Holocaust-Interviews von David Boder

Sammlungen von Audioaufnahmen mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Holocaust-Interviews von David Boder, auch bekannt als Displaced-Persons-Interview-Project, sind eine der frühesten systematischen Sammlungen von Audioaufnahmen mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Der Psychologe David P. Boder führte 1946 Interviews in mehreren europäischen Ländern durch. Die Sammlung gilt als früheste erhaltene Tonaufnahme von Holocaust-Überlebenden und als Pionierprojekt der Oral History und psychologischen Traumaforschung.[1]

Historischer Hintergrund

David P. Boder wurde 1886 in Libau (heute Liepāja, Lettland) geboren und wuchs in einer jüdischen Gemeinde auf. Er studierte Psychologie unter anderem in Leipzig bei Wilhelm Wundt sowie am Psychoneurologischen Institut in St. Petersburg. Nach Tätigkeiten in Mexiko emigrierte er in die Vereinigten Staaten und war am Lewis Institute, einem Vorgänger des Illinois Institute of Technology (IIT), als Psychologe tätig.[1]

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten Millionen Displaced Persons (DPs) in Lagern in Europa. Boder erkannte die Dringlichkeit, die Erinnerungen der Überlebenden festzuhalten, solange sie noch frisch waren, und entschied sich, ein systematisches Interviewprojekt zu starten.[1]

Zielsetzung

Das Projekt verfolgte vier zentrale Ziele:

  1. Dokumentation authentischer Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden,
  2. psychologische Untersuchung der Auswirkungen extremer Traumatisierung auf Persönlichkeit und Sprache,
  3. Aufklärung der amerikanischen Öffentlichkeit über die Verhältnisse in Ghettos und Konzentrationslagern,
  4. politische Unterstützung für die Einwanderung von Displaced Persons in die USA.[1]

Boder wollte die Geschichten „nicht nur in [ihrer] eigenen Sprache, sondern in ihren eigenen Stimmen“ festhalten.[1]

Durchführung der Interviews

Die Interviews fanden zwischen Juli und Oktober 1946 statt. Boder reiste mit der USS Brazil nach Europa und besuchte vier Länder: Frankreich, Schweiz, Italien und Deutschland. Insgesamt führte er Interviews an 16 verschiedenen Orten, darunter DP-Lager, Waisenhäuser und Ausbildungsstätten.[1]

Er interviewte täglich zwischen zwei und fünf Personen, in Ausnahmefällen bis zu neun an einem Tag. Insgesamt entstanden über 90 Stunden Tonmaterial auf etwa 200 Drahtspulen, in neun verschiedenen Sprachen.[1]

Zusammensetzung der Interviewten

Die Mehrheit der Befragten waren osteuropäische Juden, vor allem aus Polen. Daneben befragte Boder west- und südeuropäische Juden sowie 21 Nicht-Juden (ca. 19 % der Interviews).[1]

Besonderes Augenmerk legte Boder auf Kinder und Jugendliche: 33 Interviewte waren 25 Jahre oder jünger, mindestens 16 unter 20. Drei Intervieworte waren speziell für junge Überlebende eingerichtet, darunter das Waisenhaus Bellevue unter Leitung von Lena Küchler.[1]

Methodik und Innovation

Boder nutzte tragbare Drahttonaufnahmen, führte die Interviews in der Muttersprache der Befragten und wählte eine offene, narrative Gesprächsführung. Er dokumentierte zudem Lieder, Gebete und religiöse Zeremonien, um ein umfassendes Bild der Lebensrealität der DPs zu erhalten. Das Projekt gilt als Pionierarbeit der Oral History, da es die Stimmen der Überlebenden in ihrer Originalität festhielt.[1]

Transkription und Publikationen

Nach seiner Rückkehr in die USA begann Boder mit der Transkription der Interviews. Erste Auszüge erschienen 1947, 1949 wurde das Buch I Did Not Interview the Dead veröffentlicht, das eine Auswahl von Interviews und erste Analysen enthält. Zwischen 1952 und 1957 publizierte er selbst die Topical Autobiographies, eine Sammlung von Transkriptionen aus rund 70 Interviews.[1]

1954 veröffentlichte er den programmatischen Aufsatz The Impact of Catastrophe im Journal of Psychology, in dem er die psychologischen Folgen extremer Gewalt analysierte. Das Projekt wurde über Jahre vom National Institute of Mental Health (NIMH) gefördert.[1]

Methodik und Analyse der DP-Interviews

David Boder untersuchte die 1946 in Displaced Persons (DP)-Lagern und Notunterkünften in Europa aufgenommenen Interviews mit Überlebenden systematisch. Ziel seiner Forschung war es, sowohl die Inhalte der Interviews zu analysieren als auch die traumatischen Erfahrungen der Befragten zu bewerten.[2] Die Studie bildete den Auftakt zu einer Reihe von Publikationen über traumatische Belastungen bei Katastrophenopfern, wobei spätere Artikel sich mit sprachlichen Aspekten, methodologischen Überlegungen und vergleichenden Studien zu Naturkatastrophen wie der Überschwemmung in Kansas City 1951 beschäftigten.[3]

Boder entwickelte zwei zentrale Werkzeuge für die Analyse der Interviews: das Traumatic Inventory und die Scale of Traumatic Values.[4] Diese Instrumente ermöglichten ihm, die erzählten Traumata nach Häufigkeit und Intensität zu bewerten. Die Analyse umfasste sechs Rohwerte:

  1. PTF – Personal Traumatic Frequency: Häufigkeit der traumatischen Ereignisse, die den Befragten persönlich betrafen.
  2. MTF – Milieu Traumatic Frequency: Häufigkeit der Traumata, die andere Personen oder Gruppen betrafen.
  3. TLF – Traumatic Load Frequency: Summe aus PTF und MTF.
  4. PTV – Personal Traumatic Value: Intensität der persönlichen Traumata.
  5. MTV – Milieu Traumatic Value: Intensität der traumatischen Erfahrungen anderer.
  6. TLV – Traumatic Load Value: Summe aus PTV und MTV.

Darüber hinaus führte Boder sogenannte Global Traumatic Indices ein, um die Gesamtbelastung eines Interviews zu erfassen, ausgedrückt in sogenannten „Catastrophic Units“ (CU).[5]

Boders Vorgehensweise umfasste eine detaillierte Kodierung der Interviews, bei der traumatische Ereignisse sowohl aus persönlicher als auch aus kollektiver Perspektive klassifiziert wurden. Die Auswertung erfolgte in Fallkonferenzen mit mehreren Assistenten, um die Zuverlässigkeit der Kodierungen zu erhöhen. Diese Methode erlaubte eine differenzierte Analyse sowohl physischer als auch ideeller Traumata, wobei 29 der identifizierten Themen als physisch und 17 als ideell eingestuft wurden.[6]

Die DP-Interviews deckten unterschiedliche Gruppen ab: einerseits sogenannte „Friendly Eastern Refugees“ (FER), Personen aus russisch besetzten Gebieten, die relative Freiheit genossen, und andererseits Überlebende von Konzentrationslagern (KZ), deren Erfahrungen stark durch systematische Verfolgung und Diskriminierung geprägt waren.[7] Boder verwendete die Interviews, um die Auswirkungen extremen menschlichen Leidens auf die Persönlichkeit zu erfassen und ein psychologisch fundiertes Verständnis der Traumata von DP-Überlebenden zu entwickeln.[8]

Nachwirkung und Archivierung

Die Originalaufnahmen und zugehörigen Dokumente bilden die Sammlung Boder, David P. Collection (O_36) in der Paul V. Galvin Library der Illinois Institute of Technology. Laut dem EHRI-Portal umfasst der Bestand digitalisierte Audiodateien, Transkripte, Übersetzungen sowie begleitende Korrespondenz und Metadaten.[9]

Die Tonaufnahmen wurden zunächst von der Library of Congress auf digitale Medien übertragen und sind nun Teil des Projekts Voices of the Holocaust, das Forschern den Zugang zu den Interviews ermöglicht.[10]

Bedeutung

Boders Projekt gilt als:

  • eine der frühesten systematischen Oral-History-Sammlungen zum Holocaust,
  • die frühesten erhaltenen Tonaufnahmen von Holocaust-Überlebenden,
  • ein Meilenstein in der Verbindung von Geschichtsschreibung und Psychologie,
  • eine wichtige Ressource für Traumaforschung und Holocaust-Forschung.

Die Sammlung wird im EHRI-Portal als dauerhafte, wissenschaftlich erschlossene Ressource geführt.[11]

Publikationen

  • David P. Boder: I Did Not Interview the Dead, Urbana 1949
  • David P. Boder: Topical Autobiographies, 5 Bände, 1952–1957
  • David P. Boder: The Impact of Catastrophe, Journal of Psychology, 1954

Literatur

  • David P. Boder: The Impact of Catastrophe, Journal of Psychology, 1954
  • Alan Rosen: The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder, Oxford University Press, New York 2010.
  • Alan Rosen: Early Postwar Voices: David Boder’s Life and Work.

Einzelnachweise

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