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IRES (Biologie)

spezifische Faltungder messenger-RNA From Wikipedia, the free encyclopedia

Als interne ribosomale Eintrittsstelle (englisch internal ribosomal entry site), abgekürzt IRES, wird in der Zellbiologie ein spezifisch gefalteter Abschnitt innerhalb eines RNA-Einzelstrangs bezeichnet, der die Bindung an Ribosomen vermittelt.[1] Die Sekundärstruktur einer IRES ermöglicht es, bei der Synthese von Proteinen in Eukaryoten die Translation unabhängig von der 5′-Cap-Struktur zu initiieren, beispielsweise auch von der Mitte einer messenger-RNA (mRNA) aus. IRES wurden bisher in der RNA von Viren gefunden sowie in der mRNA für einige Gene von Zellen beschrieben.

Geschichte

1988 wurde erstmals eine internal ribosomal entry site (IRES) im RNA-Genom des Poliovirus und des Encephalomyocarditis-Virus in den Laboren von Nahum Sonenberg[2] und Eckard Wimmer beschrieben.[3] Der Vorgang des dadurch vermittelten Translationsbeginns wurde als internal initiation of translation bezeichnet.

Grundlagen

Üblicherweise tragen eukaryotische zelluläre mRNAs ein speziell angebundenes Nukleotid an ihrem 5'-Ende, die sogenannte 5'-Cap-Struktur, welche zusammen mit weiteren zellulären Faktoren die Bindung an Ribosomen vermittelt. Bei der Proteinbiosynthese wird damit gewöhnlich die Translation eingeleitet. Von diesem komplexen Steuerungssystem ausgenommen sind manche viralen Genome, die mittels einer IRES unmittelbar an die 40S-Untereinheit von Ribosomen binden können und so den Aufbau virentypischer Proteine durch den zellulären Syntheseapparat veranlassen. Daneben wurden in Eukaryoten auch für einige ihrer Gene – beispielsweise für das Onkogen c-Myc, die Ornithin-Decarboxylase, den Fibroblasten-Wachstumsfaktor 2 oder den endothelialen Wachstumsfaktor – in den transkribierten mRNAs besondere Sekundärstrukturen beschrieben, die auf ähnliche Weise als interne ribosomale Eintrittsstelle bei der Proteinbiosynthese funktionieren.[4] Über Cap-unabhängige Translationselemente ist darüber hinaus ein weiterer alternativer Mechanismus zur Einleitung der Translation möglich.

Manche der IRES werden in den Zusammenhang mit Krankheiten gebracht; so scheint der Funktionsverlust eines IRES-Elements auf der mRNA des Connexin 32-Gens eine Hauptursache der Charcot-Marie-Tooth-Krankheit zu sein.[5]

Die molekularen Mechanismen von viralen IRES sind umfangreicher charakterisiert als die der eukaryotischen.[6] Das IRES des Hepatitis-C-Virus bindet direkt an die P-Stelle der 40S-ribosomale Untereinheit, daher sind mit dieser IRES keine eukaryotischen Initiationsfaktoren wie eIF1, 1A, 4A, 4B und 4E nötig. Die Picornavirus-IRES bindet über eIF4 an die 40S-Untereinheit.[7] Manche viralen und eukaryotischen IRES benötigen weitere zelluläre Proteine, die als IRES-trans-acting factor (ITAF) bezeichnet werden.

Virale IRES

Sekundärstrukturen der IRES im RNA-Genom des Poliovirus

Einige RNA-Viren besitzen eine IRES, womit die Produktion von viralen Proteinen an Ribosomen der Zelle unabhängig von Initiationsfaktoren gestartet werden kann. Dies gilt beispielsweise für das Hepatitis-C-Virus und für die Picornaviren, z. B. das Poliovirus. Entdeckt wurde die IRES-Struktur beim Poliovirus, das in der Zellkultur die Synthese von zellulären Proteinen zugunsten der viralen Produkte blockiert. Da hier der zelluläre Initiationsfaktor eIF4G durch virale Enzyme gespalten wird, können nur noch solche RNA-Stränge translatiert werden, die wie die Virus-RNA eine IRES enthalten. Davon abweichende Varianten einer IRES kommen bei Dicistroviridae vor.[8]

Beispiele viraler und zellulärer IRES

IRES in viralen Genomen[7]
VirusIRES
PoliovirusPicornavirus IRES
RhinovirusPicornavirus IRES
Encephalomyocarditis virusPicornavirus IRES
Foot-and-mouth disease virusAphthovirus IRES
Hepatitis-A-VirusHepatitis A IRES
Hepatitis-C-VirusHepatitis C IRES
Classical swine fever virusPestivirus IRES
Bovine viral diarrhea virusPestivirus IRES
Friend Murines Leukämievirus
Moloney Murines Leukämievirus (MMLV)
Rous-Sarkom-Virus
Humanes Immundefizienzvirus
Plautia stali intestine virusCripavirus internal ribosome entry site (IRES)
Rhopalosiphum padi virusCripavirus internal ribosome entry site (IRES)
Cricket paralysis virusCripavirus internal ribosome entry site (IRES)
Triatoma virusCripavirus internal ribosome entry site (IRES)
Kaposi's sarcoma-associated herpesvirusKaposi's sarcoma-associated herpesvirus IRES
Marek's disease virus MDV5'Leader IRES and intercistronic IRES in the 1.8-kb family of immediate early transcripts (IRES)1
IRES in zellulären mRNA[7]
ProteintypProteine
WachstumsfaktorenFibroblast growth factor (FGF-1 IRES and FGF-2 IRES), Platelet-derived growth factor B (PDGF/c-sis IRES), Vascular endothelial growth factor (VEGF IRES), Insulin-like growth factor 2 (IGF-II IRES)
TranskriptionsfaktorenAntennapedia, Ultrabithorax, MYT-2, NF-κB repressing factor NRF, AML1/RUNX1, Gtx homeodomain protein
TranslationsfaktorenEukaryotic initiation factor 4G (elF4G)a, Eukaryotic initiation factor 4Gl (elF4Gl)a, Death associated protein 5 (DAP5)
Onkogenesc-myc, L-myc, Pim-1, Protein kinase p58PITSLRE, p53
Transporter/RezeptorenCationic amino acid transporter Cat-1, Nuclear form of Notch 2, Voltage-gated potassium channel
Aktivatoren der ApoptoseApoptotic protease activating factor (Apaf-1)
Inhibitoren der ApoptoseX-linked inhibitor of apoptosis (XIAP), HIAP2, Bcl-xL, Bcl-2
Proteine in neuronalen DendritenActivity-regulated cytoskeletal protein (ARC), α-subunit of calcium calmodulin dependent kinase II dendrin, Microtubule-associated protein 2 (MAP2), neurogranin (RC3), Amyloid precursor protein
AndereImmunglobulin heavy chain binding protein (BiP), Heat shock protein 70, β-subunit of mitochondrial H+-ATP synthase, Ornithine decarboxylase, connexins 32 and 43, HIF-1α, APC

Anwendungen

IRES-Elemente werden auch im Zuge eines Vektordesigns eingesetzt, beispielsweise für die Coexpression eines Reportergens zur Kontrolle der Transfektions- oder Transduktionseffizienz. Hierbei wird das zu klonierende Gen meistens vor die IRES gesetzt (in 5'-Richtung), das Reportergen dahinter. Die Expression des Reportergens zeigt die Synthese der mRNA in voller Länge an.[9]

Beschränkungen und Alternativen

Virale IRES-Sequenzen werden in der technischen Molekularbiologie häufig eingesetzt, um polycistronische mRNA nachzuahmen. Hierzu werden mehrere Gene auf einem Plasmid hintereinander kloniert und zwischen die Gene jeweils eine IRES-Sequenz geschaltet. Bei diesem Konstrukt wird nur noch ein einziger Promoter und Terminator benötigt. Allerdings haben die eingeführten IRES-Sequenzen den Nachteil, dass sich die Expressionseffizienz für jedes weitere nachfolgende Gen verringert.[10]

Eine technische Alternative zu den IRES stellen die viralen 2A-Peptide dar. Beim Einsatz von 2A-Peptid-Sequenzen wird die Genregulation eines bakteriellen Operons imitiert und eine künstlich geschaffene Reihung mehrerer Gene in einem gemeinsamen offenen Leserahmen über nur einen Promotor reguliert. Durch die je zwischengeschalteten selbst-spaltenden 2A-Peptide – Oligopeptide aus rund zwanzig Aminosäuren – werden die gemeinsam exprimierten Genprodukte in einzelne Proteine zerlegt.[11] Der Vorteil gegenüber einer Verwendung von IRES-Sequenzen ist hierbei die äquimolare Expression der Proteine über den gemeinsamen Promotor. Allerdings verbleiben nach Spaltung der 2A-Peptide kurze Peptidanteile an den Termini der exprimierten Proteine, die deren Funktion stören können.[12]

Einzelnachweise

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