Ich der Kater
Buch von Natsume Sōseki
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Ich der Kater (jap. 吾輩は猫である, Wagahai wa neko de aru) ist ein von Natsume Sōseki verfasster satirischer Roman. Er wurde kapitelweise vom Januar 1905 bis August 1906 in der Zeitschrift Hototogisu veröffentlicht.

Das Werk wurde mehrfach adaptiert: 1936 als Kinofilm von Kajirō Yamamoto, 1958 als fünfteilige Fernsehserie, 1963 als Fernsehfilm und als Episode einer Literaturverfilmungsreihe für Kinder, 1975 als Kinofilm von Kon Ichikawa und Fernsehfilm.
Überblick
Hauptfigur und Erzähler in Sōsekis Erstlingswerk ist ein namenloser Kater, der kurz nach seiner Geburt im Haushalt des Englischprofessors Rarus Schneutz Unterkunft findet. Dort beschreibt er in beißend satirischem Ton das Leben und die Eskapaden seines „Besitzers“, dessen Hausangestellten und Studenten. Die charakteristischen Eröffnungssätze des Romans genießen noch heute einen ausgesprochen hohen Wiedererkennungswert und werden im Japanischen häufig zitiert und parodiert:
「吾輩は猫である。名前はまだ無い。」
„Gestatten, ich bin ein Kater! Unbenamst bislang.“
Hintergrund
Der Roman Sōsekis, einer der meistgelesenen und berühmtesten Romane der modernen Literaturgeschichte Japans[1.1][2], entstand auf Empfehlung von Takahama Kyoshi, welcher ebenfalls in der Haiku-Zeitschrift Hototogisu veröffentlichte, um die zu jener Zeit wachsende Nachfrage nach längerer Prosa zu befriedigen. So erschien im Januar 1905 das erste Kapitel von Ich der Kater, welches als in sich geschlossene Kurzgeschichte konzipiert war. Da Takahama nur beim Schreiben dieses Kapitels beteiligt war, lässt sich ein stilistischer Unterschied zum Rest des Buches feststellen. Aufgrund der hohen Beliebtheit der Geschichte verfasste und veröffentlichte Sōseki auf Anraten Takahamas bis zum August 1906 zehn weitere Kapitel, die der Beliebtheit der Zeitschrift zu einem bemerkenswerten Anstieg verhalfen und Hototogisu von einer einfachen Haiku-Veröffentlichung zu einem einflussreichen Kulturmagazin machten.
Die Figur des Katers, tierischer Protagonist und Erzähler des Romans, basiert auf einem echten herrenlosen Kater, den der 37-jährige Sōseki in seinen Haushalt aufnahm. Sōseki gewann das Tier so lieb, dass er bei dessen Tode am 13. September 1908 seine engsten Freunde über die traurige Begebenheit in Kenntnis setzte, und bald darauf eine Sammlung von Essays mit dem Namen „Das Grab eines Katers“ veröffentlichte. Ob ein Vorbild für den Roman E. T. A. Hoffmanns „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ sein könnte, den Sōseki aber möglicherweise gar nicht gelesen hatte, ist ungeklärt.[1.2] Die etwa einhundertjährige Existenz von Hoffmanns Kater Murr nutzt Sōseki jedenfalls geschickt, den Roman zu Ende zu bringen.[1.3]
Der Kater
Der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans ist ein namenloser, ehemals herrenloser Kater. Er beobachtet das Leben und Wirken seiner menschlichen Zeitgenossen mit unverhohlenem Hohn und amüsiert sich über deren bizarres, unerklärliches und nicht zuletzt höchst stupides Verhalten.
Die überaus charakteristische Sprechweise und Persönlichkeit des Katers bildet dabei die Grundlage für die satirische Wirkung des Werkes: Trotz seiner unscheinbaren Natur ist er nicht nur jedem der Menschen an geistiger Schärfe überlegen, sondern verfügt auch über eine bemerkenswerte Bildung und zeigt sich in Themen wie Kunst, Literatur und Philosophie äußerst bewandert. Es ist ihm ein Leichtes, Menschen aufs Genaueste zu durchschauen.
Der widersprüchliche Reiz der Figur wird unterstrichen durch seinen ebenso auffälligen wie charakteristischen Sprachstil, welcher sich bereits im japanischen Titel des Romans (Wagahai wa neko de aru) zeigt: Die Selbstbezeichnung „Wagahai“ (吾輩) entspricht einem archaischen, erhabenen Ich mit leicht arrogantem Unterton, wie man es etwa von einem Menschen hohen gesellschaftlichen Ansehens erwarten würde, und ist dem Pluralis Majestatis Wir nicht unähnlich.[1.4] Die Rede des Katers ist im sogenannten da-dearu-Stil verfasst, der diese Nuance um ein Weiteres unterstreicht. Der überaus hochklassige Wortschatz des Erzählers sowie die unverhohlene Abschätzigkeit, mit der er den Intellekt seiner menschlichen Mitbewohner kommentiert, vervollständigen ein bombastisches wie erhabenes Selbstbild, welches im amüsanten Kontrast zu der physischen Natur der Hauptfigur steht.
Weitere Figuren
Um die sprechenden Namen der Akteure in der deutschen Fassung inhaltsgetreu wiederzugeben, hat der Übersetzer Otto Putz die ursprünglichen Namen ins Deutsche übertragen oder Namen geschaffen, die dem Inhalt ihrer japanischen Pendants möglichst nahekommen.
- Ich (吾輩, Wagahai, etwa Wir)
Ein Kater, der sich kurz nach seiner Geburt in ein Gestrüpp aus Bambusgras geschleudert sieht, und nach Essen suchend in die Schneutzsche Küche eindringt. - Madame Schildpatt (三毛子, Mikeko, etwa (Fräulein) Dreifell):
Eine Katzendame, die dem Haushalt einer Koto-Lehrerin angehört. Sie ist die Nachbarin des Erzählers, nennt diesen ehrerbietig „Professor“, ohne dessen Gefühle zu erwidern, und verstirbt jedoch an einer Erkältung. - Kater Schwarz (車屋の黒, Kurumaya no Kuro, etwa Rikschakutschers Schwarz):
Ein ebenso großer wie grobschlächtiger pechschwarzer Kater. Er ist großspurig, gewalttätig und kaum fähig, einen korrekten Satz zu bilden. Die deutsche Übersetzung gibt den grob-vulgären Sprachstil von Schwarz als Gossensprache im Berliner Dialekt wieder.
Bei der (z. T. ungefähren) Übertragung der japanischen Namen wird zunächst der Eigenname genannt, also der Teil, der in der üblichen japanischen Namensreihenfolge hinten steht.
- Rarus Schneutz (珍野 苦沙弥, Chinno Kushami, etwa Nießen Seltenfeld):
Der „Besitzer“ des tierischen Erzählers, Haushaltsvorstand und – pockengesichtiger – Gymnasialprofessor der englischen Sprache. Er ist verheiratet mit der Meisterin (細君, Saikun, wörtlich Ehefrau) und hat die drei Töchter とん子 (Tonko), すん子 (Sunko) und めん子 (Menko). Die Figur des dyspeptischen, neurotischen und exzentrischen Schneutz basiert auf dem Autor Sōseki selbst. - Professor Wirrhaus (迷亭, Meitei, etwa Zweifler):
Ein Ästhetiker und Bonvivant, Professr für Englisch, der großen Spaß daran findet, leichtgläubige Mitmenschen durch Streiche und abstruse Geschichten zu foppen. Natsume Soseki selbst dementierte Behauptungen, welchen zufolge die Figur auf dem Ästhetiker Otsuka Yasuji (大塚 康次, 1868–1931[3]) basieren sollte. Den späteren Schriften von Sōsekis Gattin Kyōko (夏目 鏡子, 1877–1963) zufolge lässt sich vermuten, dass Wirrhaus vielmehr die Personifizierung der schelmischen Seite des Autors selbst ist. - Eiland Kaltmond (水島 寒月, Mizushima Kangetsu, wörtlich Kaltmond Wasserinsel):
Ein Naturwissenschaftler und ehemaliger Schüler von Schneutz, der sich des Violinspiels erfreut. Der Physiker und Schüler Natsumes Terada Torahiko (寺田 寅彦, 1878–1935) soll Vorbild für Kaltmond gewesen sein.[4] - Topfen Hark (越智 東風, Ochi Tōfū, etwa Ostwind Überschlau, auch Quark Hark genannt)
Selbsternannter Dichter mit rudimentären Deutschkenntnissen, Freund von Kaltmond.[1.4] - Dr. Süßholz (甘木 先生, Amagi sensei, wörtlich Herr Süßholz)
Der Hausarzt von Schneutz. Der Arzt, Nachbar und Hausharzt der Natsumes Amako Shirō (尼子 四郎, 1865–1930) war laut Aussage seiner Frau Vorbild für Süßholz.[5] - Goldfeld (金田, Kaneda, wörtlich Goldfeld)
Unternehmer, der in der Nähe von Schneutz mit seiner Ehefrau Anastasia (鼻子, Hanako, etwa (Frau) Nase) und Tochter Mammonia (富子, Tomiko, etwa (Fräulein) Reichtum) wohnt.[1.5] - Konfusius Altpflaum (立町 老梅, Tachimachi Rōbai, etwa Altpflaum Augenblick)
Ein Professor, den Wirrhaus eines Tages vor der Universitätsbibliothek trifft, der in der Psychiatrie landet. - Ziegert Solitus (八木 独仙, Yagi Dokusen, etwa Einsiedel Ziege)
Ein ungefähr 40-jähriger Philosoph mit ziegenartigem Schnurrbart, nie um ein tiefgründiges, klassisches Zitat verlegen, der auch Go spielen kann. Sōsekis Kommilitone Yoneyama Yasusaburō (1869–1897) soll als Vorbild gedient haben.[6] - Tatara Sanpei (多々良 三平)
Ein ehemaliger Schüler von Professor Schneutz, der als Jurist in der fiktiven Firma Mutsui Bussan arbeitet und schließlich Mammonia Goldfeld heiraten wird.[1.6] In der deutschen Übersetzung wird er meist einfach nur Sanpei genannt.
Literatur
- Ich der Kater. Aus dem Japanischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Otto Putz. Insel Verlag, Frankfurt 1996, ISBN 978-3-458-16796-9.
Weblinks
- Damian Flanagan: The Unnamed Cat Who Triggered Japan’s Literary Explosion. In: nippon.com. Nippon Communications Foundation, 2026, abgerufen am 26. März 2026 (englisch).
- Volltext (japanisch)