Helma Autenrieth

deutsche Musikpädagogin und Komponistin | geboren: 6. Dezember 1896 | Geburtsort: Frankfurt | gestorben: 29. November 1981 | Sterbeort: Mannheim From Wikipedia, the free encyclopedia

Helma Autenrieth (auch: Helma Autenrieth-Schleußner und Helma Autenrieth-Schleussner;[1] * 6. Dezember 1896 in Frankfurt am Main als Helma Schleußner; † 29. November 1981 in Mannheim) war eine deutsche Komponistin, Pianistin und Musikpädagogin.[2][3] Bekannt wurde sie vor allem durch die Initiative und Herausgeberschaft des bei Schott erschienenen Sammelprojekts Das neue Klavierbuch (1927), das zeitgenössische Klaviermusik für den Unterricht erschließen sollte.[4]

Familie

Helma Autenrieth wurde im Jahr geboren, in dem Clara Schumann starb. Dieser Tatsache maß sie später Bedeutung für ihr Leben bei.[5] Sie wuchs in Frankfurt am Main zusammen mit zwei Brüdern in einem großbürgerlich-industriellen Umfeld auf.[6] Ihr Vater Carl Moritz Schleussner war Chemiker, Unternehmer und technischer Pionier der Foto- und Filmtechnik.[7] Mit seinem Sohn Carl Adolf Schleussner gründete er 1923 die Südwestdeutsche Rundfunk AG (SÜWRAG).[8] Die Musik entdeckte die junge Helma durch ihre Mutter Jeanne Laurenze und deren hochmusikalischen Vater.[3]

Leben

Ausbildung

Bernhard Sekles, ca. 1913 – Autenrieths Lehrer am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main

Helma Autenrieth erhielt früh Klavierunterricht, bekam einen Bechstein-Flügel zu ihrer Konfirmation geschenkt[9] und studierte von 1914 bis 1918 Klavier, Theorie und Komposition unter dem Lehrer Bernhard Sekles am Hoch’schen Konservatorium.[2] Autenrieth war eine von nur zwei Frauen, die innerhalb von 40 Jahren ein Musikdiplom in Frankfurt erhielten.[10] Zu ihren Kommilitonen zählten Paul Hindemith, Ernst Fischer, Hermann Heiß und Hans Rosbaud.[9] An der Schule galt sie als "der kleine Hindemith".[10] Bereits während der Studienzeit und unmittelbar danach unterrichtete sie an der Vorschule des Hoch’schen Konservatoriums und unternahm Konzertreisen. Ihre weitere pianistische Ausbildung erfolgte bei ihrem ehemaligen Lehrer Willy Renner und später bei Frederic Lamond.[9]

Mannheim, Lehrtätigkeit und Familie

1923 zog Autenrieth nach Mannheim, das fortan ihr Wohnsitz blieb. Dort war sie als Klavierlehrerin an der Hochschule für Musik angestellt und zudem an der Wigmanschule als Lehrkraft für Harmonielehre und Improvisation tätig. Im selben Jahr heiratete sie Walter Autenrieth, einen Gymnasialprofessor, der sie in ihrer musikalischen Tätigkeit unterstützte. In den Jahren 1926 und 1927 wurden ihre Töchter Ingrid und Isolde geboren, nachdem sie zuvor eine Totgeburt eines Jungen erlitten hatte.[9]

Das neue Klavierbuch (Schott)

Aus musikpädagogischem Anliegen heraus entwickelte Helma Autenrieth die Idee, einen Klavierband mit modernen, für Jugendliche spielbaren Stücken herauszugeben und wandte sich an den Verlag Schott. Sie lud hierzu verschiedene Komponisten zur Mitarbeit ein. Durch ihre umfangreichen Kontakte konnte sie unter anderem Paul Hindemith, Igor Strawinsky, Ernst Toch und Philipp Jarnach für das Projekt gewinnen. Unter dem Titel Das neue Klavierbuch erschienen 1927 zunächst Band 1 und Band 2. Ein dritter Band kam als Ergänzung hinzu, an dessen Zusammenstellung die Komponistin aber nur noch teilweise mitwirkte.[4]

Hörfunkarbeit und Einschnitt 1933

Durch ihr familiäres Umfeld gelang es Autenrieth 1929, sich im Frankfurter Rundfunk zu etablieren. Im Rahmen der Programmplanung regte sie eine Stunde für Laienmusik an und leitete diese bis 1933. Sie war hierbei als Autorin, Sprecherin und Interpretin tätig.[11] Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme erteilte man ihr unter der offiziellen Begründung, sie sei als Beamten-Ehefrau versorgt, ein Berufsverbot und untersagte ihr somit jegliche musikalische Tätigkeit. Ihr Neues Klavierbuch enthielt hauptsächlich Komponisten, die unter dem NS-Regime als entartet galten. Sie zog sich daraufhin aus dem öffentlichen Musikleben zurück und legte eine längere kompositorische Pause ein.[10][11] Während dieser Zeit wurde 1935 ihre jüngste Tochter Siglind geboren.[12]

Nachdem ihr Mann Walter zu Kriegsbeginn zunächst eingezogen worden war und am Polenfeldzug teilgenommen hatte, wurde er 1941 unabkömmlich (UK) gestellt und ging weiter seiner Lehrtätigkeit nach. Durch den Bombenangriff auf Mannheim 1943 wurde die Familie auseinandergerissen. Viele Schulen siedelte man in sicherere Gebiete um, sodass Helma mit den Töchtern nach Überlingen, Walter erst ins Elsass und später in den Schwarzwald reiste. Nachdem er kurze Zeit in französischer Gefangenschaft verbracht hatte, kam die Familie 1946 wieder in Mannheim zusammen.[12]

„Ein Frauenschicksal, das sich durch die unglückliche Geschichte dieses Jahrhunderts hindurchlebte und auf seine Weise siegte“

Helma Autenrieth: Covertext der Schallplatte: Klavierwerke und Kammermusik[13]

Neubeginn nach 1945 und spätes Wiederaufleben

Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahm Autenrieth mit ihrem Ehemann Motorradreisen durch Europa und reiste wiederholt nach Portugal.[3] Auch nahm sie ihre musikalische Tätigkeit wieder auf.[12] 1951 entstand die Suite für Klavier in fünf Sätzen. Ihr Schwiegersohn motivierte sie dazu, wieder öffentlich aufzutreten. Durch den überregionalen Erfolg fasste sie den Entschluss, die Tätigkeit als Komponistin wieder vollumfänglich aufzunehmen und verfasste in den Folgejahren zahlreiche Werke.[2] Die Sinfoniette mit dem Trauermarsch (1968) wurde in Lissabon vom Orchester des Staatlichen Rundfunks Lissabon uraufgeführt. Richard Laugs, Pianist und damaliger Direktor der Mannheimer Musikhochschule, interessierte sich für die Kompositionen und gab mit seiner Frau Katja 1971 ein Konzert. Gespielt wurden ausschließlich Werke von Helma Autenrieth.[12]

Zum 75. Geburtstag von Helma Autenrieth veranstaltete die Mannheimer GEDOK ein Festkonzert. Gespielt wurden Werke der Komponistin, die unter anderem vom Kurpfälzischen Kammerorchester unter Leitung von Wolfgang Hofmann interpretiert wurden.[14] Das Label Da Camera Magna veröffentlichte 1972 eine Schallplatte mit Werken Autenrieths.[3]

Am 29. November 1981 starb Helma Autenrieth nach schwerer Krankheit in Mannheim.[10] Sie wurde 84 Jahre alt.[3]

Gedenken

Am 14. November 2015 wurde Autenrieth im Rahmen eines Komponistinnenporträts der GEDOK Freiburg geehrt. Unter dem Titel Eine Begegnung mit der Komponistin in Wort und Musik wurden unter anderem die Jubiläumsvariationen für zwei Klaviere, die Suite für Klavier und die Glockensonate für zwei Violoncelli und Klavier interpretiert.[15] Sie selbst war Ehrenmitglied der GEDOK Mannheim-Ludwigshafen.[16]

Der musikalische Nachlass Helma Autenrieths wird von der Pianistin und GEDOK-Projektleiterin Elisabeth Stäblein-Beinlich betreut. Er umfasst unter anderem eine Kleinoper, einige Lieder, ein Hörspiel über Chopin und Skizzen.[17] Die Manuskripte Autenrieths befinden sich im Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main.[17]

Musikalisches Wirken

Autenrieth wirkte als Pianistin, Musikpädagogin und Komponistin.[2] Nach ihrer Ausbildung am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt arbeitete sie als Lehrerin und Pianistin und war später in Mannheim u. a. in der Musikhochschul- und Ausbildungspraxis tätig.[9] Ab 1929 arbeitete sie zudem im Frankfurter Rundfunk und leitete bis 1933 eine „Stunde für Laienmusik“ als Autorin, Sprecherin und Interpretin.[11]

Einen Schwerpunkt setzte sie in der Klavierpädagogik mit der Initiative und Herausgeberschaft des bei Schott erschienenen Sammelprojekts Das neue Klavierbuch (1927) zur Erschließung zeitgenössischer Klaviermusik für den Unterricht.[4] Nach einer längeren Unterbrechung nahm sie das Komponieren nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.[12] Seit den 1960er Jahren wurden ihre Werke wiederholt aufgeführt und 1972 erschien eine Schallplattenveröffentlichung mit Klavier- und Kammermusik.[3]

Werkverzeichnis

Ein Teil ihrer Werke erschien im Selbstverlag.[3]

  • Sechs kleine Lieder op. 1 (1917). Manuskript.
  • Präludien und Fughetten für Klavier op. 2 (1918). Manuskript.
  • Jubiläumsvariationen über ein eigenes Thema für zwei Klaviere (1918–1968) (50 Jahre in der Schublade). Mannheim: Selbstverlag 1968.
  • Suite in fünf Sätzen für Klavier (1951). Mannheim: Selbstverlag 1968.
  • Gedacht - gelacht. "Klein-Oper" nach einem eigenen Libretto (1952–1956). Manuskript.
  • Sinfonietta mit dem Trauermarsch für Streichorchester (1966). Mannheim: Selbstverlag.
  • Kleine Weihnachtskantate für zwei Singstimmen und zwei Flöten (1968). Manuskript.
  • Klaviersonate (1967). Mannheim: Selbstverlag 1968.
  • Sechs kleine Klavierstücke für Renate (1969). Mannheim: Selbstverlag 1972.
  • Sonate für zwei Violoncelli und Klavier (1970). Glocken-Sonate. Manuskript.
  • Töne! Musik für eine Mezzosopranstimme, zwei Oboen, Englisch Horn und Streichorchester. Text von Helma Autenrieth (Mai 1971). Manuskript.
  • Liebe. Sonett von William Shakespeare für Alt, zwei Oboen, Englisch Horn und Kammerorchester (1971). Manuskript.
  • Sieben Stücke für Andreas (1972). Mannheim: Selbstverlag 1972.
  • Stufen. Aus dem Glasperlenspiel von Hermann Hesse. Für Sopran und Klavier (April 1975). Manuskript.

Diskographie

  • Helma Autenrieth: Klavierwerke und Kammermusik: Suite für Klavier; Klaviersonate 1967; Jubiläumsvariationen über ein eigenes Thema für 2 Klaviere 1918–1968 (50 Jahre in der Schublade); Sonate für zwei Violoncelli und Klavier 1970 (genannt Glockensonate). Katja und Richard Laugs, Klavier. Hans Adomeit und Margot Gutbrod, Violoncello. Mannheim, 1972. (Da camera magna. SM 93127.) LP.

Literatur

  • Helma Autenrieth-Schleußner (Hrsg.): Das neue Klavierbuch. Eine Sammlung von Klavierstücken zeitgenössischer Komponisten. Band I. Mainz: B. Schott’s Söhne 1927 (Edition Schott Nr. 1400; Verlagsnr. 31915). 35 S.
  • Helma Autenrieth-Schleußner (Hrsg.): Das neue Klavierbuch. Eine Sammlung von Klavierstücken zeitgenössischer Komponisten. Band II. Mainz: B. Schott’s Söhne 1927 (Edition Schott Nr. 1401; Verlagsnr. 31916). 35 S.
  • Antje Gerstmeyer, Erika Weizel, Barbara Danner-Schmidt: (Kur-) Pfälzische Komponistinnen - Hildegard von Bingen (* 1098) bis Marlene Marquard (* 1970). Hrsg.: Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit Frauenbeauftragte der Stadt Zweibrücken. 1. Auflage. Merkur Druck Werle GmbH, Zweibrücken 2002.
  • Brigitte Höft: Stadt ohne Frauen? Frauen in der Geschichte Mannheims. Hrsg.: Frauenbeauftragte der Stadt Mannheim. 1. Auflage. Edition Quadrat, Mannheim 1993, ISBN 978-3-923003-61-7.

Einzelnachweise

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