Heinrichsdorf (Niedergörsdorf)
frühmittelalterliche, später wüst gefallene Siedlung nordwestlich von Jüterbog im heutigen Land Brandenburg
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Heinrichsdorf ist eine frühmittelalterliche, später wüst gefallene Siedlung nordwestlich von Jüterbog im heutigen Land Brandenburg. Der Ort erscheint seit dem späten 12. Jahrhundert in zahlreichen Urkunden und war über Jahrhunderte Gegenstand komplexer Besitz und Lehnsverhältnisse. Die Siedlung selbst verschwand im Spätmittelalter; ihre Lage ist heute nur noch über Flurnamen, archivalische Hinweise und einen stark zerstörten Burgwall im Kesselgrund nordwestlich von Niedergörsdorf erschließbar. Das Gebiet wurde später dem Gutsbezirk Kappan zugerechnet und 1928 mit Niedergörsdorf vereinigt.[1]
Geografische Lage
Die Lage der wüsten Feldmark, auf der Heinrichsdorf vermutet wird, ist durch zahlreiche Quellen belegt. Eine Urmesstischblattaufnahme von 1841 verzeichnet ein Vorwerk auf der wüsten Feldmark. Bereits 1666 wurde unweit von Niedergörsdorf und Kaltenborn ein Hügel neben zwei Pfühlen beschrieben, der der Burgwall genannt wurde. Die angrenzenden Ackerstücke heißen Dorfstätte. Die Bauern von Niedergörsdorf berichten, dies sei Heinrichsdorfer Burg geheißen. Um 1800 grenzte die wüste Feldmark im Osten und Süden an Niedergörsdorf, im Westen an Kaltenborn und Malterhausen und im Norden an die preußische Birkheide. Im Jahr 1841 wurde am späteren Bahnhof Altes Lager ein verschütteter Brunnen erwähnt. Noch 1851 war auf der betreffenden Ackerhälfte deutlich ein Hügel neben einem Dorfpfuhl und kurzen Äckern erkennbar, die Dorfstätten genannt wurden. Der Burgwall liegt etwa 1,5 km nordwestlich von Niedergörsdorf im sogenannten Kesselgrund. Es handelt sich um einen Hügel von etwa 20 m Durchmesser und bis zu zwei Metern Höhe, der durch Erdbewegungen stark zerstört wurde. Nach archäologischer Einschätzung liegt der Burgwall wahrscheinlich in unmittelbarer Nähe des frühdeutschen Dorfes Heinrichsdorf.[1]
Geschichte und Etymologie
Etymologie
Die älteste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1191, als eine villam in terra nostra Jutherbok, que Heinrekestorp dicitur genannt wurde. Weitere Nennungen folgen 1225 als villam henrichdorp, 1227 mit dem Pleban Dhethardus de Heinrikistorp in Jüterbog und 1229 mit Gozuinus de Heinrikistorp, Pleban in Magdeburg. 1363 erschien ein miles Petrus de Heinrichsdorf in den Urkunden. Diese Belege wurden früher häufig dem sächsischen Heinsdorf zugeschrieben, doch nach heutiger Forschung betreffen sie eindeutig dieses Heinrichsdorf, dessen wüste Feldmark den älteren Autoren offenbar unbekannt war. Auch das vielfach bezeugte Geschlecht derer von Heinrichsdorf dürfte in engem Zusammenhang mit der Burg und dem Ort stehen, was auf eine größere Bedeutung der Siedlung im Hochmittelalter hinweist.[1] Weitere Erwähnungen finden sich 1466 als Die Heynerstorff marcke, 1561 als die Heinrichsdorffer Feldt Marcke und 1565 im Zusammenhang mit einer vorfallenden Kirche auf Henstorffer Marck. 1833 wird ein Heinrichsdorff neues Vorwerk genannt.[2] Das Dorf ist nach einem Mann mit dem deutschen Personennamen Heinrich benannt.[3]
Besitzgeschichte
Grundherrlich war Heinrichsdorf zunächst bis 1191 unmittelbarer Besitz des Erzbischofs von Magdeburg. Von 1191 bis nach 1209 gehörte es dem Kloster Marienthal bei Helmstedt, danach dem Kloster Zinna und vor 1221 dem Domkapitel Magdeburg. Anschließend lag es bis 1817 in der Vogtei bzw. im Amt Jüterbog und von 1817 bis 1872 im Amt Zinna. Der Besitz umfasste das Dorf, die wüste Feldmark und das im 19. Jahrhundert neu errichtete Vorwerk.
Weitere Besitzer waren bis 1451 ein Bürger namens Günther aus Jüterbog, von 1451 bis 1655 Angehörige der Familie Heinrichsdorf, die zunächst in Treuenbrietzen, später in Jüterbog und zuletzt als Perlen‑ und Seidensticker in Berlin ansässig waren. Von 1655 bis 1691 folgten Rittmeister Junack und seine Erben, von 1691 bis 1742 die Familie Wallersheim und von 1742 bis nach 1813 die Familie Flemming, deren Besitz sich seit vor 1800 teilweise mit dem der Familien Michaelis und Einhorn überschnitt. Die Abgaben bestanden unter anderem aus einem Wispel Roggen von der wüsten Feldmark (1451) sowie zwei Wispeln Roggen in den Jahren 1478 und 1568.
Die Namensgleichheit zwischen dem bürgerlichen Geschlecht Heinrichsdorf und dem Ort führte bereits im 16. Jahrhundert, vor allem aber im 17. und 18. Jahrhundert, zu der irrigen Annahme, diese Familie sei im Besitz der wüsten Feldmark und müsse Lehen bezahlen. Erst 1733 untersagte das Amt Zinna den Besitznachfolgern sämtliche Suppliken, da Zinna selbst Anspruch auf die wüste Feldmark erhob und die Grenzziehung zur Birkheide strittig war.[2]
12. bis 15. Jahrhundert
Bereits 1191 wurde ein Dorf (villa) mit 30 Hufen genannt, und auch 1204 erschien Heinrichsdorf erneut als Dorf. In den Jahren 1227 und 1229 wurde es als Kirchdorf geführt.[2] Für die Einstufung als Kirchdorf spricht auch, dass in den Jahren 1227 und 1229 ein Plebanus genannt wurde. Das enge Verhältnis des Ortes zum Magdeburger Domkapitel spricht dafür, dass diese Belege tatsächlich Heinrichsdorf und nicht das später oft fälschlich herangezogene Heinsdorf im Kurkreis betreffen.[4] Spätestens 1451 ist Heinrichsdorf jedoch bereits als wüste Feldmark nachweisbar.[2]
16. und 17. Jahrhundert
Im Jahr 1561 befand sich die wüste Feldmark im Besitz der Bauern von Niedergörsdorf, während die Einwohner von Dennewitz, Wölmsdorf, Linda, Dalichow, Kaltenborn, Pechüle, Bardenitz, Zinna und Grüna die Feldmark gemeinsam zu behüten hatten. Malhaufen, d. h. eine Ansammlung verschiedener Objekte, wie Äste, Steine oder andere Gegenstände, markierten die Grenze zwischen der Heinrichsdorfer wüsten Feldmark, der Feldmark des Klosters Zinna und der wüsten Feldmark von Malterhausen.[4] Im darauffolgenden Jahr erhielt der Pfarrer von Niedergörsdorf im Rahmen einer Visitation zwei Hufen samt einem halben Getreidezehnten auf der wüsten Feldmark Heinrichsdorf. Die Kirche von Niedergörsdorf besaß zudem ein Stück Land im Kesselgrund auf der wüsten Feldmark, das mit zwei Scheffeln Roggen besät wurde, sowie ein weiteres Stück Land auf der Mark, nach der Heide zu, das mit acht Scheffeln bestellt wurde.[4] Im Jahr 1642 lag die wüste Feldmark unterm Fluge der Bauern von Niedergörsdorf; die Grenzen waren seit undenklichen Jahren nicht mehr gezogen worden. Für das Jahr 1699 wurde die wüste Feldmark mit 48 Hufen beschrieben, die mit zwei bis vier Scheffeln Aussaat veranschlagt waren und Niedergörsdorf zugestanden wurden.[2]
18. Jahrhundert
Im Jahr 1721 umfasste die Feldmark 56 Hufen oder Abteilungen. Davon nutzten jeweils zwei Hufen die Pfarrer von Niedergörsdorf und Kaltenborn, während die übrigen Hufen den Einwohnern von Niedergörsdorf zustanden. Diese waren so verteilt, dass jeder entsprechend der Zahl seiner Dorfhufen auch Hufen auf der wüsten Feldmark erhielt.[2] Im Jahr 1747 wurden bei Dennewitz 46 Hufen zu Heinrichsdorf genannt, bei Niedergörsdorf jedoch 56 Hufen, eine Zahl, die aus zuvor 52 Hufen verbessert worden war.[4]
19. Jahrhundert
Um 1800 bestand die wüste Feldmark aus 48 Hufen, von denen ein Teil mit Holz bewachsen und in das Amt eingezogen war. Die Aussaat wurde auf 293 Scheffel und 2½ Metzen Roggen veranschlagt. 1833 wurde ein Vorwerk zur ehemaligen Domäne Kappan erwähnt, bestehend aus zwei Feuerstellen (= Haushaltungen) und 85 Morgen 12 Quadratruten. Im Jahr 1858 bestand das Vorwerk aus einem Wohngebäude und vier Wirtschaftsgebäuden, in denen sechs Personen lebten. Im Jahr 1871 waren es sieben Personen, 1885 noch vier und 1895 drei Personen, die in einem Wohnhaus lebten.[4]
Literatur
- Peter P. Rohrlach: Historisches Ortslexikon für Brandenburg Teil X Jüterbog-Luckenwalde. Erstauflage erschienen im Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1992, Verlag Klaus-D. Becker, Potsdam, 2011, ISBN 978-3-941919-87-7, S. 189 bis 191.