In der UdSSR gibt es keinen Sex
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Der Ausdruck In der UdSSR gibt es keinen Sex (russisch В СССР секса нет , englisch There is no sex in the USSR) ist ein Sprichwort, das auf den Worten einer sowjetischen Teilnehmerin der „Tele-Bridge“ zwischen Leningrad und Boston basiert. Die Fernsehsendung „Frauen sprechen mit Frauen“ wurde am 28. Juni 1986 aufgezeichnet und am 17. Juli ausgestrahlt.
Geschichte
Im Jahr 1986 organisierten zwei Fernsehmoderatoren, der Sowjet Vladimir Pozner und der Amerikaner Phil Donahue, unter der Regie von Vladimir Mukusev eine der ersten „Tele-Bridge“-Sendungen der Glasnost-Ära. Während der Diskussion stellte eine amerikanische Teilnehmerin den sowjetischen Frauen eine Frage:
“Television commercials have a lot to do with sex in our country. Do you have commercials on the television?”
„Fernsehwerbung hat in unserem Land viel mit Sex zu tun. Gibt es bei euch Fernsehwerbung?“
Die sowjetische Teilnehmerin Ludmila Ivanova, eine Verwaltungsangestellte im Hotel Leningrad und Vertreterin des „Komitees der sowjetischen Frauen“, antwortete:
“We have no sex, and we are strictly opposed to it!”
„Wir haben keinen Sex und lehnen ihn strikt ab!“
Der Satz ging in Gelächter und Applaus unter. Ivanova fügte noch hinzu: „Wir haben keinen Sex – wir haben Liebe“. Ein anderer sowjetischer Teilnehmer sagte daraufhin laut: „Wir haben Sex, wir haben keine Werbung!“.
In der Popkultur wandelte sich der Ausdruck später zu „There is no sex in the USSR“ (deutsch „In der UdSSR gibt es keinen Sex“).
Historischer Hintergrund
Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Kristen Ghodsee hält in einer Arbeit fest, dass das Sexualleben von Frauen im Sozialismus aufgrund ihrer größeren ökonomischen Unabhängigkeit ausgeprägter gewesen sei als im Kapitalismus.[1]
Der Vorfall während der „Tele-Bridge“ wurde von der polnischen Linguistin Anna Wierzbicka als Beispiel dafür angeführt, dass Sex zwar als Phänomen „eine Selbstverständlichkeit des menschlichen Lebens“ ist, es in den meisten Sprachen der Welt jedoch kein Wort gibt, das Sex bezeichnet, wie es im Englischen der Fall ist, und wenn es doch existiert, handele es sich oft um ein Lehnwort aus dem Englischen.[2]
Popkulturelle Rezeption
Der Ausdruck wird in Russland häufig verwendet, um die Vorurteile und antisexuelle Haltung der sowjetischen Kultur sowie die Tabus bei der öffentlichen Diskussion von Themen rund um Sex zu beschreiben. Umgekehrt führen Anhänger des ehemaligen sowjetischen Regimes ihn als Beispiel für einen Satz an, der von den Kritikern der Sowjetunion aus dem Zusammenhang gerissen wurde.[3]
- Eine von Alexander Shirvindt gespielte Figur, ein Bürokrat, in Eldar Ryazanovs Komödie Vergessene Melodie für eine Flöte aus dem Jahr 1987 entschuldigt sich dafür, dass er informelle Kunst zulässt, mit den Worten: „Da ist kein Sex.“
- Der Ausdruck wird in der sowjetisch-polnischen Komödie Deja Vu aus dem Jahr 1990 mehrmals erwähnt.
- Er diente auch als Inspiration für den Titel der russischen Fernsehserie Union Without Sex aus dem Jahr 2004.
Spätere Berichte
In einem Interview mit der Zeitung Komsomolskaya Pravda aus dem Jahr 2004, schilderte Ivanova eine andere Sicht auf die Geschichte, die sich allerdings nicht mit den Aufzeichnungen deckt:
«одна американка говорит: да вы из-за войны в Афганистане вообще должны перестать заниматься сексом с вашими мужчинами - тогда они не пойдут воевать. И пальцем все время тычет. Я ей и ответила: в СССР секса нет, а есть любовь. И вы во время войны во Вьетнаме тоже не переставали спать со своими мужчинами.»
„eine Amerikanerin sagte: Wegen des Krieges in Afghanistan solltet ihr überhaupt aufhören, mit euren Männern Sex zu haben, dann würden sie nicht in den Krieg ziehen. Darauf antwortete ich ihr: In der UdSSR gibt es keinen Sex, es gibt Liebe. Und auch ihr habt während des Vietnamkriegs nicht aufgehört, mit euren Männern zu schlafen.“[4]
Dass Ivanova den Satz mit den Worten „Wir haben Liebe“ vervollständigte, wurde vom Leiter der Fernsehübertragung, Vladimir Mukusev, bestätigt.[5]
Ivanova wanderte später nach Deutschland aus.[6]
Weblinks
- Ein Videoclip des Vorfalls: Фрагмент телемоста "Ленинград—Бостон" (1986) auf YouTube
- Benjamin Bidder: Sexuelle Revolution in Russland. In: Der Spiegel. 3. Juni 2013.