International Justice Mission
amerikanische Non-Profit-Organisation
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International Justice Mission (IJM) ist eine gemeinnützige, christliche, international tätige Nichtregierungsorganisation mit dem Ziel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Sklaverei, rechtswidrige Inhaftierungen und unrechtmäßige Landenteignungen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu bekämpfen. Den Hinweisen von Entwicklungs- und Hilfsorganisationen folgend, führt IJM einzelfallorientierte Ermittlungen durch und mobilisiert Hilfe für die Opfer. IJM beschäftigt ausschließlich bekennende Christen.[1] Die häufige Vorgehensweise der Organisation, polizeiliche Razzien in Bordellen zu initiieren, ist unter NGOs umstritten.
| International Justice Mission | |
|---|---|
| Rechtsform | 501(c)(3) organization |
| Gründung | 1997 |
| Sitz | Washington, D.C., USA |
| Zweck | Menschenrechtsorganisation |
| Vorsitz | Gary A. Haugen (Präsident und CEO), Evelyn Moeck (Vorstandsvorsitzende IJM Deutschland e. V.) |
| Umsatz | 118.169.357 US-Dollar (2024) |
| Website | www.ijm.org |
Gründungsgeschichte
IJM wurde 1997 von Gary A. Haugen, dem jetzigen Präsidenten und CEO der Organisation, gegründet. Nach seinem Jurastudium an der Harvard University und der University of Chicago arbeitete er zunächst in der Nationalen Initiative für Versöhnung (National Initiative for Reconciliation, NIR) in Südafrika. Danach war er unter anderem im amerikanischen Justizministerium tätig. 1994 wurde er von den Vereinten Nationen als Chefermittler zur Untersuchung des Völkermords in Ruanda beauftragt. Seine Erfahrungen im Rahmen dieser Tätigkeit bewogen ihn dazu, IJM zu gründen.

Standorte
Zentrale
Die Zentrale von IJM ist in Washington, D.C. (USA).
Partnerbüros
Weltweit unterstützen fünf Partnerbüros die internationale Arbeit von IJM. Ihre Aufgaben liegen hauptsächlich in der Öffentlichkeitsarbeit und der finanziellen und personellen Unterstützung der Einsatzbüros.
Kanada
IJM Canada wurde 2002 gegründet, um Bildungsarbeit in Kanada zu leisten und die kanadische Bevölkerung in die Arbeit von IJM zur Verfolgung von Unrecht einzubinden. Gegenwärtiger Geschäftsführer ist Ed Wilson.[2]
Partnerbüros in Großbritannien
IJM UK wurde 2006 unter der Leitung von Terry Tennens, dem derzeitigen Geschäftsführer, gegründet. Die Sektion verfolgt unterschiedliche Ziele: Sensibilisierung der Bevölkerung für weltweite Ungerechtigkeiten, Aufklärung über die Arbeit von IJM, Bereitstellung von finanziellen und personellen Ressourcen, Gründung von Partnerschaften, Ausweitung von IJMs internationaler Arbeit und Herstellung von Kontakten nach Westminster und Brüssel.[3]
Deutschland
Ein deutscher Zweig zur Unterstützung der internationalen Arbeit von IJM besteht seit Anfang 2007. Damals wurde ein deutscher Arbeitskreis gegründet, seit Anfang 2010 ist IJM Deutschland e. V. als gemeinnütziger und mildtätiger Verein anerkannt. Seit 2013 hat IJM Deutschland ein Berliner Büro mit dem Schwerpunkt Advocacy und Lobbyarbeit.[4][5] Vorstandsvorsitzende von IJM Deutschland ist Evelyn Moeck. Der Verein ist Mitglied im evangelikalen Verband Gemeinsam gegen Menschenhandel.
Im Gespräch mit politischen Entscheidungsträgern oder anhand von Petitionen will IJM Deutschland die deutsche Öffentlichkeit auf das Problem der Gewalt gegen arme Menschen aufmerksam machen und die Öffentlichkeit mobilisieren.[6]
Einsatzbüros
IJM betreibt sogenannte Einsatzbüros (Field Offices) in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort erfolgt die juristische Einzelfallarbeit. Gegenwärtig arbeitet IJM in 16 Städten in Afrika (Kenia, Uganda, Ghana, Ruanda), Süd- und Südostasien (Thailand, Kambodscha, Philippinen, Indien) und Lateinamerika (Guatemala, Bolivien, Santo Domingo).[7] Darüber hinaus bestehen zwei Bündnispartnerschaften in Ecuador und Peru. Die Mitarbeiter der Einsatzbüros sind fast ausschließlich Staatsangehörige des jeweiligen Landes.
Ziele und Arbeitsansatz
IJM gibt an, Einzelfälle den nationalen Rechtssystemen zuzuführen und sie von der Ermittlungsphase bis zum Schuldspruch zu begleiten. Auf diese Weise würden konkrete Korruptionsquellen, Ressourcenmängel und andere Ursachen für die Verweigerung rechtsstaatlichen Schutzes zugunsten der Opfer von Menschenrechtsverletzungen offenbar werden. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden begegne IJM diesen Schwachstellen, um den bestehenden Gesetzen Geltung und den Betroffenen Gerechtigkeit zu verschaffen.[8]
IJM begründet ihre Arbeit mit dem biblischen Auftrag, Gerechtigkeit zu schaffen (Jes 1, 17): Lernt Gutes tun, fragt nach dem Recht, weist den Unterdrücker zurecht! Schafft Recht der Waise, führt den Rechtsstreit der Witwe![9] IJM versteht sich jedoch gleichzeitig als eine überkonfessionelle Organisation und hilft Opfern von Menschenrechtsverletzungen ungeachtet ihrer Religion, Ethnie und ihres Geschlechts.[10]
IJM arbeitet mit zahlreichen anderen Menschenrechts- und Hilfsorganisationen sowie mit politischen Entscheidungsträgern und der örtlichen Polizei[11] zusammen. IJM finanziert sich vor allem aus Spenden von Einzelnen und Stiftungen. Hinzu kommen staatliche Unterstützungen für einzelne geförderte Projekte und kirchliche Zuschüsse.[12]
Arbeitsweise
IJM beschäftigt „Ermittler“, die teils mit versteckter Kamera in Bordellen filmen,[11] weiter Anwälte und Sozialarbeiter, die in enger Zusammenarbeit mit nationalen und lokalen Behörden in den Partnerländern Einzelfälle bearbeiten. Dabei werden individuelle Fälle von Menschenhandel, aber auch illegale Prostitution ermittelt. Folgende Razzien in Bordellbetrieben werden in der Regel von örtlichen Polizeikräften durchgeführt.[11]
Ziele der Arbeit von IJM in Deutschland
Personelle und finanzielle Unterstützung durch die IJM Deutschland für die Arbeit in Partnerländern findet vor allem in Bezug auf die Partnerbüros in Mumbai (Indien), Santo Domingo (Dominikanische Republik) und Gulu (Uganda) statt. Spenden an IJM Deutschland kommen vor allem diesen Partnerbüros zugute.[13] Ein weiteres Ziel ist es, hauptamtliche Mitarbeiter und Praktikanten in die internationale Arbeit zu vermitteln.
Über Bildungsarbeit soll die Öffentlichkeit soll über schwerste Menschenrechtsverletzungen in IJMs Partnerländern informiert werden. Dazu veranstaltet IJM Deutschland deutschlandweit Vorträge über Menschenhandel, Sklaverei und Zwangsprostitution.[8]
Politische Arbeit umfasst den Aufbau von politischen Kontakten mit dem Ziel, Verantwortungsträger dafür zu motivieren, dass Deutschland sich vermehrt innen- und außenpolitisch gegen Menschenhandel und Sklaverei einsetzt. Gemeinsam mit anderen europäischen Ländern solle Deutschland eine leitende Rolle im Kampf gegen Sklaverei und Menschenhandel einnehmen.[4][14]
Aktionen und Kampagnen
IJM Deutschland rekrutiert auf ihrer Webseite Botschafter, die als Multiplikatoren für die Organisation tätig werden sollen,[15] unter ihnen die christlichen Künstlerbotschafter Johannes Falk und Sarah Brendel, die deutschlandweit verschiedene Konzerte, Benefizveranstaltungen, Spendenläufe oder Kunstausstellungen organisieren.[16][17] Seit 2015 läuft die Kampagne „Sie hat Recht - sie keins“, die die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen soll, dass die Rechte armer Menschen in vielen Ländern nicht durchgesetzt werden und sie daher schutzlos der alltäglichen Gewalt ausgeliefert sind.[18]
Kritik
Insbesondere die von der IJM als „Befreiung“ inszenierten Aktionen stoßen auf Kritik, meist im Zusammenhang mit Razzien in Bordellen und Verhaftungen von Prostituierten, die oft gefilmt und veröffentlicht werden. Einige der volljährigen Betroffenen sehen die Prostitution als ihre einzige Einkommensquelle zur Unterstützung ihrer Familie und fliehen deshalb nach ihrer Befreiung zurück in die Prostitution.[11] Bei den Razzien werde nicht zwischen Menschenhandel und freiwilliger Sexarbeit unterschieden.[19] Bei einer Razzia in Indien wurden die Eindringlinge mit Steinwürfen von Sexarbeiterinnen aus dem Bordell vertrieben.[19]
Eine Betreuung der Opfer finde entgegen der eigenen Leitbilder nicht zuverlässig statt, vielmehr überlasse es die Organisation anderen NGOs, das „von ihr angerichtete Chaos aufzuräumen“. Befreite Opfer würden nicht notwendigerweise eingegliedert, sondern auch in Polizeigewahrsam genommen und anschließend abgeschoben.[20] In Thailand zog IJM wegen wahlloser Razzien die Kritik mehrerer NGOs auf sich, die der IJM außerdem vorwarfen, keinerlei Unterbringung für die Opfer vorbereitet zu haben. Diese wurden anschließend weggesperrt, alternativ wurde kurzfristig die Unterbringung durch andere NGOs angefordert.[21] Vereinzelt begingen „gerettete“ inhaftierte Prostituierte Suizid oder wurden von der Polizei misshandelt.[20] Von der IJM auf den Philippinen „gerettete“ Frauen flüchteten aus der anschließenden Unterbringung, indem sie aus dem zweiten Stockwerk aus dem Fenster sprangen.[22]
Vorgeworfen wird der IJM auch, dass erfolgreiche Selbstorganisation von Sexarbeitenden durch die IJM-Razzien sabotiert werden. Auf Veranlassung der IJM führen jene korrupten und erpresserischen Polizeikräfte Razzien in Bordellen durch, aus denen sie vorher vertrieben werden konnten.[1] Die drastische Vorgehensweise der IJM zerstöre das Vertrauen der Betroffenen zu anderen NGOs, der Zugang beispielsweise für HIV-Aufklärung gehe so verloren.[23] Darüber hinaus fördere das Vorgehen Polizeigewalt.[24]
Der Geschäftsführer von Human Rights Watch, Kenneth Roth, legte seinen Posten im Aufsichtsrat der IJM nieder, nachdem die Organisation sich weigerte, das Konzept der Razzien zu hinterfragen.[1]
Opfer der „Befreiungen“ durch die IJM können auch unbeteiligte Familien werden. In Ghana wurden 2022 auf Initiative der IJM vier Kinder mit Waffengewalt aus ihren Familien entführt. Sie wurden nach vier Monaten wieder in ihre Familien zurückgebracht, nachdem ghanaische Sozialdienste feststellten, dass kein Menschenhandel vorgelegen hatte.[25]
Kritisiert wurde ferner, dass die IJM schlussendlich eine christliche Gruppierung sei, deren moralische Sicht alle in der Sexarbeit tätigen Personen ungeachtet von Freiwilligkeit oder Zwang als Opfer betrachte, die der Erlösung bedürfen. Die IJM vermittelt „befreite“ Personen in Organisationen, die diese zur „Führung eines glücklichen und produktiven christlichen Lebens“ befähigen sollen.[22] Befriedigt werde damit das Bedürfnis christlicher Männer, sich als „heroische Retter“ zu fühlen,[26] für Frauen sei hingegen die Möglichkeit attraktiv, mit „schlechten Mädchen“ aus Ländern der Dritten Welt Umgang zu pflegen, dabei ein „gutes Mädchen“ der ersten Welt zu bleiben und sich mit hochsexualisierten Themen zu beschäftigen, ohne den eigenen moralischen Status zu gefährden.[26.1]
Literatur
- Gary A. Haugen: Just Courage. God's Great Expedition for the Restless Christian. Inter Varsity Press, 2008.
- Gary A. Haugen, Gregg Hunter: Terrify No More: Young Girls Held Captive and the Daring Undercover Operation to Win Their Freedom. Nelson/Word Pub Group, 2005, ISBN 0-8499-1838-3.
- Gary A. Haugen: Good News About Injustice: A Witness of Courage in a Hurting World. Inter Varsity Press, 1999, ISBN 0-8308-2224-0.
- Gary A. Haugen, Victor Boutros: The Locust Effect. Why the End of Poverty Requires the End of Violence. Oxford University Press, 2014, ISBN 978-0-19-022926-9.
- Rentschler, Rabea, Roller, Dietmar, Gary A. Haugen, Victor Boutros: Gewalt – die Fessel der Armen. Worunter die Ärmsten dieser Erde am meisten leiden – und was wir dagegen tun können. Springer Verlag 2015, ISBN 978-3-662-47053-4
- Elizabeth Bernstein: Brokered subjects : sex, trafficking, and the politics of freedom. The University of Chicago Press 2019, ISBN 978-0-2265-7380-9
- Elena Shih: Manufacturing Freedom. Sex Work, Anti-Trafficking Rehab, and the Racial Wages of Rescue. University of California Press 2023, ISBN 978-0-5209-7687-0
Weblinks
IJM
Medien
- Gary Haugen beim TED-Talk: Der verborgene Grund für Armut, den wir jetzt bekämpfen müssen In: "TED. Ideas worth spreading." März 2015.
- David Brooks: The republic of fear. In: "The New York Times." 24. März 2014.
- Caroline Modarressy-Tehrani: What happens when we end poverty? "The Huffington Post" 5. Februar 2014.
- Call And Response, Trailer, Film, 2008.
- David McKay Wilson: A Calling for Justice. In: Harvard Magazine. 03/04, 2005.
- Children for Sale, Dateline NBC, 9. Januar 2005.
- Peter Landesman: The Girls Next Door. In: The New York Times. 25. Januar 2004.
- Quentin Hardy: Hitting Slavery Where It Hurts. In: Forbes Magazine. 1. Dezember 2004.
- Maggie Jones: Thailand's Brothel Busters. In: Mother Jones. 11/12, 2003.
- Global Development Group: Child-trafficking crimes significantly reduced in Cambodia In: "Global Development Group." 16. Juni 2015.
- Vikhar Ahmed Sayeed: New Slave Trade In: "Frontline." 10. Juli 2015.
- Swati Deshpande: "Lodge staff sentenced to seven years for exploiting minors" In: "The Times of India". 16. Juli 2015.
- Mallika Kapur: "More than 500 slaves rescued from brick kilns" In: "CNN". 29. Juni 2011.
- David Malko und Lisa Cohen: "Google joins fight against slavery with $11,5 million grant" In: "CNN". 14. Dezember 2011.
- Holly Burkhalter: "A safer home for Cambodia's girls. In: "The Washington Post". 8. Mai 2015.
- Sarah Joy Robbins: "The Plague that people can't see" In: "The Daily Beast". 20. Februar 2014.
- Cameron Conaway: "Violence packs a uniquely devastating punch on the poor" In: "The Huffington Post". 2. April 2014.