Hedwig Grossmann
deutsch-israelische Töpferkünstlerin, Bildhauerin, Druckgrafikerin, Dozentin
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Hedwig Grossmann (hebräisch הדוויג גרוסמן; geboren 11. November 1902 in Berlin; gestorben 31. Mai 1998 in Giv’atajim) war eine deutsch-israelische Töpferkünstlerin, Bildhauerin, Druckgrafikerin und Dozentin. Sie gilt als eine der Begründerinnen der israelischen Kunstkeramik. Ihre Arbeiten, die sich durch die Verwendung lokaler Formen und Materialien und Inspiration durch archäologische Funde auszeichnen sowie ihre pädagogische Tätigkeit beeinflussten die israelische Keramikkunst bis in die 1980er Jahre.

Leben und Werk
Herkunft
Hedwig Grossmann wuchs in einer wohlhabenden, assimilierten jüdischen Familie auf. Ihr Vater Max stammte aus Dirschau im heutigen Polen, ihre Mutter Else aus Danzig. Neben Hedwig hatten sie zwei weitere Kinder: Erna (geb. 16. Juli 1901 in Berlin) und Willy (geb. 4. September 1905). Max Grossmann besaß eine Schokoladenfabrik; die Familie lebte in einer großzügigen Wohnung im Berliner Hansaviertel.[1]
Ausbildung und frühe Berufstätigkeit
Grossmann besuchte das Margarethen-Gymnasium in Berlin-Mitte. Nach dem Abitur machte sie 1920 bis 1923 eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und Jugendleiterin im Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin-Schöneberg. Dort begann sie bereits – als Teil ihrer praktischen Ausbildung – zu zeichnen und mit Ton zu arbeiten.[2][2.1] 1924 besuchte sie die ersten Seminare an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Berlin-Charlottenburg. Dort lernte sie den Bildhauer Rudi Lehmann kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 1977 unverheiratet zusammenlebte.[2]
Bereits in ihrer Schulzeit hatte sie sich mit dem Zionismus beschäftigt, wahrscheinlich angeregt durch ihren Bruder, der 1925 nach Palästina auswanderte. Sie wurde aktives Mitglied des Wanderbunds „Blau-Weiß“, der deutschen zionistischen Jugendbewegung. Sie machte eine Ausbildung zur Jugendleiterin und leitete Mädchengruppen in verschiedenen deutschen Städten.

Zwischen 1928 und 1929 besuchte sie verschiedene Töpferseminare und Kurse zur Erforschung von Rohmaterial für Keramik an der Staatlichen Keramischen Fachschule in Bunzlau. Anschließend machte sie eine Töpferlehre an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale, die sie mit der Gesellenprüfung abschloss.[1][1.1]
1930 kehrte Hedwig Grossmann nach Berlin zurück. Zusammen mit Rudi Lehmann, der kleine Aufträge im Pergamonmuseum und bei der Renovierung von Kirchen hatte, gründete sie eine Werkstatt in Berlin-Steglitz. Sie stellte Kunstkeramik her und gab Töpferkurse für Erwachsene und Jugendliche. Daneben war sie auch in der heilpädagogischen Lehrerbildung tätig und wurde Mitglied des Verbandes der Beschäftigungstherapeuten.[2][2.2]
Auswanderung nach Palästina
Bereits während ihrer Tätigkeit für „Blau-Weiß“ hatte Grossmann Pläne für die Alija, die Auswanderung nach Israel, geschmiedet. Mit den Schwestern von Chaim Arlosoroff, einem wichtigen Vertreter der zionistischen Bewegung, war sie eng befreundet. Sie lernte intensiv Hebräisch und entwarf eine hebräische Signatur für ihre Töpferwaren. Nach Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 erkannte sie, dass sie in Deutschland nicht länger als Lehrerin arbeiten konnte und ihre Beziehung zu Rudi Lehmann, der kein Jude war, auch für ihn ernsthafte Konsequenzen haben konnte. Im Sommer desselben Jahres verließen beide Deutschland.[2.2]

Grossmann hatte den ehrgeizigen Plan, die Töpferei in Palästina als ein jüdisches Handwerk zu entwickeln, und wollte in der Gegend von Haifa ein Töpferkollektiv begründen; ein Plan, der jedoch nicht verwirklicht wurde. Auch das Projekt einer Blumentopffabrik im Kibbuz Jagur bei Haifa war nicht erfolgreich. Der Kibbuz löste im Mai 1937 den Vertrag mit Rudi Lehmann und Hedwig Grossmann auf, sie verließen den Kibbuz mit mehreren Monatslöhnen im Rückstand.[2.2] Die finanziellen Schwierigkeiten begleiteten das Paar beinahe während ihres gesamten Lebenswegs. Nach dem Umzug in ein Jerusalemer Altstadtviertel konnten sie sich mit der Produktion von Geschenkartikeln wie Vasen, Tee- und Kaffeegeschirr und den von Rudi Lehmann geschnitzten Tierfiguren aus Olivenholz eine bescheidene Existenz sichern.
Leben und Wirken ab 1948

1953 gehörten Grossmann und Lehmann zu den ersten Siedlern in der Künstlerkolonie in Ein Hod, wo sie bis 1957 lebten und unterrichteten.
Hedwig Grossmann stellte Ende der 1950er Jahre einen Antrag auf Entschädigung des an ihrer Familie durch die Nationalsozialisten begangenen Unrechts. Ihre Mutter Else war 1943 im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden, die ältere Schwester Erna, deren Mann und deren beide Töchter wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Entschädigungszahlungen ermöglichten es Grossmann 1959, ein bescheidenes Haus in Giv’atajim bei Tel Aviv zu erwerben. Dort gründete sie eine städtische Kunst-, Handwerks- und Handarbeitsschule und arbeitete bis in die 1980er Jahre hinein „mit Menschen jeden Alters und jeder Herkunft“.[3]
Ein besonderes Anliegen war ihr die Entwicklung kunsttherapeutischer Lehrprogramme.[4] Die therapeutische Arbeit mit verwundeten Soldaten und mit Blinden hatte sie schon 1949 während des israelischen Unabhängigkeitskriegs begonnen.
Werke
Keramik
Grossmann hatte in ihrer Anfangszeit in Palästina die einheimischen Keramikformen studiert und besuchte arabische Töpfereien, die poröse Steingutgefäße herstellten. Die gängigen Keramikformen beschränkten sich auf wenige traditionell-regionale Muster, die bis in die Antike zurückreichten. Grossmanns eigene Arbeiten waren aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung in Deutschland technisch sehr ausgefeilt, doch in Palästina nahm sie davon Abstand und suchte nach einer neuen Ausdrucksform, die einheimisch und authentisch sein sollte.[4]
1939 begann sie, kleine Tonfiguren von Jerusalemer Typen herzustellen, später größere Terracottaplastiken, deren bekannteste im Israel-Museum ausgestellt sind. Zwischen 1963 und 1965 entstand ihr bekanntestes Werk Schreitende Beduinenfamilie, eine „Gruppe von vier Figuren, die im Lauf der Jahre immer wieder als typisches Beispiel für einheimische israelische Kunst ausgestellt wurde“.[2][2.3]
Druckgrafik
Grossmann hatte seit ihren frühen Zwanzigerjahren Tierzeichnungen, Porträts und Skizzen angefertigt sowie Freihandzeichnungen mit Tusche und Feder. Ab 1953 arbeitete sie in Ein Hod an Zeichnungen und Holzschnitten.[2] Eine Sammlung von Holzschnitten aus ihrem Nachlass befindet sich im Jerusalem Print Workshop.[5]
Auszeichnungen
- Silbermedaille, Triennale der angewandten Künste, Mailand
- 1955: Zweiter Platz in der Kategorie Keramik, Museum of Modern Art, Haifa
- 1973: Ben-Yitzhak-Preis für Kinderbuchillustration, Israel-Museum, Jerusalem, Auszeichnung für Grossmans Buch Terracotta.
Ausstellungen
Einzelausstellungen
- 1959: Holzschnitte und Grafiken, Künstlerhaus, Jerusalem
- 1966: Keramik und Terracottaplastiken, Eröffnung des Keramikpavillions im Ha’aretz-Museum, Ramat Aviv, Tel Aviv
- 1981: „Rudi Lehmann, Hedwig Grossman – Skulpturen und Grafik“, Mishkan Museum of Art, Kibbutz Ein Harod
- 1985: „Rudi Lehmann, Hedwig Grossman – Holzschnitte“, Jerusalem Print Workshop, Jerusalem
- 2016: Joseph Weisman Municipal Art Gallery, Givatayim
Gruppenausstellungen
- 1966: „Israeli Painters 6“, Wanderausstellung, Israel
- 1979: „The Israeli Grafotec“, Shaar Zion Library, Beit Ariella, Tel Aviv[6]
Literatur
- Helga Keller, Chana Schütz: Kunstpioniere in Eretz Israel. Die Geschichte des Bildhauers Rudi Lehmann und der Keramikerin Hedwig Grossmann. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2008, ISBN 978-3-86650-322-9.
- Hedwig Grossmann: Terracotta. Hadassah Library, Tel Aviv 1972.
Weblinks
- Hedwig Grossmann Lehmann Information Center for Israeli Art, Israel Museum, Jerusalem
- Hedwig Grossmann Lehmann. „Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne,“ Jüdisches Museum Berlin