Inada-Bedingungen

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Als Inada-Bedingungen bezeichnet man in der neoklassischen Produktions- und Wachstumstheorie mehrere Bedingungen, die häufig an Produktionsfunktionen gestellt werden. Sie stellen sicher, dass im Gewinnmaximum keine Randlösungen auftreten, bei denen ein Produktionsfaktor auf null reduziert wird, und dass der Grenzgewinn jedes Faktors für große Einsatzmengen negativ wird. Die Bedingungen gehen auf einen Artikel des japanischen Ökonomen Inada Ken-Ichi aus dem Jahr 1963 zurück, wo sie im Kontext eines Wachstumsmodells formuliert werden.[1]

Beispiel für eine Produktionsfunktion, die die Inada-Bedingungen erfüllt

Definition

Sei , , eine stetig differenzierbare Produktionsfunktion, wobei für den Kapitaleinsatz und für den Arbeitseinsatz steht. Die Inada-Bedingungen besagen, dass das Grenzprodukt eines jeden Produktionsfaktors gegen unendlich divergiert, wenn man den jeweiligen Faktoreinsatz gegen null streben lässt; lässt man den jeweiligen Faktoreinsatz hingegen gegen unendlich streben, so konvergiert das Grenzprodukt des Faktors gegen null. Formal:[2]

  und     für alle
  und     für alle

In Produktionsfunktionen mit zusätzlichen Produktionsfaktoren treten entsprechend weitere Bedingungen hinzu.[3] Häufig wird in der Praxis auch mit Produktionsfunktionen in der Intensivform gearbeitet.[4] Dabei definiert man und schreibt die Produktionsfunktion – unter Ausnutzung der Annahme konstanter Skalenerträge – als . Sie gibt die Produktion pro Einheit Arbeit an. Die Inada-Bedingungen für eine solche Produktionsfunktion lauten:[5]

  und  

Zum Teil wird in der Literatur auch zu den Inada-Bedingungen gezählt.[6]

Beispiel, Gegenbeispiel und Rechtfertigung

Die Cobb-Douglas-Produktionsfunktion

erfüllt die Inada-Bedingungen. Hingegen erfüllt zum Beispiel

die Inada-Bedingungen nicht. Denn

divergiert für nicht gegen unendlich, sondern konvergiert gegen .

Das ist aus folgendem Grund unerwünscht: Man betrachte ein gewinnmaximierendes Unternehmen, das seinen Gewinn maximieren will. Es gelte, wie im Beispiel, (mit irgendeinem ).[7] Somit ist der Grenzgewinn des Kapitals am Rand gleich . Für alle Zinssätze ist dieser Grenzgewinn nichtpositiv, sodass für das Unternehmen optimal ist. Für existiert hingegen eine strikt positive innere Lösung. Die optimale Kapitalnachfrage ist also nicht stetig in : Bereits ein minimaler Rückgang des Kapitalmarktzinses unter führt dazu, dass das Unternehmen sprunghaft von einem Zustand ohne Kapitalnachfrage zu einer strikt positiven Kapitalnachfrage übergeht. Umgekehrt bleibt die optimale Kapitalmenge bei kleinen Zinserhöhungen oberhalb dieser Schwelle zunächst unverändert bei null.

In Modellen mit stetigen Technologien und ohne Fixkosten oder Diskretheiten ist ein solches nichtstetiges Anpassungsverhalten häufig problematisch, da es die Robustheit von Gleichgewichten beeinträchtigt und die Durchführung von komparativer Statik erschwert. Die Inada-Bedingungen schließen dieses Verhalten aus, indem sie sicherstellen, dass das Grenzprodukt eines Produktionsfaktors am Rand gegen unendlich divergiert; dadurch ist bei jedem endlichen Faktorpreisverhältnis eine innere Lösung optimal, sodass Randlösungen nicht auftreten.

Zusammenhänge

Wesentlichkeit der Produktionsfaktoren

Zwischen den Inada-Bedingungen und der Wesentlichkeit der Produktionsfaktoren besteht ein enger Zusammenhang. Man bezeichnet einen Produktionsfaktor als wesentlich, wenn seine vollständige Abwesenheit dazu führt, dass gar nichts produziert werden kann.

(Inada-Bedingungen und Wesentlichkeit:[8]) Sei eine zweimal stetig differenzierbare Produktionsfunktion, die die folgenden Eigenschaften aufweist:

  • [A1] Die Inada-Bedingungen sind erfüllt.
  • [A2] Konstante Skalenerträge: für alle
  • [A3] Positives und abnehmendes Grenzprodukt von Kapital und Arbeit: und sowie und

Dann sind Kapital und Arbeit wesentliche Produktionsfaktoren, das heißt .

Anmerkungen:

  • Die Annahme von zwei Produktionsfaktoren ist für diesen Zusammenhang wichtig; bei mehr als zwei Produktionsfaktoren gilt die Aussage im Allgemeinen nicht.[9]
  • Eine aggregierte Produktionsfunktion, die die Merkmale [A1]–[A3] aufweist und deren Produktionsfaktoren wesentlich sind, bezeichnet man auch als neoklassische Produktionsfunktion.[10] Der Satz erlaubt es somit, in der Definition einer neoklassischen Produktionsfunktion im Zwei-Faktoren-Fall auf die explizite Forderung der Wesentlichkeit der Produktionsfaktoren zu verzichten.[11]

Es gelten außerdem einige „Umkehrungen“ des Satzes:[12] Wenn Kapital ein wesentlicher Produktionsfaktor ist und die Eigenschaften [A2] und [A3] gelten, dann erfüllt die Inada-Bedingung . Analog: Wenn Arbeit ein wesentlicher Produktionsfaktor ist und die Eigenschaften [A2] und [A3] gelten, dann erfüllt die Inada-Bedingung . Die Wesentlichkeit des einen Faktors impliziert also, dass der andere Faktor die Inada-Bedingung im Unendlichen erfüllt. Ferner gilt: Wenn Kapital ein wesentlicher Produktionsfaktor ist und , dann gilt die Inada-Bedingung . Analog: Wenn Arbeit ein wesentlicher Produktionsfaktor ist und , dann gilt die Inada-Bedingung . Ähnliche Aussagen sind auch für Produktionsfunktionen mit mehr als zwei Produktionsfaktoren möglich.[13]

Substitutionselastizität

Betrachte eine zweimal stetig differenzierbare, strikt konkave Produktionsfunktion in Intensivform, , mit konstanten Skalenerträgen. Die Substitutionselastizität beträgt

,

wobei die Grenzrate der technischen Substitution (GRTS) zwischen Kapital und Arbeit bezeichnet.[14] Auf die Herleitung der Formel wird hier verzichtet; im Kern konstruiert man, um die erste Gleichung zu erhalten, aus wieder eine Produktionsfunktion , berechnet die Substitutionselastizität wie sonst üblich und nutzt aus, dass die GRTS wegen der Annahme konstanter Skalenerträge nur von und nicht allgemein von abhängt.[15] Explizites Ausrechnen führt anschließend unmittelbar auf die zweite Gleichung.[16]

(Inada-Bedingungen und Substitutionselastizität:[17]) Sei eine zweimal stetig differenzierbare, strikt konkave Produktionsfunktion mit konstanten Skalenerträgen, die die Inada-Bedingung sowie erfüllt. Sei außerdem stetig und beschränkt auf einem Intervall , . Dann konvergiert für die Substitutionselastizität gegen 1.

Die Interpretation dieser Aussage hat in der Literatur zu einem gewissen Dissens geführt: Barelli/de Abreu Pessôa (2003) setzten die Klasse der Funktionen, deren Substitutionselastizität asymptotisch 1 beträgt, ursprünglich mit der Klasse der Funktionen vom Cobb-Douglas-Typ gleich.[18] Das würde etwa bedeuten, dass die empirische Beobachtung eines Produktionsprozesses, der keiner Cobb-Douglas-Funktion folgt, im Widerspruch zur Annahme der (vollständigen) Inada-Bedingungen stünde. Dagegen argumentieren Litina/Palivos (2008), die zeigen wollen, dass Funktionen, deren Substitutionselastizität asymptotisch 1 beträgt, nicht notwendigerweise vom Cobb-Douglas-Typ seien. Dem widerspricht wiederum Ozkaya (2021), der das Gegenbeispiel von Litina/Palivos (2008) für fehlerhaft hält und den von Barelli/de Abreu Pessôa (2003) behaupteten Schluss formal untermauert, indem er explizit die Gleichung einer Cobb-Douglas-Funktion aufstellt, in die eine Produktionsfunktion, die den Inada-Bedingungen genügt, überführt werden kann.

Solow-Modell

Im Solow-Modell sind die Inada-Bedingungen (zusammen mit der Annahme der Konkavität und konstanten Skalenerträgen) eine hinreichende Bedingung dafür, dass die Ökonomie langfristig zu einem stabilen und eindeutigen Gleichgewicht, dem sogenannten Steady State, konvergiert.

Existenz und Eindeutigkeit des Steady State

Die Dynamik des Kapitalstocks pro effektiver Arbeitseinheit wird durch die fundamentale Differenzialgleichung des Solow-Modells (mit exogenem technischen Fortschritt) beschrieben:

Dabei steht für die Sparquote, für das Technologieniveau, für das Bevölkerungswachstum, für die Rate des technischen Fortschritts und für die Abschreibungsrate. Ein Steady State ist ein Punkt , an dem gilt. Die Inada-Bedingungen garantieren die Existenz einer solchen Lösung durch folgendes Resultat:

(Existenz und Eindeutigkeit des Steady State:[19]) Sei eine Produktionsfunktion in Intensivform, die die folgenden Eigenschaften aufweist:

  • [B1]
  • [B2] Positives und abnehmendes Grenzprodukt: und
  • [B3] Die Inada-Bedingungen und sind erfüllt.

Dann existiert für jede Parameterkombination mit und genau ein stabiler Kapitalstock , sodass .

Intuitiv lässt sich dies mit folgender Überlegung einsehen: Die Bedingung für den Steady State lässt sich umformen zu:

.

Die linke Seite entspricht der Durchschnittsproduktivität des Kapitals. Unter den Inada-Bedingungen ist die Durchschnittsproduktivität eine streng monoton fallende Funktion, die für gegen unendlich divergiert und für gegen null konvergiert. Nach dem Zwischenwertsatz existiert daher genau ein Schnittpunkt mit der horizontalen Geraden der Investitionskosten.

Keine Randlösungen

Die Inada-Bedingungen gewährleisten in einer Wettbewerbsökonomie, dass bei jedem endlichen Faktorpreisverhältnis die gewinnmaximierende Faktornachfrage eine innere Lösung ist. Randlösungen, in denen ein Produktionsfaktor trotz positiver Preise nicht eingesetzt wird, können daher nicht optimal sein. Dies hat folgenden Hintergrund:

Da laut erster Inada-Bedingung das Grenzprodukt für gegen null strebende Einsatzmengen gegen unendlich divergiert, wäre der Grenzgewinn im Limes am Rand unbeschränkt groß. Selbst bei sehr hohen Zinsen wird es für ein Unternehmen daher immer profitabel sein, zumindest eine kleine Menge Kapital nachzufragen. Ein Zustand mit kann somit kein stabiles Marktgleichgewicht sein. Diese unendliche Grenzproduktivität am Nullpunkt begrenzt gleichzeitig das (asymptotische) Verhalten der Faktorpreise: Im Solow-Modell werden Kapital und Arbeit gemäß ihren Grenzprodukten entlohnt, wobei für den Realzins und für den Reallohn gilt. Die Inada-Bedingungen sorgen hierbei dafür, die Preise in einem Bereich zu halten, der einen strikt positiven Faktoreinsatz im Gleichgewicht erzwingt. Steigt die Kapitalintensität stark an, so sinkt das Grenzprodukt gemäß der zweiten Inada-Bedingung gegen null, wodurch der Realzins bis auf fällt und weitere Akkumulation unattraktiv macht. Sinkt hingegen gegen null, treibt das explodierende Grenzprodukt den Zins theoretisch gegen unendlich, was sofortige Investitionen auslöst. Da zugleich durch die Konkavität der Produktionsfunktion sichergestellt ist, dass bei jedem auch ein positiver Restbetrag für die Entlohnung der Arbeit verbleibt, garantieren die Inada-Bedingungen, dass beide Faktoren im Marktgleichgewicht stets wesentlich bleiben und zu positiven Preisen entlohnt werden. Eine Volkswirtschaft, die diesen Bedingungen folgt, kann somit nicht in einer Situation verharren, in der Produktionsfaktoren zwar vorhanden, aber aufgrund mangelnder Produktivität oder prohibitiv hoher Preise vollständig ungenutzt bleiben.

Literatur

  • Paulo Barelli, Samuel de Abreu Pessôa: Inada conditions imply that production function must be asymptotically Cobb–Douglas. In: Economics Letters. Band 81, Nr. 3, 2003, S. 361–363, doi:10.1016/S0165-1765(03)00218-0.
  • Robert J. Barro, Xavier Sala-i-Martin: Economic Growth. 2. Auflage. MIT Press, Cambridge 2004, ISBN 0-262-02553-1. [S. 27–29]
  • Rolf Färe, Daniel Primont: Inada Conditions and the Law of Diminishing Returns. In: International Journal of Business and Economics. Band 1, Nr. 1, 2002, S. 1–8 (ijbe.org [PDF]).
  • Ken-Ichi Inada: On a Two-Sector Model of Economic Growth: Comments and a Generalization. In: The Review of Economic Studies. Band 30, Nr. 2, 1963, S. 119–127, doi:10.2307/2295809, JSTOR:2295809.
  • Andreas Irmen, Alfred Maußner: A note on the characterization of the neoclassical production function. In: Macroeconomic Dynamics. Band 21, Nr. 7, 2017, S. 1827–1835, doi:10.1017/S136510051500098X.
  • Anastasia Litina, Theodore Palivos: Do Inada conditions imply that production function must be asymptotically Cobb–Douglas? A comment. In: Economics Letters. Band 99, Nr. 3, 2008, S. 498–499, doi:10.1016/j.econlet.2007.09.035.
  • Ata Ozkaya: Inada conditions asymptotically transform production function into the Cobb–Douglas. In: Economics Letters. Band 201, 2021, 109786, doi:10.1016/j.econlet.2021.109786.

Anmerkungen

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