Ingrid Bauer (Historikerin)
österreichische Historikerin
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Ingrid Bauer (* 9. Oktober 1954 in Zell am See) ist eine österreichische Historikerin mit den Schwerpunkten Zeitgeschichte, Kulturgeschichte sowie Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Leben und Wirken
Ingrid Bauer schloss ihr Studium der Geschichte, Germanistik sowie Publizistik an der Universität Salzburg 1979 mit einer zeitgeschichtlichen Magisterarbeit bei Erika Weinzierl zum Thema Die veränderten Rollen von Mann und Frau in Familie und Gesellschaft am Beispiel der österreichischen Familienrechtsreform ab. Ihre Promotion zum Dr. phil. erfolgte 1988 mit einer Oral History- und Arbeiterinnen-Pionierstudie zu Frauenleben und Frauenarbeit an der Peripherie, mit Fokus auf die Tschikweiber von Hallein. Dafür wurde sie 1989 mit dem Wissenschaftspreis der Arbeiterkammer und dem Victor-Adler-Staatspreis für Geschichte sozialer Bewegungen ausgezeichnet.[1]
Schon seit 1981 war Ingrid Bauer als wissenschaftliche Mitarbeiterin unter anderem bei Projekten des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes und beim Karl-Steinocher-Fonds zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung tätig. Seit 1986 lehrte sie zudem Frauen- und Geschlechtergeschichte an den Universitäten Innsbruck, Linz, Klagenfurt und Wien. 1991 übernahm sie die wissenschaftliche Leitung der Salzburger Forschungsstelle des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Gesellschafts- und Kulturgeschichte Linz–Graz–Salzburg, wo sie einen Schwerpunkt Historische Frauenforschung aufbaute. 2001 habilitierte sie sich mit einer Schrift über Geschlechtergeschichtliche Perspektivierungen der Historie an der Universität Salzburg und erhielt die Venia für Neuere Geschichte und Frauen- und Geschlechtergeschichte. Seit 2001 lehrte und forschte sie dort als außerordentliche Universitätsprofessorin. Sie war Vorsitzende des Beirats für Frauenforschung, Frauenstudium und Frauenförderung und maßgeblich am Aufbau des interdisziplinären Studienschwerpunktes Gender Studies beteiligt. Weiters war sie im Rahmen des interdisziplinären Lehrgangs „karriere_links: Erfolgsstrategien und Karriereperspektiven“ für junge Wissenschaftlerinnen als Mentorin und Coach tätig.[2] 1995 erhielt Ingrid Bauer den Käthe-Leichter-Anerkennungspreis für Frauenforschung.[3] 2007 wurde sie für ihre international anerkannte Arbeit im Bereich Gender- und Frauenforschung[4] mit dem Internationalen Wissenschaftspreis des Kulturfonds der Stadt Salzburg ausgezeichnet.
2016 beendete Ingrid Bauer ihre Tätigkeit an der Universität Salzburg, um nunmehr als freischaffende Zeit- und Kulturhistorikerin und Autorin tätig zu sein. Sie lebt und arbeitet in Wien. Ihre aktuellen Forschungs- und Publikationsschwerpunkte sind die Frauen- und Geschlechtergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Kulturgeschichte der Liebe und der Sexualität, österreichischen Zeitgeschichte, Geschichte als biografische Erfahrung. Sie ist Mitherausgeberin von L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft[5], Redaktionsmitglied der österreichischen Fachzeitschrift Zeitgeschichte[6] und Mitglied der Jury des Dr.-Herbert-Steiner-Preises im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.[7]
Auszeichnungen
- 1989: Wissenschaftspreis der Arbeiterkammer O.Ö.
- 1989: Victor-Adler-Staatspreis für Geschichte sozialer Bewegungen
- 1995: Käthe-Leichter-Preis – Anerkennungspreis
- 2007: Internationaler Wissenschaftspreis des Kulturfonds der Stadt Salzburg
Schriften (Auswahl)
Monografien
- „Tschikweiber haums uns g’nennt …“. Die Zigarrenfabriksarbeiterinnen von Hallein. Frauen. Arbeit. Geschichte. Die Buchmacherei, Berlin 2015 (erweiterte Neuausgabe; Ersterscheinung 1988), ISBN 978-3-00-049940-1.
- (mit Robert Hoffmann, Christina Kubek:) Abgestempelt und ausgeliefert. Fürsorgeerziehung und Fremdunterbringung in Salzburg nach 1945. Mit einem Ausblick hin zur Sozialen Kinder- und Jugendarbeit von heute. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2013, ISBN 978-3-7065-5263-9.
- Welcome Ami Go Home. Die amerikanische Besatzung in Salzburg 1945–1955. Erinnerungslandschaften aus einem Oral-History-Projekt. Anton Pustet, Salzburg/München 1998, ISBN 3-7025-0371-4.
Herausgeberschaften
- (mit Philipp Rohrbach:) Black GI Children in Post-World War II Europe (= zeitgeschichte. 48, 2021, 1). V&R unipress, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8471-1283-9.
- (mit Christa Hämmerle, Claudia Opitz-Belakhal:) Politik – Theorie – Erfahrung. 30 Jahre feministische Geschichtswissenschaft im Gespräch. V&R unipress, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8471-1087-3.
- (mit Christa Hämmerle:) Liebe schreiben. Paarkorrespondenzen des 19. und 20. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-525-30115-9.
- (mit Christa Hämmerle:) Romantische Liebe (= L’Homme. 24, 2013, 1). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2013, ISBN 978-3-412-21076-2.
- (mit Christa Hämmerle, Gabriella Hauch:) Liebe und Widerstand. Ambivalenzen historischer Geschlechterbeziehungen. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2009 (2. Aufl.), ISBN 3-205-77374-8.
- (mit Hana Havelková:) Gender & 1968 (= L’Homme. 20, 2009, 2). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2009, ISBN 978-3-412-20361-0.
- (mit Helga Embacher, Ernst Hanisch u. a.:) Kunst – Kommunikation – Macht. Sechster Österreichischer Zeitgeschichtetag 2003. Studienverlag, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2004, ISBN 3-7065-4038-X.
- (mit Josef Ehmer, Sylvia Hahn:) Walz – Migration – Besatzung. Historische Szenarien des Eigenen und des Fremden (= Publikationsreihe des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur zum Forschungsschwerpunkt Fremdenfeindlichkeit. Bd. 6). Drava, Klagenfurt 2002, ISBN 3-85435-372-3.
- (mit Julia Neissl:) Gender Studies. Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung. Studienverlag, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2002, ISBN 3-7065-1622-5.
Aufsätze
- „Als Zigarrenfabriklerin da war man jemand … “ Von kollektivem Selbstbewusstsein und der Wirkkraft von Solidarität. In: Peter Thuswaldner, Johann Gutschi (Hrsg.): Antithese Hallein. Die Geschichte selbstbewusster Anti-Helden. Artbook Verlag, Munderfing 2024, ISBN 978-3-9519964-7-9, S. 53–57.
- Engagierte Forschung zum Menschenrechtsskandal um österreichische Heimkinder. In: Regina Thumser-Wöhs u. a (Hrsg.): Außerordentliches. Festschrift für Albert Lichtblau. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2019, ISBN 978-3-205-23250-6, S. 427–442.
- (mit Christa Hämmerle, Heidrun Zettelbauer, Gabriella Hauch, Claudia Kraft:) Intervention oder Integration? Erinnerungsjahre und historische Jubiläen – geschlechtergeschichtliche gewendet. In: Regina Schulte, Xenia von Tippelskirch (Hrsg.): Fall – Porträt – Diagnose (= L’Homme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft. 30, 1). Vandenhoeck & Ruprecht unipress, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8471-0949-5, S. 109–128.
- Eine maßgebende Ressource der Demokratie – Frauen im Salzburger Landesparlament. In: Robert Kriechbaumer, Richard Voithofer (Hrsg.): Politik im Wandel. Der Salzburger Landtag im Chiemseehof 1868–2018. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2018, ISBN 978-3-205-20776-4, S. 139–151.
- „Ich bin stolz, ein Besatzungskind zu sein.“ Zeitgeschichtliche Forschungen als Impulse für Empowerment? Befunde mit Blick auf die einstige US-Zone in Österreich. In: Barbara Stelzl-Marx, Silke Satjukow (Hrsg.): Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2015, ISBN 978-3-205-79657-2, S. 183–206.
- „Summit Ladies“: Gender Arrangements, Media Staging, and Symbolic Scenes of the Vienna Summit. In: Günter Bischof, Stefan Karner, Barbara Stelzl-Marx (Hrsg.): The Vienna Summit and Its Importance in International History. Lexington Book, Lanham, MD 2014, ISBN 978-0-7391-8556-8, S. 297–310.
- „Gipfeldamen“. Geschlechterarrangements, mediale Inszenierungen und symbolische Bühnen der Wiener Gipfelgespräche 1961. In: Stefan Karner u. a. (Hrsg.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow. StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, ISBN 978-3-7065-5024-6, S. 525–557.
- 1968 und die sex(ual) & gender revolution. Transformations- und Konfliktzone: Geschlechterverhältnisse. In: Oliver Rathkolb u. a. (Hrsg.): Das Jahr 1968 – Ereignis, Symbol, Chiffre. Vandenhoeck & Ruprecht unipress, Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-666-5, S. 163–186.
- (mit Renate Huber:) Sexual Encounters Across (Former) Enemy Lines. In: Günter Bischof, Anton Pelinka, Dagmar Herzog (Hrsg.): Sexuality in Austria. Transaction Publishers, New Brunswick, NJ u. a. 2007, ISBN 978-1-4128-0606-0, S. 65–101.
- Mächtige Fremde. Zur Erfahrung von Eigenem und Fremdem im Nachkriegs- und Besatzungsjahrzehnt. In: Gertraud Diendorfer (Hrsg.): Frei – souverän – neutral – europäisch: 1945, 1955, 1995, 2005 (= Informationen zur Politischen Bildung. 22). Studienverlag, Wien/Innsbruck 2004, ISBN 3-7065-4055-X, S. 28–37.
- Americanizing/Westernizing Austrian Women. Three Secenarios from the 1950s to the 1970s. In: Günter Bischof, Anton Pelinka (Hrsg.): The Americanization/Westernization of Austria. Transaction Publishers, New Brunswick, NJ u. a. 2004, ISBN 0-7658-0803-X, S. 170–185.
- Kontinuitäten und Transformationen: Die österreichische Zeitgeschichtsforschung im Generationenvergleich. In: Zeitgeschichte, 30 (2003), 6, ISSN 0256-5250, S. 320–340.
- „Leiblicher Vater: Amerikaner (Neger)“. Besatzungskinder österreichisch-afroamerikanischer Herkunft. In: Helmuth A. Niederle u. a. (Hrsg.): Früchte der Zeit. Afrika, Diaspora, Literatur und Migration (= Wiener Beiträge zur Ethnologie und Anthropologie. 10) Wiener Universitätsverlag, Wien 2001, ISBN 3-85114-518-6, S. 49–67.
- Eine frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektivierung des Nationalsozialismus. In: Emmerich Tálos u. a. (Hrsg.): NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch. ÖBV & hpt, Wien 2001, ISBN 3-209-03179-7, S. 409–443.
- „The GI Bride“: On the (De)Construction of an Austrian Post-war Stereotype. In: Claire Duchen, Irene Bandhauer-Schöffmann (Hrsg.): When the War Was Over. Women, War and Peace in Europe, 1940–1956. Leicester University Press, London/New York 2000, ISBN 0-7185-0179-9, S. 222–232.
Weblinks
- Literatur von und über Ingrid Bauer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Ingrid Bauer liest aus ihrem Buch „Tschikweiber haums uns g’nennt …“, Geschichtssalon im Beginenhof Berlin, 23. Februar 2017 (Video).