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Heinrich Kliewe

deutscher Hygieniker, Bakteriologe und Hochschullehrer From Wikipedia, the free encyclopedia

Heinrich Franz Kliewe (* 7. September 1892 in Beckum; † 28. Dezember 1969 in Mainz) war ein deutscher Bakteriologe, Hygieniker und Hochschullehrer, der Experte für biologische Kriegsführung war.

Leben

Heinrich Kliewe war Sohn des Kaufmanns Heinrich Kliewe und dessen Ehefrau Ida, geborene Hunke.[1] Nach der Reifeprüfung studierte er von 1911 bis 1922 Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie an den Universitäten Wien, Münster, Heidelberg, München und Gießen; unterbrochen aufgrund Kriegsdienstes während des Ersten Weltkrieges.[2] Seit 1919 war er Mitglied der katholischen Studentenverbindung KDStV Sauerlandia Münster. Kliewe wurde nach Studienabschluss 1922 approbiert und 1923 in Gießen zum Dr. med. promoviert. Anschließend war er bis Anfang 1946 am Hygiene-Institut in Gießen beschäftigt. Er habilitierte sich 1926 für Hygiene und Bakteriologie an der Universität Heidelberg. Danach wurde er Vorstand des Hessischen Untersuchungsamtes für Infektionskrankheiten in Gießen und wurde zum Medizinalrat und später zum Obermedizinalrat befördert. Ab 1928 führte er als Privatdozent Lehraufträge an der Universität Gießen durch, wo er 1931 zum außerordentlichen Professor ernannt wurde.[3] Nach der Emeritierung von Philalethes Kuhn war er kurzzeitig Leiter des Gießener Hygiene-Instituts.[4] 1939 wurde er in Gießen zum außerplanmäßigen Professor ernannt.[5]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat er zum 1. April 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 1.662.635).[6][7] Des Weiteren gehörte er ab 1933 der SA an, bei der er bis zum SA-Sturmbannführer aufstieg und war auch Mitglied im NS-Dozentenbund.[8]

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Kliewe zur Wehrmacht einberufen, jedoch als wehrdienstuntauglich eingestuft. Anschließend wechselte er zur Militärärztlichen Akademie nach Berlin, wo er zunächst am dortigen Hygiene-Institut beschäftigt war. Kurz darauf wurden ihm Tätigkeiten an den Hygiene-Instituten in Danzig sowie im deutsch besetzten Polen (Krakau und Warschau) zugewiesen.[9] In Warschau war Kliewe am staatlichen Hygiene-Institut damit beauftragt, „polnische und jüdische B-Waffensabotage zu untersuchen“.[10] Als nach dem Westfeldzug im deutsch besetzten Frankreich in Vert-le-Petit bei Paris ein Forschungsinstitut für biologische Kriegsführung[11] entdeckt worden war, erhielt Kliewe den Auftrag, diese Institution zu untersuchen.[12] Er fand heraus, dass – wie sein Chef, der General der Nebeltruppe Hermann Ochsner kommentierte – „die Franzosen anscheinend in großem Rahmen Vorbereitungen für einen bakteriologischen Krieg getroffen und auch abgeschlossen hatten“.[13]  Daraufhin wurde Kliewe Mitte Januar 1941 als Referent an die Heeressanitätsinspektion und in die  Gasschutzabteilung (Wa Prüf 9) des Heereswaffenamtes kommandiert. Vor allem aber wurde er mit  „der Bearbeitung aller Fragen des biologischen Krieges“ beauftragt. In diesem Zusammenhang wurde ihm am Hygienisch-bakteriologischen Institut der Militärärztlichen Akademie eine eigene Abteilung eingerichtet. Die neugegründete „Abteilung Kliewe“  verfügte jedoch über wenig Personal und war ungenügend ausgestattet.[14] Dort untersuchte er vor allem die synergistische Wirkung von Kombinationen biologischer und chemischer Kampfmittel. Darüber hinaus arbeitete er an bereits in Frankreich intensiv an Möglichkeiten zur Verbreitung biologischer Kampfmittel durch Aerosole, beispielsweise  durch mit Anthrax-Sporen kontaminierte Bomben oder durch Versprühung dieser Mittel von Flugzeugen aus. Auch ging es um Möglichkeiten pestinfizierte Ratten aus Flugzeugen abzuwerfen und Krankheitserreger in Wasserspeichern auszubringen.[15]

Am 23. Mai 1942 informierte General Ochsner Kliewes Abteilung  und die anderen zuständigen Dienststellen, dass Adolf Hitler „befohlen hat, dass unsererseits Vorbereitungen für einen Bakterienkrieg nicht zu treffen sind. Der Führer fordert aber äußerste Bemühungen um Abwehrmittel und Abwehrmaßnahmen gegen etwaige Feindangriffe mit Bakterien“.[16] Am gleichen Tag wurde Hitlers Verbot im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vermerkt.[17] Kliewe, ein fleißiger und sorgfältiger Aktensammler, sortierte Ochsners Weisung in das von ihm angelegte Archiv mit Dokumenten zur biologischen Kriegsführung. Kurz vor Kriegsende wurde das in der Gruft eines Klosters im bayerischen Niederviehbach versteckt. Dort wurde es von den Experten der angloamerikanischen ALSOS-Mission entdeckt, die mir der Aufklärung der deutschen Rüstungsaktivitäten beauftragt war. Sie registrierten das Dokument mit dem Hitler-Befehl, übersetzten es – wie alle anderen Schriftstücke – ins Englische und nahmen es in eine Sammlung von Schlüsseldokumenten auf.[18] Im März 1943 wurde vom OKW beschlossen, zur Koordinierung der von Hitler befohlenen verstärkten Abwehrmaßnahmen ein B-Schutz-Komitee zu gründen, die „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“.[19] Kliewe wurde eines ihrer aktivsten Mitglieder. Er führte Protokoll und notierte, wie er und einige Experten nicht nur versuchten, Hitler umzustimmen, sondern hinter dessen Rücken auch durchaus offensiv motivierte Pläne zu schmieden und entsprechende Versuche durchzuführen.[20] Mehr oder weniger offen unterstützt wurden sie dabei von Heinrich Himmler und Hermann Göring. Der beauftragte den stellvertretenden Reichsärzteführer Professor Kurt Blome im April 1943, also einen Monat nach Gründung der Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter, eine sogenannte „Arbeitsgemeinschaft für Krebsforschung“ einzurichten.[21] Tatsächlich sollten, wie Kliewe schon am 3. Juni 1943 notierte, unter deren Deckmantel „biologische Kampfverfahren erforscht“ werden.[22]

Mit Blome bekam es Kliewe ein letztes Mal am 7. Februar 1947 zu tun: Im Zusammenhang mit dem Nürnberger Ärzteprozess versicherte er einem Mainzer Notar an Eides statt, dass Blome keine Menschenversuche mit Doryl durchgeführt habe.[23] Zu B-Waffen wurde er in diesem Zusammenhang nicht befragt.

Kliewe wurde 1944 in den Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt berufen.[8]

Kliewe folgte 1946 einem Ruf an die Universität Mainz, wo er als ordentlicher Professor für Hygiene und Bakteriologie und Direktor des dortigen Hygiene-Instituts wirkte. 1960 wurde er emeritiert.[3] Ihm wurde 1960 das Große Bundesverdienstkreuz verliehen.[7] Seit März 1925 war er mit Anneliese, geborene Arnold, verheiratet. Das Paar bekam vier Töchter.[24]

Schriften (Auswahl)

  • Zur Bacteriologie der entzündlichen Veränderungen der Gallenwege, insbes. d. Cholecystitis, Gießen 1922, Aus: Zeitschrift f. Hygiene u. Infektionskrankh. Bd. 96 (zugleich Universität Giessen, Med. Dissertation, 1923)
  • Die Infektionskrankheiten, ihre mikrobiol. Diagnostik u. Therapie, sowie Massnahmen zu ihrer Verhütg : Ein kurz gefasster Leitf. f. Studierende u. prakt. Ärzte, J. F. Lehmanns Verlag, München 1926 (zusammen mit Otto Huntemüller)
  • Leitfaden der Entseuchung und Entwesung, Enke, Stuttgart 1937 (1943 und 1951 überarbeitete Neuauflagen)
  • Über die entwicklungshemmende und keimtötende Wirkung gerbstoffhaltiger Drogen, H. Weiß, Berlin 1939 (zusammen mit Hans Joachim Hillenbrand)
  • Wein und Gesundheit : Eine ärztl. u. volkstüml. Studie, Meininger, Neustadt/Weinstr. 1962 (1965, 1969 und 1981 erneut aufgelegt)
  • Lehrbuch Biologische Kampfmittel: (Einsatz- u. Schutzmöglichkeiten), Bundesluftschutzverband, Köln 1963 (zusammen mit Joachim Albrecht)

Literatur

  • Klaus Dörner (Hrsg.): Der Nürnberger Ärzteprozeß 1946/47. Wortprotokolle, Anklage- und Verteidigungsmaterial, Quellen zum Umfeld. Erschließungsband zur Mikrofiche-Edition. Im Auftrag der Hamburger Stiftung Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. Deutsche Ausgabe, Mikrofiche-Edition. Saur, München 2000, ISBN 3-598-32028-0.
  • Erhard Geißler: Biologische Waffen – nicht in Hitlers Arsenalen. Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. 2., überarbeitete Auflage. LIT, Münster 1999, ISBN 3-8258-2955-3.
  • Erhard Geißler: Anthrax und das Versagen der Geheimdienste, Homilius, Berlin 2003, ISBN 3-89706-889-3.
  • Sigrid Oehler-Klein (Hrsg.): Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Personen und Institutionen, Umbrüche und Kontinuitäten (= Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen, Band 2). Steiner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09043-8.

Einzelnachweise

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