Ilse Stephan
deutsche SED-Funktionärin, Leiterin der Allgemeinen Arbeitsgruppe des ZK
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Ilse Stephan (Geburtsname: Ilse Korth; * 8. Mai 1931 in Hamburg; † 25. Juni 1984) war eine deutsche Dolmetscherin und Parteifunktionärin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Von 1981 bis 1984 war sie Leiterin der Allgemeinen Arbeitsgruppe des Zentralkomitees (ZK) der SED.
Leben
Stephan wurde am 8. Mai 1931 als Ilse Korth in Hamburg geboren.[1] Ihr Stiefvater war Heinrich „Heino“ Meyer, ein Lehrer und Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Hamburg.[1][2][3]
Nach Hitlers Machtergreifung wurde Meyer im Dezember 1932 verhaftet und Korth emigrierte unter dem Decknamen „Gerda Zinke“[4.1] im Dezember 1933 mit ihrer Mutter in die Sowjetunion.[1][2][3] Meyer wurde 1934 aus einem Konzentrationslager entlassen, danach emigrierte auch er in die Sowjetunion, wo er, wie viele andere Mitglieder der KPD-Führung im Exil in Moskau, dem Großen Terror zum Opfer fiel.[1][2][3][4.2]
Korth wurde 1941 von Moskau nach Pachtaaral im südlichsten Teil der Kasachischen SSR deportiert. Nach dem Schulbesuch arbeitete sie von 1948 bis 1955 als Elektromechanikerin in der Sowchose Pachtaaral.[1][2][3] Korth heiratete schließlich, nahm den Namen Ilse Löffler an und bekam 1953 einen Sohn.[4.3] Ihr Antrag auf die sowjetische Staatsbürgerschaft wurde am 10. Juni 1947 abgelehnt.[4.4]
Karriere in der SED
In den Jahren 1955 und 1956 wurden die meisten verbliebenen deutschen Kommunisten und ihre Familien, die in die Sowjetunion geflohen waren (von der SED als „Politemigranten“ bezeichnet), nach Deutschland repatriiert. Ilse Korth, wie sie nun wieder genannt wurde,[5] kehrte im Oktober 1955 mit ihrer verwitweten Mutter in die DDR zurück, wo sie zunächst als Russischdolmetscherin arbeitete.[1][4.5][6] Im November desselben Jahres wurde sie Kandidatin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).[5] Sie, inzwischen wiederverheiratet als Ilse Stephan, wurde im Oktober 1956 vom Sekretariat des ZK der SED als Mitglied aufgenommen.[4.6][7]
Sie wurde Mitarbeiterin der Allgemeinen Abteilung des ZK der SED,[1] dem Verbindungsbüro der SED zur KPdSU,[8] und übersetzte unter anderem Veröffentlichungen der KPdSU.[9] Von 1971 bis 1972 besuchte sie einen einjährigen Kurs an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau.[2] Stephan, die Russisch so fließend sprach wie Deutsch,[3] stieg schließlich zur Chefdolmetscherin Erich Honeckers auf.[2][4.7]
Als der ebenfalls aus der Sowjetunion emigrierte Werner Albrecht 1981 als Leiter der Allgemeinen Abteilung in den Ruhestand ging, wurde Stephan nach dem X. Parteitag im April seine Nachfolgerin.[1][6][10] Sie hatte nur den Rang einer stellvertretenden Abteilungsleiterin inne, da die Allgemeine Abteilung gleichzeitig zur „Arbeitsgruppe Allgemeine Abteilung“ herabgestuft wurde.[1][10][11]
Entlassung und Selbstmord

Stephan geriet schließlich in die zunehmenden Spannungen zwischen der KPdSU und der SED. Honecker warf ihr vor, für diese Spannungen mitverantwortlich zu sein, da sie bei einem Besuch bei KPdSU-Generalsekretär Konstantin Tschernenko im Juni 1984 angeblich falsch übersetzt hätte,[2][3] was sowohl sie selbst als auch andere Anwesende bestritten.[3]
Bereits in den Wochen zuvor hatte Stephan ihre Frustration über diese Spannungen privat gegenüber Manfred Uschner, dem persönlichen Referenten von Hermann Axen, dem für ihre Arbeitsgruppe zuständigen ZK-Sekretär,[11] geäußert und erklärt, sie würde die Sowjets über die internen Probleme der SED informieren, wenn die Dinge so weitergingen wie bisher. Uschner behauptete seitdem, diese Gespräche seien heimlich von der Stasi aufgezeichnet worden. Uschner bezeichnete sie zudem als „große Bewunderin Michail Gorbatschows“.[3]
Honecker wies Axen umgehend an, sie zu entlassen.[3] Am 19. Juni 1984 wurde sie auf Beschluss des Zentralkomitees als Leiterin der Arbeitsgruppe entlassen.[1][2] Eine Woche später, am 25. Juni 1984, beging sie Selbstmord durch Erhängen.[1][2][3][6] In ihrem Abschiedsbrief, der sofort von der Stasi beschlagnahmt wurde, griff sie sowohl Honecker als auch Axen an.[3]
Nach ihrem Tod wurde die Arbeitsgruppe Allgemeine Abteilung abgeschafft und als neuer Sektor Dolmetscher/Übersetzer in die Abteilung Internationale Verbindungen integriert.[6][11][12][13]
Sie wurde neben ihrer Mutter auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde begraben.
Hintergrundliteratur
- Manfred Uschner: Die zweite Etage. Funktionsweise eines Machtapparates, Berlin 1993, ISBN 3-320-01792-6.
Literatur
- Peter Erler: Ilse Stephan. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4 (bundesstiftung-aufarbeitung.de).