Tabita (Bibel)
biblische Gestalt
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Tabita, auch unter ihrem griechischen Namen Dorkas bekannt, war eine christliche Wohltäterin, die in der Apostelgeschichte des Lukas als Jüngerin Jesu in der Stadt Joppe erwähnt wird. Auf das Gebet des Simon Petrus hin habe Gott Tabita von den Toten erweckt.

Tabita von Joppe wird in den orthodoxen Kirchen als Heilige verehrt. In einigen evangelischen Kirchen gilt sie als Glaubenszeugin.
Name
Der Name Ταβιθά Tabithá ist aramäischen Ursprungs (טַבׅיְתָא ṭabîtā).[1] Er wird von Lukas korrekt mit Δορκάς Dorkás „Gazelle“ übersetzt. Aramäisch-griechische Doppelnamen wie Tabita-Dorkas kamen öfter vor. Der griechische Frauenname war gängig, sein aramäisches Äquivalent dagegen selten.[2]
Die Vulgata enthält den Namen in der Form Tabita bzw. Dorcas. In der Lutherbibel lautete der Name der Jüngerin bis zur Revision des Jahres 1975 Tabea; dies geht auf eine Variante der lateinischen Handschriftentradition zurück und hat keinen Anhalt bei den griechischen Textzeugen.[3]
Tabita in der Apostelgeschichte
Gemäß Apg 9,36–42 LUT war Tabita eine vorbildliche Christin; im Neuen Testament wird nur sie explizit als „Jüngerin“ (μαθήτρια mathḗtria) bezeichnet. Sie lebte in der griechisch geprägten Hafenstadt Joppe (heute Tel Aviv-Jaffa). Tabita widmete sich der Fürsorge für arme Witwen, insbesondere fertigte sie ihnen Tuniken und Mäntel an.
Dass jemand aufgrund eigener guter Werke eines Wunders gewürdigt wurde, ist ein typischer Zug der Wundergeschichten im Lukanischen Doppelwerk und trifft auch auf Tabita zu.[4] Als sie nämlich krank wurde und starb, wurde Petrus geholt, der sich im nahen Lydda (heute Lod) aufhielt. Petrus traf im Obergemach des Hauses die für die Beisetzung bereits vorbereitete Leiche[5] und eine trauernde Witwen-Gruppe an, die ihm die von Tabita gefertigten Kleider zeigte. Der Apostel schickte alle hinaus und betete kniend bei dem Leichnam.[6] Dann sagte er: „Tabita, steh auf!“ Anders als bei den Totenerweckungen, die in der Hebräischen Bibel von Elija und Elischa erzählt werden, vermied Petrus jeden Körperkontakt mit der Leiche.[7] Tabita öffnete die Augen, setzte sich und stand mit Hilfe des Petrus auf. Erst jetzt, als sie zweifellos lebte, reichte er ihr die Hand. Wie es für den Abschluss biblischer Auferweckungserzählungen typisch ist, gab Petrus die lebendige Tabita ihrer Gemeinschaft zurück – hier allerdings nicht ihrer Familie, sondern der ganzen Ortsgemeinde.[8]
Die Nachricht von diesem Wunder verbreitete sich in Joppe und hatte, so Lukas, viele Bekehrungen zur Folge.
Sozialer Status der Tabita
Daniel Marguerat schreibt: „Insgesamt wird Tabita als bekannte, gläubige und wohlhabende Frau dargestellt, die die karitative Funktion des patronus (besser gesagt: der matrona) der griechisch-römischen Gesellschaft ausübt.“[9]
Da sie die Mittel für wohltätiges Handeln hatte, kann Tabita nicht zu den ganz Armen gehört haben. Aber ihr sozialer Status muss darum nicht hoch gewesen sein. Dorkas ist epigrafisch als Name von Prostituierten und in der rabbinischen Literatur von Sklavinnen bezeugt. Dies lässt sich gut mit der Kleiderherstellung verbinden: In archäologischen und ikonographischen Quellen wurden Prostituierte bei Textilarbeiten dargestellt, und zwar nicht als Alibibetätigung, sondern weil Wollarbeiten und Prostitution sich in der Lebensrealität von Frauen der frühen Kaiserzeit oft ergänzten.[10]
Jedoch sind das Spinnen von Wolle und das Weben in der Antike auch ein geradezu charakteristisches Merkmal tugendhafter Hausfrauen aus allen sozialen Schichten, sogar die Tochter und die Enkelinnen des römischen Kaisers Augustus stellten Kleidung für den Herrscher her.[11]
Möglich, aber nicht zwingend, ist die soziale Einordnung auch bei der lukanischen Charakterisierung der Tabita. Ihr Name lässt an eine aus dem Sklavenstand stammende Prostituierte denken, zur Sprache kommt aber nur ihre Textilarbeit.[12]
Rezeptionsgeschichte
Bibelauslegung
Einige frühe Bibelausleger nahmen an, dass Lukas den Namen Tabita nicht grundlos übersetzt habe, und suchten darin eine Symbolik. Diese Christin sei so flink und aufmerksam wie eine Gazelle gewesen, erläuterte Johannes Chrysostomos in einer Homilie. Beda Venerabilis zufolge halten sich Gazellen auf hohen Bergen auf und haben eine weite Sicht; die Heiligen hätten gute Werke, so groß wie Berge, und richteten ihre Kontemplation auf Höheres.[13]
Von Tabita, die sich der Fürsorge für arme Witwen gewidmet hatte, wurde schon früh angenommen, dass sie selbst Witwe gewesen sei. So kombinierte Basilius von Caesarea in den Regulae morales Apg 9,36 LUT mit 1 Tim 5,9–10 LUT, um Tabita zur vorbildlichen Witwe zu machen, die für andere Witwen Verantwortung übernahm.[14]
Johannes Calvin übersetzte Dorkas mit „Wildziege“, die Heiligkeit ihres Lebens sei aber wichtiger als der unpassende Name. Für Calvin war Tabita-Dorkas das Ideal einer reformierten Christin, die aus ihrem Glauben heraus gute Werke vollbringt.[15] Auf der Linie Calvins interpretierte der presbyterianische Bibelkommentator Matthew Henry Tabita als Modell eines praktischen Christentums: groß in Taten, nicht in Worten.
Die Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kommentierte die Tabita-Erzählung in The Women’s Bible (1898): „Was Männer von ihrer Höhe herab lehren, verwirklichen Frauen wie Dorkas in ihrem Leben.“[16] Die afroamerikanische baptistische Missionarin Virginia Broughton (1856–1934) interpretierte Tabita und Phoibe (Röm 16,1 LUT) als frühchristliche Missionarinnen.[17]
Feministische Exegese
Ivoni Richter Reimer charakterisiert Tabita als Judenchristin, die mit ihrer Kleiderherstellung „Gerechtigkeitswerke“ (nicht Almosen) im Sinne jüdischer Armenfrömmigkeit vollbringe. Ihre eigene Arbeit und somit ein Teil ihrer selbst stecke in den von der Witwen-Gruppe vorgezeigten Kleidern. Mit der von Petrus vollbrachten Auferweckung sage Gott Ja zum Lebensstil der Tabita, die als Christin ihre jüdischen Wurzeln bejahe.[18]
Gail O’Day kritisiert im Women’s Bible Commentary, dass Tabitas Fürsorge für Witwen von Lukas nur als „Wohltätigkeit“ bezeichnet wird; die Bezeichnung „Dienst“ bleibe dem Tun von Männern vorbehalten. Auch gebe die Apostelgeschichte Frauen wie Tabita keine Stimme. Wörtliche Rede ist in der Apostelgeschichte stets Rede von Männern.[19]
Margaret Aymer urteilt, dass Tabita „selbstverständlich“ eine reiche Frau von hohem sozialem Status gewesen sei, deren Tod der Ortsgemeinde einen finanziellen Verlust zugefügt hätte. Doch habe die Erzählung von ihrer Totenerweckung „dekolonialisierenden Biss“, denn obwohl Tabita zu Lebzeiten von Rom kolonisiert worden sei und sogar ihren Namen geändert habe, rufe Petrus die verstorbene Christin mit ihrem „präkolonialen, aramäischen Namen“ ins Leben zurück.[20]
Bildende Kunst


Die Auferweckung der Tabita wurde mehrfach künstlerisch dargestellt.
In der Kirche Santa Maria del Carmine (Florenz) malte Masolino da Panicale 1425/27 die Brancacci-Kapelle mit einem Zyklus von Wundertaten des Petrus aus. Entgegen den biblischen Angaben findet die Erweckung der Tabita im Erdgeschoss statt; der Künstler wählte den Moment, in dem sich die Jüngerin im Bett aufsetzt. Am Kopfende des Bettes knien zwei Witwen und zeigen von Tabita gefertigte Kleider.[21]
Der Entstehungskontext von Guercinos Ölgemälde Auferweckung der Tabita (1617) ist unbekannt. Dargestellt ist ein dramatisches Geschehen um die in perspektivischer Verkürzung leblos auf ihrem Bett liegende Frau: Witwen trauern und klagen, ein Jünger weist auf die Leiche, Petrus zeigt mit gebieterischer Geste zum Himmel und befiehlt Tabita so, aufzustehen.[22]
Judy Chicago wählte Tabita (hier bezeichnet als Dorcas) als eine der 999 Frauen des Heritage Floor aus, die der Installation The Dinner Party zugeordnet sind.
Heiligenverehrung
Tabita wird in den orthodoxen Kirchen als Heilige verehrt. Ihr Gedenktag ist der 25. Oktober.[23]
In der Evangelical Lutheran Church in America und der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten ist der 27. Januar gemeinsamer Gedenktag für drei im Neuen Testament erwähnte Glaubenszeuginnen (witnesses to the faith): Lydia, Dorkas und Phoibe.[24] Die Lutheran Church – Missouri Synod gedenkt dieser drei gläubigen Frauen (faithful women) am 25. Oktober.[25]
Im Martyrologium Romanum wird Tabita nicht erwähnt.
Grab
Ein Grab der Tabita in Joppe erwähnte der spätantike Pilger von Piacenza: „Ich verließ Jerusalem und stieg nach Joppe hinab. Dort ruht die hl. Tabitha, die auch Dorcas genannt wird.“[26] In den folgenden Jahrhunderten fanden allerdings die Petrus-Traditionen Joppes größeres Interesse. Richard Pococke besuchte Jaffa in den 1730er Jahren und schrieb, es gebe etwa eine Meile östlich der Stadt „auf einer Anhöhe noch einige alte Grundmauren eines Hauses, welches man das Haus der Thabita nennet, die Petrus von den Todten auferwecket hat. Vermutlich ist daselbst eine Kirche gestanden, die ihr geweihet war. Die Griechen kommen noch jährlich an ihrem Feste hieher, und verrichten hier ihren Gottesdienst.“[27] Charles Clermont-Ganneau fand die spätantike jüdische Nekropole von Joppe nördlich der Stadt Jaffa im Bereich des neuen Vororts Abu Kbīr; der traditionelle Name für dieses Areal war Ardh Dhabīta. Clermont-Ganneau vermutete, dass es hier eine alte Tradition des Tabita-Grabs gegeben habe und dann in der Frühen Neuzeit ein Mauerrest oder Ähnliches im Bereich des spätantiken Friedhofs als Haus der Tabita missverstanden worden sei.[28]
Seit dem 19. Jahrhundert wird das Grab Tabitas auf dem Areal der russisch-orthodoxen Apostel-Petrus-Kirche (Tel Aviv-Jaffa) gezeigt.
Tabita als Namengeberin

Seit dem frühen 19. Jahrhundert gibt es im angloamerikanischen Raum Dorcas Societies, Frauengruppen mit kirchlicher Anbindung, die sich der Versorgung der Armen mit Kleidung widmeten. Bezeugt sind sie beispielsweise in Salem (Massachusetts) Anfang des 19. Jahrhunderts, in den 1820er/1830er Jahren in Philadelphia und von 1819 bis 1843 in Boston.[29] Näharbeiten nahmen zu dieser Zeit in der philanthropischen Betätigung von Frauen eine zentrale Rolle ein. Kleidung wurde in den Dorcas Societies neu hergestellt oder gesammelt und aufgearbeitet. Die Produkte ihrer Arbeit gingen teils an die Notleidenden vor Ort, teils an Missionsstationen.[30] Das deutschsprachige Pendant, vor allem in Preußen, waren Tabea-Vereine und Tabea-Gruppen.
Nach Tabita (Lutherbibel: Tabea) wurde 1948 auf Vorschlag der dortigen Frauenhilfsgruppe die Tabeagemeinde in Berlin-Neukölln benannt; ihr Kirchsaal in der Sonnenallee 315 wurde 1957 von Bischof Otto Dibelius eingeweiht. Die Tabeagemeinde gehört heute durch Fusion zur Kirchengemeinde Rixdorf; der Kirchsaal („Tabeakirche“) wird weiter gottesdienstlich genutzt.[31]
Im Jahr 2005 fusionierten die Ansgargemeinde in Hamburg-Othmarschen und die Kreuzkirchengemeinde in Hamburg-Ottensen zur Tabita-Kirchengemeinde;[32] sie gehört zum evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Hamburg West/Südholstein.
Literatur
- Janice Capel Anderson: Reading Tabitha: A Feminist Reception History. In: Elizabeth Struthers Malbon, Edgar V. McKnight (Hrsg.): The New Literary Criticism and the New Testament (= Journal for the Study of the New Testament Supplement Series, Band 109). Sheffield Academic Press, Sheffield 1994, S. 108–144.
- Wilfried Eckey: Die Apostelgeschichte. Der Weg des Evangeliums von Jerusalem nach Rom. Band 1. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2000.
- Friederike Erichsen-Wendt: Tabitha - Leben an der Grenze: ein Beitrag zum Verständnis von Apg 9,36-43. In: Biblische Notizen, Band 127 (2005), S. 67–90.
- Craig S. Keener: Acts: An Exegetical Commentary. Band 2. Baker Academic, Grand Rapids 2013.
- Susanne Luther: „Hafen von Jerusalem, Hafen zur Welt“: Jaffa in den Erzählungen der Apostelgeschichte. In: Martin Peilstöcker, Jürgen Schefzyk, Aaron A. Burke (Hrsg.): Jaffa, Tor zum Heiligen Land. Nünnerich-Asmus Verlag, Mainz 2013, S. 70–76.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte (= Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Band 3). 18. Auflage, 1. Auflage dieser Auslegung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2022, ISBN 978-3-525-56045-7.
- Rudolf Pesch: Die Apostelgeschichte (= Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Band 5). Band 1. Benziger, Zürich u. a. 2005, ISBN 3-545-23112-7.
- Ivoni Richter Reimer: Frauen in der Apostelgeschichte des Lukas: Eine feministisch-theologische Exegese. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1992, ISBN 3-579-00092-6.
- Jürgen Roloff: Die Apostelgeschichte (= Das Neue Testament Deutsch, Band 5). 19. Auflage, 3. Auflage der Neufassung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010. ISBN 978-3-525-51361-3.
- Heidi J. Hornik, Mikeal C. Parsons: The Acts of the Apostles through the Centuries. Wiley-Blackwell, Chichester / Malden 2017, S. 122–125.
Weblinks
- Konrad Huber: Tabita. In: Michaela Bauks, Michael Pietsch, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff.