İlker Çatak

Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent From Wikipedia, the free encyclopedia

İlker Çatak (* 11. Januar 1984 in West-Berlin) ist ein deutscher Filmemacher. Mit seinem Abschlussfilm Sadakat gewann er 2015 den Studenten-Oscar in Gold.[1] Zu seiner Filmografie gehören Werke wie Es war einmal Indianerland, Es gilt das gesprochene Wort und die Oscar-nominierte Produktion Das Lehrerzimmer, mit denen Çatak zahlreiche Auszeichnungen erhalten und sich als vielseitiger und innovativer Filmemacher etabliert hat. Sein Politdrama Gelbe Briefe (2026) gewann den Goldenen Bären der 76. Berlinale. Mit dieser Auszeichnung war Çatak der erste deutsche Regisseur seit mehr als 20 Jahren, dessen Film bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin prämiert wurde.[2]

Çatak bei der Uraufführung von Das Lehrerzimmer auf der Berlinale 2023
İlker Çatak mit dem Goldenen Bären bei der Berlinale 2026

Leben

Çatak wurde 1984 in West-Berlin als Sohn türkischer Einwanderer geboren.[3] Als Kind war er in der Schule ein erfolgreicher, aber schwieriger Schüler. Er hatte „gute Noten, war aber auch immer für eine Diskussion oder gar einen Streit mit den Lehrern zu haben“.[4] Bereits in der Grundschule hatte ihm sein Lehrer Norbert Wirth eine Karriere in einem Kreativberuf vorausgesagt.[5] Im Alter von zwölf Jahren zog er nach Istanbul und machte an der dortigen Botschaftsschule sein Abitur. Nach der Rückkehr nach Deutschland nahm er zunächst ein BWL-Studium in Berlin-Dahlem auf, das er als langweilig und letztlich unpassend empfand und zugunsten einer Tätigkeit in der Filmbranche wieder abbrach.[6] Eine Beratung beim Arbeitsamt, in der ihm geraten wurde, seine Leidenschaft für das Kino zum Beruf zu machen, bestärkte ihn in dieser Entscheidung.[6] Anschließend arbeitete er vier Jahre lang für deutsche und internationale Kinoproduktionen.[7] Seine Eltern, welche der Arbeiterklasse angehören, reagierten zunächst kritisch auf seinen Wunsch, Filmemacher zu werden, da sie künstlerische Berufe als unsicher und brotlos einschätzten und sich für ihren Sohn lange Zeit einen klassisch angesehenen Beruf, etwa im Finanz- oder Versicherungswese, wünschten.[6] Mit dem zunehmenden Erfolg seiner Filme und der internationalen Aufmerksamkeit für Das Lehrerzimmer wandelte sich diese Haltung, so dass sie seinen beruflichen Weg inzwischen mit großem Stolz begleiten.[6] Ab 2005 realisierte er eigene Kurzfilme und arbeitete nebenher als Werbefilmregisseur, unter anderem für Allianz SE, Deutsche Telekom und Audi. 2009 machte Çatak einen Bachelor in Film- und Fernsehregie an der Dekra Medienhochschule Berlin.[7] 2011/2012 nahm er als einer von fünf Absolventen am Nürnberger Autorenstipendium teil und schrieb dort das Drehbuch Der Spätkauf.[8] Seinen Master absolvierte Çatak an der Hamburg Media School. Während des Studiums realisierte er den Kurzfilm Wo wir sind, der in die Endauswahl der Student Academy Awards gelangte,[9] jedoch nicht gewinnen konnte. Auch sein Abschlussfilm Sadakat (2014) kam im folgenden Jahr in die Endauswahl und gewann schließlich den Student Academy Award in Gold.[10] Er gewann außerdem 2015, wie schon 2014 sein Film Wo wir sind,[11] den Kurzfilmwettbewerb des Max-Ophüls-Festivals.[12]

2017 kam Çataks erster Spielfilm Es war einmal Indianerland in die deutschen Kinos. 2019 folgte der Spielfilm Es gilt das gesprochene Wort, der ihm Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2020 in den Kategorien Beste Regie und Bestes Drehbuch einbrachte.[13] Im Jahr 2023 folgte das preisgekrönte Drama Das Lehrerzimmer, ein im Mikrokosmos einer Schule angesiedelter gesellschaftspolitischer Psychothriller, der fünf Deutsche Filmpreise erhielt, darunter für Çatak in den Kategorien Regie und Drehbuch.[14][15] Ein Jahr später erhielt das Werk eine Oscar-Nominierung als bester Internationaler Film zuerkannt.[6] 2025 brachte das Nationaltheater Mannheim unter der Regie von Adrian Figueroa eine Theateradaption von Das Lehrerzimmer auf die Bühne. In einer Besprechung der taz wurde die Inszenierung als sehr nah an der Filmvorlage beschrieben und zugleich das große dramatische Potenzial des Ausgangsfilms hervorgehoben.[15] Die Zeitung bezeichnete Çataks Werk dort als „Glanz- und Paradestück des Schulfilm-Genres“ und würdigte es als gesellschaftspolitisch brisanten Psychothriller mit rasant geschnittener Erzählweise und einer starken Besetzung, allen voran Leonie Benesch als Carla Nowak.[15]

Gemeinsam mit seinem früheren Mitschüler Johannes Duncker gründete er die Produktionsfirma 24LiesPerSecond. Auch arbeiteten beide an Kurz- und Spielfilmprojekten zusammen, darunter Das Lehrerzimmer.[16] Die gemeinsame Schulzeit an der Deutschen Schule in Istanbul und frühe Kurzfilmprojekte, bei denen Çatak zunächst vor der Kamera stand, beschreibt dieser als Grundlage ihrer langfristigen kreativen Partnerschaft, in der Duncker ihm auch die Möglichkeiten des Filmschnitts nahebrachte.[6]

Im Jahr 2026 wurde Cataks in Deutschland gedrehter, türkischsprachiger Spielfilm Gelbe Briefe mit dem Goldenen Bären der 76. Berlinale ausgezeichnet.

Themen und Arbeitsweise

Çatak bezeichnet den Prozess des Filmemachens als zentralen Bestandteil seines Lebens und betont, dass er seinen Beruf weniger wegen des Rampenlichts, sondern wegen der intensiven, gemeinschaftlichen Arbeit am Set ausübt.[6] Als prägende Vorbilder nennt er unter anderem die Regisseure Fatih Akın und Nuri Bilge Ceylan, deren Wege zeigen, wie sich mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln persönliche Geschichten erzählen lassen.[6] Von Michael Haneke übernahm er die Regie-Maxime „Kenne deinen Text und sei im Moment“, die er bereits während seines Studiums als Leitlinie verstand.[6]

Ein frühes Schlüsselwerk ist für ihn der Kurzfilm Als Namibia eine Stadt war … (2010), in dem er sich filmisch mit seinem Vater und der Rolle des türkischen Familienoberhauptes auseinandersetzt und den er rückblickend als heilsam für ihr Verhältnis beschreibt.[6] Der Festivalerfolg dieses Films bestärkte ihn darin, dauerhaft als Regisseur zu arbeiten.[6]

In inhaltlicher Hinsicht interessiert sich Çatak besonders für die moralische Ambivalenz gesellschaftlicher Konflikte und für das Ausloten der Grauzonen jenseits eines einfachen Gut-und-Böse-Schemas.[6] Er beschreibt Filmemachen als eine Form der Selbsttherapie, mit der er Fragen nach Identität, strukturellem Rassismus, Sexismus und Klassismus bearbeitet.[6] Für Das Lehrerzimmer wählte er bewusst die Schule als Schauplatz, die er als „Miniaturgesellschaft“ und „Miniaturstaat“ versteht, wo sich autoritäre Strömungen, das Verhältnis zur Presse, die Suche nach Wahrheit und der zunehmend harte Ton öffentlicher Debatten exemplarisch darstellen lassen.[6][15] Entsprechend begreift er den Film als Diskussionsangebot, das das Publikum eher mit offenen Fragen als mit eindeutigen Botschaften konfrontieren soll.[6]

Er bevorzugt eine konsequent subjektive Erzählweise und entschied sich bei Das Lehrerzimmer für einen monoperspektivischen Zugang, der der Lehrerin Carla Nowak folgt und somit ihrer Darstellerin Leonie Benesch Raum für ein präzises, zurückgenommenes Spiel gibt.[6][15] In einem Interview mit der taz würdigte er Beneschs Darstellung als so stark, dass er ihr mit der Rolle ein schauspielerisches „Denkmal“ setzen wollte.[6]

In demselben Gespräch äußerte Çatak Interesse an weiteren gesellschaftlich relevanten Stoffen, etwa die Idee für einen Film über oppositionelle Theaterleute in der Türkei, die ihre Anstellung verlieren, sowie Projekte zum Thema „Regretting Motherhood“ und eine mögliche Verfilmung des Romans Das Leben keiner Frau von Caroline Rosales.[6]

Gemeinsam mit Tom Tykwer, Nora Fingscheidt, Kurdwin Ayub und Helene Hegemann hat İlker Çatak im Mai 2026 bekannt gegeben, sich dem Projekt Dogma 25 Germany anzuschließen. Konkret heißt das, sie wollen sich nun für fünf Filmprojekte ebenfalls an den Regeln der legendären dänischen Dogma Bewegung orientieren.[17]

Filmografie (Auswahl)

Çatak beim Max-Ophüls-Festival 2015

Auszeichnungen (Auswahl)

Commons: İlker Çatak – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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