Hinrich Baller

deutscher Architekt (1936–2025) From Wikipedia, the free encyclopedia

Hinrich Baller (* 4. Juli 1936 in Stargard; † 23. Juli 2025[1]) war ein deutscher Architekt mit Arbeitsschwerpunkt Berlin.

Porträt eines Mannes mit langen weißen Haaren und offenem weißen Hemd und Jacket.
Hinrich Baller (2023)
IBA-Wohnhaus Fraenkelufer, Ecke Admiralstraße, Berlin-Kreuzberg, 1982–1985 (Foto: 2016)

Werdegang

Nach dem Abitur besuchte er zunächst eine Musikschule in Berlin. Doch bald wechselte er auf die Technische Universität Berlin, um Musik und Architektur zu studieren. Nach 20 Semestern erwarb er das Diplom und sah sich nun nach Schaffensmöglichkeiten um. In der Schweiz fand Hinrich Baller einen Gönner, der ihm Bauland auf einem Plateau im Zürcher Oberland bereitstellte, wo zusammen mit Inken Baller das Haus Bachmann entstand.[2] So entstand Ballers erstes selbst entworfenes Haus im Jahr 1966 und prägte nach eigener Aussage seinen naturbezogenen Baustil.[3]

In Berlin wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Bernhard Hermkes an der TU Berlin.[4] Bei dieser Tätigkeit lernte er seine erste Frau Inken kennen, und sie führten zwischen 1967 und 1989 in Berlin ein gemeinsames Architekturbüro. 1995 folgte die Scheidung. Von 1972 bis 2001 war Hinrich Baller Professor für Architektur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg.[5] Obwohl er in der Hansestadt unterrichtete, lebte und arbeitete er in Berlin, wo er sich an zahlreichen Wettbewerben beteiligte, bis 1989 mit seiner ersten Ehefrau Inken Baller und ab den 1990er-Jahren mit Doris Piroth, die er 1995 heiratete.

Bis zu seiner Emeritierung 2001 behielt er seine Professur in Hamburg.

Im Jahr 2023 wurden Inken und Hinrich Baller für ihr gemeinsames Werk mit dem Großen BDA-Preis ausgezeichnet. Die Jury würdigte die „eigenständige und ökologisch geprägte Entwurfshaltung, die unter den Bedingungen des sozialen Wohnungsbaus zu erstaunlichen Lösungen jenseits des Mainstreams“ geführt habe. Auch wenn die eigenständige Ästhetik nicht unumstritten gewesen sei, so sei sie doch im Rückblick „aufmüpfig, fröhlich, sozial und von eigenwilliger Schönheit“.[6][7]

Baller starb am 23. Juli 2025 im Alter von 89 Jahren.[1] Mit Inken Baller hatte er zwei Töchter.[8]

Spezieller Baller-Stil

Ballers Architektur ist eigenständig und folgt keiner zeitgenössischen Hauptströmung. Sie erinnert in Zügen an den Jugendstil oder die Organische Architektur, stützt sich aber verstärkt auf moderne Konstruktionsmittel wie Beton, Stahl und Glas. Seine Wurzeln sieht Baller bei den Architekten Bruno Taut, Bernhard Hermkes und Hans Scharoun. Beschreiben lässt sich der Stil vor allem durch die Wahl organischer freier Formen mit Verzierungen, aufschwingender Balkonlinien, spitzer Ecken, schiefer Winkel, tiefer Fenster und Räume, die sich ins Grüne hin öffnen.[9] Darüber hinaus werden fast alle äußeren Metallteile der Bauten in mintgrün (= Farbe von oxidiertem Kupfer) lackiert, alle seine Wohnungen besitzen offene Küchen.[3] Einen ähnlichen Baustil weisen in Berlin Gebäude des Architekten Johannes Friedrich Vorderwülbecke auf, die mit den Häusern von Hinrich Baller zunächst leicht zu verwechseln sind; sie kennzeichnen sich durch mehr Expressivität und weniger Farben. Als einem von wenigen Architekten gelang es Hinrich Baller an einigen Orten, die Berliner Stadtstruktur in ihrer hohen Baudichte und -schwere („steinernes Berlin“) aufzulockern. Er sieht seine Bauten auch als Beitrag des Konzeptes „Biotope City“, das in Großstädten weltweit Naturbereiche einzugliedern versucht. Die ebenso eindrucksvolle Landschafts- und Gartengestaltung vieler Bauten geht oft zurück auf seinen langjährigen Landschaftsarchitekten Raimund Herms.

In der Fachliteratur zu Architektur der Gegenwart und Architekturgeschichte kommen die Bauten von Baller kaum vor oder werden allenfalls als exotische Randerscheinung erwähnt. Die Wahrnehmung durch populäre Medien ist deutlich stärker. In den Jahren 2020 und 2021 erschienen Artikel auf den Webseiten von Monopol[10] und Tip-Berlin.[11] Das Newsletter-Magazin Ex Libris widmete Hinrich Baller eine ganze Ausgabe.[12]

IBA-Wohnhaus Pohlstraße, Ecke Potsdamer Straße, Berlin-Tiergarten, 1982–1985 (Foto: 2020)

Ausgeführte Bauten

Baller-Wohnhaus am Winterfeldtplatz
Einkaufszentrum Castello in Berlin-Fennpfuhl
Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg

Zu den mehr als 100 realisierten Bauten von Hinrich Baller[3] gehören unter anderem (chronologisch):

In Berlin

Wohn- und Geschäftshaus Lietzenburger Straße 86, Berlin-Charlottenburg, 1977–1978

Außerhalb von Berlin

  • 1966, Haus Bachmann, Schweiz, mit Inken Baller
  • 1979, 1980–1982: Wohnsiedlung documenta urbana in Kassel, Gebäudeplanung (gemeinsam mit Inken Baller) und städtebauliche Planung (gemeinsam mit anderen)
  • 1999–2002: Wohnhäuser an der Nuthestraße in Potsdam, bekannt unter dem Namen Nutheschlange.
  • Um 1999: Terrassenhaus, am Humboldt-Ring in Potsdam Ost im Bereich der Nuthe-Schlange.

Baumängel

Gebäude am Winterfeldtplatz (Berlin)

Weil die Umzäunung des 2001 nach acht Jahren Bauzeit[34] in Betrieb genommenen Gebäudes einer Sporthalle und Kindertagesstätte am Winterfeldtplatz in Berlin eher schmückendes Zierrat im Baller-Stil darstellte, haben sich wegen Leerstand des Gebäudes seit 2017 immer wieder Vandalen und Obdachlose Zugang zu dem Haus verschafft. Der Leerstand hat seine Ursache in Baumängeln, die seit etwa dem Jahr 2000 bekannt geworden sind: das Dach der Turnhalle ist undicht und die Folgen führten zu einem jahrelangen Rechtsstreit, der den Verursacher klären soll. Laut Architekt ist das Dach mit dem falsch aufgeschäumten Glas die Ursache für eindringende Nässe. Zudem hat das Bezirksamt die Gebäudenutzung ab 2017 untersagt, weil ein zweiter Fluchtweg fehlt und weil Bauprüfungen ergeben haben, dass die Holzkonstruktionen unter den Fenstern marode sind und ausgebessert werden müssen. Das Bezirksamt beruft sich auf die Verantwortung eines Architekten für seinen Bau.[9]

„Nutheschlange“ (Potsdam)

Hier wurden zwischen 1999 und 2002[35] zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuser mit mehr als 200 Wohnungen auf insgesamt 200 Pfähle gesetzt und stehen so teilweise an, teilweise in einem künstlichen Wasserlauf. Seit der Fertigstellung traten Schäden auf. Um den Abriss des Kopfbaus, eines unbewohnbaren Terrassenhauses, gab es einen Rechtsstreit.[36] Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts plant die Bauherrin ProPotsdam den Abriss für 2026.[37]

Literatur

  • VISITING Inken Baller & Hinrich Baller, Berlin 1966–89, hrsg. von urban fragment observatory (Jeanne Astrup-Chauvaux, Sebastian Diaz de León, Lena Löhnert, Florine Schüschke), Köln: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 2022, ISBN 978-3-7533-0051-1.
  • U. Stark: Hinrich und Inken Baller, IRB Verlag, Berlin 1992.
  • H. Fassbinder in A+U, 12/1986,195: Hinrich and Inken Baller, S. 75–130.
  • Sandra Wagner-Conzelmann (Hrsg.): Das Hansaviertel in Berlin und die Potentiale der Moderne – Wissenschaft und Zeitzeugen im Gespräch, Beiträge der Tagung gleichen Titels in der Akademie der Künste, Berlin, 28.–30. September 2007.
  • Hinrich Baller im Gespräch, Verlag der AdK, Berlin 2008, ISBN 978-3-88331-120-3.

Baller-Gebäude in den Medien

  • In der Netflix-Serie Unorthodox wohnt die Mutter der Protagonistin im Baller-Haus am Winterfeldtplatz.[38]
  • Der Beitrag Joshua des Regisseurs Dani Levy in dem Film Deutschland 09 nutzt für entscheidende Szenen ebenfalls das Baller-Haus am Winterfeldtplatz.
  • Das Ramones Museum Berlin befand sich in den Jahren 2008 bis 2017 in dem von Hinrich Baller errichteten Haus in der Krausnickstraße 23.

Einzelnachweise

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