Hostienwunder

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Unter einem Hostienwunder versteht man ein eucharistisches Wunder, das unerklärte Erscheinungen an einer konsekrierten Hostie beinhaltet. Die häufigsten Erzählungen über Hostienwunder seit dem 12. Jahrhundert sind Berichte über Bluthostien, an denen sich auf wunderbare Weise Blut gezeigt haben soll.

Beschreibung des Hostienwunders „Wunderbarliches Gut“ von Augsburg

Die Erscheinungen werden oft im Zusammenhang mit ritueller Nachlässigkeit, mit Glaubenszweifeln oder mit angeblichem Hostienfrevel beschrieben, der oft Juden zur Last gelegt wurde. Hostienwunder waren daher immer wieder Anlass für antijüdische Pogrome, beispielsweise in Röttingen (1298), Pulka (1338), Deggendorf (1338) und Sternberg (1492).

Hintergrund und Geschichte

Da nach der im 11. und 12. Jahrhundert diskutierten kirchlichen Lehre bei der Messe Brot und Wein substanziell in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden (Realpräsenz), entstanden im Mittelalter zahlreiche Legenden darüber, dass diese normalerweise nicht sinnlich wahrnehmbare Verwandlung nach außen sichtbar geworden sei. Solche Wunderberichte spielten auch bei der Entstehung des Fronleichnamsfestes eine Rolle.

Nachdem im 11. Jahrhundert Berengar von Tours eine materielle Verwandlung der eucharistischen Gaben bestritten hatte, wurden Bluthostien zu einer Art Gottesurteil über die „wahre Lehre“. Es gibt auch Berichte, nach denen sich in der Heiligen Messe die Hostie in Fleisch und der Wein in Blut verwandelt haben sollen.

Als erstes Hostienwunder der Kirchengeschichte wird seit einigen Jahrzehnten häufiger das eucharistische Wunder von Lanciano genannt. Es wird erstmals in einem Dokument aus dem Jahr 1631 erwähnt, das den Ursprung einer in Lanciano dem legendären Geburts- und Sterbeort des heiligen Longinus – aufbewahrten Blut- und Hostienreliquie mit einem Wunder erklärt, das angeblich im 8. Jahrhundert einem griechischen Mönch widerfahren sein soll. Die dortige „Hostie“ soll Untersuchungen zufolge eine mumifizierte Scheibe menschlichen Herzgewebes sein, die mit Zwecknägeln auf einem Holzbrett befestigt wurde. Reliquien mit Blutstropfen, die im eucharistischen Kontext entstanden sein sollen, werden u. a. auch in Brügge, Mantua und Bolsena verehrt, wo allerdings keine Hostienreste erhalten sind. Ein Grund dafür, dass das Phänomen gehäuft seit dem 13. Jahrhundert auftrat, dürfte neben dem frömmigkeitsgeschichtlichen Umschwung zur Gotik mit ihrer leiborientierten Schmerzensmystik auch sein, dass etwa seit dem 12. Jahrhundert in der lateinischen Kirche ungesäuerter Brotteig für Hostien verwendet wird, denn das Bacterium prodigiosum kann auf Sauerteigen nicht wachsen.

Hostienwunder riefen teils nur kurzlebige, teils auch bis heute andauernde Wallfahrtsbräuche hervor. Die märkische Wunderblutkirche Wilsnack und die Kapelle des Heiligen Blutes in Sternberg wurden wegen solcher Hostienwunder in Nordeuropa zu Zielen von Wallfahrten. Die Wunderblutkirche Wilsnack war Ziel des Pilgerwegs von Berlin nach Wilsnack. Im Süden war Seefeld in Tirol wegen seines Hostienwunders ein beliebter Pilgerort. Auf der Basis dieser Sage schrieb und inszenierte der Autor und Regisseur Holm Dressler das Theaterstück „Das Hostienwunder von Seefeld“, das im September 2016 in Seefeld in Tirol uraufgeführt wurde.

Erscheinungen im Vorstellungskreis der eucharistischen Wunder

Messe des hl. Papstes Gregor, Ulm oder Ravensburg um 1480 (Bode-Museum Berlin)

Zum Vorstellungskreis der eucharistischen Wunder gehören auch Erscheinungen, die dem Priester während der Messe zuteilgeworden sein sollen.

Ein bekanntes Beispiel ist die Gregorsmesse, ein seit dem 13. Jahrhundert verbreiteter Bildtyp, der eine Erscheinung Jesu als Schmerzensmann während der Wandlung in einer Messe darstellt, die Gregor der Große zelebriert haben soll. Grundlage der Legende ist ein Bericht des Paulus Diaconus über das Wunder. Darin wird die figürliche Erscheinung allerdings gar nicht beschrieben, sondern nur ein blutiger Finger erwähnt.

Ein Beispiel für eine frühe Wundererzählung findet sich auch in der Vita des böhmischen Priesters Peter von Prag, der 1263 in Bolsena von seinen Zweifeln an der Realität der Wandlung befreit worden sein soll, als beim Brechen des Brotes Blutstropfen auf Tücher und Messgewänder fielen.

Abgrenzung zu Blutreliquien

Von eucharistischen Wundern zu unterscheiden sind Legenden über den Verbleib des Blutes Jesu, das bei seiner Kreuzigung aufgefangen worden sein soll. Zur Zeit der Kreuzzüge verband sich die Legende von Josef von Arimathäa, der das Blut Jesu aufgefangen haben soll, mit dem Ritterepos von der Artusrunde zur Gralssage. Andere Legenden berichteten, dass Maria Magdalena oder der römische Offizier Longinus das Blut aufgefangen hätten. Im 13. Jahrhundert wurden Blutreliquien populär – Ampullen mit dem Blut Jesu oder eines Märtyrers, das an bestimmten Tagen durch Flüssigwerden seine Wunderkraft zeigt. Oft wurden derartige Blutreste mit eucharistischen Wundern in Zusammenhang gebracht oder erklärt.

Theologisch begründete Kritik

Schon seit der Entstehungszeit dieses Wundertyps gab es daran theologisch begründete Kritik. Albertus Magnus hielt derartige Wunder für Visionen. Thomas von Aquin betrachtete sie skeptisch, da er ihren Sinn in Frage stellte und sie als Widerspruch zu seiner Lehre von der streng übernatürlichen (und darum äußerlich definitionsgemäß nicht wahrnehmbaren) Transsubstantiation ansah. Auch Nikolaus von Kues wandte sich entschieden gegen den Bluthostienkult, ebenso Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz, desgleichen die Erfurter Theologen, die die Wallfahrt nach Wilsnack ablehnten und dazu auf die kritische Haltung des Thomas von Aquin zum eucharistischen Wunder verwiesen. Sie konnten sich nicht gegen die päpstliche Kurie durchsetzen, die die Wallfahrt 1453 sanktionierte. In den theologischen Diskussionen des Mittelalters warfen vor allem der theologische Zweck solcher Erscheinungen, die unklare Logik des Wundergeschehens und die damals noch uneinheitlich gehandhabte Praxis der Aufbewahrung geweihter Hostien Fragen auf.

Heutige Beurteilung

Heute geht man auch unter römisch-katholischen Fachleuten überwiegend davon aus, dass es sich bei den historisch überlieferten Erscheinungen großteils um fromme Legenden, um Betrug, Selbsttäuschungen oder auch anderweitig erklärbare Phänomene handelt. Nur bei überzeugenden Hinweisen auf ein mögliches übernatürliches Geschehen erlaubt die römisch-katholische Kirche auch heute noch Verehrungshandlungen, so etwa in Polen, wo am 17. April 2016 der Bischof von Liegnitz die Verehrung einer im Dezember 2013 aufgetauchten Hostie genehmigte, welche „die charakteristischen Merkmale eines eucharistischen Wunders“ aufweise.[1][2] Ein etwa gleichzeitig im Bistum Salt Lake City in den USA untersuchtes Ereignis wurde hingegen nicht anerkannt.[3]

Serratia marcescens auf Brot wachsend

Insbesondere das Bakterium Serratia marcescens (auch Bacterium prodigiosum genannt, „Wunderbakterium“) soll für viele Erscheinungen vom Typ eines Hostienwunders verantwortlich sein.[4] Dabei treten rötliche Gewächse an den Hostien auf, die als Blutreste gedeutet werden. Das Bakterium entfaltet sich besonders rasch auf mit Wein getränkten Hostien, früher die übliche Aufbewahrungsweise des Allerheiligsten im Tabernakel. Auch der Schimmelpilz Neurospora crassa kann auf Hostien gedeihen und diese rot verfärben, was ebenfalls den falschen Eindruck eines Blutwunders erweckt.[5] Auch bei gewässerten Hostien kommt derartiger Pilz- oder Bakterienbewuchs oft vor (Auflösung in Wasser ist übliche Art der Vernichtung geweihter Formen, die wegen Verschmutzung oder Beschädigung nicht mehr konsumiert werden können).

Durch Pilz- und Bakterienbefall nicht zu erklären sind Wunder, bei denen menschliches Blut oder Körperzellen an den Hostien gefunden werden, die histopathologisch untersucht und näher bestimmt werden können, oder wo Wucherungen aus solchen Zellen an den Hostien gefunden werden (meist als „Herzgewebe“ identifiziert). Ein solches Wunder soll sich 2013 in Liegnitz ereignet haben.[6] Allerdings waren an der Untersuchung der dort an gewässerten Hostien entdeckten Zellen strenggläubige Pathologen beteiligt, die bereits 2009 ein gleichartiges, angebliches Hostienwunder in einer anderen polnischen Diözese positiv begutachtet hatten.[7][8][9]

Literatur

Lexikonartikel

Beiträge

  • Luigi Garlaschelli: Chemie der Wunder. In: Chemie in unserer Zeit, Band 33 (1999), Nr. 3, S. 152–157.
  • Werner Köhler: Blutwunder und Wunderblutbakterien. In: Angelika Lozar, Sybill De Vito-Egerland (Hrsg.): Mittelalter und Renaissance. In honorem Fritz Wagner. Saur, München 2004, ISBN 3-598-73018-7, S. 47–72.
  • Peter Browe: Die eucharistischen Verwandlungswunder des Mittelalters. In: ders.: Die Eucharistie im Mittelalter. Liturgiehistorische Forschungen in kulturhistorischer Absicht (= Vergessene Theologen, Band 1). 5. Auflage, Lit Verlag, Berlin 2010, S. 265–289.

Monographien

  • Johannes Heuser: Heilig-Blut in Kult und Brauchtum des deutschen Kulturraumes. [Bonn] 1948, DNB 481653996 (Dissertation Universität Bonn, Philosophische Fakultät, 12. August 1948, 262 Seiten).
  • Olaf B. Rader: Hokuspokus. Bluthostien zwischen Wunderglaube und Budenzauber. Wilhelm Fink, Paderborn 2015, ISBN 978-3-7705-5738-7.
Commons: Eucharistisches Wunder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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