Hildegard Mraz
österreichische Widerstandskämpferin, KPÖ-Funktionärin und Komintern-Agentin
From Wikipedia, the free encyclopedia
Hildegard „Hilda“ Mraz (geborene Beintinger, Deckname Hilde Karaseva; * 5. September 1911 in Siebenhirten; † 30. März 1997 in Wien) war eine österreichische Widerstandskämpferin, KPÖ-Funktionärin, Fallschirmagentin der Komintern und Opfer des Stalinismus.
Leben
Jugend und Vorkriegszeit
Hildegard Beintinger hatte drei jüngere Schwestern, ihre Eltern waren Vertrauensleute der SDAP und arbeiteten in der Osram-Glühlampenfabrik in Wien. Nach ihrer Matura 1930 an einer Handelsakademie studierte sie an der philosophischen Fakultät der Universität Wien, gleichzeitig arbeitete sie 1932/33 als Statistikerin in der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. 1928 wurde sie Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend in Wien-Meidling, deren Schriftführerin, Obmann-Stellvertreterin und Bildungsbeauftragte. 1934 trat sie der KPÖ bei. Sie war verheiratet mit dem Widerstandskämpfer und späteren Interbrigadisten Lorenz Mraz, der bei einem Flugzeugabsturz 1942 ums Leben kam. Beide waren Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes, Hildegard Mraz war Mitglied der Anti-Hitler Bewegung Österreichs.
Das Ehepaar war an den Februarkämpfen 1934 beteiligt und floh im April 1934 über die Tschechoslowakei nach Moskau, wo beide in einer Druckerei arbeiteten. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte Mraz im Dezember 1934 an das Marx-Engels-Institut, wo sie als wissenschaftliche Assistentin bis Februar 1939 tätig war. Anschließend war sie Sprecherin für deutschsprachige Sendungen von Radio Moskau, arbeitete als Bibliothekarin in der Akademie der Wissenschaften und später im Internationalen Agrarinstitut. Zusammen mit ihrem Mann war Mraz Mitglied des Moskauer Schutzbundkollektivs. Von 1936 bis 1939 war sie für die Verteilung der Unterstützungsgelder der Internationalen Roten Hilfe an Frauen zuständig, deren Männer in den Internationalen Brigaden in Spanien dienten und informierte Familien, deren Angehörige dabei gefallen waren. Sie war zudem Informantin des sowjetischen Staates über „abweichendes“ Benehmen österreichischer Politemigranten. Ein Jahr lang nahm Mraz an einem Abendkurs der Komintern-Kaderschule KUNMS teil.[1]
Aktivitäten als Fallschirmagentin im Zweiten Weltkrieg
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 nahm Mraz an einem Lehrgang des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) teil, wo sie unter dem Decknamen Hilde Karaseva ab September 1941 in Moskau und später in Kuschnarenkowo bei Ufa zur Funk- und Fallschirmagentin ausgebildet wurde. Ihre Aufgabe war es, zusammen mit den Agenten Gregor Kersche als Leiter und Aloisia Soucek in Wien eine dauerhaften Kommunikation zwischen der Komintern und der von Karl Hudomalj gegründeten Anti-Hitler-Bewegung Österreichs herzustellen. Am 27. Juni 1943 wurde das Trio von einem sowjetischen Bombenflugzeug per Fallschirm in der Nähe von Warschau abgesetzt, wo sie polnische Partisanen in Empfang nahmen und sie sich auf getrennten Wegen nach Wien durchschlugen. Mraz und Soucek wurden am 4. Jänner 1944 von der Gestapo verhaftet, nachdem Gregor Kersche, der zuvor von der Gestapo verhaftet worden war, unter Folter deren Adressen preisgegeben hatte. Alle drei waren 14 Monate bei der Gestapo am Morzinplatz inhaftiert. Mraz und Soucek wurden von der Gestapo zu einem „Funkspiel“ mit dem Codenamen „Lindwurm“ gezwungen. Nach der gewaltsam erzwungenen Preisgabe des geheimen Funkschlüssels eröffnete die Gestapo im Februar 1944 einen gefälschten Funkverkehr mit der Komintern bzw. ihren Nachfolgeinstitutionen. Zwischen Februar 1944 und April 1945 wurden auf diese Weise in Kersches Namen 86 falsche Funksprüche nach Moskau versandt.[2]
Nachkriegszeit und Lagerhaft in der Sowjetunion
Beim Näherrücken der Roten Armee im April 1945 flüchteten die Gestapobeamten und die beiden Frauen kamen frei. Auf der Straße sprachen Soucek und Mraz einen sowjetischen Offizier an, der sie zu einer Dienststelle des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes SMERSch nach Purkersdorf brachte. Über Steinamanger in Ungarn wurden sie in einem Militärflugzeug nach Moskau gebracht und dort am 2. Mai 1945 verhaftet, weil sie die Gestapo-Haft überlebt und damit nach sowjetischer Auffassung „Landesverrat“ begangen hatten. Die beiden Frauen wurden am 28. August 1945 zu je acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Mraz wurde nach Workuta gebracht, wo sie als Holzfällerin, in der Landwirtschaft und in einem Steinbruch arbeiten musste. 1952 erkrankte sie schwer an einem Unterleibstumor, konnte aber geheilt werden. Nach Verbüßung der Lagerstrafe verbannte man Mraz bis Ende 1955 nach Kasachstan, wo sie in einer Kolchose arbeiten musste. Schließlich fand sie Arbeit als Kindermädchen bei einem befreundeten Ehepaar. Nachdem sie aus der Zeitung vom österreichischen Staatsvertrag erfahren hatte, richtete Mraz im Mai 1956 ein Ansuchen an das sowjetische Rote Kreuz und ersuchte um Heimfahrt nach Wien zu Mutter und Schwestern. Das ZK der KPdSU holte die Meinung der KPÖ zu ihrer Rückkehr ein, die positiv ausfiel.[1]
Rückkehr nach Österreich
Am 4. Dezember 1956 ersuchte Mraz vor ihrer Ausreise um ihre gerichtliche Rehabilitation, die Antwort darauf erhielt sie erst 1965 in Wien mündlich von Siegfried Fürnberg. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete Mraz als Buchhalterin im Buchversand der KPÖ und erhielt als Hilfsarbeiterin nur eine kleine Rente.[3] Sie erhielt erst 1995 genauere Informationen über die Todesumstände ihres Mannes, sein letztes Lebenszeichen hatte sie 1941 in einem Brief von ihm aus der Sowjetunion erhalten.
Literatur
- Barry McLoughlin, Josef Vogl: ... Ein Paragraf wird sich finden: Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer (bis 1945). Hrsg.: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien 2013, ISBN 978-3-901142-62-8.