Hyginus Mythographus
Mythograph und astronomischer Fachschriftsteller
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Unter dem Verfassernamen Hyginus sind zwei mythographische Handbücher in lateinischer Sprache überliefert. Das eine heißt Genealogiae und ist auch unter dem Titel Fabulae bekannt, das andere ist astronomisch-mythographisch und trägt den Titel De astronomia. Die Identität des Autors ist unklar, daher wurde er „Hyginus Mythographus“ genannt. Möglicherweise ist er mit Gaius Iulius Hyginus, einem Zeitgenossen des Kaisers Augustus, gleichzusetzen.[1] Von einem Teil der Forschung werden die unter dem Namen ‚Hyginus‘ kursierenden Werke, insbesondere die Genealogiae, hingegen erst in das 2. Jahrhundert n. Chr. datiert.[2]
Die Genealogiae bestehen aus drei Teilen: Stammbäumen der Götter und Heroen, 220 „fabulae“ (Einzelsagen) und sogenannten Indices (listenartige Zusammenstellungen). Die „allen bekannte Genealogie des Hyginus“ wurde im Jahr 207 („im Konsulatsjahr des Maximus und Aper“) ins Griechische (rück-)übersetzt. Als Quellen hatte der Verfasser offenbar ein griechisches mythologisches Handbuch, vergleichbar der Bibliotheke des Apollodor, sowie griechische Tragödien (Aischylos, Sophokles, Euripides) und Epen (Homer, Hesiod) verwendet.
Das astronomisch-mythologische Handbuch De astronomia in vier Büchern stellte im Mittelalter eine erstrangige Quelle für die antiken Sternbildsagen dar und wurde daher viel kopiert; seit dem 9. Jahrhundert entstanden Abschriften mit teils aufwendigen und kunsthistorisch wichtigen Illustrationen.
Literarische Prominenz erhielt Hygins Fabel 220 (Cura, „Die Sorge“) bei Goethe, der die Fabel – vermittelt über Herders Gedicht Das Kind der Sorge[3] – im Faust. Der Tragödie zweiter Teil (Verse 11384–11510) adaptierte.[4] Philosophische Prominenz erhielt diese Fabel wiederum durch ihre Interpretation im Rahmen der Daseinsanalytik in Martin Heideggers Schrift Sein und Zeit (§ 42) aus dem Jahr 1927, die ihrerseits von Hans Blumenberg eine zeitgeschichtliche Kontextuierung und Kommentierung erfuhr.[5]
Editionen und Übersetzungen
- Hyginus: Fabulae. Herausgegeben von Peter Kenneth Marshall. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1993.
- Hyginus: Sagen. In: Griechische Sagen. Eingeleitet und übertragen von Ludwig Mader (= Bibliothek der Alten Welt). Artemis, Zürich/München 1963, S. 241–364; S. 376–388: Anmerkungen (Nachdruck Albatros, Düsseldorf 2003).
- Antike Mythen. Hyginus, Fabulae. Mit Worterklärungen und Erläuterungen von Gerhard Röttger (= Modelle für den altsprachlichen Unterricht. Latein). Diesterweg, Frankfurt a. M. 1978.
Literatur
- Peter Lebrecht Schmidt, Helmuth Schneider: Hyginus, C. Iulius. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 5, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01475-4, Sp. 778–779 (Digitalisat).
- Joseph Brock: Hygins Fabeln in der deutschen Literatur. Delphin, Berlin 1913.
Weblinks
- Genealogiae bei The Latin Library (lateinischer Text; Auswahl)
- Genealogiae im Topos Project (englische Übersetzung)
- De astronomia bei The Latin Library (lateinischer Text)
- De astronomia im Theoi Project (englische Übersetzung)
- De astronomia Digitalisat der editio princeps von 1482 (Linda Hall Library)