Hasso Herschel

deutscher Fluchthelfer an der deutsch-deutschen Grenze From Wikipedia, the free encyclopedia

Hasso Herschel (* 15. März 1935 in Dresden; † 21. Mai 2026 bei Oberuckersee-Melzow) war ein Fluchthelfer an der innerdeutschen Grenze, der etwa 1000 Menschen bei der Flucht aus der DDR geholfen hat.

Leben

Hasso Herschel, geboren im März 1935 in Dresden,[1] lebte noch in seiner Heimatstadt, als er sich am Volksaufstand des 17. Juni 1953 an einer Demonstration beteiligte und verhaftet wurde. Er kam nach einigen Wochen wieder frei, wurde aber von der Oberschule verwiesen, die er bis zu jenem Zeitpunkt besucht hatte. Anschließend arbeitete er als Rangierer bei der Reichsbahn und konnte das Abitur schließlich noch an einer Abendoberschule machen.

1954 begann er, nach einer Absage für ein Psychologiestudium in Dresden, an der Hochschule für Politik in West-Berlin zu studieren.[2] 1955 wurde er in der DDR verhaftet, als er in Dresden seine Eltern besuchte, und anschließend wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, die er unter anderem in einem Arbeitslager beim Aufbau des Gaskombinats Schwarze Pumpe verbrachte. Nach der Entlassung ging er wieder zur Reichsbahn, die ihm zu einem Studium an der Verkehrshochschule in Dresden ab 1959 verhalf. Im Oktober 1961 floh er mit einem für ihn präparierten Schweizer Pass nach West-Berlin.[2]

Später arbeitete Herschel als Gastronom in Berlin (Diskotheken, Restaurants). Daneben hatte er Auftritte als Statist in den Folgen 213, 214 (2002) und 307 (2004) der Fernsehserie Hinter Gittern – Der Frauenknast, bei der seine Schwester Anita Moeller für die Requisite zuständig war. Er lebte seit 1994 bei Melzow in der Uckermark.

Herschel starb am 21. Mai 2026 im Alter von 91 Jahren.[1]

Fluchthilfe

Herschel zog in West-Berlin in das Studentenheim Eichkamp und fand dort Anschluss an die studentische Fluchthilfe. Er wollte seine in der DDR verbliebene Schwester Anita Moeller (* 1940) und deren Familie in den Westen holen. Dafür engagierte er sich im Frühjahr 1962 zusammen mit den Italienern Domenico Sesta (1937–2002) und Luigi Spina (* ca. 1935) am 120 Meter langen Tunnel 29, der vom Keller eines zerbombten Hauses in der Bernauer Straße in West-Berlin nach Ost-Berlin in die Schönholzer Straße führte. Herschels Aufgabe war neben dem Graben die Koordination der Fluchtwilligen. Durch den Tunnel, den etwa 30 Helfer gruben, flohen am 14. September 1962 29 Personen (daher der Name Tunnel 29), worunter sich auch seine Schwester und deren kleine Tochter Astrid Moeller befanden. Er half auch in anderen Tunnelprojekten in Berlin, wie denen der Gruppe um Harry Seidel und der Girrmann-Gruppe.

Herschel schleuste etwa zehn Jahre lang Menschen in den Westen. Dabei nutzte er neben den Tunneln auch umgebaute Personenkraftwagen. Er beteiligte sich 1964 unter anderem an den Umbaukosten eines Cadillac von Burkhart Veigel. Mit dem Wagen, in dessen Armaturenbrett ein Personencontainer eingebaut war, schleusten sie etwa 80 Personen über andere Ostblockstaaten aus der DDR. Der Wagen wurde später an Wolfgang Fuchs verkauft, der ihn für weitere 50 Befreiungen nutzte. Andere Verfahren beinhalteten den Passtausch im Transitbereich des Prager Flughafens oder erforderten die Mithilfe eines Diplomaten.

Die Fluchthelfer waren meistens Idealisten. Sie widmeten sich teilweise ausschließlich der Fluchthilfe, wobei sie am Anfang auch alle Kosten übernahmen und sich dabei oft verschuldeten. Als die Schulden und der Aufwand infolge der Perfektionierung der Mauer immer größer wurden, nahmen sie von den Flüchtlingen oder von deren westlichen Angehörigen ab 1962 Geld.[3] Hasso Herschel war zu dieser Zeit durch den Verkauf der Filmrechte zum Tunnel 29 an den amerikanischen Fernsehsender NBC finanziell noch nicht in Bedrängnis. Sobald die Mauer zum Dauerzustand wurde, entwickelte sich die Fluchthilfe auch für ihn zu einem Unternehmen, das nicht mehr ausschließlich ehrenamtlich arbeiten konnte. Die Fluchthilfe erhielt keine öffentlichen Gelder. Dennoch wurde dadurch eine langsam verlaufende, etwa 1965 beginnende Tendenz weg vom studentischen Idealismus der Anfangszeit hin zu Geschäftemacherei und Ganoventum gefördert.[3] Dieser kleinere Teil der Fluchthilfe war in der Öffentlichkeit besser bekannt als die der helfenden Idealisten. Wer Geld lediglich zur Deckung seiner Un- und Lebenskosten nahm wie Hasso Herschel, wird gelegentlich auch heute noch unberechtigterweise eigennützigen Schleppern zugerechnet.[4]

Rezeption

Hasso Herschels Leben war Grundlage für den 2001 ausgestrahlten Fernsehfilm Der Tunnel.

2011 drehte Herschels Nichte Astrid Nora Moeller (* 1961), die er als Kleinkind mit ihrer Mutter durch den Tunnel 29 nach West-Berlin geholt hatte, den Dokumentarfilm Der Fluchthelfer – Wege in die Freiheit.

Ehrungen

Literatur

  • Marion Detjen: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-834-3, S. 130–134.
  • Maria Nooke: Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002, ISBN 3-86108-370-1, S. 45 ff.
  • Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff: Die Fluchttunnel von Berlin. Propyläen, Berlin 2008.
  • Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff: Unterirdisch in die Freiheit. Die Fluchttunnel von Berlin. Edition Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-86153-854-7[5]

Einzelnachweise

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