Hans Hugo von Kleist-Retzow

preußischer Politiker, MdR From Wikipedia, the free encyclopedia

Hans Hugo von Kleist-Retzow (* 25. November 1814 in Kieckow bei Belgard, Pommern; † 20. Mai 1892 ebenda) war ein preußischer Verwaltungsjurist, hoher Beamter, konservativer Politiker und evangelischer Kirchenfunktionär. Er war von 1851 bis 1858 Oberpräsident der Rheinprovinz, ab 1861 Sprecher der konservativen Fraktion im preußischen Herrenhaus und von 1866 bis 1876 Anführer der (Alt-)Konservativen Partei Preußens.

Hans Hugo von Kleist-Retzow

Kleist-Retzow war ein enger Freund und politischer Verbündeter Otto von Bismarcks, geriet aber während dessen Amtszeit als Ministerpräsident und späterer Reichskanzler zunehmend in Gegensatz zu diesem. Von 1877 bis zu seinem Tod war er Reichstagsabgeordneter der Deutschkonservativen Partei und 1891/92 Präses der Generalsynode der Evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen Preußens.

Leben

Hans Hugo von Kleist wurde als Sohn des pommerschen Gutsbesitzers Hans Jürgen von Kleist (1771–1844), langjähriger Landrat des Kreises Belgard, und seiner Ehefrau Auguste von Borcke verw. von Glasenapp geboren. Der Vater erhielt 1839 die königliche Genehmigung, seinen Familiennamen mit dem der verwandten ausgestorbenen Adelsfamilie von Retzow zu vereinigen. Der Sohn wurde zunächst von einem Pfarrer unterrichtet, anschließend besuchte er die Landesschule Schulpforta, die er 1834 als Jahrgangsbester (Primus Portensis) abschloss. Er studierte in Göttingen und Berlin Rechtswissenschaften und trat 1841 als Referendar in den preußischen Staatsdienst ein.

Nach dem Assessorexamen und dem Tod seines Vaters war er von 1844 bis 1851 Landrat des Kreises Belgard. Durch sein rhetorisches Talent und seine Verbindungen zu konservativen Führungspersönlichkeiten wie den Brüdern Leopold und Ernst Ludwig von Gerlach, Friedrich Julius Stahl, Hermann Wagener sowie Otto von Bismarck stieg Kleist-Retzow in der Zeit der Märzrevolution 1848 zu einem der Wortführer der Reaktion auf. Im August 1848 übernahm er den Vorsitz er im streng konservativen „Junkerparlament“ und war ein Mitbegründer der Kreuzzeitung.

Seine politischen Vorstellungen waren unter anderem vom Pietismus der pommerschen Erweckungsbewegung geprägt. Seine strenge Religiosität wurde auch von Parteifreunden zuweilen als politisches Hemmnis gesehen.[1][2]

Durch die Ehe seiner Nichte Johanna von Puttkamer mit Otto von Bismarck war Kleist-Retzow seit 1847 mit diesem verschwägert. Die beiden wurden außerdem enge Freunde und politische Mitstreiter. Von 1849 bis 1851 lebten sie sogar in einer gemeinsamen Wohnung in der Berliner Jägerstraße in einer (wie Bismarck schrieb) „friedfertige[n] Ehe“.

Kleist-Retzow gehörte von 1849 bis 1852 der Konservativen Partei im Abgeordnetenhaus an, war 1850 auch Mitglied des Staatenhauses des Erfurter Unionsparlaments. Nach dem Sieg der Reaktion wurde er 1851 – dank der Protektion seines Schwiegervaters Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode – zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz ernannt. Dort ging er so heftig gegen den Liberalismus vor, dass er in Gegensatz zum Hof des Prinzen Wilhelm von Preußen geriet, der als Militärgouverneur der Rheinprovinz ebenfalls in Koblenz residierte. Nach der Einsetzung Wilhelms in die Regentschaft wurde Kleist-Retzow 1858 als Oberpräsident entlassen.

Schloss/Gutshof Kieckow jetzt Kikowo

Er zog sich auf sein Rittergut Kieckow zurück und beteiligte sich, obwohl 1858 als Vertreter der Familie von Kleist ins Herrenhaus berufen, wenig an den öffentlichen Ereignissen zur Zeit der neuen Ära. Er war auch Mitglied des Provinziallandtags der Provinz Pommern. Erst in der Zeit des preußischen Verfassungskonflikts trat er wieder hervor. Nach dem Tod Friedrich Julius Stahls 1861 übernahm er die Rolle des Sprechers der konservativen Fraktion im Herrenhaus und unterstützte zunächst die Regierung seines 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannten Freundes Bismarck.

Hans-Hugo von Kleist-Retzow, 1862. Grafik von F. Weiß.

Nach dem Umschwung in dessen innerer Politik und seinem Versöhnungsangebot an die Liberalen durch die Indemnitätsvorlage 1866 entfernte sich Kleist-Retzow politisch von Bismarck. Die Konservative Partei Preußens spaltete sich im selben Jahr in die Bismarck unterstützende Freikonservative Partei und die „Altkonservativen“, deren Führung Kleist-Retzow übernahm. Besonders die Kulturkampfpolitik der Regierung seit 1871 bekämpfte er im Herrenhaus energisch. Während er selbst strenggläubliger Protestant war, erschien ihm Bismarcks Kampf gegen den Katholizismus unchristlich.

Nach der Reorganisation der konservativen Partei 1876 stellte er sich an die Spitze des äußersten rechten Flügels der Deutschkonservativen im Reichstag, dem er seit 1877 als Abgeordneter der Christlich-Konservativen Partei Minden-Ravensbergs für den Wahlkreis Herford-Halle angehörte.[3] Er unterschied sich von den Positionen des Zentrums, die er zum Teil unterstützte, stets durch seinen nie verleugneten preußischen Patriotismus.

Kleist-Retzow engagierte sich zeitlebens in der evangelischen Kirche Preußens. Von Beginn an gehörte er der Provinzialsynode der Kirchenprovinz Pommern und der Generalsynode an, in der er ab 1875 einer der Führer der strengkonfessionellen Lutheraner war. 1891 wurde er zum Präses der Generalsynode gewählt.[4] In Abstimmung mit Wilhelm Joachim von Hammerstein brachte er 1886 einen Antrag auf größere Selbständigkeit der evangelischen Kirche in das Herrenhaus ein, der aber scheiterte.[5]

Familie

Hans-Hugo von Kleist-Retzow war mit Gräfin Charlotte zu Stolberg-Wernigerode (1821–1885) verheiratet, sie war die Tochter des Ministers Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode. Das Paar hatte drei Söhne und eine Tochter:

  • Friedrich Wilhelm Hans Anton (* 26. November 1852)
  • Jürgen Christoph (* 21. August 1854; † 14. Dezember 1897) ⚭ Ruth von Zedlitz-Trützschler (1867–1945)
  • Friedrich Wilhelm Martin (* 27. November 1856; † 27. Januar 1880)
  • Charlotte Elisabeth (* 15. September 1863; † 20. Januar 1925).

Werke

  • Der Adel und die Kirche. Berlin 1866.

Literatur

Einzelnachweise

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