Ich bete an die Macht der Liebe

Geistliches Lied, wird auch beim Großen Zapfenstreich (dt. Bundeswehr) gespielt From Wikipedia, the free encyclopedia

Ich bete an die Macht der Liebe ist die erste Zeile der ursprünglich vierten Strophe des geistlichen Liedes Für dich sei ganz mein Herz und Leben. Dessen Text schrieb der pietistische Prediger Gerhard Tersteegen um 1750. Im Erstdruck aus dem Jahr 1757 trägt das Lied den Titel Die in Jesu eröffnete Liebe Gottes.[1] Die heute übliche Melodie stammt von Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski, der sie wahrscheinlich 1794 auf einen anderen Text komponierte, die aber etwa seit den 1820er Jahren im deutschsprachigen Raum mit dem Text Tersteegens verbunden ist.

Tersteegen-Denkmal mit dem Anfang des Gedichts

Inhalt

Das Lied besingt die erlösende Liebe Gottes, der „mich“ – das lyrische Ich bzw. den Sänger des Liedes – durch Jesus aus dem „Zwange“ eines selbstbezogenen Daseins (Originalstrophe 2) befreite: „Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken“ (Originalstrophe 4).

Melodie

Im Erstdruck von 1757 ist dem Text die Melodieangabe Wer nur den lieben Gott läßt walten beigegeben.[1]

Die Melodie, mit der Ich bete an berühmt wurde, stammt von dem in Sankt Petersburg wirkenden russischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825). Die Komposition entstand Ende des 18. Jahrhunderts, die Angaben zum genauen Entstehungszeitpunkt sind allerdings widersprüchlich. Meist wird das Jahr 1794 als Zeitpunkt der Entstehung angegeben.[2] Bortnjanski komponierte die Melodie zu dem von Michail Matwejewitsch Cheraskow (1733–1807) verfassten, später als Freimaurerlied bekannt gewordenen Text Kol’ slaven naš Gospod’ v Sione („Wie gepriesen ist unser Herr in Zion“). Das Werk wurde erstmals am 29. November 1798 im Sankt Petersburger Winterpalast aufgeführt und löste etwa ab 11801 am Zarenhof Pauls I. Grom Pobedy, Rasdawaisja! als inoffizielle Zarenhymne ab, bis 1816 Molitwa Russkich zur offiziellen Hymne wurde. 1812 erschien Kol’ slaven erstmals im Druck.[3]

Ich bete an die Macht der Liebe im Choralbuch von 1825

Die Strophenanordnung 4–6, 1–3, 7–8, und damit die Bewegung des Verses „Ich bete an die Macht der Liebe“ an den Textanfang, findet sich zum ersten Mal 1820 in der Sammlung auserlesener Lieder von der erlösenden Liebe des ehemaligen katholischen Priesters Johannes Evangelista Goßner (1773–1858), eines aus Bayerisch Schwaben stammenden, 1820–1824 an der Malteserkirche in Sankt Petersburg tätigen pietistischen Pfarrers. Die Liedersammlung erschien 1822 in zweiter Auflage und 1825, nach Goßners Rückkehr nach Deutschland, in Leipzig in einer dritten Auflage,[4] dieses Mal ergänzt durch einen unter dem Titel Choralbuch separat erschienenen Melodienband, der den Text Bortnjanskis Melodie zuordnet.[5] Dieses Choralbuch erschien ohne namentliche Nennung des Herausgebers, doch wird allgemein angenommen, dass die Melodien durch den an der Sankt Petersburger lutherischen St.-Katharinen-Kirche wirkenden russischen Organisten Iwan Karlowitsch Tscherlizki (1799–1865) bearbeitet wurden. Durch seine Tätigkeit in Berlin (1826–1858) vermittelte Goßner die Melodie, die er in Sankt Petersburg kennengelernt hatte, samt deutschem Text an den Hof König Friedrich Wilhelms III. von Preußen und seiner Nachfolger. Bortnianskis Melodie findet sich unter dem Titel Ich bete an die Macht der Liebe auch im Anhang zu der 1822 von Joseph Gersbach herausgegebenen Sammlung Wandervögelein.[6] Da aber nicht gesichert ist, dass dieser Anhang 1822 zusammen mit dem Hauptband erschien, ist auch nicht klar, ob es sich hierbei wirklich um eine ältere Quelle handelt, als das Choralbuch von 1825.[7]

Melodie:[8]

 
elative c'
{ autoBeamOff key bes major 	ime 3/4 partial 4 f4 d2 es4 f2 bes4 c( bes) a bes2 f4 g bes g f2 d4 f( es) d c2 f4 d2 es4 f2 bes4 c( bes4) a bes2 f4 g bes g f2 d4 g4.( f8) es[ d] c2 bar"" f4 a2 f4 bes2 f4 d'( c) bes bes2 a4 bes a g f2 d4 g( f) es d2.( c) bes2 bar"|." }
addlyrics { small set stanza = #"1. " Ich be -- te an die Macht der Lie -- be, die sich in Je -- sus of -- fen -- bart; ich geb mich hin dem frei -- en Trie -- be, wo -- durch ich Wurm ge -- lie -- bet ward; ich will, an -- statt an mich zu den -- ken, ins Meer der Lie -- be mich ver -- sen -- ken. 
 }

Großer Zapfenstreich

Friedrich Wilhelm III. hatte 1813, während der antinapoleonischen Befreiungskriege, nach russischem Vorbild die Anfügung eines Gebets an das militärische Abendritual des Zapfenstreichs angeordnet – Ausdruck des religiösen Selbstverständnisses der Heiligen Allianz. Seit Ich bete an die Macht der Liebe mit der Bortnjanskischen Melodie am 12. Mai 1838 in Berlin beim neugeordneten und in Gegenwart des russischen Zaren aufwendig ausgeführten Zapfenstreich als dieses Abendgebet erklungen war, gehört das Stück zum Bestand des Zeremoniells.[9]

Der Choral wird regelmäßig als Bestandteil des Großen Zapfenstreichs der Deutschen Bundeswehr gespielt – außer in Bayern, wo an dieser Stelle das Bayerische Militärgebet von Johann Kaspar Aiblinger gespielt wird.

Im Rahmen des Großen Zapfenstreiches erfolgt vor dem Lied das Kommando „Helm ab – zum Gebet“, nach dem Lied erfolgt das Kommando „Helm auf“ und es erklingt der „Ruf nach dem Gebet“.

Text

Erstdruck des Liedes in der sechsten Auflage von Tersteegens Geistlichem Blumen-Gärtlein inniger Seelen, 1757

Der Originaltext enthält viele Wendungen, die schon Anfang des 19. Jahrhunderts als nicht mehr erträglich empfunden wurden und seitdem Anlass für immer neue Bearbeitungen, Umstellungen und Kürzungen gaben. Im Evangelischen Gesangbuch, Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe, sind vier Strophen mit der Melodie von Bortnjanski enthalten (Nr. 661):

Für dich sei ganz mein Herz und Leben,
mein süßer Gott, und all mein Gut,
für dich hast du mir’s nur gegeben,
in dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
für dich sei ewig Herz und alles.

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart;
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Wie bist du mir so zart gewogen.
Und wie verlangt dein Herz nach mir!
Durch Liebe sanft und tief gezogen
neigt sich mein Alles auch zu dir.
Du traute Liebe, gutes Wesen,
du hast mich und ich dich erlesen.

O Jesu, dass dein Name bliebe
im Herzen tief gedrücket ein;
möcht deine süße Jesusliebe
in Herz und Sinn gepräget sein.
Im Wort, im Werk und allem Wesen
sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Rezeption in christlichen Gesangbüchern (Auswahl)

Das Lied war und ist in vielen Gesangbüchern enthalten. Einige Beispiele:

Literatur

  • Wilhelm Nelle (Hrsg.): G. Tersteegens geistliche Lieder. Mit einer Lebensgeschichte des Dichters und seiner Dichtung. Bertelsmann, Gütersloh 1897, S. 376–378; Digitalisat in der Google-Buchsuche.
  • Andreas Wittenberg: „Helm ab – zum Gebet“ – „Ich bete an die Macht der Liebe“. Gedanken zum Großen Zapfenstreich. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie. 26, 1982, S. 157–174; JSTOR:24207834.
  • Arnold Feil: Metzler Musik Chronik vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart. 2., erweiterte Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-476-02109-0, S. 515–516.; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
Commons: Ich bete an die Macht der Liebe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI