Introversion und Extraversion

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Extraversion oder Extravertiertheit (fachsprachlich: extravertiert; standard-/umgangssprachlich: extrovertiert)[1] und Introversion (introvertiert) sind zwei entgegengesetzte Pole einer Persönlichkeitseigenschaft. Extraversion-Introversion ist eine Dimension, die sich in den allermeisten faktorenanalytischen Persönlichkeitsmodellen findet.[2] Allgemein gekennzeichnet sind extravertiertere Personen beispielsweise durch mehr Geselligkeit und eine größere Durchsetzungsfähigkeit, aber auch beispielsweise eine positivere Affektivität[3].

Den Begriff historisch geprägt hat Carl Gustav Jung, der das Merkmal zuerst im Rahmen seiner Typologie beschrieb. Jung bezeichnete damit damals, die Richtung einer von ihm angenommenen psychischen Energie. So könne die psychische Energie einer Person - laut Jung- entweder nach außen (extravertiert) oder nach innen (introvertiert) orientiert sein.[4] Heute findet sich der Begriff bzw. das Merkmal auch in anderen Persönlichkeitstheorien, z. B. der von Eysenck oder dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit, auch wenn dort oft etwas (leicht) Anderes darunter verstanden wird.[2]

Statt extravertiert wird (in Analogie zu introvertiert) oft der Ausdruck extrovertiert verwendet. Im Rechtschreibduden ist beides verzeichnet.

Auch wenn im medialen Diskurs oft von "Extravertierten" oder "Introvertierten" gesprochen wird, ist es wichtig zu betonen, dass die moderne Persönlichkeitspsychologie Extraversion als kontinuierlich Dimension begreift ohne klar unterscheidbare Gruppen bzw. Typen.[3]

Korrelate und Facetten von Extraversion und Introversion

Blickt man auf die Facetten der Extraversion stellt sich das Konstrukt meist als eine Mischung aus einer Beschreibung von interpersonellen Stilen und Temperamtentsmerkmalen dar[3]. Extravertiertere Personen sind eher gekennzeichnet durch Aktivität, Abenteuerlust, Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Geselligkeit und Dominanz. Introversion stellt den Gegenpol zu Extraversion dar. Personen mit einer hohen Ausprägung an Introversion sind demnach eher gekennzeichnet durch Trägheit, Bedächtigkeit, Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung, Distanziertheit und Unterwürfigkeit.[2]

Introversion ist dabei aber nicht gleichzusetzen mit sozialer Ängstlichkeit oder fehlenden sozialen Kompetenzen, sondern einfach nur als eben ein weniger an Extraversion zu verstehen.[3]

Empirisch zeigt Extraversion einen positiven Zusammenhang mit einer positiveren Affektivität, einer größeren Geselligkeit oder einer besseren Führungsqualität.[3]

Geschichte

Die Begriffe Introversion und Extraversion wurden von C. G. Jung 1921 in die Persönlichkeitspsychologie eingeführt.[5] Sie wurden von ihm als gegensätzliche Wesensarten der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens sowie der Intuition beschrieben, wonach die meisten Personen eher zu der einen oder der anderen Haltung neigen, wobei der Grad der Neigung sehr verschieden sein kann. Jung spricht z. B. von normal oder stark extravertiert bzw. introvertiert. Introversion bezeichnet in der Analytischen Psychologie die Hinwendung der psychischen Energie nach innen, also weg von der Außenwelt. Extravertiert war für Jung gleichbedeutend mit der Außenwelt zugewandt, introvertiert der Innenwelt zugewandt. Der Begriff „Außenwelt“ ist dabei sehr weit gefasst, er enthält so abstrakte Dinge wie naturwissenschaftliche Theorien.

Das Konzept der Introversion-Extraversion wurde danach von zahlreichen weiteren Persönlichkeitsforschern aufgegriffen und weiterentwickelt. Für Eysenck handelt es sich um ein Kontinuum, eine einheitliche Persönlichkeitsdimension statt um Gegensatzpaare. Demnach bestimmt die individuelle Erregungsschwelle des ARAS, wie viel Reiz-Input als angenehm empfunden wird. Eysencks Theorie führt Unterschiede auf eine unterschiedliche Erregbarkeit des Gehirns zurück – Extravertierte suchen mehr äußere Reize, weil es ihnen an inneren Reizen mangelt – Introvertierte können ihr optimales kortikales Erregungsniveau durch innere Reize aufrechterhalten.[6]

In Eysencks 3-Typen-Modell (PEN-Modell) bilden Introversion und Extraversion die Pole einer kontinuierlichen Skala, die zu den drei übergeordneten Persönlichkeits-Kategorien zählt. Die zugehörigen Eigenschaftszuschreibungen übernimmt er von der klassischen Temperamentenlehre. Introversion ist dabei dem melancholischen und phlegmatischen Bereich zugeordnet, mit Eigenschaftszuschreibungen wie reserviert, ungesellig, eher ruhig und passiv, sorgfältig, bedächtig, friedlich (phlegmatisch).[6]

Die Wurzeln der Gegenüberstellung gehen dabei weiter auf verschiedene Typenlehren zurück (z. B. Theophrastos von Eresos). Raymond Bernard Cattell, Joy Paul Guilford oder im deutschen Sprachraum Kurt Pawlik haben ebenfalls diese Dimension in ihren Theorien verwendet bzw. durch Testverfahren gemessen.[7]

In aktuellen Modellen der Differentiellen Psychologie wird Extraversion-Introversion als kontinuierliche Dimension betrachtet. (Die Einteilung in Typen gilt inzwischen als größtenteils wissenschaftlich überholt.) Mittels Persönlichkeitstests ist es möglich, die individuelle Position des Probanden auf entsprechenden Skalen zu ermitteln. Sie gehört unter anderem zu den Big Five, einem Fünf-Faktoren-Modell für die Hauptdimensionen der Persönlichkeit.[3]

Populärpsychologische Theorien

Wenn man eine Typenklassifikation der Extraversion nutzt, existiert ein Mittelbereich von nicht eindeutig extravertierten oder introvertierten Personen. Das durch diesen Mittelbereich beschriebene Phänomen wird gelegentlich als Ambiversion bezeichnet. Als ambivertiert gelten einerseits Personen mit gemäßigter Neigung; andererseits Personen mit stark wechselhaften introvertierten und extravertierten Neigungen. Für die letztgenannte Gruppe wurde eine Korrelation zur Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus beschrieben.[8] Der US-amerikanische Psychiater Rami Kaminski beschrieb als einen weiteren Persönlichkeitstypus Menschen, die sich als nicht zugehörig und „anders“ erleben. Er benannte diese als Otrovertierte von spanisch „otro“ (deutsch: anders).[9] Beide Begriffe spielen im wissenschaftlichen Diskurs keine große bzw. keine Rolle.

Im Myers-Briggs-Typenindikator und David Keirseys Publikationen werden Introversion und Extraversion unter Berufung auf Jungs Definitionen als bipolare, also zweigeteilte Dimension verwendet, bei der jeder Mensch entweder auf der introvertierten oder der extravertierten Seite liegt. Der Test gilt aber als ungenügend und unwissenschaftlich (siehe: Kritik am MBTI).

In den letzten Jahren ist eine Debatte um eine gesellschaftliche Bevorzugung Extravertierter und die Stärken Introvertierter entstanden. Das Buch Quiet: The power of introverts in a world that can’t stop talking von Susan Cain aus dem Jahr 2012 beschäftigt sich beispielsweise mit der These, dass Extraversion sozial oft bevorzugt würde, obwohl Introvertiertere Personen ganz eigene Stärken zum Beispiel im Arbeitsleben haben. Susan Cain nutzt den Begriff „Introversion“ allerdings sehr weit gefasst. Das Buch war ein New-York Times Bestseller.[10]

Literatur

Einzelnachweise

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