mannschaft vom Schiff getrennt und trieb monatelang auf einer kleiner werdenden Eisscholle nach Süden. Nur der Erfahrung und dem Erfindungsgeist der Inuit Hans Hendrik, Joe Ebierbing (Ipiirviq; ca. 1836–ca. 1881) und Tookoolito war es zu verdanken, dass keiner der 19 Menschen ums Leben kam.[7.1]
Schließlich wurden sie vom Robbenfänger Tigress gerettet und in St. John’s auf Neufundland abgesetzt, wo Hans Hendrik als Held empfangen wurde. Wie die anderen Expeditionsteilnehmer wurde er nach Washington gebracht und zu den mysteriösen Umständen befragt, unter denen der Expeditionsleiter Hall gestorben war. Hans Hendrik besuchte auch Boston und New York, bevor er im Sommer 1873 nach Upernavik zurückkehrte und seine Arbeit beim KGH wieder aufnahm.[2.3] Er lebte im nahegelegenen Kangersuatsiaq, wo 1874 die Tochter Antonette Juliane Sara Marie geboren wurde. Etwa zur gleichen Zeit starb Charles Polaris.
Nares' Expedition
1875 schickte die Britische Admiralität die Schiffe HMS Discovery und der HMS Alert aus, um endlich in das vermeintlich eisfreie Polarmeer vorzustoßen. Der Kapitän George Nares wurde von der Challenger-Expedition (1872–1876) zurückbeordert, da er bereits über Arktiserfahrung verfügte. Die Briten wollten auf den erprobten Hans Hendrik nicht verzichten und liefen Kangersuatsiaq an, um ihn anzuheuern.[8] Er fuhr – diesmal ohne seine Familie – auf der Discovery, die von Kapitän Henry Frederick Stephenson (1842–1919) geführt wurde. Die Expedition konnte zwar die gesamte Nares-Straße zwischen Grönland und der Ellesmere-Insel durchqueren, stieß an ihrem nördlichen Ausgang aber auf unpassierbares Packeis. Hans Hendrik zeichnete sich besonders bei der Rettung mehrerer von Hunger und Skorbut geplagter Expeditionsteams aus. In seinem 1878 erschienenen Expeditionsbericht würdigte Nares mehrmals Hans Hendriks große Fähigkeiten als Jäger und Hundeschlittenführer.[9]
Nach der Expedition ließ sich Hans Hendrik mit seiner Familie in Qeqertarsuaq nieder, wo 1878 seine Tochter Johanne Cathrine Charlothe geboren wurde und 1879 der Sohn Benjamin Charles Polaris. Alle Kinder erhielten den Nachnamen Hendriksen. Seine Frau starb am 24. Juli 1881 und Hans Hendrik heiratete am 16. Februar 1882 Juliane Judithe Nicoline Ravn (* 1837).[10]
Nordenskiölds Expedition
Auf seiner letzten Expedition begleitete Hans Hendrik 1883 den schwedischen Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld an Bord der Sofia nach Nordwestgrönland. Nordenskiöld wusste, dass Hans Hendrik von allen lebenden Menschen die beste Ortskenntnis in diesem Gebiet besaß.[11] Das für Eisfahrten wenig geeignete Schiff erreichte nur Issuissooq nahe Kap Atholl und kehrte am Ende des Sommers mit viel Glück zurück.
1889 starb Hans Hendrik 57-jährig in Qeqertarsuaq, wo er auch bestattet wurde. Hans Hendrik war auch unter den Dänen so angesehen, dass in der Zeitschrift Geografisk Tidsskrift ein Nachruf erschien.
Leistung
Hans Hendrik war einer von zahlreichen grönländischen Inuit, die von US-amerikanischen und europäischen Forschern und Abenteurern für ihre Unternehmungen in den Polargebieten angeworben wurden. Er unterschied sich aber von den anderen hinsichtlich der Anzahl seiner Expeditionen und vor allem dadurch, dass er seine Erlebnisse schriftlich niederlegte. Seine Memoiren sind ein bedeutendes Zeitzeugnis und zeigen die Sicht eines Inuk auf das ihm häufig unverständliche Verhalten der Weißen, die untereinander zerstritten waren und den Inuit oft mit Hochmut begegneten. Hans Hendrik war durch seine Fähigkeiten im Jagen und im Führen von Hundeschlitten für die von ihm begleiteten Expeditionen zweifellos von großem Nutzen, wenn auch das Urteil der Expeditionsleiter unterschiedlich ausfiel. Vor allem Hayes misstraute ihm und hielt ihn für den Tod Sonntags zumindest mitverantwortlich. Nares dagegen war voller Lob.
Hans Hendrik war der erste Südgrönländer, der die Verbindung zu den Polareskimos herstellte. Er lebte mehrere Jahre bei ihnen und berichtete in seinen Memoiren über ihre Sitten und Gebräuche. Durch ihn kamen sie erstmals in Berührung mit dem christlichen Glauben, ohne dass er Missionierungsversuche unternahm. Er führte auch nicht das den Polareskimos unbekannte Kajak ein.[7.2]
Ehrungen
Eine von der Polaris-Expedition entdeckte Insel in der Kennedy-Straße trägt ihm zu Ehren den Namen Hans-Insel. Im Jahr 2012 gab die grönländische Post eine vom norwegischen Graveur Martin Mörck (* 1955) gestaltete Briefmarke mit Hans Hendriks Konterfei heraus.[12][13]
Schriften
- Nutaraq (dänisch: Grønlænderen og polarfareren Hans Hendriks erindringer, englisch: Memoirs of Hans Hendrik, the arctic traveller, serving under Kane, Hayes, Hall and Nares, 1853–1876, written by himself, 1878)
Literatur
- Carl Ryder: Grønlænderen Hans Hendrik. In: Geografisk Tidsskrift. Band 10, 1889–1890, S. 140–143 (dänisch).
- Fergus Fleming: Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol. Piper, 2004, ISBN 3-492-24205-7.
- Jan Løve: Hans Hendrik og Hans Ø. Det Grønlandske Selskab, 2016, ISBN 978-87-989168-4-0 (dänisch).
- Iben Bjørnsson: The tale of Hans Hendrik (PDF; 9,76 MB). In: The Arctic Journal. 3. November 2016 (englisch).
Weblinks
- Clive A. Holland: Hans Hendrik. In: Dictionary of Canadian Biography. 24 Bände, 1966–2018. University of Toronto Press, Toronto (englisch, französisch).
- Mads Lidegaard: Hans Hendrik. Dansk Biografisk Leksikon.
- Mads Lidegaard: Hans Hendrik. Danmarks Nationalleksikon.