Imad-Madonna
Ottonische Skulptur im Diözesanmuseum Paderborn
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Die Imad-Madonna ist eine ottonische Skulptur, welche sich im Diözesanmuseum Paderborn befindet. Die Mitte des 11. Jahrhunderts entstandene Großplastik gilt als ein Hauptwerk der ottonischen Kunst. Dargestellt ist Maria als Muttergottes in Form einer thronenden Madonna mit dem Jesuskind auf ihrem Schoß. Die 112 Zentimeter große Skulptur aus Lindenholz war ursprünglich farbig gefasst und ist heute restauriert und in unbemalter Form ausgestellt.[1] Auf der Rückseite der Figur befindet sich eine Reliquienöffnung, wobei jedoch unklar ist, ob die Statue jemals als Reliquienbehälter verwendet wurde.


Die Figur
Beschreibung
Die sitzende, 112 Zentimeter hohe Figur ist aus Lindenholz geschnitzt, im Rücken der Figur befindet sich ein Reliquiendeposit. Die Paderborner Madonna ist im Typus der Sedes sapientiae, der thronenden Madonna als „Sitz der Weisheit“, dargestellt. Ihre rechte Hand mag einmal etwas gehalten haben, so wie es im 19. Jahrhundert restauriert wurde, während sie mit ihrer Linken das Jesuskind auf ihrem rechten Oberschenkel von hinten stützt. Zur Frontalität der Muttergottes sitzt die Jesusfigur im Profil und blickt nach links. Mit erhobenem Unterarm macht er einen Segensgeste, während er ein Buch mit seinem linken Arm vor die Brust hält.
Die Imad-Madonna ist in ihrem plastischen Aufbau auf einfache stilisierte Grundformen reduziert. Das Gewand der Muttergottes fungiert hierbei durch seine Wurffalten als ästhetische Strukturierung der Oberfläche und unterstreicht ihre Körperhaltung. Die Palla der Paderborner Madonna lässt ihre Ohren unverhüllt und geht ohne erkennbare Absetzung direkt in ihren Mantel über, was zu der Annahme führt, dass in der originalen Fassung die Textilien farblich unterschieden worden sind.[2] Wie der Körper, so ist auch der Kopf der ottonischen Imad-Madonna in einer reduzierten Formensprache gestaltet. Die Kontur ihres Vorder- und Hinterkopfes verlaufen in ihren Grundlinien parallel und durch die Hinführung der Wangen zum Kinn wird eine Binnenstruktur um den Mund gebildet. Diese stark entwickelte Gesichtsbildung der Imad-Madonna wird von ihrem Schleier eingerahmt.[3] Nasenspitze, Füße und Finger ihrer rechten Hand der Marienfigur fehlen, wurden im 19. Jahrhundert aber ergänzt. Die Oberfläche der Figur weist Schäden durch Anobienbefall und Brandspuren auf, die 1058 dokumentiert wurden,[4] nachdem der Paderborner Dom in Brand geraten war.
Entstehungsgeschichte
Die Imad-Madonna verdankt ihre Entstehung ihrem Stifter und Namensgeber Bischof Imad aus Paderborn, der sie nach seinem Amtsantritt im Jahre 1051 in Auftrag gab. 1058 wurde die Marienfigur fertiggestellt und farbig gefasst, was man allerdings erst bei einer Restaurierung Ende der 1960er Jahre herausfand. Im Gegensatz zur Essener Goldenen Madonna und einer um 1022 datierten großen sitzenden Madonna aus Hildesheim wurde bei der Imad-Madonna ursprünglich kein Gold verwendet. Kurz nach der Fertigstellung der thronenden Madonna wurde diese 1058 bei einem Dombrand stark beschädigt und daraufhin renoviert, indem man sie dann doch mit einem vergoldeten, durch Gemmen, Perlen und Edelsteine verzierten Kupferblech ummantelte.
1762 wurde die Metallverkleidung abgenommen um die Kriegskontribution am Ende des Siebenjährigen Krieges zu bezahlen. Vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt, auf jeden Fall aber mindestens zweimal im 19. Jahrhundert erhielt die Figur eine neue Farbfassung, auch Teile der Holzsubstanz wurden erneuert bzw. mit einer Kittmasse überdeckt. Die Figur präsentiert sich heute weitgehend holzsichtig. Spuren zahlreicher Nägel, mit denen das Metall befestigt war, finden sich an der Skulptur. Die Christusfigur und vor allem das Buch in seiner Hand weisen noch gut sichtbare Farbreste auf.[5][6]
Die Imad-Madonna, über deren liturgische Verwendung nichts bekannt ist, wurde zwischen 1968 und 1970 grundlegend restauriert. Bei dieser Restaurierung wurden auch Reste der ursprünglichen Farbfassung festgestellt: Maria trug ursprünglich weiße Gewänder mit Ornamenten und Faltenzeichnung in Rot, Christus eine blaue Tunika mit roten Ornamenten, Faltenzeichnungen und Bordüren. Die Thronbank Marias war Rot, Blau, Grün und Gelb gefasst.
Kunsthistorischer Kontext
Die ottonische Großplastik
Zur Gruppe der ottonischen Großplastik gehört der Typus der thronenden Madonna, deren wichtigste Vertreter in Essen, Hildesheim, Paderborn und Frankfurt zu finden sind. Die vier Madonnen-Skulpturen unterscheiden sich außer in ihrer motivischen Gesamtkomposition deutlich voneinander und bilden jeweils einen eigene Formensprache aus. Umstritten ist jedoch der Schwerpunkt der Bildaussage, der entweder auf der christologischen Ikonografie der Maria als Gottesgebärerin[7] oder auf der rein mariologischen Verehrung[8] basieren kann.
Der Typus der thronenden Madonna: Sedes sapientiae
Neben den Kruzifixen ist der Typus der Sedes sapientiae, der thronenden Madonna, eine weitere Gruppe der ottonischen Großplastik. Die Verehrung der Muttergottes reicht bis ins 5. Jahrhundert zurück und betraf ihre Position als Thron der Weisheit, Mutter und Personifikation der Kirche, um vor allem dem Zweifel an ihrer Gottesmutterschaft entgegenzuwirken.[9] Der Typus der thronenden Madonna mit frontal sitzendem Christuskind ist „die Kultstatue des Mittelalters“,[10] deren frühestes erhaltenes Exemplar von um 980–890 die Goldene Madonna aus Essen darstellt. Die Paderborner Madonna hingegen wurde als eigenständiges Konzept gedacht, in dem sie Elemente der Hildesheimer wie der Essener Madonna aufweist. Neben der Frankfurter Madonna repräsentiert auch die Paderborner Muttergottes die schematische Auflösung der antikisierenden Sitzhaltung, wobei hier aber die Spätantike nicht weitergeführt wurde, sondern lediglich Motive verarbeitet wurden.[11]
Die Benennung der thronenden Maria als Sedes sapientiae täuscht eine Bestimmtheit vor, die so nicht gegeben ist: Immer im Bezug zu ihrer eigentlichen Ikonografie entwickelt sich die Figur der Madonna von einem Altar- und Kapitellbild mit den drei heiligen Königen zu einer eigenständigen theologisch und hieratisch gesteigerten Darstellung und Bildform. So kann die thronende Madonna zunächst als Analogie des thronenden Christus gesehen werden und ab Ende des 14. Jahrhunderts in der Kirchenausstattung korrespondierend zum Kruzifix. Somit war die Madonna durch ihren liturgischen Doppelcharakter als Mutter Gottes und Christus Fleisch selbst, nicht nur Heiligen-, sondern auch Gottesbild und ihre große Resonanz gegen Ende des 11. Jahrhunderts lässt sich vermutlich auf den Investiturstreit zurückführen, in dem die Kirche durch Propaganda Maria als Personifikation der Kirche proklamierte und den Marienkult förderte.[12]
Liturgische Verwendung
Die ottonischen Madonnenfiguren fanden in der Liturgie ihre Verwendung in Prozessionen und in geistlichem Spiel: als thronende Madonna waren sie als mobiles Kultbild angelegt und erhielten so eine große Bedeutung in der Kirchengemeinde. Die zusätzliche Aufgabe der frühen Skulpturen als Reliquiare verstärkte ihren sakralen Charakter.[13]
Die Meinungen zum Ursprung der Monumentalplastiken in der Kirche sind weiterhin geteilt: Harald Kellers These besagt, dass die Skulptur nur in Verbindung mit dem Reliquienkult Eingang in die Kirchen fand. Man kennt die Kausalitäten jedoch (bislang) nicht.
Auswirkung und Einflussnahme auf folgende Madonnendarstellung
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts schreitet die Entwicklung der Madonnendarstellung zur gotischen Formensprache voran und bildet weitere eigenständige Typen heraus, wie beispielsweise die Schutzmantelmadonna oder die Pietà, die ihrerseits die besondere Rollen von Maria hervorheben. Vor allem die sogenannten Schönen Madonnen gelten als eine der bedeutendsten Gruppierungen, welche vom Reliquienstreit entfernt ihren Kultgehalt nicht mehr durch materielle Beweise, sondern alleine durch ästhetische und idealisierte Darstellung besitzt und damit eine kultische Überhöhung erfährt.[14]
Weblinks
- Imad-Madonna. In: dioezesanmuseum-paderborn.de. Abgerufen am 19. Juni 2024.
Literatur
- Manuela Beer: Ottonische und frühsalische Monumentalskulptur. Entwicklung, Gestalt und Funktion von Holzbildwerken des 10. und frühen 11. Jahrhunderts. In: Klaus Gereon Beuckers, Johannes Cramer, Michael Imhof (Hrsg.): Die Ottonen. Kunst – Architektur – Geschichte. Imhof, Petersberg 2002, ISBN 3-932526-91-0, S. 129–152.
- Martin Büchsel: Ottonische Madonna. Liebieghaus Band 15, Frankfurt a. M. 1993.
- Hilde Claussen: Die Imad-Madonna des Paderborner Domes In: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Paderborner Hochfläche, Paderborn, Büren, Salzkotten, Band 20, Mainz am Rhein 1971, S. 176 ff.
- Hilde Claussen, Klaus Endemann: Zur Restaurierung der Paderborner Imad-Madonna. In: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 48, 1970, S. 79–125. Nochmals abgedruckt in: Leonhard Küppers (Hrsg.): Die Gottesmutter. Marienbild in Rheinland und Westfalen. Band 1, Recklinghausen 1974, S. 51–84.
- Klaus Endemann: Das Kultbild des Bischofs – zur Imad-Madonna des Paderborner Doms. In: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 87, 2009, S. 121–148.
- Ilene H. Forsyth: The Throne of Wisdom. Wood Sculptures of the Madonna in Romanesque France. Princeton University Press, Princeton 1972, ISBN 0-691-03837-6 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 16. Mai 2026]).
- Uwe Geese: Mittelalterliche Skulptur in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Imhof, Petersberg 2007, ISBN 978-3-86568-153-9, S. 112–118.
- Harald Keller: Zur Entstehung der sakralen Vollskulptur in der ottonischen Zeit. Sonderdruck aus Festschrift für Hans Jantzen Auflage. Gebr. Mann, Berlin 1951 (mgh-bibliothek.de [PDF] via Monumenta Germaniae Historica).