Haydée Faimberg

argentinisch-französische Psychoanalytikerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Haydée Faimberg ist eine argentinisch-französische Psychoanalytikerin und emeritierte Dozentin für Psychologie and Klinische Psychopathologie an der Universität Lyon II.[1]

Leben

Sie promovierte in Argentinien in Medizin zum Dr. med. und hat dann dort ihre psychoanalytische Ausbildung 1954 begonnen; sie wurde von Jorge Mom analysiert und von Willy Baranger und David Liberman betreut. In den 60er Jahren hat sie einen Abschluss an der Argentinischen Psychoanalytischen Vereinigung (APA) erworben und wurde dort Ausbildungs- und Kontrollanalytikerin.[2] 1976 wanderte sie nach Frankreich aus und trat der Pariser Psychoanalytischen Gesellschaft bei. Sie ist Lehr- und Supervisionsanalytikerin der Pariser Psychoanalytischen Gesellschaft (IPA) sowie Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV). Sie arbeitet in privater Praxis in Paris, gründete die Conference on Intracultural and Intercultural Psychoanalytic Dialogue, ist Vorsitzende des Klinischen Forums der Europäischen Psychoanalytischen Föderation (EPF) und war von 1993 an stellvertretende Vorsitzende der British-French Clinical Meetings.

Werk

Sie beschäftigte sich intensiv mit der Transgenerationalen Weitergabe von Erfahrungen der Angehörigen einer Generation auf die Mitglieder einer nachfolgenden Generation. Sie schlug dafür das Wort „Teleskopieren“ vor, um eine besondere Form der unbewussten Identifikation mit der Geschichte früherer Generationen auszudrücken. Diese Identifikationen wirken insofern entfremdend, als sie mit einer Geschichte verbunden sind, die nicht die des Patienten ist, die sich aber aktiv in die Psyche des Patienten einschreiben. Aufgrund ihrer klinischen Erfahrung behauptet sie, dass an diesem Prozess drei Generationen beteiligt sind und die Eltern nicht die einzigen Protagonisten einer Geschichte sind, sondern mit anderen zu einem unbewussten Familiensystem gehören. Sie wurde dabei durch die Analyse von Mario, einem damals 30-jährigen Patienten, dazu angeregt, über das unbewusste System von drei Generationen nachzudenken. Mit ihren klinischen Beispielen und ihrer Theorie versucht sie, die unbewusste Weitergabe pathogener Konfliktmuster auf die folgende Generation zu erklären. Das Teleskopieren von Generationen bietet eine originelle Perspektive auf die Übertragung narzisstischer Bindungen zwischen Generationen.

Sie beschäftigt sich auch mit dem Phänomen der Nachträglichkeit, ein Begriff, der von Sigmund Freud geschaffen wurde, um das Problem von Zeit und Zeiterleben in der Psychoanalyse zu erfassen. Der Begriff bezeichnet einen aktiven intrapsychischen Prozess der Transformation von unbewussten emotionalen Erfahrungen und verdrängten Erinnerungen in bedeutungsvolle diskursive Symbole, die dann psychoanalytisch bearbeitet werden können. Er wird von ihr als après-coup (deutsch nachträglicher Einfall) beschrieben.

Sie entwickelte dabei gleichzeitig ihre eigene therapeutische Methode, nämlich das Konzept des „Zuhörens zum Zuhören [des Patienten]“, um in klinischen Diskussionsgruppen die Grundannahmen des Vortragenden (und der Teilnehmer) zu erkennen und die unterschiedlichen Arbeitsweisen jedes Einzelnen zu würdigen. Dieses wird als Mittel zur Erweiterung des Umfangs der klinischen Arbeit definiert. Im Kontext der klinischen Situation ergänzt dieses Konzept, das in Verbindung mit der freien Assoziation und der „frei schwebenden Aufmerksamkeit“ als Bestandteile der psychoanalytischen Methode verwendet wird, andere Konzepte wie das des Ödipuskomplexes, erweitert es aber durch das psychoanalytische Zuhören. In der Psychoanalyse hört der Analytiker dem Patienten zu, der wiederum den Interpretationen und dem Schweigen des Analytikers zuhört. Später hört der Analytiker auf das Schicksal seiner Neuinterpretationen oder seines Schweigens. „Dem Zuhören des Patienten zuhören“ ist zu einem Leitmotiv der theoretischen und klinischen Forschung von ihr geworden: die richtigen Fragen für das zu suchen, was der Patient dem Analytiker sagt und nicht sagen kann; was man als Analytiker hört und nicht hören kann; was nicht gesagt werden kann, aber als Wiederholung insistiert.

Ehrungen/Positionen

  • 2023: EPF Award for Distinguished Contribution to Psychoanalysis[3]
  • Ehrenmitglied der Tschechischen Psychoanalytischen Gesellschaft (ČPS)
  • 2019: International Distinguished Fellow der British Psychoanalytical Society (BPS)
  • 2013: Mary Sigourney-Preis der Europäischen Psychoanalytischen Föderation[4]
  • 2005: Haskell Norman International Award der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
  • 44. jährliche Freud-Vorlesung mit dem Titel „On Constructing Historical Truths“ (Über die Konstruktion historischer Wahrheiten) bei der Psychoanalytic Association of New York

Privates

Sie ist verheiratet mit Antoine Corel.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Mit René Kaës; Micheline Enriquez; Jean-José Baranes: Transmission de la vie psychique entre générations (2. Auflage). DUNOD, Malakoff 2025, ISBN 978-2-10-087448-4.
    • Ital. Ausgabe: Mit René Kaës; Micheline Enriquez; Jean-José Baranes: Trasmissione della vita psichica tra generazioni. Borla, 2012, ISBN 978-88-263-1060-2.
    • Span. Ausgabe: Mit René Kaës; Micheline Enriquez; Jean-José Baranes: Transmisión de la vida psíquica entre generaciones. Amorrortu Editores España SL, Madrid 1996, ISBN 950-518-559-6.
  • Ascoltando tre generazioni. Legami narcisistici e identificazioni alienanti. Franco Angeli, Milano 2016, ISBN 978-88-464-7868-9.
  • The Telescoping of Generations: Listening to the Narcissistic Links Between Generations (The New Library of Psychoanalysis). Routledge, Milton Park 2005, ISBN 978-1-58391-753-4.
    • Span. Ausgabe: El telescopaje de generaciones: A la escucha de los lazos narcisistas. Amorrortu Editores España SL, Madrid 2007, ISBN 978-950-518-115-5.
    • Deutsche Ausgabe: Teleskoping: Die intergenerationelle Weitergabe narzisstischer Bindungen. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-86099-601-0.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Basic theoretical assumptions underpinning Faimberg’s method: “Listening to listening”. In: The International Journal of Psychoanalysis, 2019, 100 (3), S. 447–462.
  • Mit Donald Campbell: Anne-Marie Sandler (1925–2018), In: The International Journal of Psychoanalysis, 2019, 100 (2), S. 377–383.
  • La Situation non encore advenue. In: Revue française de psychoanalyse, 2018, 5 (8), S. 156–1574.
  • The paternal function in Winnicott: the psychoanalytical frame, becoming human. In: Margaret Boyle Spelman; Frances Thomson-Salo (Hrsg.): THE WINNICOTT TRADITION. Lines of Development – Evolution of Theory and Practice over the Decades (The Winnicott Studies Monograph Series). Routledge, Milton Park 2018, ISBN 978-1-78220-007-9.
  • Mit Antonio Corel: Homenaje a Salomón Resnik. In: Revista de psicoanálisis, 2017, 74 (1), S. 257.
  • El caso Mario¿un clásico? "la situación todavía no advenida". In: Revista de psicoanálisis, 2013, 70 (2), S. 693–704.
  • Nachträglichkeit and Winnicott’s “Fear of Breakdown”. In J. Abram (Hrsg.): Donald Winnicott Today. Routledge, Londres/New York 2012, Chap. 8, S. 205–212.
  • Alegato en favor de la ampliación del concepto de Nachträglichkeit. In: Revista de psicoanálisis, 2011, 68 (3), S. 347–364.
  • Après-coup et construction. In: Revue française de psychoanalyse, 2009, 2 (73), S. 473–486.
  • Crainte de l'effondrement, construction et après-coup. Revue française de psychoanalyse, 2009, 5 (73), S. 1713–1716.
  • The Telescoping of Generations: “The Snark was a Boojum”. In: Reading Lewis Carroll (S. 117–128). Psychology Press, Milton Park 2005, ISBN 1-58391-752-7.
  • The telescoping of generations. In: Revista Catalana de Psicoanàlisi: publicació de l'Institut de Psicoanàlisi de Barcelona, 2005, 22 (1–2), S. 189–191.
  • Idolatría y discurso narcisista como resistencia a la escucha psicoanalítica. In: Revista de psicoanálisis, 2004, 61 (1), S. 149–157.
  • Apres-coup. Paper presented in the First Meeting of the Standing Conference on Psychoanalytical Intracultural and Intercultural Dialogue (IPA), Paris 27 bis 29 July 1998.
  • Die Ineinanderrückung (Telescoping) der Generationen. Zur Genealogie gewisser Identifizierungen. In: Jahrbuch der Psychoanalyse, 1985, 21, S. 8–17.
  • Une des difficultés de l’analyse : la reconnaissance de l’altérité : l’écoute des interpretations. In: Revue française de psychanalyse, 1981, XLV (6), S. 1351–1367.
  • Mit L. Wender; A. Corel: La psychanalyse en Argentine. In: R.Jaccard (dir.): Histoire de la psychanalyse, vol. 2, 1982, S. 395–444, Hachette, Paris.
  • Sans mémoire et sans désir : à qui s’adressait Bion ? In: Revue française de psychanalyse, 1989, LIII (5), S. 1453–1461.

Literatur

  • Dany Nobus: The currency of analysis: Some reflections on Haydée Faimberg's The Telescoping of Generations. In: Psychoanalysis, culture & society. Band 17, Nr. 1, 2012, S. 77–81 (englisch).

Einzelnachweise

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