Helm Stierlin
deutscher Psychoanalytiker, Wissenschaftler und Publizist
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Wilhelm Paul Stierlin (* 12. März 1926 in Mannheim; † 9. September 2021 in Heidelberg) war ein deutscher Psychiater und Systemischer Familientherapeut. Er war von 1974 bis 1991 der ärztliche Direktor und Lehrstuhlinhaber der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie an der Medizinischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Leben
Herkunft
Helm Stierlin wurde als ältester von drei Söhnen des Brückenbauingenieurs und Regierungsbaumeisters[1] Paul Stierlin (* 1890 in Stuttgart; † 1. April 1945 in Mannheim) und seiner Ehefrau Elsbeth-Sophie geb. Schöningh (* 1905 in Meppen; † 1995 in Neckarhausen) geboren. Seine Großeltern väterlicherseits waren Wilhelm Stierlin (1853–1906), Königlich Württembergischer Eisenbahndirektor, und seine Ehefrau Anna Stierlin geb. Bilfinger (1856–1928). Seine Großeltern mütterlicherseits waren der Gutsbesitzer Eduard Schöningh (* 1874 in Meppen; † 1957 in Meppen) und dessen Ehefrau Hanna Vüllers (* 1874 auf Haus Delecke; † 1907 in Meppen).[2]
Jugend und Zweiter Weltkrieg
Durch den väterlichen Beruf bedingt zog die Familie Stierlin mehrmals um. Helm Stierlin wuchs in Mannheim, Großwallstadt, Neckarsteinach und von 1935 bis 1945 in Stettin heran. Er nahm als junger Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. Der nationalsozialistisch orientierte Vater der drei Stierlin-Brüder nahm sich wenige Tage vor dem Kriegsende das Leben. Am letzten Kriegstag fiel der jüngere Bruder Gerhard als Flakhelfer im Alter von siebzehn Jahren. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai 1945 gelang es dem neunzehnjährigen Helm Stierlin, über Prag die Heimat zu erreichen, ohne in Gefangenschaft zu geraten.[3]
Studium der Medizin und Philosophie
Als die Universitäten im Jahre 1945 wieder ihre Pforten öffneten, immatrikulierte sich Helm Stierlin nach Absolvierung eines Notabiturs an der Universität Heidelberg für das Studium der Medizin. Zu seinen Lehrern zählten Viktor von Weizsäcker und Alexander Mitscherlich.
Parallel zu den medizinischen Pflichtvorlesungen und Seminaren besuchte Stierlin, so oft es ihm gelang, die philosophischen Vorlesungen von Karl Jaspers. Er promovierte 1950 in Philosophie bei Karl Jaspers mit einer Dissertation zum Thema Der Begriff der Verantwortung: Versuch einer Erörterung der pragmatischen Wissenschaftsethik John Deweys in Gegenüberstellung der Ethik Kants unter Berücksichtigung von Max Webers Wissenschaftsbegriff. Berichterstatter war Kurt Rossmann, Mitberichterstatter war Hans-Georg Gadamer. Neben Jaspers’ Denkansätzen blieb die Hegelsche Denkschule für Stierlin ein lebenslanges Paradigma.
Fünf Jahre später promovierte Stierlin in Medizin bei Kurt Kolle und Gustav Bodechtel an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Dissertation zum Thema Der gewalttätige Patient: Eine Untersuchung über die von Geisteskranken an Ärzten und Pflegepersonen verübten Angriffe.
Forschungsjahre in Amerika
1957 ging Helm Stierlin in die Vereinigten Staaten. Hier arbeitete und forschte er insbesondere über die Psychopathologie der Schizophrenie, psychotische und psychosomatische Erkrankungen, den Ablösungsprozess in der Adoleszenz und die jüngsten therapeutischen Erfahrungen in der Familientherapie mit den erweiternden therapeutischen Konzepten im Rahmen systemtheoretischer Denkansätze.
Stierlin unterbrach seinen Amerikaaufenthalt für ein Jahr von 1963 bis 1964, um einer Weiterbildung am Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen nachzukommen. Danach leitete er von 1965 bis 1973 die Abteilung für Familientherapie am National Institute of Mental Health in Bethesda, Maryland. Während seiner Jahre in Amerika wurde er zu Gastdozenturen und Gastprofessuren an verschiedene amerikanische Universitäten eingeladen. Er folgte auch den Einladungen zu Gastvorlesungen und Vorträgen nach Neuseeland und Australien.
Stierlin lernte während seiner Zeit in den USA die wichtigsten Pioniere auf dem Forschungsgebiet der Familientherapie kennen, darunter Gregory Bateson, Milton H. Erickson, Jay Haley, Margaret Mead, Salvador Minuchin, Virginia Satir und John Weakland.
Tätigkeiten in Heidelberg
Helm Stierlin erhielt 1974 einen Ruf nach Heidelberg und gründete dort ein Institut für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie. Seine Professur war damals die einzige Professur für Familientherapie an einem Universitätsklinikum in Deutschland. 1991 wurde er emeritiert. (Danach wurde sein Institut in ein anderes Gebäude verlegt sowie mehrmals umbenannt und thematisch neu ausgerichtet; aus ihm ging das Institut für Psychosoziale Prävention und Psychotherapie hervor.)[4]
Stierlin trug wesentlich zur Etablierung und Weiterentwicklung der systemischen Therapie in Deutschland bei. Er machte seine Studentenschaft mit den interdisziplinären Diskursen und Forschungsergebnissen zur Entstehung schizophrener Erkrankungen vertraut. Es gelang ihm, interdisziplinäre Fortbildungskongresse in Heidelberg zu organisieren, zu denen unter anderem Mediziner, Psychologen, Neurobiologen, Soziologen, Informatiker und Linguisten kamen, darunter beispielsweise Fritjof Capra, Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Niklas Luhmann, Francisco Varela, Paul Watzlawick und Joseph Weizenbaum.
Stierlin war Mitgründer der Zeitschrift Familiendynamik und bis 1995 deren Herausgeber. Er war Autor und Koautor wissenschaftlicher Schriften und Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Er zählt zu den zehn Personen, die 1989 den Carl-Auer Verlag gründeten.[5]
Privates und Filme
Helm Stierlin war mit der promovierten Schweizer Psychologin und Familientherapeutin Satuila Stierlin verheiratet. Der Ehe entstammen zwei Töchter.[2]
Die Filmemacherin Laura Strümpfel schuf ein „dokumentarisches Beziehungsporträt“ des Ehepaares mit dem Titel Satu & Helm – Helm & Satu (82 Minuten, 2017).[6] Helm Stierlin ist auch ein Thema in dem Dokumentarfilm Family Patterns (60 Minuten, 2021), in dem seine Frau Satuila ihr Leben erzählt.[7][8][9]
Helm Stierlin starb im September 2021 im Alter von 95 Jahren.
Auszeichnungen
- 1985: Distinguished Professional Contribution to Family Therapy Award der American Association for Marriage and Family Therapy
- Ehrenmitglied der ISPS (International Society for Psychological and Social Approaches to Psychosis)[10]
Schriften
- Der Begriff der Verantwortung. Versuch einer Erörterung der pragmatischen Wissenschaftsethik John Deweys in Gegenüberstellung mit der Ethik Kants unter Berücksichtigung von Max Webers Wissenschaftsbegriff. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde, der Philosophischen Fakultät, der Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg 1950.
- Der gewalttätige Patient. Eine Untersuchung über die von Geisteskranken an Ärzten und Pflegepersonen verübten Angriffe. Inaugural-Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 1955. S. Karger, Basel (Schweiz) 1956.
- Adolf Hitler. Familienperspektiven. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975. (Neuauflage: 1995, ISBN 3-518-38861-4)
- Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Eine Dynamik menschlicher Beziehungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-518-36813-3.
- Delegation und Familie. Beiträge zum Heidelberger familiendynamischen Konzept, Suhrkamp 1982, ISBN 3-518-37331-5.
- Ich und die anderen. Psychotherapie in einer sich wandelnden Gesellschaft. Klett-Cotta, 1994, ISBN 3-608-91631-8.
- mit Ronald Grossarth-Maticek: Krebsrisiken – Überlebenschancen: Wie Körper, Seele und soziale Umwelt zusammenwirken. Heidelberg 1998, ISBN 3-89670-534-2.
- Ressourcen: Die Kräfte des Systems. Vortrag bei den Lindauer Psychotherapiewochen 1998. In: Lindauer Texte. Texte zur psychotherapeutischen Fortund Weiterbildung. Springer, 1999, S. 106–121 (Link hier verfügbar).
- Die Demokratisierung der Psychotherapie. Bilanz eines großen Psychotherapeuten. Klett-Cotta, 2003, ISBN 3-608-96003-1.
- Ways to the heart. Carl-Auer-Systeme-Verlag, Heidelberg 2005.
- Gerechtigkeit in nahen Beziehungen. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2005.
- Psychoanalyse – Familientherapie – systemische Therapie. Entwicklungslinien, Schnittstellen, Unterschiede. Klett-Cotta, 2006, ISBN 3-608-94036-7.
- Krebsrisiken – Überlebenschancen. 3. Auflage. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2006.
- Nietzsche, Hölderlin und das Verrückte.
- Haltsuche in Haltlosigkeit.
- Christsein 100 Jahre nach Nietzsche.
- Sinnsuche im Wandel. Herausforderungen für Psychoanalytik und Gesellschaft. Eine persönliche Bilanz. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-89670-754-3.
Literatur
- Hans Rudi Fischer, Gunthard Weber (Hrsg.): Individuum und System: für Helm Stierlin. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-29049-5.
- Wolf Ritscher: Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Helm Stierlins Beiträge zur Entwicklung von Theorie und Praxis der Familientherapie. 2006 (PDF hier verfügbar).
- Hans Rudi Fischer: Mut haben, die eigenen Überzeugungen infrage zu stellen. Annäherung an ein geglücktes Leben – zum Tode von Helm Stierlin. In: Familiendynamik, 47, Heft 1/2022, S. 70–78 (online).
Weblinks
- Literatur von und über Helm Stierlin im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Nachruf von Jochen Schweitzer auf der Website der DGFS
- Nachruf von Fritz B. Simon auf der Website des Carl-Auer Verlags, 13. September 2021
- Nachruf von Gunthard Weber auf der Website des Carl-Auer Verlags, 14. September 2021
- Gedenken an Helm Stierlin, systemagazin.com, 23. September 2021
- Helm Stierlin – Wegbereiter der systemischen Familientherapie im SWR-Podcast Das Wissen, 23. April 2020 (Audio, 27 Min.)