Hercules Pieterszoon Seghers

holländischer Maler und Radierer From Wikipedia, the free encyclopedia

Hercules Pieterszoon Segers, bzw. Hercules Segers (* 1589/90 in Haarlem; † zwischen 1633 und 1640 in Den Haag) war ein niederländischer Maler, Radierer, Kupferstecher und Kunsthändler. Er gilt als einer der eigenwilligsten und experimentierfreudigsten Künstler des 17. Jahrhunderts. Als Pionier der niederländischen Druckgrafik und des Panoramalandschaftsbildes leistete er einen einzigartigen Beitrag zur europäischen Kunstgeschichte.[1]

Hercules Seghers: Panorama-Landschaft (um 1625). Museum Boijmans Van Beuningen

Leben

Hercules Segers wurde vermutlich zwischen 1589 und 1590 in Haarlem als Sohn des aus Gent stammenden Kaufmanns Pieter Segers und dessen Frau Cathelijne Hercules geboren. Aus welchen Gründen seine Eltern in die nördlichen Niederlande emigrierten, ist nicht bekannt. Ein Taufeintrag ist nicht überliefert, sein Geburtsjahr konnte jedoch anhand einer Altersangabe, die er am 27. Dezember 1614 anlässlich seines Aufgebots mit 24 Jahren angab, ermittelt werden. Um 1593 zog die Familie von Haarlem nach Amsterdam, wo Hercules Segers im Milieu der brabantischen und flämischen Einwanderer aufwuchs. Im Jahr 1606 trat er in die Lehre beim aus Antwerpen stammenden Maler Gillis van Coninxloo III., der sich auf Berg- und Waldlandschaften spezialisiert hatte und um die Jahreswende 1606/07 starb. Aus dessen Nachlass, der vom 1. bis zum 7. März 1607 versteigert wurde, erwarben Hercules Segers und sein Vater verschiedene Gemälde, Druckgrafiken und Zeichnungen. Im Jahr 1612 ließ sich Segers in Haarlem nieder und wurde im selben Jahr als Meister in der Lukasgilde eingetragen – zusammen mit dem jungen Landschaftsmaler Willem Buytewech und Esaias van de Velde, der ebenfalls Schüler Van Coninxloos gewesen war.[1][2]

The Enclosed Valley (Radierung und Kaltnadelradierung). National Gallery of Art, Washington DC

Im Sommer 1614 lebte Hercules Segers wieder in Amsterdam. Im selben Jahr wurde ihm dort ein Prozess wegen seiner außerehelich geborenen Tochter Nelletje Hercules gemacht, die er in sein Haus aufnahm und aufzog. Am 10. Januar 1615 heiratete er die 40-jährige Anna van Bruggen, die ursprünglich aus Antwerpen stammte. 1619 erwarb er das große Haus „De Hertog van Gelre“ an der Lindengracht für rund 4000 Gulden und benannte es bald in „Het Vallende Water“ (Wasserfall) um. Ab dieser Zeit signierte er Akten und Gemälde ausschließlich mit „Hercules Segers“ und verzichtete auf sein Patronym „Pieterszoon“. Den Namenszusatz „Seghers“, wie er in der Literatur häufig erscheint, verwendete er selbst nie.[1][2]

In geschäftlichen und juristischen Angelegenheiten trat Hercules Segers häufig als Zeuge auf – allein im Jahr 1626 mindestens 13-mal –, was darauf hindeutet, dass er als vertrauenswürdige Persönlichkeit galt. Im Jahr 1630 geriet er jedoch in finanzielle Schwierigkeiten und wurde im Januar 1631 im Wege einer Zwangsvollstreckung zur Aufgabe seines Hauses gezwungen. Er zog nach Utrecht, wo er im Mai 1631 etwa 137 Gemälde an den Amsterdamer Kaufmann Jean Antonio Romiti verkaufte. Diese Kollektion, die später an den Händler Johannes de Renialme weiterverkauft wurde, enthielt neben 33 Werken Segers’ vor allem Bilder anderer Maler, darunter ein als Priester betiteltes Bild von Rembrandt van Rijn.[1][2]

Hercules Segers lebte im Jahr 1632 in Den Haag, wo er 1633 erneut an einem umfangreichen Kunsthandel mit 180 Gemälden beteiligt war. Danach verliert sich jede Spur von ihm; sogar sein Todesjahr ist unbekannt. Der einzige zeitnahe Bericht über seine Person und Kunst stammt von Samuel van Hoogstraten. In seinem 1678 erschienenen Buch Inleyding tot de hooge schoole der schilderkonst nennt er Hercules Segers als Beispiel eines großen Meisters, dem das Glück verließ, da er nicht die Anerkennung erhielt, die er verdiente. Van Hoogstratens Schilderung prägte das spätere Bild von Segers als verkanntem Genie maßgeblich. Sie wird jedoch durch zeitgenössische Quellen teilweise widerlegt. So werden seine Gemälde in Inventaren von Kunstliebhabern und Künstlern des 17. Jahrhunderts vergleichsweise häufig erwähnt. Allein Rembrandt van Rijn besaß laut seinem Inventar von 1656 nicht weniger als acht Gemälde von Segers.[1][2]

Werk

Das überlieferte Œuvre von Hercules Segers besteht aus Gemälden, Radierungen sowie zwei Ölskizzen. In der Forschung galten bis vor kurzem lediglich zwölf Gemälde als eigenhändig. Im aktuellen Werkverzeichnis von Huigen Leeflang und Pieter Roelofs (2016/17) werden ihm zwei Ölskizzen und siebzehn Gemälde zugeschrieben, davon zwei unter Vorbehalt. Zu den gesicherten Werken zählen eine im Stil van Coninxloos gehaltene Waldlandschaft, vier Berglandschaften (in Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und Florenz), fünf niederländische Panoramalandschaften (in Berlin, Edinburgh, Münster u. a.), vier hybride Landschaften sowie eine Ansicht von Brüssel (in Köln). Die Abwesenheit von Datierungen erschwert eine chronologische Einordnung. Hercules Segers spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der niederländischen Panoramalandschaft. Kennzeichnend für seinen Beitrag ist die Erhöhung des Luftraums und das Absenken des Horizonts. Damit nahm er Panoramadarstellungen vorweg, wie sie Jan van Goyenund Salomon van Ruysdael kurz vor 1640 und Aelbert Cuyp einige Jahre später schufen. Obwohl Segers zwischen fantastischen Bergansichten, niederländischen Panoramen und anderen Themen wechselte, profilierte er sich vor allem als Spezialist für Berglandschaften. Diese sind von den monumentalen Kupferstichen Pieter Bruegels d. Ä. beeinflusst, die um 1555 von Hieronymus Cock verlegt wurden.[2]

Das druckgrafische Œuvre umfasst 53 Radierungen, darunter 24 Berglandschaften, acht Panoramalandschaften – darunter Ansichten von Amersfoort und Wageningen –, sechs Radierungen mit Bäumen und Waldlandschaften, elf mit Architektur (Ruinen, Gebäude), vier mit Schiffen und Seestücken sowie je eine Radierung mit einem steigenden Pferd, einem Schädel und einem Stillleben mit Büchern. Insgesamt sind nur 182 Abzüge überliefert. Von 22 Radierungen ist jeweils lediglich ein einziger Abdruck bekannt. Von einer Platte sind hingegen bis zu 22 Abzüge überliefert, wobei kein Exemplar dem anderen gleicht. Die technische Innovation Segers ist in der Geschichte der europäischen Druckgrafik einzigartig. Er druckte seine Radierungen mit schwarzen und farbigen Tinten auf Papier, Leinwand oder Baumwolle, häufig auf einem farbigen, mit Farbe oder Grundierung vorbereiteten Untergrund. Durch den Einsatz verschiedener Tinten und die Nachbearbeitung mit dem Pinsel wurde jeder Abdruck zu einem eigenständigen Kunstwerk. Segers entwickelte Techniken, um Farbtonstufen mit zwei Platten zu drucken, sowie ein Verfahren für helle Drucke auf dunklem Untergrund. Ferner ist er, soweit bisher bekannt, der erste europäische Künstler, der auf ostasiatischem Papier druckte – und das mehr als zehn Jahre früher als Rembrandt.[2]

Zu seinen ambitioniertesten Werken zählt die um 1633 entstandene Radierung Tobias und der Engel. Die Abzüge dieser Radierung konnten anhand von Wasserzeichen datiert werden. Die Radierplatte dieses spätesten bekannten Werkes gelangte in den Besitz Rembrandts, der sie grundlegend überarbeitete und verschiedene Abzüge herstellte. Das überlieferte druckgrafische Œuvre scheint zu einem großen Teil aus dem Ateliernachlass zu stammen und unmittelbar nach Segers' Tod in Umlauf gekommen zu sein. Dies erklärt, warum neben sorgfältig ausgearbeiteten Blättern auch viele experimentelle und unvollendete Abdrücke überliefert sind. Diese Probedrucke ermöglichen einen einzigartigen Einblick in Segers' Arbeitsprozess.[2]

Die mit 77 Stücken größte Sammlung der Werke Segers’ befindet sich im Rijksprentenkabinet des Rijksmuseums in Amsterdam und umfasst 74 Radierungen, zwei Ölskizzen und ein Gemälde. Vierzig der Druckgrafiken und beide Ölskizzen stammen aus der Sammlung des Amsterdamer Sammlers Michiel Hinloopen (1619–1708), 21 weitere aus der Sammlung von Pieter Cornelis van Leyden (1717–1788) aus Leiden. Das Museum hat alle diese Werke in einem digitalen Bestandskatalog erfasst und frei zugänglich veröffentlicht.[2]

Eine große monografische Ausstellung im Rijksmuseum Amsterdam (2016–17), die anschließend im Metropolitan Museum of Art in New York zu sehen war, leistete wesentliche Beiträge zur kunst- und materialhistorischen Erforschung seines Schaffens. Sie vertiefte das Verständnis seiner Arbeitstechniken, Trägermaterialien, Grundierungen und Kolorierungsverfahren erheblich.[2]

Werke (Auswahl)

Ausstellungen

Siehe auch

Literatur

  • Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. Herausgegeben von De Gruyter, 2009 (Artikel: Segers, Hercules Pietersz.).
  • Huigen Leeflang, Pieter Roelofs: Hercules Segers. Painter-Etcher. A catalog raisonné, 2 Bände. Rijksmuseum, Amsterdam 2016.
  • Joseph Eduard Wessely: Seghers. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 33, Duncker & Humblot, Leipzig 1891, S. 607–609.
  • Wilhelm Fraenger: Die Radierungen des Hercules Seghers. Ein physiognomischer Versuch. Eugen Rentsch, München/Leipzig 1922. (Reprint: Reclam, Leipzig 1984, DNB 850290902)
  • Leo C. Collins: Hercules Seghers. Cambridge Univ. Press, London 1953, OCLC 640152433.
  • John Rowlands: Hercules Segers. Edition Herscher, Paris 1981, ISBN 2-7335-0016-3.

Einzelnachweise

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