Ibn Hazm

arabischer Universalgelehrter in Andalusien From Wikipedia, the free encyclopedia

Abū Muhammad ʿAlī ibn Ahmad Ibn Hazm az-Zāhirī al-Andalusī (arabisch أبو محمد علي بن أحمد ابن حزم الظاهري الأندلسي, DMG Abū Muḥammad ʿAlī ibn Aḥmad Ibn Ḥazm aẓ-Ẓāhirī al-Andalusī; geb. 18. November 993 in Córdoba; gest. 16. August 1064 in Manta Lischām bei Niebla) war ein islamischer Rechtsgelehrter, Theologe und Philosoph in al-Andalus. Er war der wichtigste Vertreter der Rechtsschule der Zahiriten.[1]

Denkmal des Ibn Hazm in Puerta de Sevilla, Córdoba
"Das Halsband der Taube", eines der bekanntesten Werke von Ibn Hazm.
(Ms. in UB Leiden)

Leben

Ibn Hazm wurde am 30. Ramadan 383 (= 18. November 993) in Munyat al-Mughīra, der östlichen Vorstadt von Córdoba, geboren.[2] Seine Familie war gotischer oder keltoromanischer Abstammung und war in Manta Lischām im Distrikt Niebla ansässig.[3] Sein Vater war Wesir des ʿĀmiriden-Herrschers Abū ʿĀmir al-Mansūr und seines Sohnes Muzaffar.[4] Ibn Hazm verlebte die Jugend auf dem Landsitz seines Vaters. In seiner Jugend betrieb er bei Abū l-Chiyār Masʿūd ibn Sulaimān Ibn Muflit literarische Studien. Als im Juli 1013 die Berber den Palast seiner Familie in Córdoba plünderten, siedelte er nach Jàtiva über. Als Chairān, der Herr dieser Stadt, den Umaiyaden Sulaimān al-Mustaʿīn im Juni 1016 stürzte, wurde er der Sympathie für diesen verdächtigt, eine Zeitlang inhaftiert und dann verbannt. Nachdem er dem Kalifen von Valencia ʿAbd ar-Rahmān IV. als Wesir gedient hatte und im Kampf und im Kampf um Granada in Gefangenschaft geraten war, kehrte er im Februar 1019 nach Córdoba zurück. Im Dezember 1023 wurde er Wesir von ʿAbd ar-Rahmān V. Als dieser jedoch schon nach siebenwöchiger Regierung gestürzt wurde, wanderte Ibn Hazm ins Gefängnis.[3]

1027 war Ibn Hazm wieder in Jàtiva. Dort verfasste er sein erstes Prosawerk Ṭauq al-ḥamāma, in dem er das Thema der Liebe erörterte, und begann sein Werk al-Fiṣal. Danach diente er wahrscheinlich noch dem letzten umaiyadischen Kalifen Hischām al-Muʿtadd als Wesir, zog sich aber bald aus dem politischen Leben zurück, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen.[3] Nachdem er sich durch die Schärfe seiner Polemik gegen die Malikiten viele Feinde zugezogen hatte, fand er in den Jahren nach 1038 bei Ahmad ibn Rāschiq, dem Statthalter von Mallorca, Zuflucht und gewann auf der Insel Anhänger für seine Lehre. Hier disputierte er noch 1048 mit dem aus dem Orient zurückgekehrten Rechtsgelehrten al-Bādschī, der kurz danach seine Vertreibung durchsetzen konnte. Er starb am 16. August 1064 auf dem Stammsitz seiner Familie Manta Lischām.[5]

Werke (Auswahl)

Risāla fī faḍl al-Andalus wa-ḏikr riǧālihā

Bei der Risāla fī faḍl al-Andalus wa-ḏikr riǧālihā handelt es sich um die erste, wenn auch kurze Literaturgeschichte von al-Andalus. Ibn Hazm verfasste das Werk am Hof von Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn ʿAbdallāh Yumn ad-Daula, dem Herr von Alpuente (reg. 1030–1043), als Antwort auf einen Brief des tunesischen Gelehrten Abū ʿAlī al-Hasan ibn Muhammad Ibn ar-Rabīb al-Tamīmī, der behauptet hatte, dass die Leute von al-Andalus nicht in der Lage gewesen seien, Stolz auf ihre Gelehrten, ihre tugendhaften Männer und ihre Statthalter zu zeigen. Der Text ist nur dadurch erhalten, dass al-Maqqarīs ihn in sein Werk Nafḥ aṭ-ṭīb aufnahm, das Reinhart Dozy 1855–61 edierte. Pascual Gayangos y Arce übersetzte das Werk in seiner History of Mohammedan dynasties in Spain (London 1840) ins Englische (dort Band. I, S. 168–90).[6]

Da Werk besteht aus einer Einleitung, zwei Teilen und einem Schlussteil. Im ersten Teil preist Ibn Hazm al-Andalus als Zentrum intellektueller Aktivität. seit mehr als einem Jahrhundert zugenommen hatte und es zu einer der wichtigsten Kulturregionen der gesamten islamischen Welt jener Zeit machte. Im zweiten Teil liefert er ein bibliografisches Verzeichnis zu Themen wie Theologie und Recht, Koranexegese, Biografie, Grammatik und Lexikographie, Medizin, Philosophie, Poesie und Geschichte. Im Schlussteil erklärt er die Überlegenheit von al-Andalus gegenüber Persien, Jemen und Syrien und stellt Gelehrte und Dichter aus al-Andalus Persönlichkeiten aus dem islamischen Osten gegenüber.[7]

al-Iḥkām li-uṣūl al-aḥkām

al-Iḥkām li-uṣūl al-aḥkām ist eine zweibändige Abhandlung über die Grundlagen des Islam, in der Ibn Hazm mit großer logischer und argumentativer Ernsthaftigkeit über die Prinzipien des Fiqh reflektiert, was sie nach Meinung von José Miguel Puerta Vílchez zu einem der reichhaltigsten, tiefgründigsten und schwierigsten Werke von Ibn Hazm innerhalb dieses Genres macht.[8] Ibn Hazm verfasste das Werk während seiner Zeit in Mallorca ab 1038 und stellte es etwas später als 1046 fertig. Es wurde erstmals 1926 bis 1930 von Ahmad Muhammad Schākir in Kairo ediert und 1980 in Beirut mit einer Einleitung von Ihsān ʿAbbās neu veröffentlicht.[9]

Die 40 Kapitel des Werks behandeln die folgenden Themen: Vorwort und Vorstellung des Werks und seines Inhalts (Kap. 1–2), das wahre Wissen der Vernunft (ʿaql; Kap. 3), Ursprung der Sprachen (Kap. 4), die gemeinsame Terminologie der Theoretiker (ahl an-naẓar; Kap. 5), Begründung von Verbot und Erlaubnis durch Vernunft oder den Schöpfer (Kap. 6), die Grundlagen der Religion (Kap. 7), der Begriff der Erläuterung (bayān; Kap. 8–9), die obligatorische Annahme und Anwendung des Korans (Kap. 10), die Sunna und die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Imamen (Kap. 11), das wörtliche Verständnis (bi-ẓ-ẓāhir) der in Koran und Sunna enthaltenen Gebote und Verbote (Kap. 12–15), über Metonymie, Metapher und Gleichnisse (Kap. 16–18), über die Handlungen des Propheten (Kap. 19), über die Abrogation, die Ähnlichkeiten im Koran und den Hadithen (Kap. 20), der Idschmāʿ der Gelehrten (Kap. 22–24), Zurückweisung des Ichtilāf und Verurteilung von Irrtümern, Fehlern, Verzerrungen usw. (Kap. 25–28), der theoretische Beweis (dalīl naẓarī) und der Unterschied zwischen diesem und dem Qiyās (Kap. 29), die rechtlichen Verpflichtungen jedes Muslims und jedes Menschen (Kap. 30), die Ausbildung und die Eigenschaften des Rechtsexperten (faqīh; Kap. 31), absichtliche und unabsichtliche Irrtümer, die Nīya (Kap. 32), die Gesetze der Propheten vor Mohammed (Kap. 33), Vorsicht (iḥtiyāṭ) und Entschuldigungen (Kap. 34), Präferenz (istiḥsān), Deduktion (istinbāṭ) und Ra'y (Kap. 35), Taqlīd (Kap. 36), diskursiver Beweis (dalīl al-ḫiṭāb; Kap. 37), die Ungültigkeit des Qiyās (Kap. 38–39) und der Fehler, auf Idschtihād zurückzugreifen oder eine Auslegung vorzunehmen, die nicht auf dem Koran, der Sunna und dem Konsens, sondern auf Qiyās beruht (Kap. 40).[10]

Nach Vílchez legt Ibn Hazm in diesem Werk die umfassendste Darstellung der theoretischen Prinzipien seines Zahiritentums dar. Er erläutert zudem einige bemerkenswerte Ideen, zum Beispiel dass der Koran, wenn er übersetzt wird, seinen Wundercharakter verliert und somit seine Heiligkeit einbüßt. Es sei daher erlaubt, den Koran in einer anderen Sprache als Arabisch zu kommentieren, nicht aber zu rezitieren. Gebote wie der Dschihad fallen für ihn ebenfalls in die Verantwortung der Frauen, da der Koran an beide Geschlechter gerichtet sei.[11]

al-Fiṣal fī l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal

In al-Fiṣal fī l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal („Die Trennung zwischen den Religionsgemeinschaften und philosophischen Schulen“) stellt Ibn Hazm die Prinzipien des Islam, wie er sie interpretiert, systematisch den wichtigsten Religionen und philosophischen Strömungen und häretischen Strömungen innerhalb des Islams vergleichend gegenüber, um diese hernach zu widerlegen. Miguel Asín Palacios sah in dem Werk „das großartigste Beispiel für das Wissen und die Talente“ Ibn Hazms. Das Werk entstand zwischen 1027 und 1048 und wurde bis 1058 überarbeitet. Die erste Edition in fünf Bänden, die allerdings fehlerhaft ist, erschien 1899–1900 in Kairo. Es existieren zahlreiche Nachdrucke. Gestützt auf diese erste Kairoer Ausgabe erstellte Asín Palacios unter dem Titel Abenházam de Córdoba y su “Historia crítica de las ideas religiosas” (1927–1932) eine nahezu vollständige Übersetzung des Werks.[12]

Ibn Hazm führt in dem Werk stufenweise an den Islam heran, indem er zunächst die nicht-islamischen Lehren behandelt und diese nach einem dihairetischen Schema[13] der Ferne zum Islam nach in sechs Klassen einteilt:

  1. die Sophisten, welche die Erkennbarkeit von Wahrheiten ganz leugnen;
  2. diejenigen, welche die Erkennbarkeit von Wahrheiten anerkennen, aber die Welt für ewig halten und keinen Gottesbegriff haben;
  3. diejenigen, die die Welt für ewig halten, aber an einen Gott glauben, der in der Welt wirkt;
  4. Polytheisten
  5. diejenigen, die zwar an einen Schöpfergott, nicht aber an Propheten glauben;
  6. diejenigen, die zwar an einen Schöpfergott und die Möglichkeit von Prophetie glauben, aber hinsichtlich der Identität dieser Propheten unterschiedliche Auffassungen vertreten.[14]

Der zweite Teil über den Islam behandelt die Grundlagen der Religion (uṣūl ad-dīn), wobei er in der Reihenfolge den fünf Prinzipien der Muʿtazila folgt.[15] Ibn Hazm geht dabei auch ausführlich auf die Lehren der Schiiten, der Charidschiten, der Murdschiiten und der Sufis ein.[16] Die Karrāmiten und Aschʿariten hielt er für Untergruppen der Murdschi'a und betrachtete sie als ihre schlimmsten Vertreter.[17]

Da Abū l-Hasan al-Aschʿarī und die Aschʿariten in dem Werk als Häretiker dargestellt werden, lehnten spätere Aschʿariten wie Tādsch ad-Dīn as-Subkī al-Fiṣal ab und zogen ihm asch-Schahrastānīs al-Milal wa-n-niḥal vor. As-Subkī kritisierte auch, dass das Werk „zerstreut“ (mubaddad) und „ohne Ordnung“ (laisa lahū niẓām) sei.[18]

Weitere Werke

  • Ṭauq al-ḥamāma fī l-ulfa wa-l-ullāf („Das Halsband der Taube über die Liebe und die Liebenden“). Das Werk, das als Teil der Weltliteratur[19] betrachtet wird, wurde 1941 von Max Weisweiler ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen (Neuausgabe Leipzig: Reclam 1990, ISBN 3-379-00589-4).
  • Ḥiǧǧat al-wadāʿ, Abhandlung über die Abschiedswallfahrt des Propheten (ed. ʿAbd-al-Ḥaqq Ibn-Mulāḥiqī al-Turkmānī, Beirut 2008).
  • al-Muḥallā bi-l-āṯār fī šarḥ al-muǧallā bi-l-iqtiṣār, systematische Darstellung des islamischen Rechts. Die moderne Druckedition (Kairo 1347h-1352h = 1928–1933) umfasst 11 Bände.[20]
  • An-Nāsiḫ wa-l-mansūḫ fī l-Qurʾān al-karīm. („Das Abrogierende und das Abrogierte im Koran“). (Beirut: Manšūrāt al-Ǧamal 2016, ISBN 978-9933-35239-4).

Religiöse Entwicklung

Ibn Hazm war zuerst Malikit, schloss sich dann aber den Schafiiten, die ʿAbd ar-Rahmān III. in Córdoba begünstigt hatte. In ihrem Sinne schrieb er al-Muḥallā. Unter dem Einfluss seines Lehrers Abū l-Chiyār trat er zur Lehre der Zahiriten über.[21]

In seinem Muḥallā vertrat Ibn Hazm die Auffassung, dass nur ein solcher Idschmāʿ akzeptabel sei, der in der Generation der Prophetengefährten ʿAlī ibn Abī Tālib ʿAbdallāh ibn Masʿūd, Anas ibn Mālik, ʿAbdallāh ibn ʿAbbās und die Gefährten in Syrien sowie in der zweiten Generation der Muslime Ibn Sīrīn und Dschābir ibn Zaid umfasse.[22]

Schüler

Einer seiner wichtigsten Schüler war al-Humaidī (gest. 1096).

Literatur

Arabische Quellen

Sekundärliteratur

  • Ghulam Haider Aasi: Muslim Understanding of Other Religions: A Study of Ibn Ḥazm's Kitāb al-Faṣl fi al-Milal wa al-Ahwāʾ wa al-Niḥal. New Delhi 2004, ISBN 81-7435-359-3.
  • Camilla Adang: "From Malikism to Shafi'ism to Zahirism: The Conversions of Ibn Hazm" in Mercedes Garcia-Arenal (Hrsg.): Conversions islamiques. Identites religieuses en Islam mediterraneen. Paris: 2001. S. 73–87.
  • Camilla Adang, Maribel Fierro, Sabine Schmidtke (Hrsg.): Ibn Ḥazm of Cordoba: The Life and Works of a Controversial Thinker (im Handbuch der Orientalistik I.103). Brill, Leiden 2013. ISBN 978-90-04-23424-6.
  • Roger Arnaldez: “Ibn Ḥazm” in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden 1968. Bd. III, S. 790b–799a.
  • Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. 2. Aufl. Brill, Leiden 1943. Bd. I, S. 505f. – Brill, Leiden 1937. Supplement-Bd. I, S. 692–697.
  • A.G. Chejne: Ibn Hazm. Kazi Publications, Chicago 1982.
  • Josef van Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. Walter de Gruyter, Berlin-New York, 2011. S. 837–856.
  • Samir Kaddouri: “Identificación de un manuscrito andalusí anónimo de una obra contra Ibn Ḥazm al-Qurṭubī (m. 456/1064),” in Al-Qanṭara 22 (2001) 299–320.
  • Abdelilah Ljamai: Ibn Ḥazm et la polémique islamo-chrétienne dans l'histoire de l'islam. Brill, Leiden 2003.
  • Abdel-Magid Turki: “Notes sur l’évolution Du Zâhirisme d’Ibn Ḥazm (456/1063). Du Taqrîb à l’Iḥkâm.” in Studia Islamica 59 (1984) 175–85.
  • José Miguel Puerta Vílchez: “Inventory of Ibn Ḥazm's works” in Adang/Fierro/Schmidtke (Hrsg.): Ibn Ḥazm of Cordoba: The Life and Works of a Controversial Thinker. Brill, Leiden 2013. S. 683–760.
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Einzelnachweise

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