Hemimastigophora

Gruppe einzelliger Eukaryoten From Wikipedia, the free encyclopedia

Hemimastigophora ist eine Gruppe von einzelliger mikrobieller Eukaryoten (Mikroeukaryoten, Protisten). Sie wurde 1988 von Ilse Foissner und Wilhelm Foissner, beide Universität Salzburg, etabliert.[2][3]

Schnelle Fakten Systematik, Wissenschaftlicher Name ...
Hemimastigophora

Illustration von Hemimastix amphikineta

Systematik
Domäne: Eukaryoten (Eukaryota)
ohne Rang: Diphoda
ohne Rang: Diaphoretickes
Reich: Disparia
ohne Rang: Membrifera[1]
Stamm: Hemimastigophora
Wissenschaftlicher Name
Hemimastigophora
W. Foissner, H. Blatterer & I. Foissner, 1988
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Das Taxon bestand ursprünglich nur aus der Ordnung Hemimastigida mit der einzigen Familie Spironematellidae (früher Spironemidae genannt).[4][2][5] Inzwischen ist eine weitere Familie Paramastigidae hinzugekommen (Sergei Karpov 2011,[6] Yegor Shɨshkin[7]).

Die taxonomische Klassifizierung der Hemimastigophora war über 30 Jahre lang in der Diskussion,[2][8][9] seit November 2025 gilt eine Zugehörigkeit zur Klade Membrifera und mit dieser zur Supergruppe Disparia innerhalb der Diaphoretickes als einigermaßen gesichert.[1] Sie gehören damit (wie bereits 2018 von Lax et al. aufgrund erster genetischer Analysen vermutet[5]) einer alten Linie von Eukaryoten an, die eine von allen anderen eukaryotischen Reichen getrennte Klade darstellt.[5][8][10][1] Weitere phylogenetische Analysen haben ergeben, dass diese alte eukaryotische Linie zur Supergruppe Diaphoretickes gehört.[11][12][1]

Beschreibung

Hemimastigophora ist eine kleine Gruppe heterotropher und flagellierter (geißeltragender) Protisten.[2] Es handelt sich um frei lebende Organismen mit einer ganz spezifischen, sonst nirgends beobachteten Zellstruktur. Dazu gehören in zwei Reihen angeordnete Geißeln und Mitochondrien mit vesikulären Cristae. Ihre Form und Größe variieren, von der ellipsoiden Spezies Hemimastix amphikineta (14 × 7 μm) bis zur wurmförmigen Spironematella terricola (43 × 3 μm).

Der früheren Zuordnung zur Klasse Thecofilosea (Cercozoa) lag zugrunde, dass es mit diesen Organismen einige gemeinsame Merkmale in Bezug auf die Flagellenstruktur und Extrusome gibt.[13] Diese Zuordnung wird jedoch von phylogenetischen Studien nicht unterstützt, die stattdessen eine Verwandtschaft mit den (ebenfalls) urtümlichen Gattungen Meteora und Solarion nahelegen.[10][1]

Geschichte der Systematik

Illustration der früheren Hypothese mit den Hemimastigophora (roter Zweig rechts) als Superreich (englisch supra-kingdom) der Eukaryoten

Das Taxon Hemimastigophora wurde 1988 von Foissner et al. als neuer Stamm (Phylum) mit einer einzigen Familie Spironemidae begründet.[4] Die Einordnung des neuen Taxons in den Stammbaum der Eukaryoten war damals unklar, aber die Autoren vermuteten aufgrund der Struktur der Pellicula (Zellmembran/Zellwand) und des Zellkerns der Mitglieder eine enge Verwandtschaft mit den Euglenozoa.[2] Nach dieser Beschreibung der Gruppe lagen 30 Jahre lang keine genetischen Informationen vor. Während dieser Zeit wurde vorgeschlagen, sie in oder in der Nähe der einen oder der anderen Eukaryotengruppen anzusiedeln; darunter waren die Alveolata, Apusomonadida, Ancyromonadida und Rhizaria.[5][8]

In einem 2018 veröffentlichten Artikel gaben Lax et al. ihre Entdeckung einer neuen Hemimastigophora-Art, Hemimastix kukwesjijk, in einer Bodenprobe aus Nova Scotia (Kanada) bekannt, die von ihnen erfolgreich im Labor kultiviert worden war. Außerdem wurde in derselben Probe noch eine zweite neue Hemimastigophora-Art (eine neue Spezies der Gattung Spironema [Spironematella]) gefunden. Phylogenomische Analysen der beiden Organismen deuteten darauf hin, dass Hemimastigophora eine sehr alte Linie ist, die sich so früh von den anderen Eukaryoten abgespalten hatte, dass die Gruppe nach Auffassung der Autoren im Rang oberhalb der Ebene eines Reichs (englisch kingdom) klassifiziert werden sollte.[5][8]

Eine 2024 veröffentlichte Studie von Yana Eglit et al. ergab, dass im Stammbaum der Eukaryoten ähnlich abseits stehende rätselhafte Spezies Meteora sporadica mit der Klade Hemimastigophora verwandt ist.[10] Dies wurde im November 2025 durch Marek Valt et al. nach Entdeckung von Solarion arienae, einer M. sporadica nahe verwandten Art, bestätigt. Sie bestätigten den ursprünglichen Rang der Hemimastigophora als Phylum und klassifizierten die beiden Gattungen Meteora und Solarion in ein gemeinsames Phylum Caelestes; und dieses als Schwesterphylum von Hemimastigophora innerhalb einer gemeinsamen, von ihnen Membrifera genannten Klade. Zusammen mit der zwischenzeitlich entdeckten Klade Provora wurden diese einer neuen Supergruppe (oder Reich) Disparia innerhalb der Diaphoretickes zugeordnet.[1]

Systematik

Die Illustration zeigt das Verständnis der Beziehungen zw. eukaryotischen Super- und Hauptgruppen (Stand Ende 2025)
Spironematella multiciliata

Systematik gemäß National Center for Biotechnology Information (NCBI) mit Ergänzungen (Stand 4. Dezember 2025):

Reich Disparia Valt & Čepička 2025(V)


(N) – National Center for Biotechnology Information (NCBI)[17]
(A) – AlgaeBase[18][19]
(V) – Marek Valt, Alexander K. Tice, Ivan Čepička et al. (2025)[1]
(S) – Yegor Shɨshkin (2022)[7]

Etymologie

Die Bezeichnung „Hemimastigophora“ setzt sich aus drei Teilen zusammen, die alle aus dem Altgriechischen stammen:

  • ἥμι- hḗmi-, deutsch halb, lateinisch semi; vgl. Hemikryptophyt
  • μάστιξ mastix, deutsch Geißel, ‚Peitsche‘, neugriechisch μαστίγιο; vgl. Mastigonema, Mastigamoeba
  • -φορεύς -phoreús, deutsch -Träger, ‚-Binger‘; vgl. Amphore

Siehe auch

Commons: Hemimastigophora – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Weiterführende Literatur

Alexandra C. Jeuck: Extended Phylogeny and Morphology of Marine and Freshwater Choanoflagellates with Additional Methological Studies on Heterotrophic Flagellates. Dissertation an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, 2014; . Siehe insbes. Tafel 6 (S. 29).

Einzelnachweise

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